ir^'l 'k S-A Xl^O '^ OF COMPARATIYE ZOÖLOGY, AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. JJ'ouutrc'ö bi) jjifbatc suliscrfptfon, fn 1861. (i) CrLXX:^^^\X No.l'l^L'l ^jTo. lO.jY-jCi. Allgemeine deutsche ]\aturM8tori8che Zeituag. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden und unter Mitwirkung der Herren A. E. Brehm, E. Kluge, L. Rabenhorst, R. Brehm, F. Küchenmeister, L. Reichenbach, G. Carus, B. Matthes, Th. Reibisch, A. Dehne, C. Müller, H. Reinhard, B. Dehne, M. Müller, Tr. Sachse, C. F. Hennig, E. V. Otto, 0. SchlöTTiilch, 0. Klocke, H. Petersen, J. Sussdorf, 0. V. Welck, E. Zschau u. herausgegeben A. von - Dr. Adolph Drechs 1er. Neue Folge: Erster Band. Nebst drei Kupfertafeln. HAMBURG: Rudolf Kuntze. 1855. iv • iJU yiU ¥ r w r t. Von der , ,311^61116111611 deutschen naturhistorisclien Zeitung-" sind bereits die Jahrgänge 1846 und 1847 bei Arnold (Dresden und Leipzig) erschienen. Die ung-ünstigen Zeitverhältnisse verur- sachten bei dem Tode des Verlegers eine Unterbrechung in dem Erscheinen der Zeitung-, Im Verlag-e von Herrn Rudolf Kuntze (Hamburg-) hat mit dem Januarheft 1S55 eine neue Folge dieser Zeitung- beg-onnen. Die in den einzelnen Heften enthaltenen Original- Artikel, deren Verfasser grösstentheils in der Gelehrtenwelt bereits rühmlichst bekannt sind, in einem Bande zu erhalten, wird sowohl Fach- gelehrten, als auch aUgemein wissenschaftlich Gebildeten will- kommen sein. Die von mir abg-efassten kürzeren Mittheilungen aus wissenschafthchen Berichten, namentlich der Akademien zu Paris , W^ien und Berlin , welchen ich, wenn es mir erforderlich schien , einleitende oder ergänzende Bemerkung-en beigegeben habe, enthalten vorzugsweise die allgemeines Interesse erregen- den Resultate der neuesten Forschungen im Gebiete der Natur- wissenschaften. Die im angefügten Literaturblatte der Isis ver- öffentlichten Besprechungen der neueren naturwissenschafthchen Bücher sind zwar allerdings im Sinne der Zeitung, welcher gegen die materiahstische Auffassung und Erklärung der Natur gerichtet ist, klar und bestimmt, aber ohne leidenschaftliche Bitterkeit und mit voller Anerkennung der einzelnen Vorzüge in auch mit unseren Grundansichten nicht übereinstimmenden Werken geformt. IV Die Bücherschau beabsichtigt die Leser auf die bemerkens- wertheil neuen Erscheinungen im hterarischen Gebiete der Na- turwissenschaften aufmerksam zu machen. Für die Hefte des nun foig-enden Jahrganges sind Artikel von Fachgelehrten theils bereits eingesendet, theils zugesagt worden. Die Mittheilungen aus den wissenschafthchen Berichten der genannten Akademien werde ich in der bisherigen Weise fortsetzen. Die zahlreich für die Besprechung in unserem Blatte uns zugesendeten Bücher, die Vervollständigung unserer Bücher- schau durch Anführung von neu erschienenen Werken des Aus- landes, und die Beifügung von Mittheilungen über naturwissen- schaftliche Vereine werden wiederholt Veranlassung geben, das für jedes Heft bestimmte Maass von drei Bogen zu überschreiten. Die veranschauhchenden Zeichnungen sollen, wie es zweck- mässig und thunhch ist, entweder in den Text gedruckt oder auf Tafeln beigegeben werden. Die wohlwollende Anerkennung, welche unserem Streben bereits vielseitig zu Theil geworden ist, werden wir uns zu erhalten bemüht sein. Dresden, den 2. Januar 1S56. Dr. Adolph Drechsler. 3 II fj n f t. Seite A. E. Brehm: Die tropischen Wälder und ihre Fauna 209 Ueber egyptis^he Brütofen und österreichische Brütniaschinen 473 R Brehm: Einiges über das Pflegeelternwcsen der Vögel 404 A. Lehne: Psanimomys obesus Rüppel 163 Mus decuraauus Pallas. Mus Musculus L. Hypudaeus: Arvicola subterraneiis de SeUjs. Myoxus speciosus Dehne. Mus sylvaticris L 169 Zu Micromys agilis. Talpa europaea L. Vespertilio Noctula Schrb. Sorex chrysothorax 237 Zu Psammouiys obesus Rüppel, feiste llenninaus. Vespertilio discolor iialicrer. Vesperugo Alcythoe Bonaparle. Vesperngo Savii Bonaparle. Loxia leucoptera Gmelin und Loxia bifasciata Brehm. Halieus Carbo Rliger Musculus mollissimus Dehne 432 Crocydura aranea W. Crossopus fodiens W 476 B. Dehne: Naturhistorisclies aus Mexico 313 Ilennig : Oestrus Equi Linnc. Die Magenbremse. Oestrus Ovis Linnc. Ceplialemyia ovis Laif. Oestrus Cervi Capreoli 297 Klocke : Excursiou nach der kleinen Insel Jordsand an der dänischen Westküste . . . 319 Kluge : Ueber Erhebungskratete und die Bedeutuug des Wortes „Erhebung" im All- gemeinen 337 Das Erdljeben vom 25. bis 2G. Juli Iböj in der .Schweiz und den angrenzenden Ländern 345 Küchcnmcislcr : Freie Uebersetzuug und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Hainie „la pisci- culture" in der Eevue des deux mondes vom Juni 1S54 nebst Zusätzen 129 Experimenteller Nachweis, dass Cysticercus cellulosae innerhalb des menschlichen Darmkanals sich in Tacuia Solium umwandelt 1S6 Ueber eine Abart der Taenia Coenurus, d. h. des Bandwurmes, von der die Quese des Schaafes und des Rindes herstammen 191 VI ßcite MalÜics : Excurgiou von New-Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas . . . 152 Die Hemibatrachier im Allgemeinen und die Homibatracliier von Nord- Amerika im SpecielU'H 249 C. Müller: Beobachtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten . . . 82 M. Müller: Ueber die Porpliyre der Umgegend von Leisnig • 70 V. Ollo: Cycadeen- Blatt im Rothliegenden 1G2 Hypothetische Ansicht über Erhebung des Spitzenbergs bei Possendorf und über die Folgen derselben 183 Fossile Würmer im Quadersandstein 307 Geologische Controversen 149 Rabenhorsi : Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande 116 Beitrag zur Kryptogamen-Flora Süd-Afrikas. Pilze und Algen 280 Die tödtliche Krankheit der Stubenfliege und einiger anderer Dipteren .... 377 Bemerkungen zu: Observation des etres microscopiques de l'atmosphere terrestre 475 Reibisch : Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Helix hortensis Müller . . . 283 Die Mollusken, welche bis jetzt im Königreiche Sachsen aufgefunden wurden, nebst Angabe ihres Vorkommens und ihrer Fundorte 409 Reichenbach : Eirnnerung an die Stunden der Muse Sr. Maj. des höchstseeligen Königs Friedrich August 1 Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit .... 29 Nachschrift zu „Beobachtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten von C. Müller" 90 Das Schwärmen der Bienen vom polizeilichen Standpunkte betrachtet .... 194 Nachschrift zu „Micromys agilis etc. von A. Belobe" 212 Nachschrift zu ,,Loxia leucoptera etc. von A. Dehne" 440 Sussdorf: Ueber die Wirkung gewisser technischer Etablissements auf die Atmosphäre, wie auf das Leben des Pflanzen- und Thierreichs 97 V. Welch: Ausflug in den Norden Scandinaviens 355 Ausflug in den Norden Scandinaviens (Schluss) . . . . , 380 Kleinere Mittheilungen von ./. Drechsler: Anatomisch -photographische Bilder ^^^ Barometrische Maxima und Minima -^^2 Bcehe, de lu, Sir Henry Thomas 242 Bernerde 123 Bernerde, Nachtrag 445 Blitze ohne Donner 332 Breulel's Rückkehr aus Afrika "'" Chemische Harmonika • • 207 Chlorammonium 333 Chloris Andina ^'^^ Chytridium 334 Yü. _• Seite Dana's Mineralogie 166 Diamant-Krystall : etoile du Sud 205 Eichenstamm als Hammerstock , 248 Eier vom Kiesen vogel von Madagaskar 325 Fortleben in sehr lebeusfeindlicben Verhältnissen 246 Foucaultsches Pendel 118 Fucoidee des süssen Wassers . . ... 335 Gasbeleuchtung ' '. 202 Gasflammcnregulirung , . . . 248 Geologische Aufnahme des österreichischen Kaiserreichs 376 Geologische Keichsanstalt zu Wien 484 Getreide- Aufbewahren 448 Grünsand im Zeuglodon-Kalke Alabama's 204 Haarrauch 485 Hausmaus von den Abruzzen. Nachtrag 448 Käfer aus der Familie Curculiones 201 Käfer aus den Familien der Longicornia 245 Klimatische Verschiedenheit 482 Kurzsichtigkeit und AVeitsichtigkeit heilbar 326 Krystallmodelle aus Glas 375 Meeresgrund, Proben 243 Meermilch 206 Meerwasser, Dichtigkeit und Temperatur 206 Meteor- Eisen 328 Mineral -Heilquelle von Szliacs 487 Naturdruck 375 Orkane 479 Phosphoresceuz durch mechanische Mittel 44" Photographische Bilder 296 Plitvica - Seen 486 Ponor 486 Preiszuertheilung 483 Preisfrage der K. L.-C. Akademie der Naturforscher 407 Protuberanzen 207 Quecksilber, gediegenes 487 Reflexionstöne 125 Regen -Vertheilung in den gemässigten Zonen 127 Schlammvulkan von Poorwadadi 446 Schlangen Nordamerikas 123 Skelett des Irischen Riesenhirsches 295 Thierkreislicht 408 Traubenkrankheit 448 Trevelyau - Instrument 1 99 Unterirdischer Verlauf von Bächen und Flüssen 335 Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien 296 Verwilderung der Hausthiere 481 Vibrirende Bewegungen der Körper sichtbar zu machen 327 Vierhundertgradige Thermometerscala 330 No. 1. Januar. Allgemeine deutsche BfatnrhiM8che Zeitang. Im Auttrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbindung mit den auf dein llauyttitel des Jaliri!:aug's geiiaHiiteii Herren h e r a u s g e g e b e ii von Dr. Adolph Drechsler. Neue Folge: erster Jahrgang. ^lit eingedruckten Holzschnitten und Abbildungen. HAMBURG & LEIPZIG, ! V e r 1 a g V o n II u d o 1 f K v; n t z e. 1 boo. 4^ --■- - 3^''^ Erinnerung an die Stunden der Muse Sr. Majestät des hüchstseligen Königs FRIEDRICH AUGUST bei Auslegüug von Reliquien Im Namen der Gresellschaft Isis gesprochen von Dr. Ludwig E-eichenbach. Die hier folg'enden Erinnerungsworte wurden am 4. November in Geg-enwart Sr. Kcenigl. Hoheit des Kronprinzen ALBERT und Ihro Kcenigl. Hoheit der Frau Kronprinzessin CAROLA und vor einem durch die naturwissenschafüiche GeseUschaft Isis einge- ladenem zahh-eichen Zuhörerkreise im Saale der Herren Stadt- verordneten gesprochen und nach öffenthch wie privatim aus- gesprochenem Wunsche am 18. November in demselben Saale vor einem zweiten Zuhörerkreise noch einmal wiederholt. Die Rednerbühne war von einer durch den botanischen Gärtner, Garteninspector Krause ausgeführten Pflanzendecoration umgeben, über derselben befand sich zwischen Palmen die umflorte Büste des höchstseligen Kcenigs und vor der Rednerbühne waren die erwähnten Rehquien ausgelegt worden, Handschriften der drei verewigten Könige FRIEDRICH AUGUST L, ANTON THEODOR und FRIEDRICH AUGUST IL, dann der erste und letzte Band des grossen aus Handgemälden der Hofmaler Friedrich, Moritz Tettelbach und Andern bestehenden Prachtwerkes Plantae seJec- tae horti Pilnitziensis, getrocknete Pflanzenexemplare aus den Her- barien von FRIEDRICH AUGUST I. und FRIEDRICH AUGUST IL, Allg-. deutsche naturhist. Zeituno-. 1 sowie die Handzeichimngen , welche FRIEDRICH AUGUST IL auf der Reise in Dalmatien eigenhändig" gefertigt, endheh das Seite 7 erwähnte aus Gemälden von Pflanzen und Insecten be- stehende Werk von Joseph Lehitsch und das Exemplar dei* Flora germanica excursoria, welches seit deren Erscheinen auf allen Reisen bis in die letzten Stunden seines Lebens König FRIEDRICH AUGUST IL bei sich geführt hat. Wenn auch das Lesen einer dergleichen Rede niemals den Eindruck hervorzurufen vermag, welchen der Einzelne in einem in feierlicher Stunde versammelten Zuhörerkreise und in einem entsprechend decorirten Saale empfindet, so wird es doch mög- lich, hier noch eine Nachricht hinzufügen zu können, welche ein seitdem stattgefundenes Ereigniss, die Begründung eines für die Wissenschaft der Botanik lebendig fortwirkenden Denk- males dankbar verkündet. Ihro Majestät die Kcenigin MARIA als Universalerbin haben geruhet, die vouSr. Majestät demKcenig FRIEDRICH AUGUST IL hinterlassenen und von Sr. Majestät dem Kcenig FRIEDRICH AUGUST I. I)ereits begonnenen botanischen und überhaupt naturhistorischen Sammlungen nebst Bibliothek an die zum Königl. Hausfideicommiss gehörige öffenthche Naturaliensamm- lung, in Allerhöchster Erwägung, dass nur auf diesem Wege der mögliche und wünschenswerthe Nutzen für die Wissen- schaft daraus hervorgehen könne, als ein von derselben unzer- trennbares Ganze zu überlassen. Nach der durch Ihro Majestät Bevollmächtigten, Sr. Excell. Herrn Staatsminister von Könneritz, an das Ministerium des Königl. Hauses stattgefundenen Er- öffnung hierüber, hat die Residenzstadt Dresden an die Stelle der vormals im Königl. Naturalicn-Cabinet aufgestellten und in den Maitagen 1849 verbrannten Sammlungen weit vollständig-ere und in sofern doppelt werthvoUe und in ihrer Art einzige Samm- lungen erhalten, als an jeden einzelnen Theil derselben die Erinnerung an zwei von der reinsten und edelsten Begeisterung für die Wissenschaft durchdrungene KCENIGE Sachsens, eben so an die so innig mitempfundene Theilnahme der Kcenigin MARIA für diese Wissenschaft und für die Förderung dersel- ben, in unvergesslicher Weise geknüpft ist. Nothwendig sind noch einige erläuternde Notizen, vorzüg- lich in Beziehung auf Schriften, welche die Erinnerung an den verewigten König aus andern Gesichtspunkten erfassen. Die Seite 5 genannte Schrift führt den Titel: Friedrich Ängust II., König von Sachsen. Biographische Skizze von Dr. Wilhelm Schäfer. Dresden und Leip- zig. 1854. Von den erwähnten beiden Biographieen wird die von Herrn Regierungsrath Hä2)e noch erwartet, die andere ist aber erschienen unter dem Titel: Friedrich August IL, König von Sachsen. Ein Denkmal für alle seine Verehrer, herausgegeben von Dr. / Schladehach. Dresden 1855. Seite 16 wird hingewiesen auf: Viaggio di S. M. Federico Ängiisto, Re di Sassonia per ITstria, Dalmazia e Montenegro descritto dal Dr. Bar- tolomeo Biasoletto con alcune tavole lithografia. Trieste 1841. Reise Sr. Majestät des Königs Friedrich August von Sach- sen durch Istrien, Dalmatien und Montenegro im Frühjahr 1838. Aus dem Italienischen des Dr. B. Biasoletto im Auszug- übersetzt und mit Anmerk- ungen versehen von Eugen Freiherr von Gutschmid. Dresden 1842. Seite 21 ist ang-ezeig-t: König- Friedrich August als Kunstfreund und Kunstkenner, dargestellt von / G. A. Frenzel, Director des K. Cabinets der Kupferstiche und Handzeichnungen. Dresden 1854. Ferner erschien früher: Ueber königlichen Sinn. Rede zur Feier des Geburts- festes Sr. Maj. des Königs Friedrich August, gehal- ten von Dr. Philipp Wagner. Dresden 1853. und später: Gedächtnissrede auf Seine Majestät Friedrich August, König von Sachsen, in der öffenthchen Sitzung der Königl. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften, am 27. October 1854, gehalten von E. v. Wietershei?n. Leipzig 1854. Bei dem Abdruck der hier folgenden Rede ist alles, was sich auf die Erläuterung der ausgelegten Gegenstände bezog, weggelassen worden, sowie einige Theile derselben überhaupt nur im Auszuge gegeben. Auch die Angabe der beiden Hauptmomente für die Begründung der Naturkunde in Sachsen durch Agricola und Heucher, soll keine historische Darstellung sein, da zu derselben auch die Erläuterung der Leistungen jener Männer gehört haben würde, welche auf dem Diplome der Ge- sellschaft Isis noch mit genannt sind. Verelirungswürdige Anwesende, Allerseits Iioclizuverelirende Versammlung! Wenn ich heute die hohe Aufgabe zu lösen versuche, über den ver- ewigten König vor Ihnen zu sprechen, so furchte ich nicht den Vorwurf, es sei dies zu spät, nachdem schon alle jene dankbaren Nachrufe von öffentlicher Stätte erklungen, denn der Schmerz über sein Scheiden aus dem Reiche derer, die ihn liebten, wird Generationen überdauern und in banger Wehmuth werden noch die Enkel der spätesten Zeit einander erzählen, wie Friedrich August die Seinen und die ganze Menschheit, und wie diese ihn wieder geliebt hat. Die Nothwendigkeit der Verzögerung meiner Worte zu Ihnen, wurde theils dadurch jbedungen, dass ich wünschte, aus dem jetzt erst vollständig entsiegeltem Nachlasse des Verewigten, Vorlagen bieten zu können, welche als heilige Reliquien aus seinem Leben den Eindruck zu machen vermöchten, den meine schwachen Worte nicht hoffen durften, machen zu können, und theils eben darin, dass ich selbst nur zu sehr fühle, wie wenig mir selbst die Kraft ge- geben ist, nach so ausgezeichneten Vorgängern ein des erhabenen Königs würdiges Bild entwerfen zu können. Nehmen Sie darum, hoch- zuverehrende Anwesende, die aus dankbar treuer Seele fliessenden Worte, nehmen Sie den aufrichtigen Willen für das, was des Gegenstandes, wie Ihrer Anwesenheit würdiger ausgesprochen werden sollte, mit Nachsicht entgegen. Aber nur in sehr engen Grenzen kann ich das Thema erfassen, welches nach vielen Richtungen hin eine reiche und ergiebige Quelle darbieten Avürde. Sollte ich den Verklärten schildern als König, so würde ich unpassendes wagen, denn der Segen seines Königthums liegt in unserer frischen Erinnerung, wie in den überall hin verbreiteten Archiven des Landes, die biographische Skizze von Dr. W. Schäfer hat fleissig die Facta zusammengestellt, zwei ausführlichere Biographien zu- nächst, von sachkundigen Männern, erwarten wir bald zu erhalten und ein end- und vollgültiges Urtheil über Fürsten kann doch nur den Fürsten gebühren, welche wissen, was es heisst, Fürsten zu sein, wäh- rend die Völker von ihrem subjectiven Standpunkte aus ihr Urtheil gestalten. Aber auch die Könige haben eine menschliche Seite und diese ist es, in welcher sie jedem Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, dass jeder Einzelne diese Seite als die ihm bekannte begrüsst und sich be- rechtigt glaubt, diese menschliche Seite seines Königs näher betrachten zu dürfen. Und Heil allen Königen, welche den Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, als unser Friedrich August seinen Sachsen wirklich ge- standen. Wenn aber in ihm seine angeborne Neigung für alles Gute, Schöne und Edle, wenn seine theilnehmende Liebe für alle Richtungen mensch- licher Thätigkeit, wenn insbesondere dann auch sein reiner Sinn und seine Hingebung für und an die Natur, so oft zum Mittel geworden, ihn denen, die ihn lieben lernten, zu nähern, so wird es nicht unpas- send sein, insbesondere diese zuletzt angedeutete Bestrebung seines Lebens näher ins Auge zu fassen. Fassen wir aber diese seine eigne Bestrebung für die Erforschung der lebendigen Natur auf, in der Harmonie seiner Ehrerbielung für das Wort und für die Weiche Gottes, so haben wir wahrscheinlich ein Thema, welches dieses feierlichen Tages nicht unwürdig erscheint. Wollen wir aber irgend ein Factum in der Geschichte, wollen Avir irgend einen Vorgang im Leben des Individuum klar und deutlich er- fassen, so müssen wir, wie bei der Erforschung der organischen Wesen, auf den Ursprung zurückgehen und so dürfen wir auch hier fragen: 1) ivie und unter welchen Bedingungen entstand jene Harmonie? 2) wie und in welcher Weise nmrde dieselbe geübt und 3) welchen Erfolg von ihr für die Zukunft dürfen wir hoß'en? Wir wenden uns zuerst einem flüchtigen liückblicke zu, um die Bedingungen kennen zu lernen, welche im vormaligen Sachsen das Studium der Naturkunde erweckten. Georg Bauer, im Jahre 1491 in Glauchau geboren, bildete sich in Italien, lebte dann als Arzt in Joachimsthal und Chemnitz und wurde der erste wissenschaftliche Kenner des Bergbaues. In seinen lateini- schen Werken musste er, der Sitte der damaligen Zeit gemäss, seinen Namen latinisiren, und als Georg Ägricola erlangte er seinen Ruhm als Mineralog. Johann Heinrich Heucher in Wien, geboren am 1. Januar 1677, Prof. Med. in Wittenberg, wurde unter August IIL, König von Polen, Leibarzt und starb am 22. Februar 1746. Derselbe gab die Ver- anlassung zur Schöpfung aller hiesigen Museen und ein schönes gros- ses Oelgemälde, sein Portrait, hing im Königl. Naturalicncabinet, wo der ruchlose Brand am 6. Mai 1849 auch diese kostbare Reliquie der Vorzeit mit so vielen anderen verzehrte. Die Gelehrsamkeit seiner Zeit war jene unerquickliche Wohlredenheit über sogenannte Raritäten, Dinge, die man ihrem wahren Wesen nach nicht kannte, in möglichst weit- läufiger Exposition aller Ideen, Avelche über dieselben irgend Jemand jemals gehabt hatte, in schönem Latein, wodurch auch Heucher zu hohem Ruhme gelangte. Aber sein Eifer, für die Sammlungen zu wirken, ist mit der dankbarsten Anerkennung zu rühmen, Sachsens Regenten för- derten dieselben in theilnehmender Liebe und schon damals sprach der König von Preussen bei der Beschauung derselben: Er finde alle Schätze der Natur und der Kunst hier vereinigt und alles was das Meer • und die Erde und der Geist der Menschen zu schaffen vermöge, sei hier in solcher Weise zusammengestellt, dass es unnüthig sei, Reisen ins ferne Ausland zu machen. Während unter dem Churfürst Friedrich Christian die Museen sich einer Erweiterung und treuen Pflege erfreuten, war für das Königliche Naturalien-Cabinet Prof. Titius aus Wittenberg an Heuchers Stelle beru- fen und zum churfürstlichen Leibarzt ernannt worden. Aber eine grosse Zeit für eine neue Begründung und Förderung der Naturkunde in Sachsen erblühte durch Churfürst Friedrich August. Am 23. December 1750 geboren, regierte derselbe vom 15. September 1768 bis 5. Mai 1827 und zwar vom 11. December 1806 als erster König von Sachsen. Friedrich August der Gerechte lebte fast alle Hauptabschnitte der wissenschaftlichen Entwickelung der Naturkunde hindurch. Linnee selbst lebte noch zehn Jahre, nachdem Friedrich August zur Regierung gelangt war, und starb am 8. Januar im Jahre 1778. Die Begeisterung für Linnee, welcher sich der ganze Erdkreis erfreute, hatte ausser dem König von Schweden vielleicht keinen zweiten Monarchen so leben- dig als den Churfürsten Friedrich August in Sachsen ergriffen. Derselbe scheint wie so viele Naturforscher von der Entomologie ausgehend, spä- ter zur Botanik übergegangen zu sein. Der Maler August Johann Rösel in Augsburg erweckte damals durch seine von 1746 bis 1761 heraus- gegebenen höchst sorgfältigen Beobachtungen und durch die trefflichen Abbildungen seiner monatlich erscheinenden „Insectenbelusiigungen" die Bewunderung der gesitteten Welt in ganz Deutschland und in dieser An- erkennung wurde er als Rösel von Rosenhof in den Adel erhoben. In derselben Richtung spannten von Regensburg aus Jacob Christian Schaef- fers Schriften über Insecten die Auftnerksamkeit tiefer Gemüther und alle derartigen Erscheinungen aus dem Leben der organisirten Natur wurden in jener frommen Zeit von ihrer religiös belehrenden Seite als Erläuterung der Allmacht Gottes betrachtet und in wahrer Weihe em- pfangen. Churfürst Friedrich August hielt einen Hofmaler Namens Mül- ler, welcher während des Sommers die Beobachtung der Insecten mit ihm betrieb und wie man sagt, die Verwandlungen derselben gemalt hat. Eine ähnliche Sammlung von Handgemälden, welche Pflanzen und Schmetterlinge darstellen, vom Prof Joseph Lebitsch im Baumgarten- bergschen Cisterzienserkloster zu Wien bis zum Jahre 1791 gemalt, befin- det sich noch in der hinterlassenen Bibliothek und während die Pflan- zennamen durch den Maler beigeschrieben sind, so hat der Churfürst Friedrich August mit eigner Hand die Namen der Schmetterlinge, in so- 8 weit sie ihm bekannt waren, bezeichnet. Neben der Entomologie war es die Botanik, für welche im Churfürst Friedrich August ein lebhaftes Interesse erwachte. Durch ein emsiges Selbststudium vorzüglich der Linneeschen Werke, aber auch der damaligen Schriften über Pflanzen- Anatomie und ganz besonders der Floren, wurde diese Kenntniss bald und gründlich erlangt. Alle die zahlreichen Prachtwerke der Vorzeit wur- den angeschafft und studirt und insbesondere bei der Benutzung des Gartens gebraucht. Die Anlage des Schlossgarten in Pillnitz hinter dem Bergpalais wurde im Jahre 1769 sogleich nach dem Regierungsantritte begründet, der Garten im Jahre 1776 mit seiner hohen Mauer umgeben, im Jahre 1782, nach dem vom Churfürsten selbst entworfenem Plane, durch den englischen Garten vermehrt und im Jahre 1804 sehr bedeutend erwei- tert. Jene edle und hohe Menschenwürde des verewigten Königs war fern von aller Prunksucht und ging auch in der Anlage dieses Garten nur von dem Gesichtspunkte aus, eine unmittelbar veredelte Natur hier wiederzugeben. Daher fehlen ihm alle jene pomphaften Zier- rathen, wir vermissen jene Eremitagen und Mausoleen, jene Moscheen und Thürme, jene Grotten und Obelisken und Säulen mit phantastischen Inschriften, wie solche so häufig andere dergleichen Anlagen zieren oder verunzieren mögen. Nicht mehr als zwei Werke der plastischen Kunst zieren bis jetzt in ernster Weise den Park. Nicht weit von dem Schwanenteiche, im düstern Haine, unter dem Schatten majestätischer Bäume, trägt ein einsamer Rasenplatz im Mittelpunkte seines Ovals die edle Statue der Vesta, von Trippel in Rom aus kararischem Marmor gefertigt. Sie hütet das heilige Feuer und hebt den reinen Blick empor zum östlichen Himmel. Friedrich August der Erste hat diesen Platz ihr geweiht. Im Rasen an der grossen Lindenallee, da, wo eine der Kasta- nienalleen gegen sie mündet, steht nahe am Eingange zu dem botani- schen Garten auf hohem Obelisk eine colossale eherne Büste der Alles durchdringenden Gaea von Rlelschel. Ihr Ehrfurcht gebietender Blick richtet sich, wie einst der der Isis im Tempel zu Sais, zurück in die Zeit die da war, hinein in die Zeit, die da ist und hinaus in die Zeit, welche noch kommen wird. Friedrich August der Zweite hat sie in tiefem Sinne hierher gesetzt. Eine anmuthige Natur gestaltete sich hier überall, als ein treues Abbild jenes reinen und festen, über alle Spielerei mit den Genüssen des Lebens und mit der Phantasie erhabenen Characters Friedrich August des Gerechten. In jener Zeit der stillen Beschauung der Werke der Gottheit und seiner selbst, war es, wo bei dem ange- borenen häuslichen Sinne für eine ernste Bethätigung in Wissenschaf- ten und Künsten die hingebende Liebe für diese in dem Hohen Hause der Sachsen eine bleibende Stätte gefunden. Für die damalige Zeit sehr geräumige Gewächshäuser wurden der Cultur der Gewächse der wär- meren Zonen, ein entsprechendes Terrain der Pflege anderer im freien 9 Lande geweiht und von besonderem Interesse ist ein Winterhaus, wel- ches grosse Exemplare von Salisburia^ Edwardsia, von Lorbeerbäumen, Magnolien, Campferbäumen und Myrten, eine prächtige Korkeiche und eine mehr als achtzigjährige ursprüngliche japanische Camellie, von 17 Fuss Höhe und 48 Fuss im Umfange mit 9 Zoll dicken Stamme enthält. Die Erscheinung aller dieser schönen Bäume ist Avährend des Sommers, wo sie von ihrer schützenden Decke enthüllt sind, wahrhaft über- raschend. Am 20. Mai 1820 wurde der Vortragende selbst von der Universität Leipzig, wo er als ausserordentlicher Professor der Medicin und Naturwissenschaften gelehrt hatte, berufen und hier angestellt, hatte das Grlück, durch den damaligen Oberkammerherrn von Friesen Sr. Majestät dem König vorgestellt zu werden, und erhielt dann bald Be- fehl nach Pillnitz zu kommen, um an den botanischen Arbeiten des Königs theilnehmen zu sollen. Sehr bald überzeugte derselbe sich hier, dass der König die Botanik nicht, wie so manche derselben zugeneigte, hochgestellte Personen, als Liebhaberei betrieben, sondern vom Linnee- ischen Standpunkte ausgehend, mit derjenigen Gründlichkeit, welche dem hohen Königshause so eigenthümlich geblieben und welche freilich einen so grossartigen Apparat literarischer Hilfsmittel, als er hier vorfand, er- heischte. Der König war unermüdet in seinem Bestreben, die richtige Bestimmung seiner Pflanzen zu finden und unbestimmbare Gewächse er- regten eine gewisse Unruhe in ihm, die ihn antrieb, immer weiter nach- zusuchen und noch andere Werke zu vergleichen, bis er so glücklich war, die Auflösung der vorliegenden Räthsel zu finden. Mehrere der- gleichen, durch lange Zeit aufgesammelt, legte derselbe mir vor und nachdem es möglich geworden, fast alle zu lösen, war ich so glücklich, der Gnade seines Vertrauens bis an sein Ende mich erfreuen zu dürfen. Die Untersuchungen der in jeder Woche aufgeblühten Pflanzen in Pill- nitz, wurden jeden Sonntag nach Rückkehr des Königs aus Dresden sorgfältig betrieben. Der König nahm seinen Sitz in dem ersten klei- nen warmen Gewächshause, wo der Hofgärtner die zu untersuchenden Topfpflanzen in lange Reihen gestellt und die aus dem freien Lande in abgeschnittenen Exemplaren dazugelegt hatte. Die zur Untersuch- ung nothwendigen Bücher brachten Lakaien in Körben herbei und der dienstthuende Geheime Kämmerier blieb in der Nähe, zum Dienste des Königs. Der König war in diesen Stunden überaus heiter und freute sich innig über alles Neue, was irgend ihm vorkam. Er hielt sein in jedem Jahre durch seinen Kalligraphen Schreiner neu geschriebenes und um die neuen Ankömmlinge vermehrtes Gartenbuch in der Hand und zeichnete mit einem Bleistift alle Bestimmungen und Berichtigungen darin auf. Da so Wenige seiner Zeitgenossen Gelegenheit gehabt haben, die gemüthliche Seite dieses grossen Königs kennen zu lernen, so kann ich dem Drange meines Gefühls nicht wiederstehen, einen Zug davon zu berichten. Im Jahre 1824 waren aus dem von dem Reisenden Sieber aus Neu- holland mitgebrachten Saamen schon viele Gewächse zur ßlüthe gelangt, unter andern eine überaus zierliche Veiichenart mit epheugestaltigen Blättern und reinweissen Blüthen, welche nur in der Mitte das gewöhn- liche schöne Violet der Veilchen trugen. Ich äusserte meine Freude über diese hübsche neue Form, die auch dem König ausnehmend ge- fiel. Sogleich fragte er den dabeistehenden Hofgärtner John, wie viele Töpfe von dieser Art er erzogen, und dieser antwortete: „zwei, Ihre Majestät!" Augenblicklich gab ihm der König den Befehl, das zweite Exemplar mir mit nach Dresden zu geben, wo ich die Pflanze in einem meiner damaligen Werke abbildete und die Freude genoss, dass der König diese Abbildung eine gelungene nannte. Von einer guten bota- nischen Abbildung verlangte er strenge Naturtreue und vollständige Analyse bei künstlerischer Vollendung. Seinen Hofmaler Friedrich und später dessen Sohn hatte der König auf die nothwendige Analyse der Blüthen aufmerksam gemacht, und die kostbarste Zierde der Bibliothek ist bis auf den heutigen Tag eine Sammlung jener Gemälde in neun grossen Foliobänden, den der König den Titel ,,Plantae selectae vivis coloribus depiciae horti Pillnitziensis" gegeben. Im Jahre 1788 begonnen, war die erste Centurie im Jahre 1795 vollendet und bei dem Hinscheiden des Königs war bereits die neunte Centurie begonnen. — Bei dem an- gelegentlichen Wunsche des Königs, dass die Kenntniss der Natur in den Gemüthern der Jugend Platz greifen möchte, fragte er öfters nach den dahin einschlagenden Anstalten und die Emancipation des Natura- lien-Cabinets aus dem Zustande einer verschlossenen Raritätenkammer in den eines Instituts zur Belehrung des Volkes, war ganz in seinem Sinne. Der König besass eine sehr kostbare Sammlung von Wachs- präparaten durch einen Florentiner Künstler in Wien, unter Aufsicht des berühmten Tratlinick mit höchster Treue nach der Natur gefertigter Pilze, 200 Arten zum Theil Gruppen mehrer Exemplare, welche in 4 Lieferungen jede a 95 Thaler angekauft wurden. Zu dieser schönen Sammlung führte er mich im Jahre 1824 als er die grosse Frequenz der botanischen Vorlesungen erfahren hatte und sagte in höchstem Wohlwollen: „Stelleu Sie diese Sammlung zur Aufmunterung der jungen Leute in Ihrem Hiirsaale auf, die Kenntniss der Pilze ist schwer." Bis 1849 wurde sie nun treulich in den Vorlesungen der Bo- tanik benutzt, bis am 6. Mai dieses Jahres die republikanischen Flam- men auch dieses Kleinod mit so vielen anderen in den von allem Schutz gänzlich entblössten Galerien des Z^vingers verzehrten. Zu wei- terer Aufmunterung der Zuhörer sah es der König sehr gern, wenn ich mit meinen Zuhörern alljährlich einmal den herrlichen Schlossgarten in Pillnitz besuchte und Ihm dann ])erichtete, wie die jungen Mäiiner von der Grossartigkeit der dortigen Tropenflora ergriffen, Seiner Gnade sich auf das dankbarste verbunden gefühlt. 11 Eine Sorge in der letzten Lebenszeit des edlen Königs war noch die, Seine Sammlungen in eine Hand übergehen zn lassen, welche sie in ihrem vollen Werthe zu schätzen verstände und dieselben in einem vollkommenen geordneten Zustande hinterlassen zu können. So geschah es, dass ich im letzten Winter seines Lebens öfter befehligt wurde, die- ses Oi'dnen mit ihm zu vollenden. Drei Schränke, inwendig wie Acten- repositorien gebaut, enthalten die prunklose aber höchst schätzbare Sammlung. Sein letzter Wunsch im Leben, den der Hohe Verewigte gegen mich aussprach, war der: es möge mir gelingen, wie Er hoffe, in dem Prinzen Friedrich die Liebe für die Katur lebendig zu machen. Die tiefe Trauer um diesen grossen Monarchen, in welchem alle da- mals lebende Generationen aufgewachsen waren und die Ueberzeugung in sich hineingelebt hatten, ein anderes Verhältniss könne gar nicht gedacht werden, musste sich erst durch die Zeit mildern, um irgend einen Entschluss fassen, irgend ein neues Unternehmen begründen können. Möge aber das bisher gesagte als Einleitung dienen für den zweiten und Haupttheil einer Betrachtung: wie und in welcher Weise von König Friedrich August II. die Harmonie Seiner Nalurstudien geübt worden ist. Mag es mir hierbei erlaubt sein, zuerst den Eindruck zu schildern, den das erste Beisammensein mit dem Prinzen Friedrich im Monat Mai 1827 im botanischen Garteil und im botanischen Cabinet in Pillnitz auf mich gemacht hat. Ich darf diesen Eindruck zusammenfassen in den einzigen Satz: ich sähe in ihm den verewigten Friedrich August wieder verjüngt! — Dieselbe Humanität war hier wieder erblüht, dieselbe reine Hingabe an die Erforschung der Werke der Allmacht sprach sich aus, aber Beides im Jugendeifer erglühend. Auch der Prinz hatte bereits in frühester Jugend Insecten und Mineralien gesammelt und das In- teresse für dieselben belebte ihn noch. Für das Sammeln hat indessen von dieser Zeit an das Studium der Botanik allein das Vorrecht be- halten. Auch hier bewährte sich sogleich, dass nicht ein oberflächlicher Dilletantismus, sondern das gründlichste Studium erstrebt werden sollte, der Prinz begann mit dem Ernste, mit der Festigkeit und seltenen Be- harrlichkeit seines grossen Oheims die Einübung der Terminologie, ging zur Physiologie über und zur Classification und für specielle Kenntniss wurde mit dem Vaterlande der Anfang gemacht. Nach der ersten Ex- cursion in den Plauenschen Grund schlössen die in die übrigen Theile der nahen Umgegend sich an und später wurden fast alle Richtungen des Landes betreten, vorzüglich sorgfältig die sächsische Schweiz und das Erzgebirge durchwandert. Auf diesen Excursionen war es, wo seine reine Humanität sich in so vielseitiger Richtung entfaltete. Er war von vorzüglich heitrem Ge- müth, alles was die Natur bot, ergriff ihn innig und tief, und mit ge- spanntester Aufmerksamkeit nahm er alles auf, was ihm neu war, oft 12 schon durch Vorstudien im Stande, sich zu erklären, was er nicht früher gesehen. Sein Gang war überaus leicht. In kleinen aber in schnellem und gleichem Tempo wohlabgemessenen Schritten durchwanderte er weite Strecken in kurzer Zeit. Im Ersteigen der Berge hatte er ebenso wie in dem schwierigeren Absteigen ohne Pfad, bald eine grosse Uebung erlangt. Fast immer hielt er sich dabei aufrecht und nur in den äusser- sten Fällen bog er den Körper und wusste durch abwechselndes Er- fassen der Zweige oder der festen Grasbüschel an steilen Felsen sich zu erhalten. Die Schärfe seiner Sinne befand sich in vollständiger Harmonie mit der Klarheit seines Geistes und mit der Tiefe seines Gemüthes. Schwächen und Launen kannte er nicht, er ermüdete nie- mals, dieExcursionen in das Gebirge begannen wir zu Wagen, gewöhnlich um oder bald nach Mitternacht und waren oft noch vor Tages Anbruch am Ziele von wo wir ausgehen wollten, so dass wir dann bis Abends, im verschiedenartigsten Terrain botanisirend, uns heiter bewegten. Ueberall fand der Prinz auf den unwegsamen Pfaden das richtige Ziel. Als wir einmal Mittags in der Gegend von Altenberg oben zur Försterei vom Zaunhaus gelangt wareü, zeigte der Förster einige Verlegenheit, als er hörte, dass der Prinz da Mittag machen wollte, aber dieser tröstete ihn mit den Worten: „lassen Sie uns einen Tisch hier auf den grünen Ab- hang heraus setzen und eine Schüssel Milch bringen, mit etwas Brod, das wird uns vortrefflich schmecken." Dies bewährte sich wirklich und nachdem wir gegessen, erbot sich der Förster zur Begleitung durch die Buchen, um uns den richtigen Weg von dort aus zu zeigen. Der Prinz lehnte dies ab, mit den Worten: „Ich danke lieber Förster, wir suchen uns unsern Weg immer gern selbst." Hitze und Kälte nahm er eben so gern hin, er klagte nie über das Wetter, auch nicht über Regen und Schlössen, nichts der Art konnte seine Heiterkeit trüben. Nebenbei interessirte er sich lebhaft für Zoologie und die Spuren des oft so verborgenen Lebens der Thierwelt machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als er die ersten Infusionsthierchen in ihrem freu- digen Gewimmel selbst im Mikroskope gesehen, erklärte er seine Er- wartung für übertroffen und wiederholte sich öfter den Anblick. Die schönen Beobachtungen des Geh. Med.-Rath Carus in Pillnitz, sähe er oft mit höchstem Interesse. Es bleibt ewig wahr: „ein sinniges Ge- müth steht bei dem Wurme still, ein gcAvöhnliches geht bei einer Welt von Wundern gleichgiltig vorüber." Seine letzten Freuden für Zoologie in Dresden waren der zweimalige Besuch der Kreuzbergschen Menagerie, wo die vier Giraffen ihm die schönen Thiergärtcn in und bei London wieder zur lebendigen Erinnerung brachten und dann der Besuch des Colibri-Cabinets im botanischen Garten. Er kam unverhofft am Sonn- tag den 9. Juji gegen Abend, als er die Königin in das Theater geführt, und war von der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Colibris wie von ihren treu der Natur nachgeahmten Lieblings-Blüthcn, zwischen den sie IS sich scheinbar; wie unter dem Himmel der Tropen bewegten, so entzückt, dass er an einem andern Tage mit der Königin zurückkehrte und auch •ändere Glieder des hohen Hauses veranlasste, diese schöne und merk- würdige aus mehr als tausend Exemplaren bestehende Sammlung zu sehen. In den ersten Jahren seiner botanischen Studien ging seine Ab- sicht dahin die Gewächse der Flora von Dresden möglichst vollständig zu sammeln. Seine grosse Thätigkeit erfasste von allen Seiten diesen Vorsatz. Im ersten Anfange machte er sich von den Arten, die er ge- funden, Conture mit der Feder und schrieb die Namen dazu. Er fer- tigte dann Verzeichnisse nach den Lokalitäten, Verzeichnisse nach den Verschiedenheiten des Boden, Verzeichnisse nach der Zeit der Blüthe, Verzeichnisse der Arten, die er gefunden, und Verzeichnisse derjenigen, welche ihm noch fehlten, endlich ein reiches Verzeichniss derjenigen, welche in der Flora von Flcinus und Schubert sich noch nicht aufgeführt fanden, dennoch von ihm selbst bereits aufgefunden waren. Nach und nach bildete sich aus allen diesen Arbeiten ein Manuscript über die Flora von Dresden, dessen Einleitung eine Schilderung der Gegend unter dem Titel: „Gemälde der Gegend um Dresden" enthält. Auch eine Aufzählung der „Plantae Florae Bresdensis rariores^' mit ihren Stand- orten liegt diesem Manuscripte bei. Mit der Erscheinung meiner Flora germanica excursoria im Jahre 1830 und 1831 erweiterte sich sein Plan und er besti'ebte sich von den aus dem mittleren Europa darin beschriebenen gegen 5800 Ge- wächsen, mit eigner Hand möglichst viele zu finden. Sein Verzeichniss der Gewächse von Marienbad hat Dr. Heidler in seiner Schrift über Marienbad zur Veröffentlichung vom Prinzen erhalten und weil daselbst ein nachgelassenes Verzeichniss der dortigen Gebirgsarten von Göthe dar- auf folgt, so ist in mehreren Anzeigen später Gutlie als Mitverfasser des Verzeichnisses der erst nach seinem Tode gesammelten Pflanzen irrig aufgeführt worden. Von der Erscheinung meiner Flora an, bis zu seinem Hinscheiden Avurde diese Flora sein steter Begleiter auf allen seinen zahlreichen Reisen. Aus dieser Flora besonders bereitete er sich vor auf jede einzelne Reise und verglich vorher die darin citirten Ab- bildungen, deren Eindruck er so treulich bewahrte, dass er dann die gefundenen Gewächse gewöhnlich sogleich in der freien Natur richtig erkannte. Sein ausgezeichneter Scharfblick und sein seltener Takt im Labyrinth der Lokalitäten sicher zu gehen, setzte ihn in den Stand im Auffinden schwer zu entdeckter Gewächse Vorzügliches zu leisten und keine Hindernisse dabei konnten ihn heminen. Höchst auffallend war dies auf seiner Reise in Ungarn, wo er in den sehr eigenthümlichen Karpathen unter stetem Regen und täglich leidend von Nässe, dennoch die dort vorkommenden, zum Theil sehr beschränkten und schwer zu- gänglichen Standorten gehörigen Pflanzen glücklich gefunden. Einen Anderen interessanten Beleg hierzu verdanke ich Herrn Geh. Med.-Rath 14 Carus in folgenden Worten : „Wer das Glück gehabt hat König Friedrich August auf grösseren Reisen zu begleiten wird hundertfältig Gelegenheit gefunden haben, nicht nur seine tief begründete Liebe für die Natur, son. dern auch die Leichtigkeit zu bewundern, in ihr sich zu orientiren und ihre Schätze sich zugänglich zu machen. Ich erinnere mich, dass als wir im Juli 1844 in England kaum die schönen Gegenden der Cumber- landLakes betreten hatten, so waren dem Geiste des Königlichen Herren sogleich die botanischen Seltenheiten gegenwärtig, welche diese Seen und Gebirge einschliessen. Kaum sahen Avir bei einer reizenden Abend- Kahnfahrt auf dem Windermere-See von Weitem die Wasserfläche wie mit zarten weissen Blüthen bestreut, so Hess der König darauf zu rudern im Voraus gewiss, dass wir hier die niedliche, maiblumenähnlich aus der spiegelnden Fläche heraiisragende Lobelia Dortmanna sammeln würden, und kaum traten wir ebendaselbst am andern Morgen einen Fussweg an, so fehlte es nicht, dass der erhabene Forscher bald einen grünen Hügel erstieg, ihn als geeignet erkennend, dass wohl an seinen Rändern der schöne seltene, bisher nur in Cumberland und Wales ge- fundene gelbe Mohn, die Meconopsis cambrica oder Papaver cambricum Lin., da wachsen möchte, und richtig trafen wir in Kurzem schön blü- hende Exemplare des hübschen Gewächses von dem ich noch selbst eins zur Erinnerung bewahre. Gelang es doch dem kenntnissvollen Naturfreunde, als ich denselben zwei Jahre nach einander zur Herstell- ung seiner Gesundheit zum Besuche von Marienbad begleitete, während der dort verlebten Wochen, sogar in so bekannter Gegend manche sel- tene Pflanze aufzufinden, die von früheren Sammlern dort nicht aufge- funden worden war. Mit eben der Liebe und mit demselben Streben nach weiterer Kenntniss sah ich übrigens denselben früher schon in Italien und in der Schweiz sammeln. Nie verfehlte er, wenn auf den Stationen umgespannt wurde, wenn irgend Wetter und Oertlichkeit es erlaubten, sogleich abzusteigen und vorauszugehen, wobei dann neben der Umsicht in der Gegend, mit scharfem Auge an Wegen und Zäunen die irgend blühenden Pflanzen beobachtet wurden und mancher gute Fund wanderte dann in die Mappen. Kurz! ist je einem edeln Geiste das zeitweise sich Versenken in den Reichthum der ewig forttreibenden und blühenden Natur ein unerlässliches reines und schönes Bedürfniss gewesen und hat irgend Einer die aus diesem Versenken hervorgehende Freudigkeit auf eine würdige Weise empfunden, so darf man vor Allen König Friedrich August als einen solchen bezeichnen." So weit Carus. Vom Jahr 1833 wuchs sein Glück und sein Eifer für Excursionen in der Nähe, dadurch dass seine zweite hohe Gemahlin Maria, die gleiche Neigung für die Natur mit ihm theilte und ihn ebenso auf diesen Excursionen begleitete, wie sie mit hohem Interesse, ja mit eigner Sachkenntniss, seinen Beschäftigungen zu Hause, mit der Pflanzenwelt folgte. 15 Vorzüglich glücklich machte ihn das Reisen und mit der ganzen Macht seines Zaubers wirkte der Aufenthalt auf den Alpen auf ihn ein. Von ihm galt recht eigentlich was Reineck sagte : „sei JMann im Leben, Kind in der Natur!" — Die ersten Reisen seines Lebens in dem Jahre 1809 nach Leipzig, im Jahre 1813 nach Regensburg und zweimal nach Prag, im Jahre 1815 nach Pressburg und Wien, endlich nach Paris, waren nicht der Erhei- terung sondern theils unwillkührlich während der Kriegszeiten, theils und zuletzt der militärischen Ausbildung gewidmet. Die erste wissenschaftliche Reise des Prinzen Friedrich nebst sei- nen hohen Brüdern nach Italien gegen Ende des Jahres 1821 wurde auf den Wimsch des Königs gemacht, aber leider ergriff dieselben in Pisa ein hitziges Fieber, welches für den Prinzen Clemens am 12. Januar 1822 einen tödtlichen Ausgang genommen. Ln Jahre 1824 wurde Belgien und Holland bereist. Anfangs 1825 traf der Prinz in Paris ein und überall fand er reiche Gelegenheit seine Kenntnisse daselbst zu erweitern. Im Jahre 1828 am 1. April begann die Reise mit dem Leibarzt des Königs, Geh. Med. -Rath Carus, nach Italien. Ein junger Mann, der gegenwärtig als praktischer Arzt in New -York berühmte Dr. Gescheid, nahm als Botaniker und Sammler der naturhistorischen Gegenstände Theil an der Reise und hier begannen die ersten Studien des Prinzen in der aussergermanischen Flora. Die Reise ging über Wien, über Bruk an der Murr, Judenburg, Leoben, wo die erste Zusammenkunft mit dem hocherfahrenen Alpenbotaniker, dem Erzherzog Johann statt fand, über Villach, Udine, Treviso, Venedig, Vicenza, Verona und Parma zur Kaiserin Maria Louise, dann über Modeua, Bologna nach Florenz, von da nach Rom und Neapel, auf der Rückkehr durch die Schweiz und im August wieder nach Dresden zurück. Am 13. September 1830 Mitregent geworden, Avar der Prinz durch mannigfaltige Arbeiten der neuen Organisation des Landes so dringend beschäftigt, dass ihm nur die Erholung durch Excursionen im Lande möglich geblieben, aber eine weitere Entfernung durch Reisen nicht zu- lässig war. Ein anderes Hinderniss bot hierbei die Kränklichkeit sei- ner ersten Gemahlin Caroline, welche am 22. Mai 1832 mit deren Hin- scheiden endigte. Am 24. April des folgenden Jahres mit Prinzessin Maria Anna Leopoldine, Tochter des grossen Königs Maximilian von Bayern vermählt, empfand er in der Harmonie mit seiner hohen Gemahlin bald wie- der die Neigung, die Alpen zu sehen und nächst Marienbad, wurde dess- halb in Salzburg und in Tirol botanisirt. An einem jähen Felsen hatte sich der Prinz Mitregent hier verstiegen und ein Jäger hatte das Glück ihm zu Hilfe zu kommen. 16 Des Königs Anton Hinsclieiden erfolgte am 6. Juni 1 836 und der Prinz Mitregent übernahm von da an die Königlichen Pflichten allein. Erst im folgenden Jahre 1837 wurde es wieder möglich an das Rei- sen zu denken, und Oestreich; insbesondere das schöne Kärnthen und Krain *) wurden das Ziel. Aber die Nachricht von einer ernsten Erkran- kung in Laibach; nach einer Erkältung bei dem Besuch der Adelsberger Höhle, beflügelte die Reise der Königin in Begleitung des Geh. Med.- Rath Carus dahin, doch sahen sich dieselben durch baldige Genesung des Königs beglückt, welcher am 23. August wieder in Pirna vom gan- zen hohen Hause freudig empfangen wurde. Im Jahre 1838 wurde der König durch den am 3. Januar erfolgten Tod Seines Herrn Vaters, des Prinzen Maximilian, auf das Tiefste er- schüttert. Am 7. Mai begann die denkwürdige Reise in Begleitung des Geh. Med. -Rath von Ammon als Leibarzt über Triest nach Dal- matien und Montenegro, welche sein Begleiter von Triest aus Dr. Bia- soletto , in italienischer Sprache beschrieben und Eugen Freiherr von Gutschmid deutsch übersetzt hat. Sie war die bedeutendeste von allen Reisen des Königs in Bezug auf ihre wissenschaftliche Ausbeute. Am 21. Juni nach Pillnitz zurückgekehrt, begab er sich mit der Königin vom 7. bis 28. September an über Leipzig in das Erzgebirge, haupt- sächlich um daselbst den Nothstand zu mildern und durch Abhilfe man- cher Mängel die Bewohner zu trösten. Im Jahre 1840 begann er am 22. Juli eine Reise in das Riesenge- birge, wo er in Gesellschaft einiger jungen Botaniker in der Wiesen- baute einen fröhlichen Abend verlebte, und als ihn dieselben nach sei- nem Namen fragten, sich Friedrich nannte und eine gute Nacht wünschte, da er noch einen Brief an seine Fravi schreiben müsse. Die Herren begnügten sich damit nicht, sondern suchten den Boten auf, welcher den Brief vom Gebirge hinabtragen sollte. Sie lasen hier zu ihrem Erstaunen: „an die Königin von Sachsen." **) Er kam am 12. August wieder mit einer schönen Sammlung von Pflanzen zurück. Am 9. Sep- tember reiste er nach München und kehrte am 8. October zurück. Im Jahr 1841 folgte mit der Königin eine Reise nach Baiern und in die Alpen, von wo er am 22. August wieder zurückkehrte. Im Jahr 1842 reiste er am 4. August wieder nach Böhmen. Im Jahr 1843 besuchte er über Leipzig Thüringen und war abwe- send vom 23. bis 27. Juli. Am 3. September begann er einen Ausflug in den Harz und lan^-tc am 1 6. December wieder an. *) Die Reise in Krain ist beschrieben in der Allg. deutsch, naturhist. Zeitung 1847, S. 431 — 440. **) Dieser durchaus so und nicht anders statt gefundene Vorgang, wird in einigen säch- sischen Wochenblättern durch eine Aeusserung verunstaltet, deren Unmöglichkeit Jeder- mann einsieht, wer jemals das Glück gehabt hat, den König in seinen heitersten Momenten y.u sehen. Niemals entschlüpfte ihm eine Aeusserung gegen die Würde seiner Stellung, Vnd jeder Zoll seiner Ersclicinung war und blieb immer unverkennbar der König. 17 Im Jahr 1844 trat er die grössre Reise nach England an und reiste am 22. Mai ab, von wo er erst am Q.August unter feierlichstem Em- pfang wieder eintraf Vom 14. bis 22. September machte er einen Aus- flug nach Leipzig. Im Jahre 1845, dem Jahre des Regens und der grossen Ueber- schwemmung in Dresden, unternahm der König die schwierige Reise nach Ungarn, um die Karpathen aus eigner Ansicht kennen zu lernen. Auf keiner Reise hat derselbe so viel von nachtheiliger Witterung als auf dieser gelitten, dennoch übertraf seine Ausbeute alle Erwartung. Im Jahr 1846 wurde in Gesellschaft der Königin am 24. Juni ein Ausflug nach Potsdam gemacht, dann eine längere Reise nach Tirol, von welcher er heiter und gesund am 2. September wieder anlangte. Die Jahre 1847, 1848 und der Anfang von 1849 waren nicht ge- eignet an eine heitere Reise denken zu lassen, und erst am 14. October 1849 wurde in Gesellschaft der Prinzen Johann und Albert eine Reise in das Voigtland gemacht. Im Jahr 1851 folgte am 1. Juli über Wien und Triest eine Reise nach Oberitalien, von welcher die Rückkehr am 11. August in Pillnitz statt fand. Im Jahre 1852 besuchte er über München abermals sein geliebtes Tirol, Kärnthen, Steiermark und Oberitalien, und ging am 15. Juli wie- der über Tirol nach der Lombardei und über Modena und Toscana nach Sardinien. Auf jeder dieser beiden Reisen wendete die Vorsehung die Folgen von wirklich eingetretenen Unfällen glücklich wieder ab. Das laufende Jahr 1854 führte dagegen jenes furchtbare Ereigniss herbei, welches vielseitig berichtet und näher beschrieben, in die tiefste Trauer Alle, die den erhabenen Verklärten kannten und liebten, so schmerzlich versetzt hat. Die schriftlichen • Aufzeichnungen , auf allen diesen Reisen gesam- melt, die er die Gnade hatte, mich bisweilen lesen zu lassen, sind von höchstem Interesse. Möge noch auf andere Zeugen der Thätigkeit in den Stunden der Muse des Königs geübt, ein Blick zu werfen erlaubt sein: auf sein Herbarhmi und seine Bibliothek und dann auf die unter Seinen Befehlen gediehene Fortbildung des Weinbergs in Wachwitz und des Schlossgartens in Pillnitz. Denkt man sich alle die schönen Ergebnisse seiner eigenen Reisen Und Excursionen, mit den zahlreichen Zusendungen, die er immer aus den Händen der Botaniker, die ihn verehrten, oder Reisender, die er unterstützte, erhalten, denkt man an die Production des Gartens in Pill- nitz und an die Sammlungen getrockneter Pflanzen, die er von Zeit zu Zeit kaufte, so ist sein Herbarium gewiss ein bedeutendes zu nennen und für das Studium durch Sachkenner von hoher Bedeutung. Dasselbe ist ebenso prunklos und einfach als das von Friedrich August I. einge- Allg-. deutsche naturhist, Zeitung-. 2 18 riehtet und es gehört noch das von dem in Pesth verstorbenen bekann- ten Botaniker Rachel angekaufte Herbarium dazu. Von seinen Dou- bletten theilte der König gern mit und jpühlte sich beglückt, Andern dadurch Freude zu machen. Die letzte mir bekannte Mittheiluns' in dieser Art erhielt nach einer auf dem Weinbera-e zu Wachwitz stattiro;- iundenen wissenschaftlichen Audienz mit eigenhändiger Handschrift der Apotheker Reichet in Chemnitz. Anspruchslose Naturfreunde besuchte er gern und so ist er bei dem gemüthlichen Dr. Dehne in der Nieder- lössnitz zu wiederholten Malen gewesen, und hat sich an dessen schöner Sammlung wie an seinen lebendigen Thieren erfreut. Die Ribliothek wurde immer zweckmässig vermehrt, indessen stam- men die meisten Prachtwerke, wie die von Jacqiän, Ventenat, Waldstein und Kitaibel, Tenore^ Pohl, St. Hllaire, Ho/fmansegg und Link, Curtis und Hookers Floi-a Londinensis, Flora danica, das grosse Werk von Alexander von Humboldt und andere, aus der Hand Seines Oheims; von grossen Prachtwerken hat Er selbst etwa vorzüglich die Plantae asiaticae von Wallich und Batemans Orchideae gekauft. Die Abbildungen seltner in Pillnitz blühender Pflanzen wurden durch die geistvollen Darstellungen des Hofmalers Moritz Tettelbach vermehrt, aber die immer zahlreicher von London aus erscheinenden, guten Abbildungen aller neuen Ent- deckungen, Hessen inimer mehr die Zahl der noch hier abzubildenden Arten vermindern, so dass nur die neunte Centurie vollendet worden und die zehnte begonnen. Seine Arbeiten im botanischen Cabinet in Pillnitz, wie im Herba- rium in Dresden, wurden mit demselben Ernste, wie von seinem ehr- würdigen Oheim betrieben. Ich selbst war befehligt, jeden Freitag das mit ihm fortzusetzen, was Friedrich August I. eingeführt hatte, nämlich die Bestimmung oder Berichtigung der in dem Zeitraum von einer Woche zur andern aufgeblühten Gewächse und im Winter das Einord- nen in die Herbarien und in die Bibliothek. Jene Berichtigung der Pflanzen, die man so häufig unter ganz falscher Benennung erhält, er- forderte auch hier die reiche Bibliothek und in neuerer Zeit, wo die Masse des Entdeckten immer grösser geworden, hatte sich auch die Schwierigkeit dieser Untersuchungen immer mehr und bedeutend ver- mehrt. Der König war ebenso wie in allem, was er einmal begonnen, unermüdet beharrlich und diese Stunden waren ihm angenehm, und was noch weit mehr sagen will, sie blieben es ihm durch 27 Jahre hindurch bis an sein Ende, denn der Prinz wurde Mitregent und der Mitregent wurde König, aber seine Liebe zur Natur blieb sich bis in die letzten Momente seines schönen Lebens vollkommen gleich und noch am letz- ten Freitage vor seiner Abreise hatte er die Freude, unter den im bo- tanischen Cabinet aufgestellten Exemplaren, nächst vielen anderen Ge- wächsen, besonders Orchideen, die CaroUnea princeps und Costus specio- ms zum erstenmale blühen zu sehen. Die Berichtigungen der hi^r 19 biüliendeuiübvväciiöe wurden von jeher das Mittel, diesen Garten bei der Sorgfalt seiner Gärtner, welche diese Bestimmungen nicht wieder ver- wechselten , in dem guten Rufe zu halten, dass andre Gärten mit ihm in Tauschverbindung traten und die baaren Ausgaben für anzukaufende Pflanzen sehr massig sein konnten. — Auch sein Studium der Pflan- zenwelt war nicht einseitig für Species berechnet, ihn interessirte auch der Bau und das Leben der Pflanzen und die Fortschritte der Physiolo- gie, welche wir in seiner Zeit J}Iohl und Schieiden, Göppert und Unger, Jj-misch und Cohn, Schacht und Hofmeister und Anderen verdanken, waren ihm ebenso geläufig, wie die Systematik, in welcher sein Geist immer Klarheit und wahren natürlichen Zusammenhang verlangte und liebte. Der Weinberg in Wachwitz giebt ein redendes Zeugniss von der tiefen Gemüthlichkeit unseres verklärten Königs. In gewohnter Beschei- denheit beginnend, kaufte der Piunz im Jahre 1824 des Grundstückes ersten Theil, und legte bald darin den Thiergarten an, welcher ihm bis an sein Ende manche Erheiterung gewährt hat. Durch successive Er- weiterung ist es zu dem herrlichen und grossartigen Ensemble gewor- den, welches für jeden Beschauer so leicht zugänglich ist und dessen neueste Acquisition der König noch kurz vor seiner Abreise mit wah- rer Freude erzählte. In Hinsicht der Lage und Aussicht ist dieser Weinberg fast unübertrefflich zu nennen, in Hinsicht auf Bequemlichkeit bei bescheidenen Ansprüchen, wahrer Meuschengrösse vollständig ge- nügend und rücksichtlich der Erinnerung an daselbst verlebtes häusliches Glück und harmonischen Einklang zweier Herzen, fast einzig in seiner Art und der hohen Würde des ganzen erhabenen Königshauses gänz- lich entsprechend. Die Pflanzensammlung im Schlossgarlen wurde während der Regier- ung Friedrich August II. bedeutend vermehrt. Der Garten hatte das Glück, ausgezeichnet sorgfältige Gärtner zu haben, vom Jahre 1798 an den Hofgärtner John, nach dessen Tode im Jahre 1832 am 28. April diese Stelle durch den vormaligen botanischen Gärtner Terscheck aus Dresden wieder besetzt wurde. Beide haben den höchsten Ruhm eines Gärtners durch die ausgezeichnete Erhaltung der alten Pflanzen und durch die fleissige Heranziehung, sorgfältigste Etikettirung und Erhalt- ung der Etiketten, bei einem geringen Personale von Gehülfen, erlangt, alles Eigenschaften, welche eben so selten sich vorfinden, als sie lür das Gedeihen eines botanischen Gartens unerlässlich genannt werden müssen. Beide Könige haben diese Eigenschaften immer erkannt. Unter dem Hofgärtner Terscheck wurden alle jene ehrwürdigen Zierden des Gartens in wahrer Pietät für den verewigten hohen Begründer dessel- ben erhalten und die Vermehrung der Arten von 4000 auf 16000 er- hoben. Davon sind 2500 Staudengewächse im freien Lande systema- tisch geordnet. In einem Wasserbassin im Freien sind über 20 Arten Nymphaea, Niiphar, Nelumbium, Dichorisandra, Limnocharis, ViUarsia, Sa- 2* gittaria und dergleichen zur Blüthe gebracht. Das Palmenhaus bietet den Eindruck der Tropenwelt und ist dicht mit Gewächsen erfüllt. Pandanus odoratissimus 24' hoch, Phoenix dactylifera, farinifera, reclinata, und guianensis bis 16', Latania chinensis 18', Cycas revoluta von 5' Stamm- höhe, Dracaena longifoUa 14', arhorea 11', Aletris fragrans 24', Cinna- momum verum, nitidum, Cassia 18 bis 22', Carica Papaya 14'. Ein zwei- tes warmes Haus enthält eine grosse Anzahl gut gepflegter, zum Theil seltner Pflanzen, Billenia speciosa von 9', Ficus nymphaeifoUa und imperialis bis 13', Calypiranthes caryophyllata 10', Uvaria adoratissima 22', Adan- sonia digitata 20'. Unter den Pflanzen des kalten Hauses befinden sich noch diejenigen Neuholländer, welche durch die Expedition von Joseph Banks mit zuerst nach Europa gelangt sind, grosse dickstämmige Bank- sien bis zu 14' Höhe, Arten von Hakea, CalUstemon, Acacia meist 20 bis 22 ' hoch. Die ganze Sammlung dieser Gewächse steht im Sommer nach ihren natürlichen Verwandtschaften zusammengestellt, zwischen Hecken im Freien. Der Sachkenner findet sich in diesem botanischen Garten dadurch am meisten befriedigt, dass eben nicht, wie so häufig geschieht, die Sucht nach Neuem das Alte verdrängt hat. Der richtige Unter- schied eines botanischen Gartens von einem Luxusgarten bewährt sich hier durch die möglichst vollständige Aufstellung von Gewächsen aller Familien, so auch reicher Sammlungen von Cisteen, Compositae, Labiatae und dergleichen mehr, in ihren alten typischen Formen. Das neue Orchideenhaus enthält neben einer Anzahl anderer Gewächse 275 Arten Orchideen in kräftigen Exemplaren, daher dergleichen in jedem Monate blühen. Auch der grosse Raum zwischen den verschiedenen Palais, welche ^um Schlosse gehören, ist im Jahre 1837 durch den Hofgärtner Terschek geschmackvoll angelegt worden und die neuen Anlagen ziehen sich noch ausserhalb der zum Schlosse unmittelbar gehörigen Räume an der Elbe herab bis über die fliegende Fähre hinaus. In allen jenen Gewächshäusern, insbesondere im Orchideenhause und am Bassin der Nymphäen weilte der vereAvigte König mit innigster Freude und Liebe bis in die letzten Tage seines Lebens in Pillnitz. Der Schlossgarten da- selbst ist niemals öffentlich und niemals gesitteten Personen verschlossen gewesen. Jedermann fand daselbst Eintritt und bereits Friedrich August der Gerechte freute sich, wenn irgend Jemand ftir den Garten Theil- nahme zeigte. Von Botanikern hat derselbe früher Willdenow , Schwäg- riehen und Schkuhr bei sich gesehen. Friedrich August IL nahm alle Män- ner der Wissenschaft gern auf, und erlaubte mir unter andern Sprengel aus Halle, Treviranus aus Bonn, den Grafen Hoffmannsegg , Prof. Paria- tore aus Florenz, Prof. Dr. de Visiani aus Padua, Moretti aus Pavia, Dr. Bigelow aus Boston, Baron von Müller aus Stuttgart und Andere zu ihm zu führen. Dieser Garten erscheint jetzt zum ersten Male verwaist. Da wo noch vor Kurzem der Allgeliebte Friedrich August im Verein mit der in 21 immer heitrer Harmonie seine Freuden theilenden Königin Maria sich liebend bewegte, da tönt jetzt dem einsamen Spaziergänger in abend- licher Weile ein Säuseln aus den hocherhabenen Wipfeln der ehrwür- digen Liriodendren, Platanen, Magnolien und canadischen Pappeln und Tannen entgegen und seine Wehmuth übersetzt es in die wenigen Worte : ,,hier haben zwei der besten Könige, welche jemals die Welt sähe, mit den Ihrigen 84 Jahre hindurch in reinster Liebe gewaltet!" Wenn uns seine innige und tief empfundene Liebe für die Natur characteristisch für sein Leben erscheint, so war doch sein allseitig ge- bildeter Geist empfänglich für alle Richtung, des menschlichen Wirkens, er umfasste mit Liebe das ganze weite Reich der Wissenschaften und Künste und belehrte sich durch eigene Anschauung in den Fabriken und Werkstätten des Inlands, wie in der weiterten Ferne. In seinen Sammlungen finden sich von seiner Reise mit seiner Gemahlin im Erz- gebirge sogar die aus Holz gedrechselten Ringe aus den Spielwaaren- fabriken in Sayda, welche sich durch spätere Manipulationen in Thiere verwandeln. Dabei besass er das seltene Talent aus freier Hand in richtigsten Proportionen, die aus dem mannigfaltigsten Detail bestehen- den Ansichten von Gegenden, vorzüglich Gebirgszügen zu zeichnen. Von allen seinen Reisen brachte er zahlreiche Blätter solcher Hand- zeichnungen mit, sie mögen sich hoch über die Zahl von tausend belau- fen, und es gehörte unter seine angenehmsten Vergnügungen nach der Rückkehr diese mit' Vorlegung von Specialcharten zu erläutern , wo- bei seine unübertreffliche Erinnerung für alle die kleinsten Details, räumlich und zeitlich treu wiedergegeben, Bewunderung erregte. Er war so gnädig mir diese Relationen immer um so ausführlicher zu geben, als er beklagte, dass in der Jahreszeit seiner botanischen Reisen, in welcher gewöhnlich mehrere Fremde zum Anhören der in Dresden immer zahlreich besuchten Vorlesungen der Botanik hierher kamen, meine Amtspflicht mich hier fest hielt. Besondere Freude erregte ihm bei diesen Relationen die Erinnerung an jene Blicke von den Höhen der Berge oder zwischen Bergen und Schluchten hindurch, oder aus den Fenstern der Zimmer, die er bewohnte. Alle diese Blicke wurden in der Regel mit geübter Hand dem Papiere vertraut und seine Augen strahlten in reinster Freude, wenn er bei Mittheilung seiner Berichte darüber Theilnahme fand. In der höchst dankenswerthen Schrift des Director Frenze!, ist diese seine ernste und weitumfassende Kunstbestreb- ung noch weiter erläutert. Wollten aber alle diejenigen, welche das Glück hatten, durch ver- schiedene Fächer ihrer eigenen Thätigkeit mit ihm in Berührung zu treten, darüber berichten, welche Thätigkeit er in eines jeden Fache ge- übt hat, so würde sich nur der Beweis davon herausstellen, dass er es verstand, das vielgestaltige Leben der ganzen gebildeten Menschheit in seiner hohen Individualität selbst in klarster Harmonie zu beherrschen. 22 Wenn aber die zweckmässige Thätigkeit bis über die Stunden und kleinsten Momente der Muse verbreitet, immer die Mutter der Heiter- keit ist, so wusste er diese Heiterkeit auch noch durch eine seltene Menschenliebe zu nähren. Die feste und treue Anerkennung der Wahr- heit, des Kechts und der menschlichen Würde und Sitte lag allen seinen Handlungen und Aeusserungen zu Grunde, die wahre reine Humanität lebte immer in ihm. Ich kann nicht unterlassen, auf die Aeusserung dieser Humanität noch einen Rückblick zu werfen. Seine innige Liebe zu Kindera war so rein und edel, dass sie in der That mehr als einmal, wenn er sich überall freute, wo wir gesunde, muntere, freundliche Kinder der Land- leute trafen, an jene erhabenen Worte von Christus mich lebhaft erin- nerte, welche die reinste Reinheit einer Seele verkünden. Seine grosse, wahrhaft christliche Nachsicht gegen Alle, nur nicht gegen sich selbst, ist zu bekannt, denn sie hat selbst in den entscheidensten Momenten treu sich bewährt. Ebenso lebendig steht die Erinnerung vor uns, wie das hohe Brüderpaar bei Unglück und Gefahr selbstthätig einschritt, bei jener furchtbaren Ueberschwemmung im Jahr 1845, bei mehreren Feuersbrünsten thatkräftig mitwirkte, zu löschen, zu retten, zu helfen, ■TM trösten. Ja, wahrhaft tröstend und erhebend war sein liebevoller Blick, wenn er in tiefster Rührung einen seiner treuen Diener nach Genesung von schwerer Krankheit mit beiden Händen erfasste, als wollte er sich ge- wiss machen, glauben zu dürfen, er sei ihm wiedergegeben. Bei allen Leiden, welche ihm bekannte Personen getroffen, litt er tief mit und schon das Bewusstsein seiner Theilnahme wurde Vielen das Mittel zur heiteren Genesung. Sein im Anschauen der Entwickelung der organi- sirten Natiy- so tief begründetes conservatives Prinzip , welches z. B. jede Zerstörung vegetabilischer Bekleidung von Mauern oder jede Ver- nichtung alter Bäume missbilligte, fand den höchsten Reflex in seiner Achtung des Lebens der Menschen. Einen Fall seiner Achtung für das Alter, bitte ich noch erzählen zu dürfen. Es war an einem schönen Tage des Monat August im Jahr 1820 als wir bei Tagesanbruch in Frauenstein angelangt, von da nachdem der Prinz den Anblick der Stadt für sein Stammbuch gezeich- net, über Schönfeld hinaufgingen, um dann durch den Höllengrund em- porsteigend an das 2354 Fuss hochliegende Dorf Schellerhau zu gelangen und Cineraria rivuluris daselbst blühen zu sehen. Am heissen Mittag gingen wir dem Ufer der wilden Weisseritz entlang, herrliche Wiesen mit hohem Grase lagen zur Seite, die Arnica stand noch leuchtend in vollester Blüthc, die feinen federartigen, smaragdgrünen Blätter der Bärwurz erschienen truppweise gruppirt auf der Wiese, das überaus zierliche Galium saxatile streckte seine Guirlanden am Boden dahin oder sie hingen über die Steine am Ufer des rauschenden Flusses mid 28 Cirsium helerophyllum hob verstreut über die Wieseh die dunkelrothen Köpfe über die Arnica und über die hohen Gräser empor. Ein tiefes Schweigen beherrschte die Landschaft, denn die früher über den Wip* fein kreisenden Sperber und Habichte beängstigten nicht mehr die jun- gen Brüten des Waldes und hatten sich in der Hitze in den dunkeln . Zweigen des Dickicht verborgen. Nur die rein kastanienbraune Ligea flog geräuschlos noch an den grünen Abhängen und suchte den aroma- tischen Thymus, zwischen den Blumen auf der Wiese flatterte die düster- gefärbte, weissgesäumte Chaerophyllata herum, und hier und da flog vor den Fusstritten die schöngezeichnete Euprepia plantaginis auf, aber Noctua graminis sass hier und da mitten in den Blüthenköpfen der Arnica^ still ausruhend unter den senkrechten Strahlen der Sonne, von der reissend- schnellen Bewegung ihres Flugs in der vei-flossenen Nacht. Der Prinz fühlte sich sichtbar glücklich im Verständniss des reichen Detail in die- sem grossen, erhaben lebendigen Bilde der friedlichen Natur seines Landes. Aber bald wurde dieser so reizende Schmuck den Wiesen ent- nommen, denn als wir weiter gelangten, sahen wir Schnitter beschäftigt, welche mit Sensen die Wiesen ihres hohen Grases beraubten. Wir näherten uns dem Uebergange über den Fluss, wo man den durch die fluthenden Wintergewässer weggerissenen Steg durch den einfachen Stamm einer massigen Tanne ersetzt hatte, und sahen, dass eben ein hochbejahter Schnitter dem Baumstamme sich näherte, um hinüberzu- gehen. Als wir herankamen, trat er freundlich grüssend zurück, aber der Prinz fragte ihn: „du willst wohl auch hinübergehen?" worauf er antwortete : „meine Sense liegt noch drüben, die w^ill ich mir holen ! " — Hierauf sagte der Prinz: „dann bleib hier, die will ich dir geben" mit einigen Schritten war er hinüber, fasste die Sense, kam eben so schnell wieder herüber, reichte sie dem verwundert dankenden Greise , dessen Kindeskinder vielleicht noch lange einander diese Auszeichnung er- zählen. Noch heute steht der tiefgerührte, silberhaarige Greis, der wahr- scheinlich längst ruht, lebendig vor meiner Erinnerung. So liebend und mit der ganzen Welt sich versöhnend und diesen Grundsätzen gemäss in jeder Richtung hat Friedrich August gewirkt und auch der harmonische Einklang seiner Studien der Werke Gottes mit den Geboten seines Wortes, der ihn in allen seinen Thaten belebte, hat vielfachen Segen gebracht. Wenn ich in diesem zweiten Theile unsrer Betrachtung nur einige wenige und rein objective Aeusserungen des verewigten Königs er- wähnte, so bleibt mir noch ein Schatz reicher Erinnerung an Aeusser- ungen, welche eben um ihrer tieferen Subjectivität willen, als Zeichen jener persönlichen Gnade, welche bis über die Grenzen des Lebens hinausging, im dankbaren Geraüthe verschlossen, welche durch eine jede Veröfi'entlichung verlieren würden, an ihrer hohen Bedeutung, an jener heiligen Weihe, welche nur in der eignen Erfahrung des Tndivi- 24 duums lebt. Dies Erlebniss aber, ist ein lindernder Trost für den Rest des eigenen Lebens , welcher die bleibende Wehmuth, so viel als noch möglich, erheitert. , Nur mit wenigen Worten mögen wir noch die dritte Frage zu be- antworten suchen : welchen Erfolg für die Zukunft, von des Königs Har- monie in seiner Verehrung des Wortes und der Werke Gottes , dürfen wir hoffen ? Ich vermuthe einen dreifachen Erfolg. Zuerst hat der König das erhabene Beispiel gegeben und ins wirkliche Leben im Angesichte der ganzen Menschheit geführt: dass diese Harmonie, wenn sie sich auf m«e und wahre Anschauung der Natur treulich begründet, wirklich besteht, und dadurch bewiesen dass wo diese Harmonie gestört wird, dann der Grund in dem Mangel an Wahrheit und Treue der Naturanschauung liegt. Jener falsche materialistische Weg, den man gegenwärtig dem Volke aufdringen will, und weil man das Bessere nicht lehrt, wirklich aufdringen lässt, wo Naturforscher sich auf die Wunder der Natur setzen, wie jene Fliege, deren Carus erwähnt, im Phönix, in seinen „gelegent- lichen Betrachtungen über den Character des gegenwärtigen Standes der Naturwissenschaft", welche Fliege auf dem Apoll im Belvedere sitzend, diesen allerdings nur als kalten Marmor erkennt, jene Construction des Geistes aus dem Magen oder aus jeder anderen Retorte, welche conse- quent zu der Anschauung führen würde, dass die gegenwärtige, so fein genusssüchtige Zeit nur aus lauter grossen und fast gleichgrossen Geistern bestehen müsste, und welche von der Sterblichkeit jenes Magen- geistes nach dem Aufhören seiner Genüsse, zum Atheismus dahinführt, ist freilich jenes ,jWissen" zu nennen, „welches um Christum herum- geht," darin stimmen wir vollständig bei, und der vereAvigte König hatte sehr recht, wenn er im Jahr 1848 unmittelbar nach seiner Verwunderung darüber, dass ein practischer Naturforscher dahin gelangen könnte, die Vermuthung hinzufügte: es möge dabei doch wohl die wahre Grundan- schauung gefehlt haben. Darum kehren wir lieber zu dem alten Glau- ben zurück: „es ist der Geist, der sich den Körper baut!'' Nur auf diesem Wege wird das Selbstbewustsein und die Selbster- kenntniss des Menschen gefördert und er hat dann nicht vergeblich die vielen Stufenleitern der organisirten Welt in ihrem Parallelismus er- stiegen, wenn er auf den Punkt jener Höhe gelangt ist, wo endlich der Geist in seiner Vollendung selbstständig wird. Das grosse Reich dieser Geister werden wir nimmer mit Destillirkolben und Retorten besiegen und bannen. In der That, die wahre Anschauung der Natur liegt im christlichen Prinzipe und ist tief in der Liebe begründet. Recht verstanden ver- kündet auch das Gift der Pflanzen und Thiere die Liebe, und die Zer- störungen des Schiffswurmes sind nur Abweichungen von seinem wahren Berufe die gefährlichen Wraks zu vernichten, und alle conservative Ver- 25 hältnisse im physischen Leben der Menschheit finden wir als Vorbild schon in der Natur. Hier galten schon weit früher als in der historischen Zeit alle nur denkbare Verhältnisse der Ehe und der Erziehung mit ihren Folgen; hier die Kinderbewahranstalten und Waisenhäuser, hier die Blinden- und Taubstummeninstitute mit ihrer Tast- und Zeichen- sprache und die Hospitäler für Kranke und Greise, sie haben ihre Be- gründung gefunden in der präadamitischen Zeit. Revolutionen aber sehen wir nicht mehr in der Natur, denn sie dienten nur in der Urzeit zu der ersten Bildung des Erdkörpers, zu der Vorbereitung des Wohn- platzes für den friedlichen Menschen, für welchen Zweck auch ein Untergang und ein Wechsel von Thiergenerationen , ein stufen weises Steigern und Auftreten derselben bedingt war. Dagegen hat der Krieg, die Vernichtung einer und derselben Species unter sich keine Begrün- dung, kein Vorbild in der Natur. Was uns Homer und Aelian, was Oppian und PUnius von den Kriegen der Thiere erzählen, das sind Malereien der dichterischen Phantasie ihrer Zeiten, dennoch sehr natur- gemäss nur im Bereiche verschiedener Arten geschildert, denn die Art in der Natur kennt für sich nur das conservätive Prinzip und die ge- selligen Thiere einer Art lieben einander unter sich vielmehr als die Menschen, daher eine Unnatur, wie der Krieg, unter ihnen nicht und niemals Platz greifen kann. Eine Vernichtung in Masse und dann eine Vernichtung der vollkommensten, kräftigsten und edelsten Individuen untereinander müsste im Plane der Schöpfung, welche auch ihre schwäch- sten und ältesten Individuen, so wie einerseits die Menschheit hierin ihr nachahmt, noch mit oft wunderbarer Sorgfalt erhält, inconsequent, zweck- widrig und selbstvernichtend für die Species erscheinen. Und wirklich nehmen war auch wahr, dass historisch und factisch erwiesen, jedem bedeutenden Kriege im Plane der Vorsehung, um der Menschheit jene , Incohsequenz zu beweisen, als ganz unvermeidliche Wirkung einer Ver- wundung, Verkrüppelung, Zerstörung und Auflösung so vieler Organis- men, Pest und Seuchen aller Art und eine auffällige und factisch nach- gewiesene physische und moralische Schwächung und Verderbniss der Generationen naturgesetzlich streng und sicher gefolgt sind. Wilde Völker haben auf diesem Wege ihre ganzen Stämme vernichtet, nur die friedlichen wie die Samojeden, Grönländer und Lappen haben sich ohne Krieg kräftig blühend erhalten und folglich auch von ihnen sagte La- martine mit Recht: „gebildete Völker führen keinen Krieg." Wohl uns, dass dieser Ausspruch jetzt auch Deutschland gebührt. Die Wissenschaft von der Vernichtung der Menschheit und ihrer Werke ist in der Gegenwart auf ihren Culminationspunkt gelangt, und vielleicht auf diesem endlich wird man dennoch die menschliche Ohn- macht und den wahren Plan der Schöpfung und das Prinzip der christ- lichen Lehre erkennen und jene zu einer conservativen Wissenschaft ftir den Schutz und für die Erhaltung eines allgemeinen Friedens gestalten. 2g Nur zum Schutz uüd zur Vertheidigung von König und Vaterland giebt es einen naturgemässen , geheiligten Krieg. Nur wer dieses Moment erlebt, wird mit Recht sagen können, dass er den sittlichen Fortschritt, dass er die wahre Veredlung der Menschheit, dass er das lebendig ge- wordene Christenthum endlich begrüsste. In ähnlicher Weise ist auch die ganze Natur, dafern wir sie rich- tig verstanden, ein Spiegel der Menschheit und eine grosse und von Gott selbst erschaffene und dem Menschen offenbarte und auf allen «ei- nen Schritten vorgelegte heilige Symbolik, von Christus selbst oft genug als solche gedeutet. Wie soll die Anschauung dieser Natur, die in allen ihren Theilen selbst nur Symbol ist, wie soll sie die Bedeutung der Symbole der Religion schmälern oder gar aufheben können ? Der hoch- erfahrene und allverehrte Alexander von Humboldt sagt in seinem Kos- mos: „Die christliche Richtung des Gemüths ist die: aus der Weltord- nung und aus der Schönheit der Natur die Grösse und Güte des in ihr wohnenden Geistes zu beweisen." — Nur Fanatiker ihres eignen Wor- tes, das sie über das Wort Christi egoistisch erheben, können es ver- suchen, den von Gott selbst gegebenen Commentar seines Wortes ver- achten und vor der Menschheit A'-erbergen zu wollen. Zweitens dürfte im Erfolg des erhabenen Beispiels des verewigten Königs und jener Theilnahme, welche schon Friedrich August I. für die naturwissenschaftliche Bildung der Jugend gezeigt hat, die Zeit heran- nahen, wo endlich einmal, da wo dies noch nicht stattfindet, die wahre und eben wahrhaft segensreiche Kenntniss der lebendigen Natur in die Bildung der Jugend weiter und allgemein eingeführt werde, sobald da- zu die zweckmässige Bildung einer hinreichenden Anzahl sachkundiger Lehrer wirklich vorausging. Wir müssen dies wohl auf das dringendste wünschen, denn die Naturforschung, insbesondere die Erforschung der lebendigen Natur, ist ja der Avahre Schlitz für die Jugend gegen die Fehltritte auf der Bahn ihres Lebens, ja die Naturforschung ist der ver- einte Gottesdienst aller Confcssionen der Welt. Drittens wird diesem Achtung gebietenden Vorgange, der ernsten und hingebenden Beschäftigung eines der edelsten Fürsten mit der Natur folgend, die Naturkenntniss auch wieder öfters das Eigenthum von Privatpersonen werden, sie wird sie vor Müssiggang und nach- theiligen Genüssen, vor unsinnigen Spekulationen und Phantasieen be- wahren, wird sie über ihr eignes Handeln und Wirken belehren und sie aufklären über tausende von Vorgängen im Leben, sie wird ihr Alter er- heitern und auf jedem Spaziergange ihnen eine treue und sie unterhaltend belohnende Führerin sein, wird ihr Urtheil über die Welt berichtigen und mildern und in der Anschauung der Natur sie klarbewusst und gläubig aus tiefster Ueberzeugung zu deren Schöpfer erheben. Sie wer- den darin dem heiligen Willen Gottes selbst folgen, welcher die Man- nigfaltigkeit und Schönheit seiner unnachahmlichen Werke selbst als 27 Mittel zu einer menschlichen Erkenntniss seiner Allmacht und Grösse für alle Menschen gegeben. Zum Schluss kommend, erinnere ich zuerst daran, wie dankbar die Beschäftigung der Musestunden des Königs von denjenigen aner- kannt worden ist, welche den Gegenstand derselben zu schätzen ver- standen. Es ist für jeden strebenden Geist wahrhaft erhebend, wenn eine hochgestellte Person dieselbe Richtung, welcher er sich selbst ge- weiht hat, beachtet vmd würdigt. Aber der ganze, weit über die Fläche der Erde verbreitete Kreis der wahren Naturforscher war mit allem Rechte stolz darauf, dass eine so reine und so in ihrer Art einzige Per- sönlichkeit, wie die des verewigten Königs, mit ihm dasselbe Bestreben getheilt hat. Nicht allein durch viele und grösstentheils ganz anspruchs- lose Zusendungen an ihn selbst gab sich dies kund, sondern ausserdem nach dem Brande im Zwinger durch zahlreiche und zum Theil höchst bedeutende, in mineralogischer Hinsicht an meinen werthen Collegen Prof. Geinitz, in zoologischer Hinsicht an mich selbst gerichtete Send- ungen aus buchstäblich allen, auch den entferntesten Theilen der Erde wurden Zeugen der freudigsten Ehrerbietung für den König und der allgemeinsten Theilnahme bei jenem Verluste und es war uns oft rüh- rend. Beweise der innigsten und anspruchlosesten Liebe darunter ken- nen zu lernen, in einer Zeit, in welcher vnr für die Neubegründung der Sammlungen alles, auch das Geringste aufrichtig dankbar empfingen. So allgemeinen Dank hat der Verewigte sich auch durch seine Theilnahme für seine Anstalten für Naturwissenschaften bereitet. Als nach lauten und heftigen Gegenbestrebungen jene unzweideutigen Be- weise der Anerkennung und Achtung für das Wirken und Fortbestehen der Königl. medicinisch-chirurgischen Akademie in den Kammern der versammelten Stände des Landes ausgedrückt wurden, da war es wohl Niemand mehr, als der König selbst, welcher darüber sich freute, dass diese Anstalt durch seinen hohen x\hnherrn Friedrich August den Ge- rechten, dessen Schöpfungen er immer in treuester Pietät noch kindlich f^rkannte, in weiser Erwägung ins Leben gerufen, bei der stets beschei- denen Stille, in der sie gewirkt hatte, dennoch so wie von ihm selbst, auch von den Ständen anerkannt wurde. Und in der That haben wir auch in andern Staaten nach Aufhebung ähnlicher Anstalten, die Wie- derherstellung derselben mehr als einmal erlebt. Auch die Gesellschaft Isis, in deren Auftrage ich die Ehre hatte, vor ihnen zu sprechen, löst dadurch nur ihre Pflicht des tiefempftmde- nen Dankes, denn durch sein Allerhöchstes Wohlwollen ist sie gediehen, und auf diejenige Stufe der Entwickelung und Theilnahme gelangt, deren sie jezt sich erfreut. Im Jahre 1834 durch den dem verewigten Könige durch sein treffliches Pilzwerk bekannten und von ihm geschätz- ten Naturalienmaler Harzer, welcher auch ftir König Friedrich August I. schon gemalt hatte, frestiftet. hat sip im Lanfp rler ZHt sich weiter ent- 28 faltet und ist die einzige mir bekannte, wissenschaftliche Gesellschaft geworden^ welche in jedem Monate fünf zahreich besuchte Versamm- lungen hält: eine Hauptversammlung für jeden Monat und noch vier Versammlungen für die Sectionen Mathemathik nebst Physik und Chemie, dann Mineralogie, Botanik und Zoologie, als die Hauptwissenschaften gesondert. Es ist die innere Einigkeit und das anspruchlose Walten aller Mitglieder, welche diese Entwickelung unter der immer zugeneig- ten Theilnahme des Königs an den Mittheilungen über ihr Fortschrei- ten und über ihr geräuschloses Wirken, so günstig gefordert. Ich freue mich auch und ich danke herzlich dafür, dass es mir ver- gönnt worden ist, in diesem Saale sprechen zu dürfen, hier an dieser Stelle, von wo ich selbst in den Zeiten der Aufregung mehr als einmal jene noch in der Erinnerung bekannte breite Unterlage und jene An- sichten unbedingter Freiheit und Gleichheit auf die Gesetze und auf die Schranken der von unten bis nach oben sich steigernden, stufenweise orga- nisch gegliederten Natur zurückzuführen versuchte, hier wo man das Wohl der Bürger der Residenz in ernster Weise verhandelt, hier wo stets nur das Gute wollende Männer dasselbe fördern und ausführen helfen und dadurch auch hier die Erinnerung an eine grosse Schöpfung des allge- liebten Königs dankbar und lebendig erhalten. Gewiss handelten die- selben auch ganz im Sinne und im Geiste dieses verewigten Königs, durch die neue Organisation der Realschule in Neustadt-Dresden, durch welche sie das schönste Denkmal ihrer Achtung für die Naturstudien sich selber gesetzt haben. Denn sie haben im reinsten Einverständniss mit den verdienstvollen Lehrern der Anstalt diejenige Harmonie zwi- schen den Naturwissenschaften und den klassischen Studien ins Leben gerufen, welche allein für die praktische Bildung der gesitteten Mensch- heit die entsprechende, ja, welche die wahre Aufgabe der Zeit ist, da die Extreme sich niemals bewährt haben. Denn das Studium der Natur- wissenschaften ohne klassische Bildung führte wohl immer zur anmas- senden Halbwisserei, während das ausschliessliche Betreiben klassischer Studien in der Vorzeit geübt, ohne alle Rücksicht auf die lebendige Natur, gar zu oft nur Pedanten erzeugt hat. Die Erkenntniss des Leben- digen ist es vor Allem, welche uns aufklärt über die höchsten Vorgänge in der sichtbaren Welt, und welche unsere Ahnung einer Welt der Geister in bewusster Weise vermittelt. Genehmigen Sie, hochgeehrteste Herren des Rathes der Stadt und Herren Stadtverordnete, gewiss im Namen aller Mitglieder der Isis, durch mich den innigsten Dank für Ihr Wir- ken durch diesen Zweck, für das Wohl unsrer Bürger. So segnend hat nach allen Richtungen hin der Geist Friedrich August's für uns gewirkt und er wird fortwirken, aber wir beklagen dennoch in tiefster Trauer sein Scheiden von uns, aus seinem liebevol- len irdischen Walten und Wirken. Aber einen Trost hat uns Gott wiedergegeben, welcher eine in gleicher Weisheit regierte Zukunft, eine gleiche Förderung aller Wis- senschaften und Künste, eine gleiche Wahrung aller Interessen, eine gleiche und wahrhaft väterliche Liebe für Alle uns sichert. Ich spreche ihn nicht aus, diesen Trost, denn der Dank und die Rührung dafür er- füllt unsere Herzen und jeder Einzelne von' uns begegnet dem Andern in dem aus tiefster Seele treu und freudig entquellenden Wunsche: ,,Gott erhalte den König, Gott erhalte und beschützte immerdar das ganze hohe Königliche Haus ! " Genehmigen Sie allerseits, hochzuverehrende Anwesende, meinen tiefempfundenen Dank für die theilnehmende Nachsicht, welche Sie meinen schwachen Worten gewährten. Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit. .Prüfet Alles und das Gute belialtet!" Das Erdleben im Ganzen betrachtet, ebenso wie. das Leben eines jeden einzelnen organisirten und zum Subject in diesem Erdleben gewordenen Wesen an sich, kann nur durch Gegensätze bestehen und wird nur durch deren Gegenwirkung in und ausser sich, selbst als lebendig er- kannt. Und wie nur in dieser Weise das Leben im Weltall und das Einzelleben der Organismen seine Entwickelungsstufen zu durchlaufen vermag, ebenso wurde auch das Wissen der Menschen, so lange wir Kunde haben von dem Beginnen irgend eines seiner manigfaltigen Zweige und von dessen lebendigem Fortbilden und Wachsthum, immer nur durch dergleichen bestimmte und oft schroffe Gegensätze gefördert. Gegenseitig einander anregend, wirkten dieselben im Wechselkampfe des Menschengeistes, oft sogar das einzelne Leben bedrohend und ge- waltsam ertödtend, dennoch das allgemeine erhaltend und stärkend für neues Gedeihen. Und alle Wahrheiten gingen auf diesem Wege aus ursprünglichen Irrthümern und Zweifeln hervor, welche abschweifend nach den Extremen verschiedener Seiten, zwischen sich nur erst nach weiser Erwägung und sorgsamer Prüfung, in ihrer Mitte die Wahrheit bedingten. Es waren dann die Momente der wieder eingetretenen, der endlich gewonnenen Ruhe, welche die Wahrheiten als Endresultate der Kämpfe hervortreten Hessen, ja, unbewusster Kampf gestaltete sich end- lich zu klarem Bewusstsein. so Ein Hineinblicke selbst noch in die Fortbildung der Naturwissen- schaften unserer gegenwärtigen Tage, dürfte das Gesagte anschaulich machen, und so wie die Materie von Alters her immer wieder sich auf- lösst und im Wechsel der Stoffe sich zu neuen lebensfähigen Formen organisch verbindet und neu wieder gestaltet, ebenso würde auch wie vom Anbeginn alles Wissens das Walten derselben Gregensätze uns klar machen können, wie nicht minder in der geistigen Sphäre dieselben fortwirken und wie sie weniger an sich neugeboren als nevigestaltet, im altgewohnten Kampfe noch heute verharren und in ihrer Wechselwirk- ung alte Wahrheiten wieder neu beleben und läutern. Aber ein flüchtiger Rückblick nach den übriggebliebenen Spuren jener Bahnen, in welchen das Ahnen und Zweifeln, das Erwägen und Prüfen und das Kämpfen und Wissen der Vorzeit gewandelt, wird allein im Stande sein, einen Vergleich zwischen Altem und Neuem vermitteln zu können, und es wird voraus nothwendig werden, um, wie wir bei der Lebensgeschichte des einzelnen organisirten Wesens immer thun müssen, auch diese Betrachtung einer Richtung des geistigen Lebens von ihrem Ursprünge zu erfassen, um ihre Entwickelung klar begreifen zu können. Das alte, kräftig und kolossal selbstschaffende Volk der Aegypter sah die ganze Natur durchdrungen von übermenschlich göttlicher Kraft und aus Allem was lebte, traten seiner Phantasie göttliche Eigenschai- ten und Kräfte selbstständig wirkend, wieder entgegen. Auch ihre Thierwelt repräsentirte noch Götter und die Verehrung des Ichneumon und Ibis war ebenso auf Dankbarkeit begründet, wie die des durch einen Lichtstrahl in reinster Empf ängniss erzeugten Apis und die des heiligen Ateuchus, welcher als Bild der alljährlichen Verjüngung des Lebens und als Repräsentant der männlichen Kraft seine Kugeln vom Aufgang bis zum Niedei'gang der Sonne durch die Wüste unablässig dahinrollte, auf einer tief im Leben des ganzen Volkes eingewohnten Symbolik beruhte, welche überhaupt der ganze Grund ihrer Naturanschauung und ihrer Götterlehre geworden. So begegnen wir den Aegyptern, als den älte- sten Pantheisten, den ersten uns bekannten Repräsentanten für die An- schauungsweise der Natur im Urgesetze der Dynamik. Ihre Isis im Tempel zu Sais gab insbesondere den Aufschluss über die Bedeutung der subjectiven selbstschaffenden Natur, welche bei ihnen gegolten, denn sie führte die Inschrift: „ich bin was da war, was ist und was sein wird und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gehoben. " — Auch die Griechen begannen ihre Naturbetrachtung und Philosophie in ähnlicher Weise, und der schöne Mythos von der aus den Wellen des Oceanes, aus dem Schaume des Meeres entsteigenden Aphrogeneia , aus deren Fusstritten Pflanzen entkeimten und Thiere entstanden, entfaltet schon den tiefern Einblick in die Bedeutung des Wasserelementes, wel- ches alle spätere Zeiten als die Wiege des Lebens erkannten. Die 81 poetische Empfindung der Zeit schilderte die göttlichen und mensch- lichen Eigenschaften der Thiere und ihren Nutzen, und Homer nennt uns etwa 1000 Jahre vor Christo die Pflanzen und Thiere, welche seine Zeit kennen gelernt hatte. Die Edda schildert uns die Mythologie des Norden, die Genesis von Moses höchst bedeutungsvoll die periodische Schöpfung der Welt in demuthsvoller Anschauung aus dem Gesichts- punkte des Monotheismus, Der uralte Buddhaismus zeigt noch das Eigenthümliche, dass er neben der Uebereinstimmung in Annahme eines unsichtbaren, ewigen, allmächtigen oder allgütigen Schöpfers , den der Mensch, dieser Lehre zufolge, schweigend anbeten soll, die Möglichkeit einer irdischen Vollkommenheit annimmt, die durch Tugend erreicht werden kann, um den Menschen selbst zu einem Buddha oder Weisen zu machen, während für ein unwürdiges Leben nach dem Tode die Seelenwanderung, die Einkehr der Seele in ein entsprechendes Thier anstatt anderer Strafe erfolgte. Die Wissenschaft entwickelte sich vor- züglich aus jenen Ansichten über Gott und über die Welt oder die Na- tur und über den Menschen, welche die Weltw-eisen Griechenlands lehr- ten. Thaies (geb. zu Miletos 684 v. Chr. f 568) lehrte in Jonien den einigen Gott, den er als den Schöpfer der Welten erkannte und als den Oberherrn der Dämonen, wie alles Lebendigen. Er stellte nächst der Gottesverehruug die Selbsterkenntniss als die zweite Aufgabe .an das Leben der Menschen. Aesopns (in Phrygien geb. um 550) lebte am Hofe des Krösus und dichtete Fabeln, in welchen das Leben und Han- deln der Thiere menschlich dargestellt war. Pythagoras (geb. zu Samos 580 vor Chr. f 500) verband in Folge vielseitiger Bildung die Kennt- niss der Natur mit der Mathematik, nannte sich zuerst selbst Philosoph und lehrte die Unsterblichkeit, aber zugleich die Wanderung der Seelen aus einem Wesen in das andere. In Italien führten Xenophanes y Par- menides, Melisses und Zeno die ältere Lehre vom Pantheismus noch ein- mal zur weiteren Ausbildung hin. Democritus (geb. zu Miletos, wurde 104 Jahr alt f 356 vor Chr.) empfand zuerst die Noth wendigkeit das Wesen der Dinge an sich zu analjsiren und jenen gar zu allgemeinen Ajischauungen des Pantheismus eine ihren Innern Zusammenhang er- läuternde Erklärung entgegen zu setzen. Dieser nothwendige und zu weiterer Forschung anregende Gegensatz gestaltete sich in ihm zum Atomensysteme. Die Materie galt ihm als das Wesentliche, und die Endtheilchen oder Atome als die Bestandtheile und Wiedererzeuger der Dinge. Socrates (geb. zu Athen 469, f 399 oder 400 v. Chr.) begi'ün- dete durch seine praktische Lebensphilosophie ein neues Bestreben zu reinerer Anschauung einer allmächtigen Gottheit und trank den Gift- becher, anstatt seiner Lehre zu entsagen in festem Glauben an die Un- sterblichkeit der menschlichen Seele. Piaton (geb. zu Athen 429 oder 430, f 384 V. Chr.) ging aus seiner Schule hervor als prüfender Ratio- nallst. Sein Nachfolger Aristoteles (geb. In Stagira in Maeedonien 384 32 f 322*); der Stifter der peripathetischen Schule, wurde von dem bezau- bernden Eindruck, den die Natur auf ihn machte, gefesselt und von dieser Bewunderung der Schöpfung zur Anschauung und tiefern Erforsch- ung derselben geleitet. Sein gewaltiger Geist geht von dieser Wirklich- keit und von der eignen Erfahrung und Realkenntniss aus und schrei- tet im Gegensatz mit seinem Lehrer Piaton vom Besonderen zum All- gemeinen seine Anschauung steigernd. Aristoteles wurde dabei' wieder Analytiker. Auf diesem Wege wurde Aristoteles der erste, welcher mit klarer Anschauung die organisirten Körper in ihre Theile zerlegte und seine Anatomie ist auch die Grundlage geworden für unsere eigene Kennt- niss des Zusammenhanges und Baues der Formen wie der durch das Dasein und die Eigenschaften der Materie bedingten Phänomene des Lebens, Aristoteles ist darum der erste Begründer einer eigentlich wissenschaft- lichen Naturkunde mit allem Rechte zu nennen. Die Zurückführung aller Erscheinungen in der Natur auf ihre letzte Ursache führte ihn vom Zerlegen des Ganzen in seine Einzelheiten und Theile dann immer wie- der zurück auf die Bedeutung des Zusammenhanges derselben und auf das ewige Lebendige, auf das an sich Unveränderliche und an sich all- ein sich selbst immer Gleiche, auf das immer schaffend bewegende Höchste und Allmächtige, auf die Urintelligenz, auf den einigen Gott, welcher die reinste, nie für sich selbst, sondern immer nur für die Er- haltung und Fortbildung der von ihm ins Leben gerufene Schöpfung, nach ausserhalb wirkende Thätigkeit und darum eben das Urbild der reinsten und vollkommensten Seligkeit ist. Seine ganze praktisch auf- gefasste Philosophie ist ihm nichts anderes, als eine ethische Glück- seligkeitslehre, denn das höchste Gut, die Glückseligkeit, entspringt aus dem reinen Empfinden und Wollen, aus der Wirksamkeit der Seele und in der Darlegung eines reinen und den Grundsätzen der Glück- seligkeit vollkommen entsprechenden Lebens, welches in dieser seiner Vollkommenheit, d. h. eben in seiner Selbstständigkeit und moralischen Freiheit und in unabänderlicher, eingelebter und fortdauernder tiefiuner- ster Neigung und Ausübung des vernünftigsten Begehrens und Handelns besteht. Seine Politik beschäftigt sich nur damit, wie der höchste Zweck des Menschenlebens, wie die Glückseligkeit in der bürgerlichen Gesell- schaft erreicht werden könne. Seine gründliche und ihrer Tendenz nach so treffliche Philosophie wurde schon zu ihrer Zeit als eine so grossartige, ausserordentliche Erscheinung begrüsst^ dass sie sich lange *) Der grosse Hörsaal der Natui-kunde im Zwinger in Dresden war mit den colossalen Portraits von Aristoteles, Linnee, Cuvicr und Okcn geziert, in der Eiuweihungsrede im Jahre 1831 wurde durch die Biographieen und durcli die Betrachtung der Richtung, in welcher diese Männer gewirkt hatten, darüber Erläuterung gegeben. In ähnlicher Weise findet sich auch siebenzehn Jahre später dasselbe Thema in unsrer „Allgemeinen deutschen natur- historischen Zeitung 1847. S. 441." von Sachse behandelt. 33 erhalten und bei Wiederbelebung der Wissenschaften durch die Araber vom Vni. Jahrhundert an wieder vorzüglich gepflegt durch das Mittel- alter hindurch vorherrschend war^ ja^, sie hat ihren unverkennbaren Einfluss auf jii'^ktische Naturtbrschung bis in unsere Tage behalten. Beachten wir aber die Reinheit im Wesen dieser Philosophie, so würden wir befugt sein, Aristoteles — hätte er nach Christus gelebt — einen der trefflichsten Christen zu nennen. Theophrastos (geb. zu Eresus auf Les- bos 370 f 286) einer der ausgezeichnetsten Schüler des Aristoteles, treff- lich als Denker und praktischer Naturforscher, wendete sich vorzüglich der Untersuchung des Pflanzenreichs zu und ist der erste Begründer der Botanik geworden. Mit Aristoteles ging die Forschung der peri- pathetischen Schule wieder unter und für lange Zeit fehlte der Sinn für eine Betrachtung und Erforschung der Natur und ihres Lebens. Die nach Aristoteles weiterhin ihre Lehren ausbildenden Epikuräer und Stoi- ker hatten nur mittelbar Einfluss auf die Kenntniss der Natur und deren Studien, die sie wohl kaum beachteten, sie fanden aber mehr Theil- nahme bei den Römern als des Aristoteles tiefer begründetes und klarer geordnetes Wissen. Zeno's Schule, die Stoiker lehrten, dass nur dem Kör- perlichen, nur der Materie das Fortbestehen, die Subsistenz zukommen könne, nicht aus einer zwecklos erfolgenden Bewegung der Materie, son- dern aus dem vernünftigen Wirken einer allumfassenden Macht leiteten sie die in der Welt bestehende Ordnung der Dinge und die in Perioden erfolgte Schöpfung, sowie den einstigen Untergang ab. Li der Schöpfung unterschieden sie ein actives und ein passives Princip, beide aber im Urwesen zur Einheit verbunden. Die passive Materie wurde durch das active Princip gebildet und lebendig gemacht und diese letztere selbst ist der Wärmestoff, welcher zugleich denkt und will. Aus der ursprüng- lichen Einheit des Urwesens entwickelt sich die Verschiedenheit der Elemente und die Mannigfaltigkeit der Dinge. Die Verbrennung ist der Act, in dem diese Mannigfaltigkeit in die ursprüngliche Einheit sich wieder zurückzieht, sie ist der Grund aller Vergänglichkeit des Lebens und selbst der aus dem Aether gebildeten Seelen der Menschen. Ein unabänderliches Schicksal ist von der Vorsehung zufolge ihrer ewi- gen Gesetze allen Begebenheiten in der Natur, so auch allem indivi- duellen Leben bestimmt. Alle Schöpfung, alle Anordnung und Leitung, alle Erhaltung und Zerstörung geht nur aus von den Vorschriften die- ser Gesetze. Das Leben soll darum naturgemäss' sein, als Vernunftleben die Triebe und Leidenschaften bekämpfend. Ein Gut für das Leben kann nur eine Tugend sein oder das, was zu ihr führt oder aus ihr hervorgeht. Nur diese Güter' sind nothwendig und hinreichend, einen Menschen glücklich zu machen. Ar4stillus und Tlmarchus bestimmten 300 Jahre V. Chr. die Stellung der Fixsterne ziemlich gensiu, Aristarchus (280—264 V. Chr.) berechnete das Verhältniss der Entfernung der Sonne und des Mondes von der Erde und deutete bereits auf die zwiefache .'^.llg', deutsche naturhist. Zeitung-. ,'» 34 Bewegung derselben um die Sonne und um sich selbst. Eratosthe- nes sprach 235 v. Chr. aus dass die Planeten sich in grossem Kreise um die Erde bewegten und Ptolemaeus stellte 120 Jahre v. Chr. die An- sicht auf, dass die Erde feststehe und die übrigen Himmelskörper sich um sie bewegten. Kleanthes zu Assos in Aeolis (etwa 250 v. Chr.) und Chry- sippos aus Kilikien (f in der 143. Olympiade) bildeten die Lehre des Stoicisraus weiter aus und Cicero und Gellius gaben darüber Bericht. Aber noch zur Zeit kurz vor Christi Geburt sang Ovidius (geb. 43 v. Chr., f 17 n. Chr.) seine Verwandlungen von Göttern und Menschen in Thiere und Pflanzen, an den urpoetischen Glauben der Vorzeit in hei- terer Laune erinnernd. Das Auftreten von Christus als Lehrer der Menschheit war von der höchsten Bedeutung für die Anerkennung der Natur und für die rei- nere Erkenntniss Gottes aus der Natur. Sein unablässliches Hindeuten in seiner auf Liebe begründeten Lehre, auf die Erscheinungen in der Natur und auf das organische Leben in ihr, auf die einzelnen Pflanzen und Thiere, seine Gleichnisse vom Senfbaum des Orients, vom Feigen- baum, vom Weinstock genommen und von ihrem Wachsen und ihrem Gedeihen, seine Hinweisung auf die Liebe der Henne für ihre Küchlein und auf die Sorge Gottes für die Vögel unter dem Himmel und auf sein wachendes Auge für den Sperling auf unserem Dache, also im Allge- meinen auf die Fürsorge und auf die Liebe Gottes für seine Geschöpfe, für Alles was lebt, auf ihre Erhaltung durch ihn selbst und auf seine Beachtung des Wohles auch des geringsten derselben, endlich selbst auf ihre Bedeutung als Vorbilder des menschlichen Lebens, mit einem Worte, auf die Wichtigkeit einer Ueberzeugung von der Existenz Gottes, durch die hingebende Anschauung der Natur und durch das Studium der Mannigfaltigkeit ihrer Geschöpfe und der Erscheinungen des Lebens in ihr, ist endlich das klar positive Heraustreten einer Synthese zwi- schen den bis dahin kämpfenden Gegensätzen der dynamistischen und atomistischen Systeme geworden. Die Klarheit der Ueberzeugung von dem eigentlichen Werthe der Objecto, den die Gottheit in deren Dasein und Leben und in ihre Erhaltung selbst legte, war durch Christi Lehre gewonnen und der Glaube daran beruhigte, und machte lebendig für das Beobachten und Forschen. So schliesst sich mit Christus die erste grosse Hauptperiode aller Weltweisheit, aller Naturforschung ab in der wichtigen Lehre : Gott, so wie er die ganze Natur und alle Dinge und Wesen in ihr erschaffen, kennt auch das einzelne und geringste derselben und beachtet es und bleibt für sein JVohl unablässig liebend besorgt. Hier- mit giebt Christus selbst die nachhaltigste Empfehlung eines hingeben- den und gründlichen Studiums der Natur, nach Massgabe der Fort- schritte aller Wissenschaften, welcher durch seine Lehre, dafern wir dieselbe richtig auffassen wollen, niemals begrenzt worden sind. 35 ^ So wie aber die grössten Ereignisse der Zeit so oft ihre mächtig hemmenden Gegensätze gefunden, so wurde auch die reine und einfache christliche Lehre durch Missverständnisse verunreinigt, der Liebe wurde der bitterste Hass entgegengesetzt und so führte die grausame Verfolg- ung der Christen zum Märtyrerthume. Jener schöne Frieden, welcher durch die Lehre Christi zwischen Geist und Materie durch die Ueber- zeugung von der dauernden Fürsorge Gottes hergestellt war und welcher vorbereiten sollte für ein künftiges, ewiges Leben, dieser wurde gestört und jene reine Harmonie wurde für eine Zeitlang gänzlich wie- der gehemmt und die Bekenner der christlichen Lehre besiegelten in vorzeitiger Lösung der Materie vom Geiste die Treue für ihren Glau- ben. Auch diese frommen Selbstopfer stimmten sich in einen Gegen- satz um und gegen den klar ausgesprochenen Willen Christi selbst wurde auf diesem Wege alles Körperliche, alle Natur verachtet und er- tödtet, endlich auch ohne Verfolgung der eigne Körper verflucht, ka- steiet und zerstört. Nur der Geist allein sollte leben und der himmlischen ewigen Seligkeit vor der Zeit theilhaftig werden. Jener Anspruch yJ/o^'^ij ; Gott habe die Natur selbst erschaffen und alle jene Hindeutungen auf die Heiligung des Leibes und jene bestimmten Aussprüche von Christus über den Werth der Natur und über die Fürsorge und Erhaltung selbst der geringsten Geschöpfe durch Gott, waren mit einemmale vergessen und alles Körperliche war im Geiste dieser stockfinsteren Zeit dem Teufel verfallen, so natürlich auch die Anschauung der Natur, dieses nunmehr auf einmal vermeintlichen Werkes vom Teufel. — So haben wir hier im Märtyrerthume und in den Casteiungen abermals die äus- serste Höhe der schroff getrennten Dynamistik erreicht, sie sondert feind- lich und gewaltsam die Materie eigenmächtig vom Geiste, sie will den Geist allein leben und glückselig sein lassen, sie vergisst, dass die Gott- heit selbst ihm seine Zeit gesetzt hatte, für seine Abhängigkeit von der Materie, für seine Läuterung und Prüfung und dass die Aufgabe, für die Menscheit, für den Glauben zu sterben, bereits durch Christus ge- löst war. Für unsern Zweck erscheint dies Moment als vorzüglich wichtig, denn es erklärt den Untergang der Wissenschaft und der Na- turwissenschaft insbesondere und eine antichristliche Verdammung der- selben durch eine gewisse Richtung der Theologie, bis auf den heutigen Tag. Parallel mit ihrer unchristlichen Gleichbedeutung der Natur, als des ursprünglich Bösen, verläuft auch die Wiederbelebung des Teufels, dessen Macht Christus durch seine Liebe gebrochen und gänzlich zerstört hatte. Kaballa und Theosophie sind Mutter und Stiefmutter von dieser Lehre. Plinius (zu Neocomum geb. 23 n. Chr. f 79) giebt von Rom aus in seiner voluminösen Naturgeschichte eine reiche Compilation aller An- schauungen, Phantasien und Fabeln über Natur und Menschenleben, M^elche vom Alterthum her bis in seine Zeit hin, bis unter die Regier- ung des die Naturkunde begünstigenden Kaisers Augustus entstanden waren, mit vielem Fleisse extrahirte und verarbeitete Berichte, ohne eigne Kritik. Pedaklos Dioscorides von Arazarhus in Kilikien, lebte gleichfalls im ersten Jahrhundert nach Christo, wirkte als Botaniker für Arznei- kunde, er studirte die Gewächse und ihre Kräfte und sein Werk wurde und blieb das Orakel durch sechszehn Jahrhunderte hindurch, in denen es immer neue, endlich illustrirte Ausgaben erlebte. Claudius Plolomaeus aus Pelusium in Aegypten, lebte in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Alexandrien. Als Mathematiker und Astronom schrieb er vorzüglich seinen AI mag es l in Xu. Büchern, und hat zuerst geometrische Landchar- ten gefertigt. Galemis zu Pergamus in Kleinasien geb. 131, f in Griechen- land 200, schuf ein philosophisches System der Medicin und hinterliess seinen Ruhm als Kenner der menschlichen Natur und als Arzt. Clau- dius Aelianus (in Praeneste geb. 225) als Römer griechisch erzogen, schrieb über die Natur der Thiere in griechischer Sprache und Oppia- nus unter dem Kaiser Septimius Severus besang das Leben der Fische und schrieb ihnen menschliche Ueberlegung zu imd menschliches Handeln. Im V. Jahrhundert erregte Merchinemetis Merlin, geb. zu Carmarthen, als Zauberer und Weissager und deshalb als Freund und Rathgeber der Könige Britanniens gewaltiges Aufsehen und stieg auch noch aus seinem Grabe um zu Weissagen wieder empor. Im VI. und VII. Jahrhun- dert nach Untergang des westlichen Kaiserthums, als neue Staaten, neue Sprachen und Sitten in Europa entstanden, hörten die Schu- len der heidnischen Philosophen auf. Ebenso hatte der Priester- geist in seinem Bestreben in den christlich gewordenen Ländern mit exclusivem Fanatismus gepredigt und Partheien erzeugt, und Wissen- schaft und Künste waren verfallen. Ueberreste verblieben allein unter dem griechischen Kaiserthum sichtbar und das Studium der grossen Geister der Vorzeit ging dort nie gänzlich verloren. Das Mittelalter, die Zeit von der Regierung (768) Karl des Grossen (geb. in Achen den 2. April 742, daselbst f 28. Januar 814) bis zur Reformation bereitete ein neues Aufblühen der Wissenschaft vor. Der mächtige Beförderer des Christenthums hob auch den Zweck und die Bedeutung der Schu- len und berief in sein deutsches Reich gelehrte Männer aus Italien und England herbei. Ackerbau und Handel blühten auf und Wissenschaf- ten und Künste gingen mit ihnen Hand in Hand. Indessen mögen wir als einflussreich auf Naturkunde erst die Araber im VIH. Jahrhundert nennen, unter diesen vor Allen andern Ebn Sina oder Avicenna (geb. zu Bokhara 978, f J036 zu Hamdan), welcher wie vormals Galen ein philosophischer Arzt war und Schriftsteller als Philosoph und als Arzt. Ihm folgte Averrhoes (geb. zu Cordova in Spanien 1149, f 1217 zu Mar- rokko), unter den Arabern der berühmteste Philosoph, wurde auch des Verdachts der Ketzerei wegen, im Vorausschreiten über die Grenzen des Geistes der Zeit, seiner Aemter entsetzt, verbannt und in Fez zur Busse verurtheilt, worauf der hochherzige Kalif Al-Mansw (von 753 bis 775 regierend), der Erbauer von Bagdad, ihn wieder in Schutz nahm. Er war ein neuer Aristoteles, welchen er selbst für den grössten Philo- sophen aller Zeiten erkannte. Schon seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts ging alle Weisheit aus den Klosterschulen hervor. Wäh- rend des Vn. und VIII. gelten die in Irland für die besten Pflanz- schulen des Christenthums und in der ersten Hälfte des IX. Jahrhun- derts war in Irland Joh. Scotns Erigena geboren", welcher wieder als Kenner der griechischen Sprache auftretend, die Alten studirte und un- ter andern auch eine Eintheilung der Natur schrieb, die (De divisione Natiirae Üb. V. 1681) erst spät erschien. Wahre Religion und wahre Philosophie galten ihm als ein und dasselbe und die Körperwelt war ihm aus geistigen Principien entstanden. Die Natur ist ihm 1) welche schafft und nicht erschaffen wurde, 2) welche ei'schaffen worden ist und erschafft, 3) erschaffen worden ist und nicht erschafft, 4) welche nicht erschaffen worden und nicht erschafft. Albertus Magnus {zw Lauingen in Schwaben geboren 1193, nach And. 1205, f 12S0 in Köln) lehrte in den Dominikanerschulen zu Hildesheim, Regensburg, Köln und Paris und leuchtete durch seine ausserordentlichen Kenntnisse in der Chemie und Mechanik seiner Zeit voran, er schuf unter andern einen reden- den Kopf und zeigte Wunderwerke, welche Kunde gaben von seiner Kenntniss der Natur und von seiner Herrschaft über die Kräfte der- selben. Sein „opus de animaUbus" erschien in Folio in Rom 1478. Die bis in diese Zeit herrschende Scholastik war an bestimmte Lehrformeln gebunden, ohne erlaubte Läuterung oder Erklärung durch Geschichte und Sprachkunde, am wenigsten durch Naturkunde und Psychologie, daher auch gänzlich ohne Kritik, allein auf den Auctoritätsglauben be- schränkt und durch ihn beherrscht. Roger Baco (geb. zu Sommerset- shire 1214 f 1292"), ein grosser Gelehrter seiner Zeit, vereinte Natur- forschung und Mathematik. — Christoph Columbus bei Genua geb. 1436 t 20. Mai 1.506, entdeckte im Jahre 1493 San Salvator und Cuba und später Amerika's Festland, als eine für die damalige Kenntniss neue Welt. — Nicol. Koperniciis fgeb. 19. Febr. 1473 in Thorn, f 29 Mai [11. Juni] 1543) entdeckte die wahre Bewegung der Erde und des Planetensystems, sowie es mit weiterer Ausführung noch jetzt gilt. Durch den in seltener Weise kraftvollen und für Wahrheit glühen- den Augustinermönch Martin Luther (geboren in Eisleben 10. Nov. 1483 t 18. Febr. 1546 ebend.) wurden die Geister von der spitzfindigen Scho- lastik wieder entfesselt und die Forschung für alle Wissenschaften neu wieder belebt. Seine Sprachkenntniss machte es ihm möglich aus den Quellen zu schöpfen und die treue Rückkehr zu ihnen gestaltete seine Ansichten eben so rein, so dass er die durch die Scholastik eingeführten Irrthümer von der Wahrheit zu sondern vermochte. Aristoteles erhabenes und auf die Glückseligkeit der Menschheit berechnetes Lehrgebäude er- griff ihn so tief, dass er in Erfurt, nachdem er Magister geworden, zu- 38 erst über diesen Vorträge hielt. Denken wir an den weiteren Zustand der Literatur der Naturkunde seiner Zeit, so finden sich nur die Fabel- bücher von Aesop und von Oppian, so wie die fabelreichen Naturge- schichten von Aelian und Plinius als solche vor und auch Luther erfreut sich dieser Gleichnisse, welche sich in ersterein bestreben das Menschen- leben im Thierleben wieder zu finden. *) — Unter dem Titel Ortus Sani- iatis erschien im Jahr 1491 in Mainz ein Foliant in Mönchsschrift mit zahlreichen Illustrationen in Holzschnitt, die damals bekannten und zum Theil fabelhaft angenommenen Pflanzen und Thiere und Mineralien dar- stellend und ihre Kräfte erläuternd, zugleich mit Abbildung aller für Heil- ung vorzunehmenden Operationen und technischen Prozesse zum Theil offenbar abergläubischer und magischer Art, wie z. B. das Herausschneiden gewisser Steine aus dem Gehirn der Adler u. a. Thiere. — Lange waren die Hindernisse für Zergliederung menschlicher Leichname unübersteig- lich gewesen und die Anatomie begann nicht als eigentliches Wissen, sondern mehr als Vermutliung von Analogieen mit dem thierischen Körper. **) Die Zergliederung von Schweinen und wo es das Glück wollte von Affen, bot eine hypothetische Annahme vom wahrscheinlichen Baue des menschlichen Körpers und jene ersten Zeichnungen, jene Holz- schnitte und noch die ersten Kupferstiche der Italiener wurden schema- tische Darstellungen für ein Verständniss der weitläufig beschriebenen Haupttheile des menschlichen Körpers, dennoch zum Theil kaum zu entziffern. Aber die Richtung in der Forschung des ärztlichen Standes auf Enthüllung der Wahrheit schritt in ihrer angeborenen Liebe zur bildenden Kunst immer vorwärts und im Mittelalter gestaltete sich ihre Anschauung grundsätzlich als Verein von Bild und Symbol. Am Ende des XV. und zum Anfang des XVI. Jahrhunderts war es, wo die schöne Kunst, die grosse Schule der Maler, Bildhauer und Architekten, auch mit den Aerzten Hand in Hand ging. So sehen wir als Repräsentanten jener ersten und ältesten Richtung die noch rohen Schematismen von Ketham und Hundt. Aber bald schuf der Bedarf der bildenden Künstler an anatomischer Kenntniss die Kunstanatomic , zu schöner und befriedi- gender Darstellung vorzugsweise der allgemeinen äussern Formen und der Muskeln und die Anerkennung des Skeletes , als des Typus und Grundgerüstes, im Baue des Ganzen, wie wir dieselbe Leonardo da Vinci geb. zu Vinci 1452, f 1519 zu St. Cloud, Michel Angelo Buonarotti geb. 1569 zu Caraveggio, f 1609 in Rom, Raffaelo Sanü und dem eigent- lichen Anatomen Marco Antonio della Torre verdanken. Ihnen folgten die Restauratoren in Darstellung eines individuellen Leichenbefundes, es erschienen die fliegenden Blätter mit Darstellung des vorliegend ge- gebenen, mit wörtlicher Erläuterung versehen und die Kunstkenntniss *) Vgl. Luthers siimmtliche Schriften herausgegeben von Walch. Band XIV. 1744. Seite 1365. — **) Vergl. Chaulant die ältesten anat. Abbild. Leipzig 1853. 09 offenbarte sich dabei sichtbar, wie z. B. die Leistungen von Jacoh Beranger von Carpi dies deutlich bewiesen. Hermolaus Barharus (zu Venedig geb. 1454, t 1494), Nicolaus Leonicenus (geb. in Lunigo bei Vicenza 1428, f 1524 zu Ferrara) wurden wieder Commentatoren und Verbesserer des Plinius. Georg Agricola (Bauer, geb. in Glauchau 24. März 1490, f den 21. Nov. 1555) Rector in Zwickau, dann Dr. der Medicin und practischer Arzt in Joachimsthal und von 1531 Stadtphysikus in Chemnitz, wurde der Schöpfer des Bergbaues und der wissenschaftlichen Mineralogie in Deutschland. Tycho de Brake zu Kundstrop in Schonen geb. 4. Dec. 1546, f 13. Oct. 1601, wendete sich aus Bewunderung darüber, dass die vorher berechnete Sonnenfinsterniss am 21. Aug. 1560 genau zu dem angegebenen Zeitpunkte eintrat, zur Astronomie, wo ihm König Fried- rich II. die Sternwarte Marienberg bauen und mit allen nöthigen Appa- raten versehen Hess. Im Jahr 1599 ging er unter Kaiser Rudolph nach Prag, wo ihm das Schloss Benach bei Prag als Sternwarte einge- richtet wurde. Er beobachtete sehr genau, glaubte aber das Koperni- kanische System wieder einführen zu können. Fabius Columna (geb. in Neapel 1567, f 1650) hat in seinem Phytobasanos, Neapel 1592, bereits auf von ihm selbst geätzten Metallplatten zu seinen Pflanzenabbildun- gen Zergliederungen der Blüthen gegeben. Giordano Bruno, geb. in Nola im Neapolitanischen, Domikanermönch, trat in Paris 1583 als Gegner der aristotelischen Philosophie auf, lehrte dann in Wittenberg, Helmstädt, in England und wieder in Padua. Hervorragender Genius dieses Jahr- hunderts xwurde Franz Baco, Lord von Verulam (geb. 22. Juni 1560 (1561 ?) f 1621, n. A. 1626?) Unter Jacoh I. angesehener Staatsmann, endlich Grosskanzler des Reiches, auch Viscount von St. Alban, schrieb er ein berühmt gewordenes Werk : novum organon scientiarum s. iudicia vera de inierpretaüone naturae, London 1620, welches auf Verbesserung der Na- tui'forschung durch Selbstdenken, Selbstbeobachten und Selbstforschen, also durch Befreiung von dem Autoritätsglauben lebendig anregend wurde. Als Object der Philosophie stellt er auf: Gott, Natur und Mensch und bedeutungsvoll nennt er die Naturgeschichte die „prima materia philosophiac." — Schon vor Baco's Zeit wurden bessere anschau- liche Hilfsmittel für das Studium der Naturkunde geboten. Galilei in Pisa 1564 f 1642, führten die Schwingungen einer Lampe im Dom zu Pisa auf die Gesetze des Pendels, welche sein Sohn und der Hol- länder Huygens zur Construction der Pendeluhren benutzte. Seine Werke über zahlreiche Forschungen erschienen erst nach seinem Tode. Johann Keppler in Weil geb. den 27. Dec. 1571, f 15. Nov. 1630, gab als Astro- nom durch sein Planetensystem die Grundlage für spätere Entdeckungen und Combinationen, insbesondere für Newton. — Erst 1620 hatten Con- rad Drebbel und Zacharias Jansen die Kunst Vergrösseruugsgläser als Linsen zu schleifen erfunden und durch diese Kunst war der Natur- forschung ein neuer Fortschritt bezeichnet. Für Zoologie bethätigten 40 sich eifrig William Rondelet, geb. in Montpellier den 27. September 1507 t 1566 den 30. Juli: HippoHlo Salviani zu La Citta cli Castello an der Tiber geb. 1514, j 1572 in Rom, und Pierre Belon, welcher in Paris eine histoire naturelle des jioissons etrangers 1551 und ein Buch über Wasser- thiere überhaupt 1553 herausgab. Alle drei begründeten die Kenntniss der Ichthyologie. Die illustrirten zoologischen Werke hatten vorzüglich mit Conrad Gesner (geb. in Zürich 1516, f 1565), welcher Arzt und Naturforscher war, durch seine Historia animalium oder „Thierhuch" eine bedeutende Stufe gewonnen, ebenso wie für Botanik mit Otto Brtmfels, 1530 — 40 zuerst in Augsburg erschienene „Herharum vivae icones" und dann 1532 — 37 zu Strassburg deutsch herausgegebenen „Conterfeyt Kräuterbuch '^ (er starb vor Herausgabe seiner Werke 1530) eine lange fortgesetzte Reise von Kräuterbüchern begonnen, welche theils im Cha- racter von Bearbeitungen der Arzneigewächse oder zum Theil als Floren wie von Euricius Cordus (f 1535), Valeriits Cordns (f 1544), Hieronymus Tragus {Bock f 1554), Leonardus Fuchsins (f 1566), Clusius {Charles de l'Ecluse f 1609) und vielen Anderen, bis dieselben endlich sich wieder als allgemeine Sammelwerke für das bis dahin erlangte Wissen durch Tahernaemontanus {Theodor von Bergzabern f 1590) New vollkommen Kräuterbuch Francf. 1588- — 90, Johann Bauhin (f 1613) und Caspar Bau- hin (f 1634) als Historia plantarum universalis, Ebroduni 1650 — 51, oder als Phytopinax Basel 1596 und Pinax Theatri hotanici Basel 1523 — 1563 gestalteten, während durch Robert Morison (f 1683) als Historia plan- tarum universalis Oxon. 1678 — 80 ein dgl. reich illustrirtes Werk bereits mit in Kupfer gestochenen Tafeln erschien. Georg Marcgraf, geb. in Liebstadt 1610, f 1644 in Afrika, reiste aus Eifer für Naturkunde 1636 nach Brasilien, wo er sechs Jahre lang sammelte und beobachtete und der erste Naturforscher war, welcher die Naturprodukte dieses Landes kennen lehrte, indem er mit seinem Begleiter JV. Piso aus Leyden sie bearbeitete, welche doch erst 1648 und 1658 erschienen. Schon gegen Ende des XVI. Jahrhunderts wurde ein Umstand Avichtig für die Betrachtung des Himmels, im Jahr 1590 spielten die Kinder des Q-ptiker Zacharias Jans- sen in Middelburg mit vorhandenen, aus Kieselerde und Potasche gefer- tigten Glaslinsen und setzten sie in einer Röhre zusammen, was die Veranlassung zur Erfindung der Fernröhre wurde, doch erst im Jahr 1758 wurde das erste achromatische Fernrohr durch Dollond vollendet. Ulysses Aldrovand, in Bologna geb. 1527, f 1605, erkannte bereits für Zoologie dieselbe Nothwendigkeit durch seine Opera omnia in XIII. vol. Bononiue 1599 — 1643, das bis dahin bekannt gewordene über einzelne Thicre zusammenzufassen und wurde auf diesem Wege nun der zweite iconographische Compilator für Zoologie. Joh. Bapt. van Helmont in Brüssel geb. 1577, f 1644 den 30. Dcc, war Chemiker und Arzt, wel- cher mehrere Arzneiformen entdeckte und über geistige wie physische Bildung des Menschen seine eigene Ansichten hatte. Neben der Seele JJie allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- lichen Kreis von Ätitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, so dass hiermit der erste Jahrgang der neuen Folge erscheint. Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- sondere Paginirung abgesondertes Literaturblatt der ISIS wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa's woh- nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit ►Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gegenständen für Tausch und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post unter der Addresse: „Für die allgemeine deutsche Natuiiiistorisclie Zeitan^'^ Dresden : oder Hambukg : nofbuchhandlung von Kud. Kuntze Ycriagsbuchliandiung von (Hermann Burdach). Rudolf Kuntze. Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der Jahrgang der allgemeinen deutschen Xaturhistorischen Zeitung; aus 12 Heften bestehen wird, — der Preis des Jahrganges, zu dessen ganzer Abnahme man sich verj)tlichtet, auf 8 Tlialer festgestellt ist, — und dass ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann Burdach) in Dresden , Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu empfangen. Rudolf Kuntze, ^l•lia,!rsl)llfllllall(llulls i" lliimburs und Leipzig. Orcsiion, liruik dor K.lnisl. Ilofl.uchiliuckoici von C. C. McinljOkl k Sohne. Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Tiilr. I. Band. No. 2. ^ Allgemeine deutsche MiirhistorMe Zeitung. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verhindung mit answürtigen nnd einheimischen Gelehrten herausgegeben von Dr. Adolph Drechsler. Nene Folge: erster Band. 2. m. INHALT. Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung- im Laufe der Zeit. Von Hofrath Prof. Dr. Rcichcnhach. Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig. Von Dr. Müller daselbst. Literatur -Blatt der Isis. mwr HAMBURG, Verlag von Rudolf Kuntze. 1S55. Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbachhandlong von Rud.Kontze (Herrn. Burdach.) ^^^" Siehe die Seiten de.s Umschlags. liillliyb ^it iäf 41 nahm er noch einen „Archeus" im Magen an, den er als den Grrund der körperlichen Thätigkeiten erkannte, während der Seele nur die phy- sische Thätigkeit zukomme. Die einzelnen Körpertheile hatten ferner ihre untergeordneten Archei, welche ihrem oberen Archeus gehorchten. Diese Lehre war gleichsam ein Vorläufer für die Erkenntniss der Gang- lien und des sympatischen Nerven. Auch sein Sohn Franc. Mercur V. ff., geb. 1618, t 1699, trat in die Bahn seines Vaters, studirte noch Theosophie und suchte den Stein der Weisen. William ffarvey, geb. in Falkstone 1578, f 1657 den 3. Juni in London, das. Prof. der Anatomie und Chirurgie am Medical College und späterhin Leibarzt Karls I. Er erwarb sich um die Begründung einer wahren Erkenntniss des anima- lischen Lebens grosse, seiner Zeit weit vorgreifende Verdienste. Wir nennen nur 1) die Feststellung des wahren Vorganges im Blutumlaufe: „Exerciiatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalihus Francof. 1628. ed. 1. Lugdhat. 1737. dann 2) die Bestätigung seines Grundsatzes ; „omne vivum ex ovo" also die schon damals gegebne Wiederlegung der „generatio aequivoca durch seine Schrift: ,jExercit. de gener atione anima- lium. London 1651. Amstelod. 1652. Otto von Guericke in Magdeburg, geb. den 20. November 1602, f 11. Mai 16S6 in Hamburg, wurde der Erfinder der Luftpumpe so wie einer Luftwage und der erste, wel- cher andeutete, dass der Lauf der Kometen bestimmbar sei. — Als Chemiker dieser Zeit zeichneten sich aus : Bohn, Prof. der Med. in Leip- zig, geb. 1640, durch seine chemischen Erklärungen der Physiologie; Joh. Joach. Becker, geb. in Speier 1625, f 16S2 in Leyden, Leibarzt des Churfürsten von Mainz und Baiern. Seine „Phtjsica subterranea" verband Physik und Chemie mit der Mineralogie und er wurde eigentlich der erste wissenschaftliche Chemiker. Georg Ernst Stahl, geb. in Anspach 1660, f 1734 als Leibarzt in Berlin wurde Schöpfer des phlogistischen Systems und Entdecker der Eigenschaften vieler chemischen Körper, er hat überhaupt weitere Schritte zur wissenschaftlichen Begründung der Chemie vorwärts gethan. ffermann Boerhaave , geb. in Leyden 13.Dec, 1668, f 1738 den 23. Dec, Prof derMedicin, Botanik und Chemie, der weltberühmteste Arzt seiner Zeit, war der erste, welcher die chemische Analyse der Pflanzen versuchte. Auch Friedrich Hoffmann, geb. in Halle den 19. Febr. 1660, f 1742 den 12. Nov., Professor derMedicin und be- rühmter Arzt in Halle, wurde einer der ersten Vereinfacher der Arz- neien als besserer Kenner der chemischen Eigenschaften der Stoffe. — Eine decorative Richtung bemächtigte sich in dieser Zeit aller Darstell- ungen für die Natur. Selbst die Anatomie blieb von derselben nicht frei und die Anatomen Rosso und Charles Etienne stellten die aufge- schnittenen menschlichen Figuren lebendig dar, in Umgebung kostbarer Mobilien und Gewänder, die aufgeschnittenen oder herausgenommenen Theile ihres Körpers selbst haltend und der Anschauung bietend. — Tüchtige Vertreter zählte bereits die Philosophie. Paid. Hausmann Agricola Allg. deutsche naturhist. Zeitung-. A 42 lehrte schon von 1482 an als Professor in Heidelberg wieder die reine Philosophie des Aristoteles, seine Opera, cura Alardi erschienen aber erst 1539 in Köln. Rene des Cartes {Renatus Carlesius , geb. im Hag 1596, t 1650 in Stockholm) wurde nach der scholastischen Zeit und nach Vorgang von Petrus Ramus , Bern, Telesius , Franciscus Patricius, Jordamis Brunus , Thotnas Campanella und Baco von Verulam einer der ersten, welche durch ihre Vorgänger erleuchtet, ein originelles System der Philosophie schufen. In naturhistorischer Hinsicht ist hierbei zu bemerken, dass er die Verbreitung und Einwirkung der Seele über alle Theile des Körpers erkannte, dessenungeachtet aber glaubte einen Cen- tralpunkt in demselben annehmen zu müssen, von dem die Thätigkeit der Seele ihren Ausgang genommen und dafür galt ihm die Zirbeldrüse, als das tiefste, unpaarige Organ im Gehirne. Thomas Hobbes (geb. in Malmesbury in der Grafschaft Witten 1588, f 1679) schuf als berühmter Jurist eine auf das Wissen von der Natur und dem Staate beschränkte Philosophie, indem er die Lehre von Gott von ihr ausschliesst, da nur die Untersuchung erzeugter Objecto der Gegenstand philosophischer Forschung sein könne. Dessenungeachtet ist seine Naturphilosophie selbst nur beschränkt auf Mathematik und Physik. Baruch v. Spinoza (geb. in Amsterdam 1 632, f in Prag, seine nachgelassenen Werke erschienen in Amsterdam 1677), unterscheidet einen vollkommenen unsterblichen Theil des menschlichen Geistes durch welchen wir handeln, die Intelligenz von einem vergänglichen, der Einbildungskraft, durch welche wir leiden und nimmt eine absolute Nothwendigkeit an, durch welche also ein pantheistisches Prinzip die Freiheit des menschlichen Willens begren- zen und aufheben würde. Joh7i Locke (geb. zu Wrington bei Bristol 1632, f 1704) ein edler, frommer, streng wahrheitsliebender, humaner Character und sorgsam prüfender Geist, in welchem vorzüglich die An- schauung der Entwickelungsstufen von Körper und Geist so klar her- vortritt, dass er auch über Erziehung der Menschen erfolgreich gedacht und geschrieben. Er setzt die Vernunft als Richterin ein zur Entscheid- ung zwischen menschlicher Erkenntniss und göttlicher Offenbarung. — Der ausgezeichneteste in der Reihe der Philosophen dieses Abschnittes war Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibnitz (geb. in Leipzig 3.^ Juli 1646, f, 14. Nov. 1716 in Hannover), er wurde der Gründer einer eigenthümlichen Schule der Philosophie in Deutschland. Seine Kenntnisse waren wieder umfassender als die seiner Vorgänger, namentlich sind seine Ansichten über Atomistik nach vielen Seiten durchgeführt und „Kraft" nennt er den wesentlichen innerlichen Grund der Veränderung. Die im XV. Jahr- hundert durch den Niederländer Janssen oder den Neapolitaner Fontana stattgefundene Erfindung des Mikroskops und die Entdeckung der In- fusionsthierchen durch Anton von Leuwenhook, wirkte durch ihre Ermög- lichung einer Anschauung dieser bis dahin unsichtbar gebliebenen Welt für Jedermann, auf eine so bezaubernde Weise, wie es scheint auch auf 48 Leibnitz, dass derselbe sein ganzes System des körperlichen Seins auf das Bestehen aus Theilchen der vormaligen Atomen, die er Monaden genannt hat, begründete, und die Saamenthierchen in so weit dieselben von höheren Thieren bekannt waren, bereits als die präexistirenden Em- bryonen der Organismen ansähe, welche durch die Empfängniss eine neue Hülle erhielten. Die vergleichende Anatomie erkannte er bereits als die lebendige Seele der ganzen Naturgeschichte der Thiere. Ge- lehrte Zeitgenossen von Leibnitz waren insbesondere Newton und W. V. Tschirnhuusen. Während für die Physik früher Kopernikus , Tycho de Brake gewirkt und Baco von Verulam die reine Beobachtung der Natur nachdrücklich empfohlen, während Galiläi, Keppler und Giardino Bruno als Märtyrer der Wissenschaft und der Wahrheiten gefallen, die sie entdeckt hatten, bildete Cartesius unter glücklicherem Verhältnisse die Wissenschaft weiter und gegen Ende des Jahrhunderts trat Newton auf, geb. in Woolstrope in Lincolnshire den 25. Dec. 1642, f 20. März 1727 in London. Er erfand im Jahr 1664 die Infinitesimalrechnung, entdeckte eine neue Theorie des Lichts und der Farben und die Gesetze der Schwere, und erntete vorzüglich durch sein Werk Philosophiae natura- lis prinöipia mathematica einen unsterblichen Ruhm. Ferner der be- rühmte Mathematiker und Naturforscher Walther von Tchirnhausen (geb. in Kieslingswalde in der Oberlausitz 1651, -j- 1708), suchte die Logik zu einer auf Selbsterkenntniss des menschlichen Geistes und auf feste Re- geln begründeten Methode der Entdeckung der Wahrheit und Ausbildung der Wissenschaft zu erheben und Christian Thomasius (geb. in Leipzig 1655, f 1728), Prof. der Jurisprudenz in Halle, erwarb sich das Ver- dienst die Philosophie durch verständlichere Darstellung, sogar zum Theil durch Benutzung der deutschen Sprache populärer i:u machen. Christian Wolf (geb. in Breslau 1679, f 1754) von 1707 an Prof. der Mathematik zu Halle, hatte sich durch sorgfältiges Studium seiner Vor- gänger gebildet und vereinte deren Ergebnisse vorzüglich auf synthe- tischem Wege in ein gründlich und scharfsinnig durchgearbeitestes System, welches bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhundert sein Au- sehen behielt. Einer der zahlreichen für die Ausbildung der Natur- kunde wichtigen Sätze in diesem Systeme ist auch der: „Jedes einfache Ding stimmt mit der ganzen Welt zusammen und darauf beruht die Vollkommenheit der Welt, und jedes hat in seinem Innern Zustande eine besondere Beziehung auf die übrigen." Georg Friedrich Meier (geb. in Ammendorf im Saalkreise 1718, f in Halle 1777), wendete als Professor der Philosophie in Halle seine Beachtung in so besonderer Weise der Thierwelt zu, dass von ihm ein Werk unter dem Titel „Versuch eines neuen Lehrgebäudes von den Seelen der Thiere" Halle 1756 erschien. Er war nach Alesandei- Gottlieb Baumgarten (geb. in Berlin 1714, j 1762 als Prof. der Philosophie in Frankfurt an der Oder) dem Schöpfer der Aesthetik, der letzte berühmte Philosoph in der Richtung von Wolf. 4* 44 Auch. Etienne Bonnot de Candillac (geb. in Grenoble 1715, f 1780) früher in den Ansichten von Locke sich als scharfsinniger Denker bewährend, machte später vorzüglich die Weise wie alle Seelenthätigkeiten aus den Sinneswahrnehmungen ursprünglich hervorgehen und sich weiter ent- wickeln zum Gegenstande seiner Untersuchungen und gab einen „Traue des animaux Amstelod. 1755, 2 Bände in 12., worin er den Umfang und die Beschaffenheit der Seelenthätigkeiten der Thiere schildert und ihnen eine menschenähnliche Einsicht beilegt, welche nur zufolge des Mangels einer ausgebildeten Sprache und der willkührlichen Richtung der Auf- merksamkeit mehr beschränkt sei. Der Hauptzweck war die Wider- legung von Des Cartes, welcher den Thieren die Seele absprechen wollte. Hierbei spricht er sich bereits gegen die Anmassung der Metaphysiker aus, welche in alle Geheimnisse der Natur, in die verborgensten Ur- sachen für das Wesen der Dinge eindringen wollen. — Johann Jacob Scheuchzer in Zürich geb. 1672, f 1733 als Prof. der Mathematik und Stadtphysikus daselbst und dessen Bruder, Joh. Scheuchzer, daselbst geb. 1684, f 1738, Prof. der Naturgeschichte und Stadtphysikus in Zürich, machten sich beide um die naturhistorische Kenntniss der Schweiz ver- dient, letzterer bearbeitete zum erstenmale monographisch gründlich die Gräser und der ältere Bruder war einer der ersten Naturforscher, welche sich mit wahrem Ernst der Untersuchung der Versteinerungen zu- gewendet haben. — Bereits hatte Francois Hernandez die Naturalien Mexiko's mit einem Aufwände von mehr als 60,000 Ducaten gesammelt und dann in seiner schätzbaren Historia plantarum, animalium et minera- Uum, Romae 1651 kennen gelehrt und Casimir Gomez Ortega gab in Madrid erst 1790 seine Opera wieder heraus. Jacoh Bonlius schloss in gleicher Weise Ostindien auf, aber seine Historia naturalis et medica Indiae orientalis stellte erst Piso zu London 1 769 ans Licht. Fraficis Willugby Esq. , geboren zu Middletown Warwickshire 1635, f 1672 den 3. Juli, bearbeitete als trefflicher Zoolog die Vögel und Fische, aber seine Ichthyographia erschien erst in Augsburg 1783 und 86, seine Ornitho- logia durch Joh. Raj in London 1676 und 78. Olaus Wormius beschrieb sein Naturalien-Cabinet : Museum Wormianum Amstelod. 1655. Nachdem Robert Hook auf der Insel Wight geb. 1635, f 1702, als Prof. der Mathematik am Gresham- College die Zusammensetzung der Vergrösserungslinsen erfunden und bereits 1660 ein Mikroskop so zu- sammengesetzt, dass Nath. Hensham im Jahr 1661 die Spiralgefässe im Wallnussholze entdeckte, so folgten die Arbeiten für Pflanzenanatomie in erfreulicher Progression z. B. Rob. Hook's micrographia Lond. 1 667 u. die phytotomischen Arbeiten von Martin Lister, als practischer Arzt in Lond. t 1711. Derselbe gab auch Joh.Goedarts metamorphoses et historia insectorum mit vielen deutlichen Abbildungen in Kupferstich im Jahr 1685 in London heraus. Dann die ausgezeichneten bildlichen Darstell- ungen und Erläuterungen zur Pflanzenanatomie von JSehem. Gren> f 1711; 45 welcher von 1668 an arbeitete und durch Joh. Wilkins , Bischof von ehester bereits als Lehrer der Phytotomie mit Gehalt angestellt worden, endlich die treffliche Anatome plantarum London 1675 — 79 von Marcello Malpighi, geb. in Bologna 1628, f 1694 als Prof. daselbst, und die Ar- beiten von Anton Leeurvenhoek in Delft geb. 24. Oct. 1632, f 1723 als Bürger daselbst, den wir oben als Entdecker der Infusionsthiere er- wähnten, begründeten das tiefere Wissen in der Kenntniss der Pflanzen- welt. Die vereinten Werke des Letztern: Opera omnia, welche sich zu- gleich mit auf das Thierreich bezogen, erschienen erst im J. 1722, während er die „entdeckten Verborgenheiten der Natur" schon von 1689 an ver- öffentlicht hatte. Robert Sihhald, geb. in Edinburg den 15. April 1641, t 1678 den 27. Dec, wurde Prof. der Botanik in Edinburg, und von ihm erschien die Scotia illustrata Edinburg 1684. — Ein Glanzpunkt dieses Jahrhunderts wurde John Srvammerdam , geb. in Amsterdam den 12. Febr. 1637. f 16S0 den 17. Febr. Er wurde der erste, welcher mit grösster Sorgfalt seine Beobachtung auf die Verwandlung und auf das Leben und den Bau der Insekten wendete. Seine Historia insectorum generalis, Utrecht 1669, bleibt ein Schatz für alle Zeiten, ebenso sein grosses Werk in dem er seine späteren Beobachtungen niederlegte und welches unter dem von seiner Begeisterung für diese Forschungen und deren Ergebnisse zeugendem Titel Btjbel der Natur etc. in Leyden 1 737 bis 38 der berühmte Boerhaave heraus gab. George Edwards , geb. zu Stratford 1693, f 1773 den 23. Juli in Plaiston, hat als Bibliothekar der medicinischen Gesellschaft in London vorzüglich durch seine getreuen Abbildungen und Beschreibungen grösstentheils ausländischer Vögel die Ornithologie seiner Zeit auf eine ausgezeichnete Weise gefordert. Sein Werk erschien in sieben Quartbänden als Natural historxj of uncommon Birds und als Gleanings of natural history 1743 — 67, in letzteren befinden sich auch Insekten und einige Thiere anderer Classen. Derselbe be- sorgte auch zwei neue Ausgaben von Mark Catesbt/s natural history of Carolina, Florida and the Bahama Islands, 2 Bde mit 220 illum. Kupfern in gr. Fol. zuerst London 1731, 43, 48, dann von Edwards 1754 u. 1771. Ein wahrer Schatz für amerikanische Zoologie. Charles Plumier, geb. in Marseille 1666, war Zeichner und Maler, dann Mönch des Orden der Minimi und studirte in Rom unter Paul Silvio Boccone, geb. in Sicilien 1633, 1 1 704 einem gelehrten Cisterziensermönch, die Botanik. Zurückge- kehrt lernte er auch Joseph Garidel, geb. 1659, f 1737, Prof. in Aix, welcher die Pflanzen der Provence 1715 beschrieb und einige abbildete, sowie Tournefort kennen, und botanisirte im südlichen Frankr. Louis XIV. war im Begriff Donat Surian in das französische Amerika zu senden und dieser erbat sich Plumier zum Gefährten von der Regierung. Sie reisten 1 690 nach St. Domingo und nach Rückkehr noch einmal nach Westindien, von wo er erst 1693 zurückkehrte, auch zum drittenmale 1695 um Peru zu besuchen, wo er aber in Cadix f 1704. Seine Werke 46 sind von höchster Wichtigkeit, obwohl sehr eintach 'son Ansehen. „Descr. des pl. de TAmerique. Paris 1693 mit lOTKupf. Nova pl. genera Paris 1703. Nach seinem Tode erschien das Werk „Traue des Foug eres de TAmerique Paris 1705. Von 1 400 Abbildungen, die er verloren, rettete Boerhaave 508, die Burmann in s. pl. amer. abschrieb und 262 abbildete. Amstelod. 1755 — 60. Louis Feuillee in der Provence 1660 geb., studirte in Marseille und trat auch in den Orden des Minimi, durch den er 1700 in den Orient und 1703 nach Westindien gesendet wurde. Im Jahr 1707 zurückgekehrt, wurde er Plumiers Nachfolger als K. Botaniker und Mathematiker. Auf einer zweiten Reise kam er 1709 nach Brasilien und schiffte um Cap Hörn nach Chile und Lima, wo er zwei Jahre lebte. Sein Journal dohservat. faites sur les cötes orientales de l'Ameriqne meri- dionale in drei Bänden Paris 1714 — 25, auch deutsch tibersetzt, enthält auch die Schilderung der dortigen Natur durch einige Abbildungen (I. ;14, n. 9. in. 100 pl.) erläutert. Amadeas Frezier , geb. 1682, f 1773, bereiste Chile, Lima und Magellanien in den Jahren 1712 und 13 und gab seine „Relation du voyage de la mer du Sud aux cötes du Chile, du Perou et du Bresil in zwei Bänden. Amstelod. 1717. Der Anfang des XVIII. Jahrhunderts war tiberhaupt mit trefflichen Vorlagen für objective Forschung versehen, der Gebrauch der Ver- grösserungsgläser und die fleissige Anwendung bis dahin erfundener Instrumente zusammen, Hess viele Resultate schaffen, die wir noch heute dankbar als Grundlage ftir unsere Kenntniss benutzen, wesshalb es möglich wird, von hieraus schon allgemeine Blicke nach dem Forschen für einzelne Wissenschaften richten und die für dieselben thätigen Männer selbst gruppiren zu können, so dass wir für jede gesonderte Wissenschaft einige nennen. 1 ';. Unter den Physikern trat Leonhard Euler auf, geb. in Basel 1707, f t. Sept. 1783 als Direktor der mathematischen Classe der Königl. Aka- demie der Wissenschaften in Berlin. Seine neue Theorie des Lichts, seine Undulationstheorie , seine 45 grösseren Werke und 684 kleinere Schriften sichern ihm seinen unsterblichen Ruhm. Die Brüder Johann MusschenbroeJi , geb. in Leyden 1688, Prof. der Philosophie, noch mehr der jüngere Bruder Peter Musschenbroek , geb. in Leyden 1692, f 1761, Prof. der Philosophie und Mathematik in Duisburg, Utrecht u. Leyden, war einer der berühmtesten Experimentalphysikcr seiner Zeit und Er- finder des Pyrometer. Georg Christ. Lichtenberg, geb. zu Ober-Ramstadt bei Darmstadt 1742, -j- den 24. Febr. 1799, Prof. der Mathematik und Ex- perimentalphysik in Göttingen, wurde als Astronom, Physiker und geist- voller Beurtheiler dös Menschenlebens berühmt. Alotjs Galhani, geb. in Bo- logna den 9. Sei)t. 1737, f 4. Dec. 1798, Prof. der Anatomie zu Bologna, ist der bekannte Entdecker des nach ihm genannten Galvanismus vom Jahre 1760—1790 geworden. 47 Die Chemie hatte noch keineswegs ihre alchymistischen Träumereien der früheren Zeiten verlassen und Joh. Friedrich Böttger, geb. in Schleiz den 5. Februar 1682, j 1719 den 13. März, Apotheker und vorgeblicher Goldmacher, von dem echtes, angeblich von ihm fabricirtes Gold noch im Königl. Mineraliencabinet in Dresden aufbewahrt wird, wurde im Jahr 1705 Erfinder des rothen, endlich 1709 des weissen meissner Por- zellan. — David van der Becke, Arzt, besonders Chemiker und Physiolog in Hamburg, spielte schon im 1 7. Jahrh. eine wichtige Rolle. Sein Ruhm war durch Deutschland, Holland und England verbreitet und selbst bis nach Indien gedrungen. In seinem Buche „Experientia et tneditationes circa naturaUum rerum principia, Hamburg 1683, zeigt er sich als scharf- sinnig prüfender, höchst belesener, folglich im Geiste jener Zeit hoch- gelehrter Mann. Sein Aberglaube ging dabei noch so weit, dass er im Ernste davon überzeugt war, dass wenn man Schlangen in kleine Stücke zerhaue, diese Stücke durch Fäulniss und Sonnenwärme zu neuen lebendigen Schlangen sich umwandeln könnten. Wenn man Frösche im Herbste zerstampfte und dem Schlamme beimische, so würden im Früh- ling wieder neue Frösche daraus. Die Enten, wenn sie im Herbste ge- storben und in Fäulniss übergegangen, verwandelten sich auch oft in Schlangen, weil sie dergl. oft im Sommer verspeisten. Reiher, welche sich von Hechten genährt hätten, würden zu Hechten oder zu Karpfen, wenn sie Karpfen genossen. Aus faulenden Aalen würden wieder leben- dige Aale. Auf dergl. Beobachtungen fussend begründet er eine Theorie der Gespenster. In jedem thierischen Körper sei der bildungsfähige Ur- stoff, die idea seminalis vorhanden und durch die Erdwärme könne sich derselbe entwickeln, so dass er nun in der Gestalt, die er im Leben gehabt, sich aus der Erde erhebe und in der Nacht sichtbar sei, auch am Tage sichtbar sein würde, wenn der Sonnenschein nicht zu hell wäre, welcher selbst die Gestirne unsichtbar mache. Der „spiritus tnotor" möge die „ideas formatrices qidescentes" zu neuem Leben berufen und so stehe jede Form wieder da „prout mortis tempore erat." Das Buch bleibt ein characteristisches Zeichen für seine Zeit und für das „Od." — Caspar Neumann in Züllichau geb. 1689, f 1734 als Prof. der Chemie in Berlin und Apothekenaufseher in Preussen, dann Joli. Heinr. Bott, geb. in Halberstadt 1692, f 1777, dieser Theolog, Mediciner und als Professor der Chemie in Berlin berühmt, zugleich ein trefflicher Charakter. Andreas Sigismund Marggraf, geb. in Berlin 1709, f 1782, zeichnete sich 'als Hofapotheker durch seine schöne Kenntniss in der Chemie aus, wurde Mitglied der Academie der Wissenschaften und 1760 Director der physikalischen Classe derselben. Pierre Joseph Macquer, geb. in Paris 1718, Professor der Chemie und geachteter Schriftsteller für theoretische und praktische Chemie. Christoph Ludwig Hoffmann, geb. in Rheda in Westphalen 1721, t 1807 am 28. Juli in Etwille am Rhein, stellte ein eignes Sy- stem der Medicin auf, auf die Reizbarkeit sich begründend und un- 48 tersuchtc vorzüglich die Krankheiten, welche von chemischen Umwand- lungen der Säfte abgeleitet wurden. Tornher Olof Bergmann, geb. in Katharinenburg in Westgothland 1735, f 1784 war ein Schüler Zi/e/^m-, wurde im Jahre 175S Professor der Physik in Upsal und J767 auch der Chemie, und war ein für seine Zeit trefflicher Schriftsteller. Carl Wilhelm Scheele, geb. in Stralsund 1742, f 1786, dessen vieles Gute enthaltende „opusciila chemica et physlca^^ erschienen erst nach seinem Tode 1788 und 1789. Anioine Laurent Lavoisler, geb. in Paris 1743, f 1794 den 8. Mai unter Kobespierres blutiger Regierung, war seit 1768 Mitglied der Academie, schrieb seinen berühmten ,,Traite elementaire de chimie, 1791, und schuf das antiphlogistische System. Die objective Naturkunde hatte sich, wie wir oben gesagt, durch den, für die organisirten Naturkörper fleissig angewendeten Gebrauch der vergrössernden Gläser auf eine bedeutendere Höhe geschwungen. Für die unorganisirten Körper wurde dies Mittel, zur Kenntniss der- selben zu gelangen, gewöhnlich verschmäht. Von den ausgezeichnet- sten Forschern im Bereich dieser Richtungen überlebten folgende das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts. John Ray, geb. zu Black Notley in Essex am 29. Nov. 1628, f daselbst am 17. Jan. 1705. Einer der geistvollsten und umfassendsten Naturforscher für Botanik und Zoolo- gie, deshalb der Aristoteles Englands genannt. Unter andern gab er seine Methodus plantarum 1682, seine Ichthyographia 1686 heraus. Augustus Quirinus Rivinus, geb. in Leipzig 1652, f 1725 als Professor der Botanik daselbst, bearbeitete mehrere Pflanzenordnungen nach eignem System und erläuterte sie durch gute Abbildungen, auf Metallplatten ge- stochen. — Hans Sloane, geb. zu Killileigh am 16. April 1660, f 1753 als Präsident der Royal Society in London. Nachdem eigentlich der Gärtner Tradescant f 1652, das British museuni zuerst begründet hatte, so verm.achte H. S. demselben testamentarisch seine reichen und kostbaren Sammlungen, welche das Parlament im Jahre 1759 übernahm. Er selbst hat seine Reisen nach Madera, Barbadoes, Nievcs, St. Christoph und Jamaica beschrieben und die von ihm daselbst entdeckten Naturalien auf 274 Kupfertafeln abgebildet. Das Werk erschien in London 1707. — Joh. Heinrich Heucher, geb. in Wien am 1. Januar 1677, f 1746 den 22. Februar in Dresden, als Leibarzt des Königs von Polen und Churfürsten von Sachsen. Er war früher Professor der Botanik in Wittenberg, wo ihm Abraham Vater, geb. 1684, f 1751, nachfolgte, während er selbst nach Dresden berufen, daselbst der Stifter der Natura- lien- und Kunstsammlungen wurde. Seine zahlreichen Schriften erschie- nen als „Opera 1745" durch den Leibarzt Dr. Christ. Fr. Haenel. — Rene Antoine FerchauU de Reaumur, geb. zu Rochelle 1683, f 1757 zu Bermondierc in Maine, war einer der sorgfältigsten Beobachter der Thicrwelt, welche jemals gelebt haben. Seine Memoires des Insectes, in VI. Bänden, 1734 — 42 gelten uns noch heute als Muster von Aus- 40 dauer und Geschicklichkeit im Beobachten und Untersuchen, ebenso beurkundet sein Werk über die künstliche Ausbrütung der Vögel seine Beharrlichkeit, und seine Eintheilung des Thermometer seinen Scharf- sinn. — Auch eine Dame muss hier genannt werden, die berühmte Maria Sibylla Merian, später Gattin des Maler Graf. Sie war geb. in Basel 1647, f am 13. Jan. 1717 in Amerika, Tochter des Senators Ma- thias Merian, in Basel geb. 1 593, Verfassers eines Florilegium plantarum itinerarium und noch bekannter durch seinen Todtentanz. Die Tochter widmete sich vorzugsweise der Beobachtung der Insecten und ihre Metamorphosis insectorum surinamensium Amstelod. 1700 und ihr Eni cartim ortus 1717, beide Werke mit Kupfertafeln von ihr selbst, sind schätz- bare Erinnerungen an ihre Beobachtungsgabe und ihren Fleiss. Johann Jacob DiUeniiis, geb. zu Darmstadt 16S7, f 1''^'' als Professor in Oxford, nachdem er früher als Professor in Giessen durch seine Gelehrsamkeit in der Botanik, insbesondere durch seine durch ihn zuerst erlangte sorg- fältige Kenntniss der kryptogamischen Gewächse zu hohem Ruhme ge- gelangt war. In der Systematik war er Gegner von Rivinus. Johann Christian Biixbaum, in Merseburg geboren 1694, f 1730, ging mit dem K. liuss. Gesandten nach Constantinopel und mit dem Grafen Romanzov in den Orient, wo er die Küstenländer des schwarzen Meeres, Klein- asien und Armenien als Botaniker bereiste, und seine Entdeckungen beschrieb und abbildete. Emanuel Graf von Srvedenborg, geb. in Stock- holm 16S9, t 1772 in London, war früher sehr thätiger Physiker und specieller Naturforscher, schrieb z. B. eine Oeconomia regni animalis, Lond. 1740. und Regnum animale , Haag 1744, wurde aber späterhin Geisterseher und Schwärmer*). — Holen wir hier jetzt noch einige ältere Reisende und sonstige Beförderer der Naturkenntniss nach: Heinrich Adrian van Rheede tot Drakensteen, Statthalter von Malabar und Mitglied der Ostindischen Gesellschaft, Hess den berühmt geworde- nen „Hortus malabaricus" mit 700 Abbildungen in Amsterdam von 1676 bis 1703 erscheinen. Die von Bramanen gesammelten Pflanzen sind mit malaiischen, bramanischen und arabischen Namen versehen, und wurden von dem Carmeliter-Missionär P. Mattei di S.Giuseppe aus Neapel gezeichnet, die malabarische Beschreibung \on Emanuel Carneiroxn das Por- tugiesische, dann von Hermann von Donep in das Lateinische übersetzt. Der Missionär Casearius in Cochin ordnete das Ganze und Arn. Syen, Joh. Commehjn, Theod. Janssen van Almeloveen, Joh. Munniks und Abraham Poot besorgten die Herausgabe. — Georg Eberhard Rumphius, in Hanau 1 637 geboren, wurde Unterstatthalter zu Amboina und Mitglied der ost- indischen Rathsversammlung. Sein berühmtes Werk ,,Herbarium amboi- nense"' war 1690 fertig aber erst 1740 begann Joh. Burmann, die Ab- *) Eine treffliche Darstellung seines Wesens vergl. in „Schleidens Studien", Leip- zig. 1855. S. 1S3— 214. 50 bilduiigen stechen und den Text lateinisch und holländisch mit sei- nen Anmerkungen drucken zu lassen. Es erschien in sieben Folio- bänden in Amsterdam. 1741 — 51. — Auger Clufius aus Leiden und Joh. Vesling aus Minden, geb. 1598, f 1649, besuchten Nordafrika, allein jener wurde aller Habe beraubt, und schrieb nur seine „Opuscula duo de nuce medica" Amsterdam 1 634. über die damals so kostbare maldivi- sche Nuss, dieser seine (JbsenKiiiones de planus Aegypti, Patav. 1638. — Stephan Flacourt hat in seiner „Histoire de la gründe isle Madagascar^' Paris 1661 zuerst die Naturgeschichte von Madagascar erschlossen. — Hans Egeede-Saabye, geb. in Dänemark den 31. Jan, 1686, f 1758 den 5. Nov. auf der Insel Falster, wurde Pfarrer in Norwegen und Missio- när in Grönland. Seine Naturgeschichte von Grönland erschien dänisch mit 12 Kupfern in Kopenhagen 1741, französisch in Genf 1763 und deutsch in Berlin 1763, worin er auch das fabelhafte Meerungeheuer, die Riesenschlange abbildet. — Friedrich Marlens aus Hamburg besuchte als Wundarzt 1671 Spitzbergen, und seine „spitzhergische oder grönlän- dische Reiseheschreihung"- Hamburg 1675, giebt die Resultate seiner Be- obachtungen auch durch Abbildungen wieder. — Erich Pontoppidan, in Aarhuus geb. 1698, f 1765 als Bischoff von Bergen in Norwegen. Er hat neben theologischen Schriften auch die Naturgeschichte von Nor- wegen, dänisch in Kopenhagen, 1752 — 53, erscheinen lassen. Sie Avurde in mehrere Sprachen übersetzt auch deutsch : Versuch einer natürlichen Geschichte von ISorwegen etc., übersetzt von Joh. Ad. Scheibe, in 2 Thei- len, mit 16 und 14 Kupf. Kopenhagen. 1753 — 54. — William Dampier besuchte 1684 — 1699 die Küsten der spanischen Besitzungen in Amerika, die Philippinen, die Fischerinseln und die Westküste Neuhollands. In seinem „Nouveau voyage autour du rnonde''^ in 5 Bänden, Amstelod. 1701, gab er auch Abbildungen der von ihm entdeckten Naturalien. — Will. Sherard war ein Mäcenas der Botaniker in London , geb. zu Bushby in Leicestershire 1659, sammelte selbst Pflanzen auf der Insel Jersey, in Cornwallis, in der Schweiz und auf dem Jura. Er wurde 1703 engli- scher Consul in Smyrna, wo er einen botanischen Garten anlegte, bis er 1721 in sein Vaterland zurückkehrte. Er besass bereits ein Herba- rium von 12000 Arten. Bevor wir aber zu einer Auswahl aus den Namen der vielen Na- turforscher übergehen, welche dieses Jahrhundert selbst sich geboren, mag es erlaubt sein, wenigstens auf eine von den Anstalten, welche bis dahin für Naturkunde entstanden, einige flüchtige Blicke zu werfen. So wie die Naturkunde in jener Zeit grösstentheils um der Medi- cin willen betrieben wurde, so waren es besonders Apotheker und Aerzte, welche dieselbe studirten, und es waren die Leibärzte, welche durch ihren Einfluss auf die Monarchen dieselbe zu fördern vermoch- ten. In England gründete bereits die Königin Elisabeth einen Pflan- zengarten, an dem der Apotheker John Parkinson, geb. 1567, königlicher 51 Botanicus wurde, und seinen ,,Paradivus terrestris'-' 1629 herausgab. Ihm folgte Leon Pluknet, geb. 1642, durch sein „Alniagestum'' , Lond. 1696, und „Amaltheum'' 1705 berühmt. Im Apothekergarten zu Chelsea 16S6 eingeweihet, hat Jak. Petivers grosse Thätigkeit bis f 1718 gewaltet. Sein Gazophylacium, sein Museum, sein Hortus siccus pharmaceuticus bil- den mit mehreren andern Schriften seine Opera, welche erst 1764 mit 310 Kupfertafeln erschienen.— Die beiden Leibärzte des Königs von Frankreich, Louis XIIL, Herouard und Gmj de la Brosse bewirkten nach langer Vorbereitung die Stiftung des Pflanzengarten in Paris. Letzterer hatte bereits im Jahre 1626 den Entwurf des Planes gemacht, und 1633 war das Grundstsück für 67,000 Fr. angekauft worden, nachdem Bou- vard, Herouards Nachfolger, als Leibarzt auch zum Oberaufseher und de la Brosse als Aufseher bestätigt worden, erschien darüber endlich am 15. Mai 1635 das Dekret für die weitere Entwickelung und Bestimm- ung der Anstalt. Nachdem die Eifersucht der medicinischen Facultät der Herstellung lange entgegengetreten, wurden jetzt drei Professoren aus ihrer Mitte dabei angestellt: Jaqiies Cousinot für Botanik, Urban Baudineau für Pharmakologie und Maria Cureau de la Chambre für Chemie. La Brosse veröffentlichte die Description du jardin Royal 1 636 mit einem Verzeichniss von bereits 1 800 Pflanzenarten, und 1 640 begann die Thätigkeit der Professoren und Demonstratoren. Unter Oberauf- sicht des ersten Leibarztes Vautier von 1642 ging die Anstalt wieder rückwärts, ihm folgte Anton Valloi, Denis Joncquet und Guy Crescent Fa- gon. Nach Vallots Tode übernahm der Minister Colbert die Oberauf- sicht selbst und stellte den Hofinaler Robert an, um Pflanzen zu malen, welche in Kupfer gestochen wurden. Nach dessen Tode folgte 1684 Joh. Joubert aus Poitou in dieser Stelle als Maler, Louis ÄIV. berief späterhin, nach endlicher weiterer Herstellung des Etablissements, den als kenntnissreichen Botaniker bekannt gewordenen Joseph Pitton de Tourne- fort aus seinem Vaterlande, der Provence, geb. 1656, f 1708, welcher im J. 1683 als junger, 26 jähriger Mann die eigentliche Wissenschaft der Bo- tanik für Frankreich begann. Er hielt Vorlesungen, bearbeitete seine \ie- rühmt gewordenen /w*^2Y?^^/o;2«?.y rei herbariae und reiste für die Wissenschaft. Im Jahre 1700 ging er in Begleitung des Malers Aubriet nach dem Ori- ent, durchreiste Griechenland, die Küsten des schwarzen Meeres und die archipelagischen Inseln imd kehrte 1702 wieder zurück mit bolanischen Schätzen beladen. Antoine Danty dPsnard und Sebastian Vaillant, geb. 1669, t 1"21; Musiker, dann Wundarzt, endlich durch Tourne fort begei- stert und als dessen eifriger Schüler, war zum trefflichen Botaniker ge- worden und dann zu dessen Nachfolger am botanischen Garten ernannt. Alle Werke Vaillants sind ausgezeichnet und geistvoll, seine Abbildun- gen trefflich, vorzüglich widmete er auch der Flora um Paris seinen Fleiss und stellte selbst kryp togamische Gewächse naturgetreu dar. Nach ihnen trat der so berühmt gewordene Name Jussieu auf. Antoine 52 Jiissieu, geb. 1686, f 1758, wurde Professor am Garten und sein Bruder, Bernard Jussieu, geb. 1699, f 1777, blieb vierzig Jahre lang sein Sousdemonstrateur oder Adjunct. Sie legten den ersten Grund für das natürliche Pflanzensystem. Letzterer reiste 1741 an die Küste der Nor- mandie, um die Polypen zu untersuchen und erklärte sie nach seiner Beobachtung für Thiere. Er war es, welcher im Garten zu Trianon durch seine Pflanzungen die erste Andeutung gab, für die natürlichen Verwandschaften im Reiche der Pflanzen. Er war es auch, welcher die Ceder vom Libanon aus England brachte, welche noch heute den Hügel im „Jardin des plantes" majestätisch beschattet. Während in der Direction des Gartens wieder die Leibärzte Chirac und Chicoisneau nachfolgten, ohne die Sache zu kennen oder ihr nützen zu wollen, ver- mehrte Francois du Fay, ein ausgezeichneter Militair, welcher England und Holland bereist hatte , die Anstalt durch seine thätige Correspon- denz mit kostbaren Naturalien für alle Reiche und bedachte sie gross- artig durch sein Testament, wollte aber neben dieses bedeutend mate- rielle Legat auch noch ein geistiges setzen. Er erbat sich nämlich von dem Minister Louis XV. den später zum Grafen erhobenen Georg Louis Ledere de Buffon, geb. zu Montbard in Bourgogne, den 7. September 1 707, f 1788 den 16. April in Paris, welcher von 1739 an Intendant des Pflanzengarten und der mit ihm verbundenen naturhistorischen Museen geworden. Er war ganz dazu geschaff'en, der Anstalt und der Wissen- schaft durch seinen Geist und seine Persönlichkeit unendlich zu nützen, und sein Eifer verschafi'te von jetzt an dem Garten und den Museen den Weltruf, den sie sich späterhin weise bewahrten. Er vergrösserte den Garten und vermehrte die Pflanzungen desselben, er richtete für die Museen die grossen Galerieen ein und versammelte die kenntnissreichsten Männer um sich herum. Er rufte Bernard de Jussieu herbei und zog zunächst Louis Jean Marie Bauhenton , Philibert Guenau de Montheillard und Bernard Germain Etienne de Lacepede , geb. zu Agen 1755, f 1826 bei St. Denis, 1785 als Aufseher und Demonstrator am botanischen Garten, 1795 als Professor der Zoologie, an sich, die kenntnissreichen Mitarbeiter an seinen Werken, zur Histoire naturelle gehörig. Buffon galt als das Cen- trum und als die Krone des Ganzen. Sein Geist, sein Anstand und seine persönliche Liebenswürdigkeit Hessen ihn das erreichen, was seine Vorgänger nicht vermocht hatten, erlangen zu können. Er selbst und die Anstalt, für welche er lebte und die Wissenschaft, für welche sie existirte, erhielten einen europäischen Ruf, und diese Wissenschaft von der Natur wurde ein Liebling der Monarchen und zog ein in die Kreise der Vornehmen und Reichen. Seine Aneiferung der Männer, die mit ihm sich verbunden, seine lichtvolle Auffassung imd seine leichte Be- wältigung vielfiichen Materials, concentrirte deren Kenntnisse in sich selbst und seine schöne, wenn auch oft übertrieben gesuchte, doch für jene Rokokozeit, in der er lebte, vollkommen geeignete Sprache und 53 Schreibart machten die Naturkunde zum erstenniale fähig, am Hofe und in der vornehmen Welt durch seinen Mund und aus seiner Feder als angenehme und willkommene Unterhaltung zu glänzen. Absehend von aller Systematik, betrachtete er immer das Einzelne an sich und schmückte dessen Erscheinung in Form und Farbe und Leben durch seine reiche Phantasie, und verbreitete so die Liebe für ein Studium in der gebildeten Welt, welches bis dahin nur von einzelnen Gelehrten ge- pflegt worden war. Sind wir durch Biiffon zu den Männern übergegangen, welche das achtzehnte Jahrhundert geboren, so finden wir ihn als Zeitgenossen von ziemlich vielen ausgezeichneten Geistern , welche ähnliche Zwecke in verschiedener Richtung verfolgten. Die ganze Anschauung der Natur ging bis dahin vom Gemüth aus, diese Anschauung reflectirte sich im Leben der organisirten Natur, es war jene Bewunderung, welche schon Aristoteles als die Mutter des Wissens erkannte. Begeisterung für das Er- schaffene, Bestreben dasselbe einzeln kennen zu lernen, führte zum Beob- achten, zum Sammeln und Forschen und die Forschung brachte mit der gewonnenen Kenntniss eine demuthsvolle Ahnung des Schöpfers der erschaffenen Wesen und eine Ueberzeugung von dessen Allmacht und Güte hervor. Carl Linnee, Sohn eines Predigers in Roshult in Smaland, geb. den 24. Mai 1707, f 1778 den 10. Januar, früh S Uhr, hat diesen Weg der Bildung genommen *). Der Beruf, Naturforscher zu werden^ schien ihm angeboren zu sein und offenbarte sich bereits im Leben des Knaben. Sein Geist wirkte in seltner Energie mit dem Gemüthe zusammen und das Resultat war seine Reformation, ja mehr noch, seine eigentlich wis- senschaftliche Schöpfung und feste Begründung der ganzen Naturkunde, denn Linnee wurde der erste, welcher eine noth wendige Methode, eine eigenthümliche Bestimmung der Begriffe und Begrenzung der Ausdrücke für Bezeichnung der Eigenschaften der Körper ei"fand und dadurch sich in den Stand gesetzt sah, alles aus den zahlreichen schon existirenden Werken als zerstreut und ordnungslos ihm bekannt gewordene zu be- wältigen, und von da aus diese Mannigfaltigkeit durch Erhebung auf allgemeine geistvolle Anschauungen dann wieder sondern und lichtvoll classificiren zu können. Wenn sein Zeitgenosse Buffon die Naturkunde für die vornehme Welt pikant zu machen verstand, so verstand ea Linnee, sie für ein gründliches Studium der ganzen gebildeten Welt zu- gänglich und fesselnd zu macheu. Linnee Avar übrigens der erste und zugleich für alle Zukunft der einzige Naturforscher der Welt, dem es vergönnt war, das Wissen seiner Zeit in seinem Detail zu beherrschen und die bis dahin bekannt gewordenen Arten aller drei Naturreiche in *) Seine Wirksamkeit kann in diesem Rückblicke nur angedeutet werden, mehr wurdo darüber in der „Allgan. deutschen nalurhist. Zeitimg" 1847 S. 449—459 gegeben. 54^ einem Werke selbst zu beschreiben. Dies sind Umstände, welche seiner Nachwelt weder für ein Reich, noch für eine grössere Classe der orga- nischen Reiche in gleicher der Zeit entsprechender Vollständigkeit wie- der möglich geworden. Albert von Haller in Bern, bald nach Linnee geboren, am 16. Oct. 1708, f 1777, den 12. December, wurde Professor der Anatomie, Physiologie und Botanik in Göttingen, wo er zu einem seltenem Ruhme gelangte. Die seltenste und vielseitigste Begabung des Geistes hatte sich auch hier bereits im kleinen Knaben entwickelt, und leicht mochten Haller und Linnee, neben einander rivalisirend, ihrer Zeit als die grössten Männer erscheinen.. Hallers schönstes Denkmal wurde die von ihm gestiftete Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen und der von ihm begründete botanische Garten daselbst. Haller ehrte seine Zeitgenossen, z. B. Peter Collinson in London, Joh. GotlUeb Gleditsch, geb. 1714, t 1786, Professor in Berlin, Joh. Georg Gm ellin , geb. 1709, Professor in Tübingen und Christ. GotlUeb Ludwig', geb. 1709, f 1773, Prof. der Physiologie in Leipzig, auch als Botaniker rühmlich bekannt, Adrian van Royen, Professor in Leiden, Humphred Sibthorp, Professor am Sherardischen Garten in London u. A. durch Widmung seiner Schriften, andere durch Erneuerung der ihrigen, sowie er die Flora von Jena von Heinrich Bernhard Rupp, f 1719, welche 1718 erschienen war, in den Jahren 1726 und 1745 wieder herausgab. — Joh. Ernst Hebenstreit, geb. in Neustadt an der Orla 1702, f 1757, Schüler von Rivinus: „De con- tin. Rivini iildustria Lips. 1726. Definitiones plantarum 1731 , wurde vom König von Pohlen, August IL, im Jahre 1731 mit Christ. Gottl. Ludivig nach Afrika gesandt, um seltsame Thiere und Pflanzen für Dresden zu sammeln, beide reisten über Marseille nach Algier, Tunis, Tripoli und anderen Gegenden Nordafrikas und kehrten 1733 zurück, wo sie auch die zum Theil noch lebende Zwingerorangerie mitgebracht hatten. Nach dieser Rückkehr schrieb Hebenstreit noch eine Diss. de methodo planta- rum e, fructu optima. Lips. 1740. Er starb in Folge seiner Sorge für die bei Rossbach verwundeten Krieger. — Eine grosse Thätigkeit ent- wickelte sich im Beginn dieses Jahrhunderts für die Beobachtung der Insecten. Die Metamorphose, welche die Vorgänger gelehrt hatten, er- griff schon durch die ihr untergelegte Bedeutung die Gemüther so tief, dass man ihre Erforschung mit einer wahren Pietät und mit wahrhaft aristo- telischer Bewunderung pflegte, und dass alle Anschauung der Gottheit aus der Natur, alle Beziehung auf die später Teleologie genannte Zweck- mässigkeit und Harmonie in der Natur, durch diese Forschung eine neue Quelle gefunden. Als den naiven Vorgänger dieser bescheidenen For- scher nennen wir zuerst Joh. Leonhurd Frisch, dessen Beschreibung von allerlei Insecten in Deutschland, nebst nützlichen Anmerkungen und nöthigen Abbildungen von diesen kriechenden und fliegenden Ge- würme etc., in 13 Theilen mit 273 schwarzen Kupfertafeln, in Berlin schon 1720 bis 1738 erschien. Aug. Joh. Roescl , in Augustenburg bei 55 Arnstadt in Schwarzburg-Sondershausen^ geb. 1705, f 1759 in Augsburg, als Roesel von Rosenhof, ein durch seine vom Jahre 1746 bis 1761 her- ausgegebenen „Monatlichen Insectenbelustigungen" unsterblich gewor- dener Entomolog, dessen treffliche von ihm selbst gefertigten Abbildun- gen und treue Beobachtungen nebst anatomischen Darstellungen kaum übertroffen worden sind. Sein Werk erscheint uns als eine sehr hohe Potenz dessen von seinem Vorgänger Frisch. Sein Schwiegersohn Klee- maiin gab unter dem Titel „Beiträge" die Fortsetzung dazu 1761 — 92 und 94 und ein anderes vortreffliches und noch unübertroffenes Werk die „Naturgeschichte der Frösche^' etc. in gross Fol. gab der Maler Joh. Dan. Meyer in Nürnberg heraus und für die Vorzüglichkeit dieses gleich- falls durch die ausführlichste Darstellung der Verwandelung und der Anatomie ausgezeichneten Werkes spricht schon der Umstand, dass der grosse Albert von Haller selbst eine Vorrede und lateinischen Text dazu schrieb. Derselbe Meyer gab noch zwei hundert Folioplatten mit ver- schiedenen Thieren aller Classen der Wirbelthiere mit ihren Skeletten (Beinkörpern!) 1748 und 1752 mit Beschreibung heraus, eine schätzbare Sammlung, welche alle bis dahin erschienenen weit übertrifft. — Charles Bonnet, geb. in Genf 1720, f 1793, begann seine Laufbahn mit so aus- gezeichneten Beobachtungen über das Leben der Blattläuse, dass er schon im zwanzigsten Jahre zum correspondirenden Mitgliede der Aka- demie in Paris ernannt wurde. Seine philosophischen wie seine natur- historischen Werke, z. B. seine „Contenxplation de la nature" ed. 2. 111. vol. Hamb. 1782, seine „Considerations sur les corps organises'' Paris 1764, vorzüglich sein „Tratte d'Insectologie" (Oeuvres compl. s.J X. vol. Berne 1779 — 80, zeigen eine Vereinigung von sorgfältig trefflichen Beobach- tungen mit . correctem Styl und derjenigen Begeisterung und Hingabe an sein Studium, welche den Leser zur Bewunderung hinreissen muss. Diese Werke fanden auch so viel Theilnahme, dass sie in die meisten gangbaren Sprachen übersetzt worden sind. Sein Zeitgenosse Charles De Geer, Baron of Leutsta, Marschall von Schweden, geb. in Stockholm 1720, f 1778, den 20. März, war Schüler Linnees und wurde gleichsam ein neuer Swammerdam, durch Linnees Ansichten für höhere Erkenntniss gebildet. Seine grossen Memoires pour servir ä Thistorie des Insectes er- schienen in 7 grossen Quartbänden in Stockholm in den Jahren 1752 bis 78 und enthalten eine so reiche Masse von anatomischen Details, mit Klarheit und Präcision der Anschauung geboten, dass dieses Werk eine der vorzüglichsten Quellen für das wissenschaftliche Studium der Entomologie genannt werden muss. Jacob Christian Schaff er , geb. in Querfurt 1718, f 1790 als Superintendent in Regensburg, wurde einer der fleissigsten Schriftsteller für Zoologie, welche jemals gelebt haben. Seine überaus zahlreichen Arbeiten, grösstentheils Lasecten betreffend, doch auch Crustaceen und Eingeweidewürmer, enthalten so treue und so sorgfältig angestellte Beobachtungen aus der Natur und so treffliche 56 Abbildungen, dabei bereits eine so gründliche Verfolgung von Methodik, dass dieselben unter das ausgezeichnetste gehören, was der angestreng- teste Fieiss in Rücksicht auf seine Zeit jemals geschaffen. Seine Zu- sammenstellung der Insecten der Gegend von Regensburg Icones insect. circa Ratishonam indigenorum, natürlich ausgemalte Abbild. Regensburger Insecten. 3 Bde mit 280 ill. K. Regensburg \ 766 — 79, ist eigentlich die erste iconographische Fauna, denn die spätere Zeit hat Insectenfaunen entweder nur beschreibend gegeben oder einzelne Abtheilungen vorge- zogen, andere minder beachtet, während Schä/fer alles was ihm vorkam, gegeben. Ebenso verdienstvoll arbeitete er für Ornithologie. — Herrn. Samuel Reimarus , geb. in Hamburg 1694, f 1786, Rector in Wismar, dann seit 1728 Prof. der oriental. Sprachen in Hamburg, schrieb über „die vornehmsten Wahrheiten der natürl. Religion" 1754 und „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere." Hamb. 1760 u. 1773, wo- durch er so viele Theilnahme fand, dass diese Schrift 3 Ausgaben auch eine holländische Uebersetzung erlebte, lieber seinen Sohn s. später. Ein grosser Geist in anderer Richtung war Peter Camper, geb. in Leyden am 11. Mai 1722, f 1789 den 7. April. Sein Vater, protestan- tischer Geistlicher in Batavia, war erst 1715 nach Leyden zurückge- kehrt und lebte in freundschaftlichstem Verhältniss mit Roerhaave, des- sen Einfluss auf die erste Bildung des jungen Camper noch möglich geworden. Er versuchte sich bald als Schriftsteller in schwierigen physiologischen Themen, machte durch seine Reise die Bekanntschaft mit den ausgezeichnetesten Männern seiner Zeit und erhob sich durch seine vielseitigste Bildung zu einem der ersten Schriftsteller, insbeson- dere für Anatomie und Physiologie des Menschen und der höher orga- nisirten Thiere und ihrer paläontologischen Reste, auch gab er einen auf jene Wissenschaften begründeten „Versuch über die physische Er- ziehung der Kinder", welcher von der wissenschaftlichen Gesellschaft in Harlem gekrönt wurde. Auch seine Untersuchuivgen über die Neger- Race und über den Orang-Utang lassen ihn niemals vergessen. Sein Sohn Adrien Gilles Camper hat manche seiner Untersuchungen fortgesetzt und einige seiner Schriften wieder erneuert. Nächst seinem Sohne hat auch Vicq d'Azyr sein Leben beschrieben und Dr. Cogan u. A. einzelne seiner Werke übersetzt, während sich Abhandlungen von ihm in den Schriften fast aller Akademien befinden. — Axel Friedrich Freiherr von Cronstedt, geb. in Südermannland 1722, f 1765, steht hier ziemlich isolirt als guter Mineralog. Nachdem Agricola die Mineralogie begründet, dürfen wir gewiss Cronstedt als denjenigen ansehen, welcher mit tiefer wis- senschaftlicher Anschauung zuerst ein System für dieselbe versuchte, welches auch durch die deutsche Bearbeitung von Werner, Leipzig 1780 erst später bekannter geworden. — Thomas Pennant , geb. zu Downing am H.Juni 1726, f 1798 d. 16. Dec, erinnert sich, dass ihm als Knaben von 12 Jahren Willughhy , welcher damals seinen Verwandten Salisbiiry 57 besuchte, einige Vögel geschenkt und dadurch den Sinn für die An- schauung der Natur in ihm aufgeweckt habe. Seine Werke haben auch vorzugsweise die Katurgeschichte der Vögel und Säugethiere, sowohl Englands als auch des Auslands durch Abbildung und Beschreibung erläutert. John Hunter, geb. in Long Calderwood g. 13—14. Febr. 1728, f 1793 den 16. Oct., übertraf noch seinen älteren Bruder William Hunter , geb. 1718 und zeichnete sich aus als Anatom, Zootom und Zoolog über- haupt. Er legte den Grund zum Museum für vergleichende Anatomie in London und erfreute sich durch seine Kenntnisse selbst der Anei-- kennimg von Haller. Seine Forschungen bewegten sich in einer ähn- lichen Bahn wie die von P. Camper. Lazaro Spallanzani in Scandiana geb. 1729, y 1799, wurde in Bo- logna gebildet und im 29. Jahr seines Alters Prof. der schönen Wissen- schaften und der Philosophie in Reggio, im Jahr 1770 Prof. der Anatomie und Physiologie und Naturgeschichte zu Pavia, von wo aus er 1790 bis Constantinopel reiste. Seine überaus fleissigen und scharf- sinnigen Beobachtungen durch welche er mehrere Erscheinungen im Thier- und Pflanzenleben erklärte, sind ausserordentlich zahlreich und zum Theil auch auf seinen Beisen, besonders in Sicilien angestellt worden. — James Bruce Esq. of Kinnaind zu Kinnainds House in Stirlingshire geb. den 14. Dec. 1730, f 1794 den 27. April, dessen 1762 begonnene erst 1774 vollendete afrikanische Reise für Geographie wie für Natur- geschichte gleich wichtig geworden, hat besonders Abyssiniens Natur- produkte wieder zur Kenntniss gebracht und manche Nachrichten aus den Zeiten von Herodot und von Srabo zuerst wieder beleuchtet. — Natal. Jos. von Necker, geb. 1730, f 1793, Botaniker in der Kurpfalz, wurde durch seinen „Traite sur la mycetologie, Mannh. 1783, seine Physio- logia muscorum ib. 1774, seine Deliciae gallo-belg. silvestres Argent. 1768, n. seine Mementa botanica. Neow. 1790 bekannt. — Joh. Hedwig, geb. 1730, •j- 1799, Prof. der Botanik in Leipzig, wurde durch seine tiefer eingehen- den mikroskopischen Untersuchungen und zahlreichen trefflichen und in grossem Maasstabe gegebenen Abbildungen der erste bedeutende Schriftsteller für kryptogamische Gewächse, deren feinere Organe er eigentlich zuerst zur klaren Anschauung brachte. Seine „Theoria genera- fionis", sein Fundamentum hist. nat. musc. frondos. Lips. 1782 nebst einer grossen Anzahl andrer Abhandlungen, vorzüglich aber sein grosses spe- zielles Werk über die ßlusci frondosi haben ihm einen unsterblichen Namen gesichert. — Eleazar Albinus, ein fleissiger Zoolog, gab eine Ja- lural history of Birds in 3 Bänden 1731 — 38 mit illum. Abbild., dann die English Song Birds Vil%, ausserdem Fische, Insecten und Spinnen. Die Abbildungen sind manirirt. — Joh. Leonh. Frisch, oben als einer der ersten Entomologen genannt, war auch der erste, welcher ein gutes Werk über die „Vögel Deutschlands" Berlin 1734 — 63 gegeben, dessen Fortsetzung seine Söhne Josl Leopold und J. Christoph besorgten. Die AUg-. tlcuuche nalurhist. Zeitung-. I. 5 58 Fledermäuse stehen liier zum letztenmale unter den Vögeln! — Von Pete7^ Ärtedi erschien eine Bihlioiheca ichthyologica und eine gute erste Philosophia, genera, synonyma et species piscium und andere Werke über die Fische, meist von Linnee u. /. Jul. Walbom 1738 — 1793 herausgegeben. Mathurin Jacques Brisson, geb. zu Fonteney le Peuple 1723, Prof. der Physik in Paris, hat sich neben Herausgabe physikalischer Werke in der Zoologie durch sein „Regne animal" 1756, vielmehr noch durch seine „Ornitliologia" in sechs Quartbänden mit 261 Kupfertafeln in Querfolio Paris 1760 als den ersten und für alle Zeiten als einen der gründlich- sten Forscher bewährt. Vieles beschrieb er aus Reaumurs Sammlung, das meiste aus dem Pariser Museum. — Joh. Georg Sulzer zu Winter- thur im Canton Zürich geb. 1720, f 1777, betrachtete neben den schönen Wissenschaften auch die Natur von ihrer ästhetischen Seite und schrieb das auch ins Französische übersetzte Werk „Von den Schönheiten der Natur" Berlin 1750, trug aber auch zur Kenntniss der Natur in der Schweiz bei, durch Beschreibung seiner Reise durch dieselbe, Zürich 1743. Joh. Heinrich Sulzer war ein gründlicher Entomolog und beför- derte die theoretische Kenntniss derselben besonders durch sein Werk: „Die Kennzeichen der Insecten" mit 24 illustr. Karten, Vorrede von Joh. Gesner, Zürich 1761 und durch seine „Geschichte der Schweizer und ausländischen Insecten mit 32 illum. K. Winterthur 1776. Suppl. 1789. — Marcus Eliezer Bloch trat in Deutschland auf als ein erster ausgezeichneter Kenner der Fische. Seine „allgemeine Naturgeschichte der Fische" erschien in 12 Theilen mit 432 illum. Kupf. in Fol. Berlin 1782 — 95 und sogar auch in französischer Sprache übersetzt. Die „öko- nomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands" enthält 6 Bände mit 216 illum. Kupf. Berlin 1783 — 87, das „Systema Ichthyologiae" hat 110 Tafeln und erschien erst durch J. Gottloh Schneider, Berlin 1801. — Seine Abhandlung von der Erzeugung der Eingeweidewürmer und den Mitteln wider dieselben mit 10 Kupfertafeln, Berlin 1782, wurde von der Societät der Wissenschaften in Kopenhagen mit dem Preise gekrönt. — Abbe Bazin gab ohne sich als Autor zu nennen eine Naturgeschichte der Bienen „Hist. naturelle des Abeilles I. IL Paris 1747. — Nathanael Gottfried Lcskc, Prof. in Leipzig, war ein vielseitig gebildeter Naturfor- scher, welcher durch seine „Reise durch Sachsen" mit 40 Kupfertafeln Leipz. 1785 seine Anfangsgründe der Naturgeschichte, Leipz. 1779, seine Physiologia animalium Lips. 1775, seine Ichthyologia Upsiensis Lips. 1774 so wie" durch Arbeiten über Echinodermen, über den Blasenwurm im Hirn der Schafe u. s. w. sich als guten Beobachter bewährte. — William Smellle, geb. in Edinburg 1740, f 1795 den 24. Juni, schrieb eine „Philo- sophy of natural history" in 2 Bänden, Edinburg 1790, welche auch nach seinem Tode in neuer Ausgabe London 1838 erschien. Ferner über- setzte er Buffons Naturgeschichte der Vögel in 9 Bänden London 1793. Jos. Franz Edler v. Jacquin gab „Beiträge zur Geschichte der Vögel mit 19 illustrirteu Kupfern 4. Wien 1784. — Joh. Friedrich Gmelin (s. später), 59 hatte alle specielle neue Entdeckungen sorgfältig gesammelt und liess Linnees systema naturae in der XIII. Ausgabe Leipzig 17S8 erscheinen. — Drew Drury, geb. Wood Street, Cheapside, London 4. Februar 1725, f 1763 den 18. April, wurde durch seine schönen Illusirations of natural history mit 150 Kupfertaf. in 3 Bänden London 1770 — 82 und Illustrations of foreign Entomology in 3 Bänden mit 150 Kupfert. herausgegeben von Westwood , London 1837, rühmlich bekannt. — Joh. Casp. Fuessli , geb. in Zürich 1706, f 1782, eigentlich Portraitmaler , ein guter Entomolog der Schweiz , gab vortreffliche Abbildungen zu seinen Werken : „Ver- zeichniss der Schweizer Insecten, Zürich und Winterthur 1775. Magazin für Liebhaber der Entomologie, 2 Bände, eb. 1778. Neues Magazin 1782 — 87. Archiv der Insectengeschichte eb. 1781 — 86. — Kasp. Sioll, f 1 795 , schuf ein schätzbares Werk zur Kenntniss der Hemipteren : „Natürl. u. nach dem Leben gemalte Abbild, u. Beschreibungen der Cicaden u. Wanzen u. a. verwandten Insecten aus Europa, Asia, Africa u. America," herausgegeben von Winterschmidt, Nürnberg 1781. Ursprünglich hol- ländisch Amsterd. 1787 — 90, \on Hoiittuyn beendigt 1815. — Joh. Friedr. Wilhelm Herbst in Petershageu im Fürstenthum Minden geb. den 1. Nov. 1743, t 1807 den 5. Nov. als Archidiakonus in Berlin, war ein verdienst- voller Entomolog. Seine „Einleitung zur Kenntniss der Insecten für Ungeübte und Anfänger in 3 Bänden, Berlin u. Stralsund 1784 — 86, hat die Liebe für diese Wissenschaft befördert. Sein „Natursystem der un- geflügelten Insecten , Berlin 1798 — 1800 mit 23 illum. Kupf. , endlich sein „Versuch einer Naturgeschichte" der Krabben und Krebse in drei Bänden mit 62 illum. Kupfertaf. Zürich, Berlin u. Stralsund 1782 — 1804 sind ausgezeichnet. Cai^l Gustav Jablonsky gab ein grosses Werk: „Na- tursystem aller bekannten in- und ausländ. Insecten" mit illum. Kupf. weiches Herbst fortsetzte. Berlin 1785 — 1806. Davon sind nur 202 iil. Kupfertaf. Käfer und 327 Kupfertaf Schmetterlinge erschienen. — Joh. Rud. Schellenberg beschäftigte sich so wie Stoll vorzugsweise mit Hemip- teren und gab die sehr schätzbaren Werke : „Das Geschlecht der Land- und Wasserwanzen in der Schweiz nach Familien geordnet mit 14 ill. Kupf. Zürich 1800, auch in lateinischer Sprache. Ausserdem auch Dipteren: „Genres de Mouches dipteres^' mit 42 ill. Kupf auch deutsch: „Gattungen der Fliegen"' Zürich 1S03 und „Entomologische Beiträge" Winterthur 1S02. Haben wir hiermit eine Anzahl wichtiger Männer genannt, welche diesem Jahrhundert gehörend, endlich schon in das XIX. Seculum ein- traten, so verspareu wir die Aufzählung derjenigen, welche in dieses län- ger hineinlebten, für eine Schilderung dieses Jahrhunderts. Wenn bereits mehrere der genannten Männer auch als Reisende aufgeführt worden, so sind noch folgende an ihre Namenreihe anzu- schliessen, durch deren Reisen die Wissenschaft Aufklärung fand. Für Reisen nach Asien: Peter Kämpfer in Lemgo 1651 geb., f 1716, reiste 5* 60 als Leibarzt mit dem schwedischen Gesandten Ludrv. Fabricius 1683 nach Persien, wo er länger blieb; dann auch Georgien und Amerika durch- suchte , später als Arzt mit nach der Küste von Arabien, nach Ceilon, Bengalen und Sumatra ging und nur 1689 ein Jahr in Batavia blieb. Dann besuchte er Siam und Corea, blieb in Japan zwei Jahre und kehrte 1693 nach Europa zurück um Leibarzt des Grafen von der Lippe zu bleiben bis er starb. Seine „Amoenitates exoticae" 1712 Lemgo mit 90 Kupfertaf. sind reich an Neuigkeiten für Zoologie und Botanik. — Augustio Lippl, geb. in Paris 1678, reiste unter Louis XIV. mit einei; Gesandschaft nach Aegypten, Nubien und Habessinien, wurde aber daselbst 1704 ermordet und seine gerettete Sammlung von andern be- schrieben. Richard Pococke, Bischof von Ossory berichtet über die Palme von Theben: Hyphaene coriacea und m. a. Gewächse in seinem Werk: Description of the East. London 1743 — 45. Friedrich Hasselquist in Ost- gothland geb. 1722, f 1752, Schüler Linnees , bereiste Aegypten und Palästina, starb aber in Smyrna und Liiine beschrieb seine Reise und die von ihm gefundenen Pflanzen im Jahr 1757. — Alexander Rüssel lebte in Aleppo, f 1768 und hinterliess sein Werk: The natural hisiory of Aleppo and parts adjacent. London 1756. ed. 2. von seinem Sohne Patrick Rüssel, London 1794, auch deutsch zu Göttingen 1798. — Joh. Mariü hatte acht Jahre lang in Asien gelebt und beschrieb auch Pflan- zen in seinem Viaggio per l'isola di Cipro e per la Soria e Palestina in 5 Bänden 1769 — 70 Florenz. — Carsten Niebiihr, geb. 1733, j 1815, reiste mit seinem ^e^laiiev Peter Forskol, geb. in Schweden 1732, f 1763 nach Aegypten und Arabien, wo letztrer starb und die Flora aegyptiaco ara- bica Havniae 111 A: und die Icones rerum naturalium das. 1776 durch Niebuhr erschienen und die Pflanzen dann durch Martin Vahl durch seine Symbolae botanicae 1790 — 94 genauer bestimmt wurden. — Jak. Jul. La Billardiere reiste 1787 nach Syrien und auf den Libanon und die Icones plantarum Syriae rariorum Paris 1791 , bieten die Resultate der Reise. In Folge des Feldzugs den Bonaparte in Aegypten bestanden, wurden durch seine Begleiter D etile , Savigny und Nectoux die Naturalien für das Denkmal des Feldzugs, die grosse Description de XEgypte, Eist. nat. Paris 1813 abgebildet und beschrieben, andere Inder Reise von Sonnini in Ober- und Nieder- Aegypten und in der von Benon. Das asiatische Russland erschloss Daniel Gottl. Messerschmidt aus Danzig, welcher aus Liebe für die Naturkunde 1716 nach Petersburg, von da 1720 nach Tobolsk ging, von wo er mit Stralenberg den Obi, Jenisei imd die barabinzische Steppe durchreiste, dann drei Jahre allein in Sibirien blieb , die Tunguska, Angara, Lena, den Irtisch und die davur- ischen, werchoturischen und altaischen Gebirge besuchte, worauf er 1730 in Petersburg starb, so dass erst Amman, J. G. Gmelin und Pallas seine Entdeckungen bekannt machen konnten. Ebenso wurden die von Gottl 61 Schober, einem von Peter I. an die Wolga, das kaspische Meer und das nordwestliche Persien gesendeten jungen Arzte gemachten Acquisitionen nicht von ihm, sondern von Lerche in den Nov. Act. nat. curios. V. app. beschrieben. Joh. Christ. Buxhaum (s. oben), geb. in Merseburg 1694, t 1730, gab seine .,Plantarum minus cognit. Cent. I — V. Petersburg 1728, heraus, welche dann bis 1740 nach seinem Tode erschienen. — Die Kai- serin Anna sendete Traug. Gerher und Heinzelmann 1732 in das östliche Russland. Jener ging an die Ufer des Don und der Wolga, sendete seine Flora von Moscau an Haller, wurde Feldarzt im finnischen Kriege und starb in Viborg 1743. Dieser besuchte den Ural, das Gebiet von Orenburg und einen Theil der Tartarei, Amman machte bekannt, was er gefunden. Ferner wurde der Däne Veit Bering , welcher 1728 nach Kamtschatka, den Fuchsinseln, Alaschka und der Nordwestküste Ameri- kas bis zur Beringsbai gesendet. Joh. Georg Gmelin in Tübingen geb. ' 1 709, welcher seit 1 727 in Petersburg lebte, Stephan Krascheninnikow und einige Künstler wurden nach Ostasien beordert. Nach fünf Jahren folgte ihnen Georg Wilh. Steller aus Weinsheim in Baden an der Berg- strasse. Sie segelten vom Peter Pauls Hafen nach den Fuchsinseln zur amerikanischen Küste und mussten dann auf der Beringsinsel bleiben, wo 1741 Bering starb. Steller erreichte den Peter Pauls Hafen im fol- genden Jahre, blieb in Kamtschatka, war der einzige Naturforscher, wel- cher die riesenhafte nach ihm benannte Seekuh, die Bhytine und einen Mammuthelephanten mit Fleisch und Haut und Haaren gesehen. Er starb zu Tjumen am Tura 1746 und Pallas machte das, was er entdeckt hatte, bekannt. Steller selbst gab nur die „Ausführl. Beschreibung von sonderbaren Meerthieren: Seekuh, Seebär, Seelöwe, Seeoiter mit Anm. und 1 Kupf. Halle 1753 und seine „Beschreibung von dem Lande Kamschatka" m. K. Frankfurt a. M. und Leipzig 1774. — J. G. Gmelin mit Gerhard Friedr. JJIüller und Ludw. de TIsle de La Croyere hatten unterdessen in Sibirien gearbeitet, sie durchreisten 1734 die Gegenden am Ob und Tom bis zum Lande der Kalmücken, 1735 die Districte jenseits des Baikal, 1736 und 37 die Ufer der Lena bis zum 62 o hinan. Im folgen- den Winter verzehrte eine Feuersbrunst alle von Gmelin gesammelte Schätze nebst seinen Büchern, Handschriften und seiner ganzen Habe in Irkutzk. Er erhielt endlich die Unterstützung von neuem zu sam- meln, besuchte 1730 den Jenisei und die Districte zwischen dem 51 und 66« N. B., ging 1740 an den Ob zurück, im folgenden Jahr in die ischimskische, barabinzische u. a. Steppen, 1742 nach Isetzkoi und die nahen Gebirge und kehrte nach zehnjährigem Aufenthalt wieder zurück. Er wurde Prof der Naturgeschichte in Petersburg, ging aber nach vier Jahren in sein Vaterland zurück, wo er 1755 starb. Johann Amman, geb. 1707, fl741, machte von seinen Entdeckungen vieles bekannt. Gmelins Flora sibiria in vier Foliobänden Petrop. 1747—69, enthält 400 Abbild. 62 und ist von hoher Wichtigkeit für die Kenntniss des Landes und seiner Vegetation. Von Catesby's Werk über Nordamerikas Vögel und Pflanzen war schon die Rede. Joh. Bapt. Labet, geb. 1667, f 1738; reiste als Domini- caner zur Verbreitung der katholischen Religion, beschrieb aber in sei- nem Noiweau voyage uux isles de l'Amerique Paris 1722 in sechs Bänden die vollständige Geschichte der Culturpflanzen , des Tabak, Indigo, Kakao, Orleans, des Zuckerrohrs und der Baumwolle. — Dasselbe that Brue für Afrika in seiner „Nouvelle relation de TAfrlque occidentale'' Paris 1728 in fünf Bänden, worin im zweiten Bande die Amyris Kafal, Oresceniia Cujete, Acacia vera, Intropha Manihot u. a. beschrieben werden. — Thomas Shaw, Theolog und Archäolog, reiste nach Aegypten, Nord- afrika und Syrien und seine „Travels or Observation s relating to several parts of Barbary and ihe Levant" Oxford 1738 verzeichnen an 632 von Dillenius bestimmte Pflanzen, worunter einige auf 6 Kupfert. abgebildet sind. — Diejenige Reise, welche eine Gesellschaft von Spaniern und Franzosen unter Anführung des Grafen Manrepas in das tropische Amerika im Jahre 1735 anstellte, um einen Grad der Breite unter dem Aequator zu messen und so die eigentliche Gestalt der Erdkugel be- stimmen zu können, wurde auch von Charles Maria de la Condamine, Bouguer und Godin als Astronomen und Feldmesser, dann von Joseph Jussieu als Botaniker und Morainville als Maler getheilt. Sie vereinigten sich zu Carthagena mit den Spaniern Georg Juan und Anton JJlloa, in deren Gesellschaft sie die Andesgebirge erstiegen. Jussieu musste lange als Arzt fungiren, 1747 begann er die Paramos allein zu durchwandern bis an die Quellen des la Plata, von wo er erst 1750 über Potosi nach Lima zurückkehrte, um nach Europa zu reisen, Avobei er geisteskrank wurde, indessen hat A. L. Jusvieu die durch ihn gesammelten Pflanzen erhalten. Condamine bereiste 1743 von Loxa aus die Ufer des Ama- zonenflusses und ging durch die ungeheueren Ebenen von Neu-Anda- lusien, Cumana und Carracas nach Cayenne : „Belation abregee. d'un voyage, fail dans finterieur de l'Amerique meridionale. Paris 1745. Die Cinchona Condaminea trägt seinen Namen, sowohl diese als die Siphonia Cahuchu lehrte er kennen. Ulloa und Juan durchreisten Peru und Chile nebst der Insel Juan Fernandez: „Belacion del viage, que hizieron. Madrid 1748 in vier Bänden. — Renatus Moreau de Maupertius reiste 1736 nach den Polargegenden um Gradmessungen anzustellen in Begleitung des Geist- lichen Oufhier, das „Journal d'un voyage au Nord/' Amstelod. 1746 ent- hält die naturhistorischen Ergebnisse. — Joh. Burmann, geb. in Amster- dam 1707, t 1780, bearbeitete das Herbarium, welches Paid //ermann, geb. in Halle 1640, f 1695 als Prof. in Leiden, aber acht Jahre lang Arzt bei der holländischen Factorei in Ceylon gesammelt hatte, nach seinem Tode erschien erst das „Museum ceylanicum" 1726, dann von Hermann der „Thesaurus ceilanicus" Amstelod. 1737 mit 110 Kupfertaf. 63 — Albert Seba in Ostfriesland, geb. 1665, f 1736 als Apotheker in Am- sterdam, brachte ein grosses Naturaliencabinet von Earitäten aller Welt- theile zusammen und verkaufte dasselbe an Peter I., sammelte dann eii^neues und beschrieb dieses in einem grossen Werke in 4 Foliobänden, „Locupletissinius rerum naturaUum. Thesaurus" Amstelod. 1734 — 65 mit 449 Kupfertafeln. Afrika wurde in seinem Norden von Renatus Besfontaines 1783— 85 bereist und seine Flora atlantica erschien 1800 in Paris. /. L. M, Poiret durchreiste Numidien 1785 — 86 und sein Voyage en Barbarie er- schien Paris 1789. — Dänemarks Consul P. K. A. Schousboe verdanken wir die Beobachtungen über das Gewächsreich in Marocco. Ch. Nicol, Sigisb- Sonnini de Manancour voy. dans la haute et basse Egypte erschien in 3 Bänden durch Tardieu. Paris 1799, Leipzig 1800. — Nächst dem früher erwähnten Bruce sind W. G. Browne' s „Travels in Africa'% London 1799, für das mittlere Afrika zu nennen. Michel Adanson blieb 4 Jahre am Senegal und seine Hist. nal. du Senegal, Paris 1757, lehrt zum erstenmale die genaue Kenntniss des nach ihm genannten Baobabbau- mes und vieler anderer Pflanzen so wie der dortigen Thierwelt. Pierre Sonnerat trug auch durch seinen „Voyage aux Indes orientales etc." s, diesen, worin er das Cap de bonne-Esperance, les Isles , de France et de Bourbon berührte, zur Kenntniss von Afrika Bedeutendes bei. Isert gab seine „Reise nach Guinea, Kopenh. 1790" und Vahl und Willdenow beschrieben die Pflanzen, die er entdeckt hatte. Adam Afzelius gab die „Genera plantarum guineensium, Upsal 1809. Palisot-Beauvois erschloss die eigenthümliche Flore dOware et de Benin. Paris 1805 — 10. Von Bruce war schon S. 57 oben die Rede. Südafrika hatte bei weitem die meisten Besuche erhalten und Peter Jonas Bergius, f 1790, Prof. in Stockholm, bearbeitete zuerst die Flora des Landes, nachdem Michael Grubb, Vorsteher der Ostdeutschen Gesell- schaft, die Gewächse gesammelt und mitgebracht hatte : Descript. plant, e capite bonae spei. Stockholm 1767. — Andreas Sparrmann war 1765 mit Capitän Gustav Ekeb er g in Ostindien gewesen und blieb 1771 u. 72, dann bis 76 am Cap, wo er für Zoologie und Botanik zugleich thätig war: Resa til goda hopps-udden. Stockholm 1783. Karl Peter Thunberg, des Jüngern Linnees Nachfolger in der Professur, lebte in Südafrika von 1772 — 78 unci bearbeitete nach seiner reichen Sammlung die erste aus- führlichere „Flora capensis in Lpsala nehst prodromus 1794 — 1800. Seine „Reisen in Afrika und Asien" erschienen auch deutsch Berlin 1792. Thun- berg hat zugleich in einer grossen Anzahl von Abhandlungen Insecten beschrieben. — Die Gärtner Boor u. Scholl wurden vom Kaiser Franz I. nach dem Cap und Isle de France gesendet und kehrten 1780 mit rei- chen Pflanzenentdeckungen zurück. — fVill. Patersons „Reisen in das Land der Hottentotten" gab Joh. Reinh. Forster Berlin 1790. — Peter Maria Broussonet, geb. 1761, f 1807, durchforschte die Canarischen Inseln und 64 theilte seine botanischen Sammlungen an Willdenow mit. — Pierre Poivre bis 1775 Statthalter auf den Maskarenen, Hess durch Sonnerat aus Neu- Guinea den Muskatnuss- und Gewürznelkenbaum dahin verpflanzen und legte einen schönen botanischen Garten auf Isle de France an. Sftine Sammlungen waren bedeutend, die von ihm gesammelten Vögel wurden von Brisson beschrieben. Sein Nachfolger in der Aufsicht des botani- schen Garten wadi Nicolaus von Cere f 1810, welcher ebenso die Botanik und die Botaniker forderte, wie er nur konnte. — Philibert Commerson zu Chatillon les Dombes geb. 1727, f 1773 auf Isle de France, legte in seinem Geburtsorte einen botanischen Garten an und gab auf Linnees Wunsch eine Ichthyologie des mittelländischen Meeres für die Königin von Schweden heraus. Er reiste 1767 mit Bougainville nach Südamerika und nach den Südseeinseln und Isle de France, wo er fünf Jahre lebte und zweimal nach Madagaskar. Seine Entdeckungen und sorgfältigen Untersuchungen dessen, was er entdeckt hatte, übertrafen alle Erwar- tung, er hatte über 5000 Arten Pflanzen gesammelt. Auch seine zoolo- gischen Sammlungen kamen an das Pariser Museum. Peter Osbeck, ein schwedischer Schiffsprediger, war einer der ersten, welcher Java und China besuchte: „Dagbok ösfer en ostindisk resa''- Stockholm 1757. — Was schon sein Vater, dann Outgaerden, Prijon und Lorenz Gar ein gesammelt hatten YQVQVixiQ Nie. Lorenz Burmann, geb. 1734, t 1793, Professor in Amsterdam für seine Flora indica Lugdb. 1768 mit 67 Kupfertaf. — Chriat. Friis Botthöll, geb. 1727, f 1797, Prof. in Kopen- hagen, beschrieb die meist vom Missionsarzt Joh. Gerh. König zu Tran- {[uebar mitgetheilten Gewächse mit Abbild. Havn. 1773. — Sonnerat ist schon oben erwähnt. — Will. Marsden gab eine „Hislory of Sumatra" Lond. 1784 und Jac. Cornel. Matth. Bademacher, geb. 1741, f 1783, als Rath der Ostind. Gesellschaft die erste Aufzählung der Pflanzen, welche sich auf Java gefunden, in holländischer Sprache Batav. 1780 — 82. — William Jones, f 1 794, ein Richter in Bengalen, gab seine Bemerkungen über indische Pflanzen in den Asiatic researches. — Will. Boxburgh's Prachtwerk : „Ptants of the coast of Coromandel" erschien in drei grossen Foliobänden in London 1795. .foh. de Loureiro, Missionär aus Lissabon lebte lange in Cochinchina und in Mozambique und Hess nach seiner Rückkehr die „Flora cochinchinensis" in zwei Bänden üllyssipona 1790, dann wieder in Berlin 1793 erscheinen. — Franz Buchanan, Begleiter des Mich. Symes , auf seiner Gesandtschaftsreise nach Ava botanisirte fleissig und Joseph Banks gab die Abbild, und Beschreibung der Pflanzen : .Ircount of an embassy to the kingdom of Ava. London 1800. Carl Peter Thunberg (s. oben S. 63) brachte das Jahr \ 776 in Japan zu und hat mit grösster Mühe die Naturgeschichte dieses merkwürdigen Landes erforscht: „Voyage au Japon etc.'' ed. fr. Paris 1796. „Flora ja- ponica" Lips. 1784 mit 40 Kupfertaf. — Graf Alexis Razvmofsky unter- stüzte naturhistorische Reisen im russischen Reiche. — Pet. Simon Pallas, fi5 geb. in Berlin den 22. Sept. 1741, f das. 1811 d. 8. Sept., Akademiker und Inspector des K. K. Naturaliencabinets in St. Petersburg, bereiste die entlegeneren Districte des russischen Keichs von 1770 bis 1773: „Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reichs^' in 3 Theilen, Petersburg 1771 — 76 mit 104 Kupfert. dann „Bemerk, auf einer Reise in die südl. Statthalterschaften des russ. Reichs'^ in zwei Bänden Leipzig 1799 — 1800; ferner: „Flora rossica" zwei Bände Petrop. 1784 und 88, Fol. mit 100 illustr. K. und „Illustrationes plantarum minus cognitarum" Lips. 1803 vorzüglich Salzpflanzen der Steppen. Noch thätiger Avar Pallas als Schriftsteller für Zoologie aller Classen. So für die Phytozoen : „Characteristik der Thierpflanzen etc." herausgegeben mit Anmerk. von Chr. Fr. Wilh. Wilkens von /. F. W. Herbst mit 27 Kupfert. in 2 Theilen Nürnberg 1787, dann die „Icones insectorum" mit 8 illum. K. Erlangen 1781. Die „Miscellanea zoologica" mit 14 Kupf. Haag 1766 und Lgdb. 1778. Die „Spicilegia zoologica" mit 58 Tafeln in zehn Heften. Berlin 1767 — 74. yNovae spec. quadruped. e glirium ordine" mit 39 Kupfertaf. Erlangen 1778 — 79 und 1784. Höchst ausgezeichnet und wegen seines reichen Inhaltes wichtig ist die „Zoographia Rosso-Asiatica" in 3 Bänden, welche sich über die Wirbelthiere dieses grossen Reiches erstrecken. Petrop. 1811 u. 1831. Von den dazu gehörigen Icones sind nur sechs Hefte erschienen. Er begann seine Laufbahn mit einer „Dissertatio de infestis viventibus intra viventia" Lgdb. 1769. Pallas bleibt für alle Zei- ten ein erhabenes Muster als naturforschender Reisender, als sammeln- der, beobachtender, beschreibender und bildlich darstellender Naturfor- seher. — Samuel Gottlieb Gmelin reiste am Don hinauf, nach Astrakan, an die südl. Küsten des kaspischen Meeres, ging nach Zarizin und im folgenden Jahre in das nördliche Persien, wo er verdächtig wurde und sein Leben im Kerker beschloss. „Seine Reise durch Russland" in vier Bänden 1770 — 84 giebt für Naturkunde geringe Resultate. — Joh. Gottl Georgi reiste als Akademiker in Petersburg mit dem Schweden Johann Peter Falk, geb. 1730, f 1774, welcher aber aus Melancholie in Kasan sich selbst tödtete, und dann mit Pallas an den Ural und nach Südsibirien : „Bemerkungen einer Reise im Russ. Reiche, Petersburg 1775, nebst einer Flora des Baikal-See." — Johann Anton Güldenstä dt in Lief land geb. 1745, 1 1781, Akademiker in Petersb., bereiste die Krimm : „Reisen durch Russ- land und im caucasischen Gebirge, herausgegeben von Pallas in zwei Theilen. Petersb. 1787 und 1791.— Karl Ludwig Hablizl aus Preussen, später Oekonomie-Aufseher in Taurien, war im Norden Persiens gereist und S. G. Gmelin beschrieb seine Pflanzen. — hvan Lepechin, ebenfalls Akademiker in Petersburg, bereiste den Nordwesten von Russland in Europa wie in Asien und gab ein „Tagebuch der Reise durch verschie- dene Provinzen des missischen Reichs" in drei Theilen. Altenburg 1774—83. — Erich Laxmann, 11796, Prediger in Kolywan, machte neue Pflanzen in den Nov. commentat. Petropolit. bekannt. — Joh. Sievers be- 66 schreibt in Briefen an Pallas ächte Rhabarber und andere Gewächse Mongoliens, wonach sie von letzterem in den Nordischen Beiträgen ver- öffentlicht wurden. — (jvai Apollo Musnin-Puschkin, f 1805, reiste in der Krimm 1800 und 1801 und verbreitete durch Exemplare und Saamen die Kenntniss vieler dortigen Pflanzen. — Das Ausgezeichnetste für die Krimm lieferte Friedr. Freih. Marschall von Dieherstein nach eigenen For- schungen auf Reisen und nach den Mittheilungen insbesondere von Hahlizl, Helm, Londes, Redorvsky, Salesow, Steven, Tauscher u. A. in seiner .^Beschreibung der Länder am Kaspischen Meere, Frankfurt 1800," vor- züglich aber nach seinen 1798, 1802 u. 1805 angestellten Reisen in der Krimm durch die „Flora iaurico-caucasica" in zwei Bänden 1808, wozu noch später als Suppl. ein starker dritter Band erschien. Amerika. — Joh. Claylon, Arzt in Virginien, sendete die von ihm gesammelten Pflanzen an Joh. Friedrich Gronovius, geb. 1690, f 1762, Kurator in Leyden, welcher darnach seine „Flora virginica" Lgdb. 1743 in zwei Bänden herausgab. Theodor Lorenz Gronovius, Sohn des vorigen, gab dieselbe 1762 wieder heraus. — Mitchell und Golden sammelten um Neu-York und Linnee, welcher die Pflanzen erhielt, machte sie 1743, 44 bis 50 in den Act. Upsal. bekannt. Auch Coldens Tochter Miss Jenny hinterliess, f 1754, eine Flora von Neu-York mit Abbildungen, welche durch Wangenheim Baidinger und von diesem Joseph Banks erhielt. — Peter Kalm aus Finnland, geb. 1715, f 1779, später Prof. in Abo, wurde nach Nordamerika gesendet um den rothen Maulbeerbaum für Einführ- ung des Seidenbaumes zu holen. Er lebte 1747 — 49 in Pensylvanien, Neu-York und New-Yersey und theilte seine Entdeckungen an Linnee mit. Seine Reise beschrieb er in schwedischer Sprache, Stockholm 1753 in drei Bänden. — Joh. Bartram reiste an die Canadischen Landseen und gab „Ohservations, made in his travels^^ London 1751. — Pet. Franz Xaver Gharlevoix , geb. 1684, f 1761, Missionär der Jesuiten zu Quebek hat in der „Histoire et descript. gen. de la nouvelle France" in drei Bän- den, erschienen in Paris 1744, auch die dortigen Naturprodukte genannt. David Crantz, Missionär der Herrnhuthcr, gab eine Historie von Grön- land, wohin er geschickt worden. — Friedr. Ad. Jul. v. Wangenheim, preuss. Oberforstmeister, war in Amerika gewesen und machte besonders die dortigen Waldbäume durch seine Werke bekannt. — Thomas Walters Flora Caroliniana Lond. 1788, Humphry Marshalls Arbustum americanum Philad. 1785 und Ludw. Castiglioni's Yiaggio negli stati uniti dell' Amer. settentrionale" in zwei Bänden, Milano 1760, enthält ebenfalls natur- historische, insbesondere botanische Beiträge. — Heinrich Mühlenberg, t 1815, Prediger in Lancaster'in Pensylvanien, hat eine Menge von Pflanzen in Nordamerika gesammelt und an Botaniker vertheilt, er selbst gab ein Vferzeichniss seiner Flora heraus, Lancaster 1813. — William Bartra?n's (Sohnes von Joh. Bartram) : Travels through North- and Sud- Carolina. Philad. 1791. — Bavid Schöpf: Reise durch die nordamerika- 67 nischen Staaten, Erlg. 1788 und ArcMhaU Menzies als Begleiter des Capit. Georg Vayicovver in den nördlichen Theil des stillen Meeres, wo er Pflanzen sammelte und diese in den Transact. of Linn. Soc. beschrieb, vermehrten die Kenntnis s der Natur jener Länder. Weslindien wurde von Grifflth Hughes, einem Geistlichen auf Barba- does durch seine „Naturai history of Barhadoes^ London, 1750 fol." er- schlössen. — Der Irländer Patrick Browne hat nach ihm mit grossem Fleisse und tieferer Sachkenntniss beobachtet und unermüdet gesammelt und seine „Civil and natural history of Jamaica. London, 1756" ist ein ausgezeichnetes Werk. — Nicolans Joseph von Jacquin wurde vom Kaiser Franz I. mit dem Gärtner Richard van der Schot im Jahre 1754 nach Westindien gesendet und sammelte daselbst für den Garten zu Schoenbrunn bis 1759. Sieben Schiffsladungen Gewächse kamen aus Curassao und den westindischen Inseln und noch überdies Sendungen durch Boor, Bredemeyer und Marter aus Florida, Carolina u. a. ameri- kanischen Ländern im Jahre 1784. Bredemeyer und Schacht wiederhol- ten die Reise und kehrten 1788 mit neuen Resultaten zurück. Die „Enum. syst, plant, quas in insulis caribaeis detexit Lgdb. 1760" , die ,,Selectarum stirpium americanarum historia Vindoh. 1763 fol." und die „Ob- servat. botaiiicae" in 4 Bänden Vindob. 1764—71 in Fol., endlich der „Hortus Schambrunnensis" in 4 Fol.-Bänd., Vind. 1797 geben Zeugniss von diesem Reichthume. Ebenso schuf Jacquin Denkmäler für den Garten in Wien, den „Hortus botanicus Vindob onensis" in 3 Fol. Bänden. Viennae schon 1770 — 76, die drei grossen Foliobände der Icones plan- iarum rariorum Vienn. 1781 — 95 und Collecianea üd botanicam et zoologiam spectantia in 4 Bänden Vienn. 1786—96. Olaiis (Olaf) Swartz, geb. in Stockholm 1760, f 1817, Professor in Stockholm, war gleichfalls in Westindien von 1783 — 87 und gab die „Nova genera et spec. plant. Holm 1788. Die Observat. bot. Erlang. 1791. Die Flora Indiae occidentalis m 3 Bänden. Erlang. 1797 — 1806, die Orchideae in den Act. Soc. sc. ups. Stockh. Abhandl. und Schraders Journal 1799. Die Synopsis filicum er- schien erst 1806. Südaynerika. Pierre Barrere, f 1 755, gab eine Untersuchung „Sur la cause physique de la coideur des negres etc." Paris 1741, und einen „Essai sur Thist. nat. de la France equinoxiale." Paris 1741 zum erstenmale die Naturalien von Guiana betreffend. — Peter Löfling 1729, f 1756, ein Schüler Linnees, wurde von der spanischen Regierung durch den Mini- ster Carvajal nach Cumana und Guiana gesandt, starb aber daselbst und Linnee beschrieb seine „Resa til spanika landerna." Stockholm 1758. — Berühmter Avurde das Werk des Apotheker Fusee Aublet, welcher 1762 — 64 mit grossem Fleisse in Guiana gesammelt und beobachtet hatte. Seine „Histoire des plantes de la Guiane Francoise" besteht aus vier Quartbänden und enthält 392 Kupfert. mit deutlichen Darstellungen der Pflanzen. Paris 1775. — Geringer sind die Beiträge, welche Bottboell 68 in seinen „Descript. plant, rar. Havn. 1776." gegeben. — Donwiico Van- delli erneute wieder die Erinnerung an Brasilien durch seinen „Fascicu- lus plantanim. öhjssip. 1771. — Giov. lynaz Molina eröffnete durch sein .,Compendio della storia geographica naturale e civile del regno del Chile'' mit 10 Kupf., Bologna 1776, und seinen „Saggio siilla storia naturale del Chile, "^ mit 7 Kupf. Bologna 1782, die Kenntniss dieses merkwürdigen Landes und erregte dafür so viele Theilnahme, dass diese Berichte in mehreren Sprachen bearbeitet wurden, auch deutsch : „ Versuch einer. Äatur^ geschichte von Chili'''' übersetzt von /. T). Brandis. Leipz. 1786. — Jos. Cölestin Mutis, geb. in Cadix 1734, f 1809 auf Santa Fe de Bogota, hatte schon an Zmnvards\)\. 105., Bloch, a. a. O. i.\., Schoepff. t. Yll. Shaw. HI. pl. 7. Schinz t. 0. Holbrooke pl. H. Schild hochgewölbt, stark, ganzrandig, Randplatten 2.5; Sternum oval; mit 1 2 Platten durch Scharnier quer zweiklappig, beide Klappen in der- selben Achse beweglich, unter einander so wie mit dem Schilde durch ein elastisches Zellgewebe verbunden, Vorderbeine mit 5. Hinterbeine mit 4 Nägeln. — Kopf länglich, schmal, Oberkiefer vorn breitliakig. Schild in der Farbe sehr veränderlich, unter hundert kaum zwei ganz gleich. Schwarzbraun oder fast sch^varz, Zeichnung hochgelb , mannig- faltig gefleckt und geschnörkelt; fast strahlig. Unterseite gelb, die Quernäthe schwarz gewölkt, bisweilen nimmt das Schwarz mehr über- hand und überwiegt sogar das Gelb. Kopf und Beine aus braun mehr oder minder gelb, letztere mit gelben Schuppen. Schild 6V2", breit 41/2"; Höhe 23/4", Sternum 5" 10'" — Sie wurde zuerst im Jahre 1751 von Edwards als „Land tortoise from Carolina" in seinen ;;Gleanings pl. 205" abgebildet und beschrieben. Er erhielt sie lebendig und sah auch eine Dose in Silber gefasst. wie er vermuthete aus dieser Species gefertigt. Baron von Bloch in Dresden beschrieb sie zuerst in Deutsch- land in den Schriften der Berl. Naturf. VH. p. 131. mit Abb. Als Dosenschildkröte und unter derselben Bedeutung bildeten die Englän- der den Namen Box-torloise und Bonaparte den Gattungsnamen „Cis- tudo" aus cista DosC; und Testudo Schildkröte durch eine Syncope. Die Amerikaner und Engländer nehmen es bekanntlich mit der Richtigkeit der alten Sprachen nicht so genau und haben sich gewöhnt Cistuda zu schreiben, welches Wort es nicht geben kann, da es unsinnig ist. Sie ist von einer Grenze der vereinigten Staaten bis zur andern verbreitet. Sie frisst Insecten in den Wäldern, z. B. Heuschrecken und Pilze, Cla- varien. In der Gefangenschaft nimmt sie alles an, auch Semmel und Brod, Obst und Kartoffeln. Ich hielt sie mehrmals lebendig und habe mich gleichfalls überzeugt, dass die Gattung unter die Landschildkröten 96 gehört! In ein Bassin gesetzt, bestrebte sie sich, sich sogleich wiedex vom nassen Elemente zu befreien, stieg heraus und begann auf dem Boden schneller zu laufen. Gegen den Winter grub sie sich in die Erde. An dem letzten Exemplare, welches ich vor zwei Jahren leben- dig besass, habe ich eine mir neue Beobachtung über Seelenleben und Affecte dieser Tliiere gemacht. Das Exemplar war erwachsen und liei während der kühleren Jahreszeit in meiner Stube herum, wo ich noch ein ausgewachsenes Exemplar von Tesiudo graeca herumlaufen Hess, welches wenigstens noch zweimal so gross war, als jene Cistudo. Sit; frassen hier gewöhnlich Blätter von Taraxacum, Crepis biennis oder Sallat. Während ich ruhig arbeitete hörte ich oftmals ein Klopfen, wie die Töne eines kleinen Hammers, ohne sogleich die (Jrsache entdecken zu können. Es wiederholte sich öfterer, und wurde dann auch, beson- ders wenn die Sonne in die Stube schien, vor meinen Augen geübt. Das Manö/cr war höchst interessant, es bestand in einem feindlichen Angriffe der kleinen amerikanischen Cistudo auf die grosse Testudo graeca aus Algier, ich bemerkte nämlich öfter, dass jene mit einer gewissen Wuth auf das grosse Thier losschritt, in dessen Nähe sich so aufstellte, dass sie auf die Mitte ihres Seitenrandes lossteuerte, hier angelangt den Kopf einzog, auf den Vorderbeinen sich emporhob und aus de;- Entfernung von etwa einem Zoll nunmehr in der Weise, wie die rönii sehen Mauerbrecher, mit dem Vordertheile ihres Schildes auf den Mit- telpunkt des Seitenrandes jener losstiess und diese Stösse zehn- bi."^ zwölfmal wiederholte. Dies interessante Schauspiel wiederholte sich nun alltäglich und viele meiner Freunde haben es mit angesehen, bis die kleine vielleicht mit vor Aerger über die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen starb. Von Testudo graeca kann ich versichern, dass einzelne Exem- plare bei mir sich im botanischen Garten eingruben und im Frühling, als die Syngenesisten ausgetrieben hatten, wieder hervorkamen, um sich von deren Blättern zu nähren. Sie wanderten Aveit im Garten umher, aber gewöhnlich immer auf derselben Bahn und fanden sich auch meist immer wieder, sobald die Sonne nicht schien oder es kühler wui'de, unter einer und derselben breitblättrigen Pflanze versteckt. Auch in der Stube nahmen sie täglich denselben Weg und eine hielt ihren Posten auf einer Thürsclnvelle, wohin sie gewöhnlich wieder zurückging, wen)i sie entfernt worden war. Cistudo Blandingii Holbrook pl. III. Kopf massig, Oberkiefer vorn ausgekerbt, Unterkiefer kurzhakig. Schale rundlich-länglich, glatt, ungekielt, ganzrandig; Sternum vom ganz, hinten ausgekerbt, zweiklappig, Hinterklappe ein wenig grösser. Schild 8", breit 5" 4'", Sternum l^k", Höhe 3 ", Schwanz l'^ji" . Reinschwarz, jedes Schild mit einer grossen Menge kleiner gelber Flecken versehen, welche fast in concentrische Kreise geordnet erscheinen. Brustschild 97 iielb, auf dem Unterrande einer jeden Tafel ein grosser schwarzer, zaekig begrenzter Fleck. Kopf und Beine schwarz, gelb punktirt, Un- terkinnlade , Kehle und Unterhals gelb. Lebensweise wie bei voriger Art auf dem Lande, doch auf Wiesen und Prairieen, und bisher nur im Staate Illinois und im Districte von Wisconsin gefunden, wo sie häufig ist. Holbrooke erhielt sein Exemplar vom Fuchsflusse, einem Nebenflusse des Illinois. Dr. William Blanding in Philadelphia hat sie zuerst beobachtet. Sie kann ihr Schild nicht so vollkommen schlies- sen, als Cistudo clausa, und gehört zu der andern Gruppe der Gattung, welche Jjumeril und Bihron „hiantes" klaffende genannt haben. — Manche weitere Bemerkung über Schildkröten, von den auch jetzt einige afrikanische Emys im Gewächshause des botanischen Gartens glücklich den Winter durchlebt haben, versparen wir für ein anderes Mal. Nächstens folgt auch der Bericht eines andern unserer Mitglieder, des Herrn Dr. Matthes, welcher ebenfalls nach thätigem Beobachten und sorgfältigem Samm.eln in anderen Theilen Amerikas kürzlich zu uns zurückgekehrt ist. lieber die Wirkung; gewisser technischer Etablissements auf die Atmosphäre, wie auf das Leben des Pflanzen- und Thierreichs, auf zahlreiche Beobachtungen und Untersuchungen begründet von Julius Sussdorf, Lehrer der Physik und Chemie an der mit der K. chir. medic. Akademie verbundenen K. Thierarzneischule in Dresden. Die Athmosphäre ist der Sammelplatz aller gasförmigen Eshalatio- nen, sie mögen ausgehen von den Vorgängen im Innern der Erde oder )uÖgen auf der Oberfläche derselben auf natürlichem oder künstlichem AV^ege erzeugt werden. Es sind hier ganz besonders diejenigen von Wichtigkeit, welche sowohl bei Zersetzung organischer, vorzüglich ani- malischer Materien, bei Fäulniss, Verwesung u. s. w., entstehen, als auch diejenigen, welche von dem Betriebe technischer Etablissements und häusslicher Operationen auszugehen pfleger^. Beide würden sich in vielen Fällen für das Leben als nachtheilig bewähren, wenn sie in der Atmosphäre sich anhäufen könnten. Dem wird aber gewöhnlich vorgebeugt, theils durch die chemische Wirkung des Sauerstoffs in der Luft unter dem Einflüsse des Lichts und der Feuchtigkeit, wodurch vorzüglich diejenigen oxydirt und unschädlich gemacht werden, welche von organischen Zersetzungsprozessen herrüh- ren, oder welche keine Oxyde oder niedrigere Oxyde sind, theils durch AUg:. deutsche naturhist. Zeitung-. I. 8 98 die fortwährenden wässrigen Niederschlagungen in den verschiedensten Formen aus der Luft, welche vorzugsweise die fremden Gase absorbiren und so auf die Oberfläche der Erde und aller darauf befindlichen Gegen- stände sich niederschlagen, welche Reinigung der Atmosphäre schon bekannt ist, aus dem erfrischenden und reinem Zustande derselben nach kräftigem Regen. Es besitzt dieselbe demnach in sich selbst die Be- dingungen zur fortwährenden Entfernung solcher Stoffe, aber aus jenen Niederschlagungen erwachsen anderweite Nachtheile, welche unter ge- wissen Umständen bedeutungsvoll werden. Entstehen nämlich dergleichen fremde Gase ununterbrochen an einem bestimmten Orte, so verbreiten sich dieselben zwar bis zu einer gewissen Hohe und bis zu einem gewissen Umkreise in der Atmosphäre, werden aber deshalb auch fortwährend in einem bestimmten Umkreis auf die Oberfläche der Erde niedergeschlagen. Solche ununterbrochene Quellen sind gewisse technische Etablisse- ments, wie Coaksöfen, Hohöfen, Rost- und Metallschmelzöfen, Arsenik- hütten, Sodafabriken u. s. w., indem bei ihrem Betriebe theik gro&se Mengen saurer Dämpfe, wie schweflige Säure, Chlorwasserstoff, theils metallische Dämpfe, wie von Arsen, Antimon, Zink, Blei u. s. w. in die Luft treten, deren schädliche Wirkung auf Pflanzen und Thiere wie bei Arsenikhütten längst gekannt ist. Ganz besonders gehört hierher auch die schweflige Säure, welche überall da in Betracht kommt, wo schwefelkieshaltiges Brennmaterial, wie die fossilen Kohlen, zu häuslichen und technischen Zwecken ver- wendet wird, noch viel mehr aber, wo Schwefelmetalle zum Zwecke der Gewinnung der Metalle zur möglichst vollkommenen Entfernung ihres Schwefelgehaltes geröstet und die dabei entstehende Säure nicht con- densirt wird, sondern ihren Weg frei in die Atmosphäre nimmt. Im ersteren Falle, bei der Benutzung von fossilen Kohlen als Brenn- material oder zur Coakserzeugung werden gewiss nicht unbedeutende Mengen schwefliger Säure erzeugt, allein dieselbe macht wenigstens ihre nachtheilige Wirkung nicht so schnell empfindlich, wie im letzte- ren Falle. Dies kommt jedenfalls daher, dass sie gleich bei ihrer Ent- stehimg in einer viel grösseren Masse von Luft vertheilt, also sehr ver- dünnt einer viel weiteren Verbreitung in der Atmosphäre fähig sind und sich deshalb auch nicht so rasch und auf einem verhältnissmässig grösseren Kreis niederschlagen, als in den Fällen, wo dieselbe in so grossen Massen und bei ihrer Entstehung nicht so verdünnt auftritt, wie bei den Rösthütten. Im letzterm Falle macht sich ihre Wirkung natürlich viel schneller und spezifischer wahrnehmbar, als im ersteren, allein auch hier wird sie, wenn auch erst nach langen Jahren nicht ausbleiben, wie dies auf dem Kohlengebiet Lyons ersichtlich, in welchem die Vegetation weit und breit auf vorher cultivirten Ackern eingegangen, veranlasst durch 99 die gewaltigen Rauchwolken, welche die zahlreichen CoaksÖfen ununter- brochen ausspeien. Treten nun hierzu noch Metalldämpfe; so werden die dadurch ver- anlassten Uebelstände doppelt sein und diese Verhältnisse sind recht deutlich ersichtlich aus den Umgebungen der Hütten im Muldenthal bei Freiberg. Die Dämpfe, welche bei den Rost- und Schmelzprozessen in Hals- brück, als auch bei Hilbersdorf entströmen, bezeichnet man mit dem Namen des Hüttenrauchs, und sind dieselben gebildet aus schwefliger Säure, hin und wieder etwas Chlor und Chlorwasserstoff und von Me- tallen aus Arsen-, Blei-, Zink-, Antimon- auch Kupfer- Verbindungen. Ehe ich aber die Wirkung derselben auf Pflanzen und Thiere be- leuchte, will ich das Wesentliche über die Menge und Entstehung der- selben angeben. I. Entstehung- und Quantität des Hüttenrauchs. Den besten Ueberblick und eine wichtige Einsicht über die Quellen und die Menge der durch den Hüttenrauch fortgeführten Stoffe wird man gewinnen, wenn man einen näheren Blick auf die Grösse und technische Anlage dieser Hütten wirft, wovon mir genauere Mittheilun- gen über die Hilbersdorfer Hütten zugegangen. Im Jahre 1853 sind daselbst nahe an 200,000 Centner Erze zur Verarbeitung gekommen, und im Jahre 1854 glaubt man, dass dieses Quantum wenigstens erreicht, wenn nicht überschritten wird, und da überhaupt diese Werke in der Production im Zunehmen begriffen, so kann man das jährlich zur Verarbeitung kommende Quantum wohl mit 200,000 Centner annehmen. Die zur Verwendung kommenden Erze sind wohl fast ausschliess- lich Schwefelverhindunfjen, und zwar meist Bleiglanz, welcher 13 oy^ Schwefel enthält, während alle übrigen Gattungen von Erzen nie dar- unter, stets aber höher und dies oft beträchtlich im Schwefelgehalt stehen, da gerade der Blei- und Silberglanz die an Schwefel ärmsten Erze sind. Nimmt man nun die Menge des gesammten Schwefel in den Erzen, me sie zur Verröstung kommen, nur zu 10 "/o an, so ergiebt sich dar- aus, dass in obiger Quantität 20,000 Centner Schwefel enthalten sind. Dieses Quantum muss aber bis auf kleine Mengen durch den Röst- prozess entfernt werden, und zwar unter Vermittelung des Sauerstoffs der Luft, welche denselben zu schwefliger Säure verbrennt, welche aus obigem Quantum bei vollständiger Verbrennung 40,000 Centner trock- nes Gas betragen würde, die der dortigen Atmosphäre in einem Jahre sich beimengend auf einen verhältnissmässig kleinen Kreis von zwei Stunden im Durchmesser sich niederschlagen Avürde. Bei einer regel- mässigen Entstehung und Ausbreitung würden alsdann täglich fast 100 genau HO Ctr. in die Luft treten. Es verwandelt sich aber unter dem Einflüsse des Sauerstoffs und der Feuchtigkeit die schweflige Säure in Schwefelsäurehydrat ^ wobei sie an Gewicht um 50*'/o zunimmt, so- dass täglich alsdann 165 Centner Schwefelsäurehydrat entstehen könn- ten, die nun im dortigen Umkreis auf Erdoberfläche, Pflanzen und Thiere wirkten. Diese Masse kann in ihrer schädlichen Wirkung bei einer ziemlich bedeutenden Ausbreitung so wenig überraschen, dass es fast unnöthig erscheint, nach einem weiteren Grund für die vielen Uebelstände zu suchen, und wenn in der That nur ^/lo jener Menge täglich zur Wirk- ung käme. Von dem Eintritt der Salzsäure in die Atmosphäre will ich gänz- lich absfehen, da wenigstens auf den Hilbersdorfer Hütten nur sehr ver- einzelt Kochsalz beim Rösten der Silbererze zugesetzt wird, während dies wohl in Halsbrück mehr betragen möchte, von welchem Hüttenwerk mir aber keine Zahlen bekannt sind. Wir werden dieser Salzsäure zwar später und in nicht unbedeutender Quantität in den Futteranaly- sen wieder begegnen, aber wahrscheinlich als secundäres Erzeugniss. Wie viel wohl ohngefähr von Arsenik und anderen flüchtigen Me- tallen in die Luft treten, kann wohl auch nicht einmal annähernd an- gegeben werden, allein ihre Mengen können nicht so unbedeutend sein, wenn man berücksichtigt, dass Arsenik in allen dortigen Erzen auftritt und dass nur ein kleiner Theii der an Arsenik reichsten in den Gift- hütten verarbeitet 'wird, während alle anderen Erze ihren Arsenikgehalt durch Röstung zum grössten Theil verlieren, und so derselbe in die Luft tritt, wie sich auch schon aus dem starken Knoblauchgeruch in den dortigen Hütten und deren Gehöften bis über die äussere Verzäum- ung ergiebt, der dem Fremden natürlich sehr auffällt, was bei den dort beschäftigten Personal nicht scheint. Am meisten ist nun das Auftreten solcher Metalle in dem Hütten- rauch auffallend, welche sehr schwer flüchtig sind, wie etwas Kupfer, vorzüglich aber die grossen Mengen von Blei. Dass diese Metalle nicht beim Röstprozess, also nicht gleichzeitig mit der schwefligen Säure in die Luft treten, geht schon daraus her- vor, dass die Rösttemperatur, welche nicht einmal eine Schmelzung der Rösterze herbeiführen darf, viel zu niedrig ist, als dass eine Verflüch- tigung solcher Metalle eintreten könnte. Die Quelle für diese im Hüttenrauch kann demnach nicht im Röst- prozess liegen, wohl aber in dem. Nicdersc/imelz- und Abtreibungsprozess des Bleies, wo eine sehr bedeutende Glühhitze (bei einer Beschickung von 600 Centner Glätte auf 24 — 36 Stunden), andauernd auf das Blei einwirken muss, so dass dieses in gar nicht unbedeutender Menge sich verflüchtigen wird, wenn man eben bedenkt, wie das Blei z. B, vor 101 dem Löthrohre bei einer gewiss nicht höheren Temperatur, als in jenen Oefen. sich gar nicht schwer verflüchtigt. Die aus den Oefen austretenden Bleidämpfe werden an der Luft sich ebenfalls schnell oxydiren und dann, mit der schwefligen und Schwefelsäure zusammentreffend, sich sehr bald wegen ihrer Schwere mit den übrigen Metalldämpfen niederschlagen. Die Quellen für die am schädlichsten wirkenden Säuren und für die Metallverbindungen sind demnach getrennt, welches wohl für eine mögliche Abstellung der Uebel- stände von Wichtigkeit ist. Die Röstung der Erze geschieht aber in zwei verschiedenen Ein- richtungen, theils in Flammenröstöfen, theils in offenen Haufen zwischen Mauern und über einen Rost mit Brennmaterial ausgebreitet, den so- genannten Stadeln. Den Aussagen der benachbarten Bewohner jener Hütten beklagen sich dieselben vorzugsweise über die Nachtheile des Hüttenrauches, welcher aus letzteren aufsteigt, und haben eine gewisse Furcht vor einem neuen Brand, d. h. dem Anstecken neuer solcher Haufen. Es scheint mir dies auch einerseits durch die Erscheinung des Hüt- tenrauchs, andererseits in Berücksichtigung der verschiedenen Wege desselben aus beiden Oefen begründet zu sein. — Die Dämpfe nämlich, welche aus den offenen Haufen, die der Erde fast gleich sind, aufstei- gen, kühlen sich beim Austritt sofort durch die umgebende Luft ab, werden dadurch dichter, schwerer, weshalb sie als ein viel undurchsich- tigerer Qualm erscheinen, und verlieren so die Fähigkeit, höher in die Atmosphäre zu steigen und sich so weiter zu begeben : sie ziehen sich daher im Thale und an den Abhängen hin, schlagen sich hier in sehr concentrirter Form nieder, so dass man in naher Umgebung einen weis- sen Anflug an der Erdoberfläche und den Pflanzen deutlich und oft mit der Loupe krystallinisch wahrnimmt, und »theilen sich so sehr schnell allen Gegenständen, zumal wenn diese feucht sind, oder die Pflanzen mit Thau beschlagen sind, mit, weshalb eine schneller störende Wirk- ung dadurch veranlasst werden kann. Die Dämpfe dagegen , welche aus den Flammenöfen durch einen mehr oder wenig hohen Schornstein in die Atmosphäre treten, haben eine höhere Temperatur und gewisse Geschwindigkeit, in Folge welcher sie sich höher in die Luft ausbreiten durch ihr längeres Streben in die Höhe zu steigen, sich daher auch nicht so schnell und dicht und auf einem weiteren Umkreis niederschlagen. II. Wirkung- des Hüttenrauchs auf die Pflanzen. Es giebt nur zwei Wege, auf denen diese Bestandtheile des Hütten- rauchs in die Pflanzen gelangen, einmal durch das Wasser des Bodens, welches dieselben aufj^elöst den Wurzeln zuführt, andererseits durch 102 Auflegen derselben auf die Oberfläche der Pflanzen und allmäliges Ein- dringen, welche Wirkung des Befüllens ganz besonders nachtheilig wird, aber die Empfindlichkeit und Empfänglichkeit der Pflanzen ist verschie- den, je nach den dabei mitwirkenden Witterungsverhältnisscn , dem Alter und der Art der Pflanzen. A. Wirkung beim Befallen bedingt 1) durch Witt er Imgsverhältnisse. ' Streicht der Hüttenrauch bei trocknem Wetter und über die trockne Oberfläche der Pflanzen, so scheint nur sehr wenig haften zu bleiben, indem sich derselbe M^eiter nach oben und seitwärts ausbreitet und so nicht so schnell sich niederschlägt, Aveshalb alsdann die Pflanzen nicht so intensiv getroffen werden; ähnliches wird bei windigem trocknen Wetter stattfinden, wo die Dämpfe einer noch weiteren Ausbreitung und nur sehr allmäligen Niederschlagung, vorzüglich die gasförmige schweflige Säure, unterworfen sind. Schlägt sich der Hüttenrauch bei Regenwetter nieder, oder folgt auf aufgefallenen Rauch Regenwetter, so wird derselbe von der Oberfläche der Pflanzen abgewaschen und auf wie in den Boden geführt, wo der- selbe viel weniger Nachtheil bewirkt. Schlägt sich aber der Hüttenrauch auf die durch Thau, Nebel oder Regen befeuchtete Oberfläche der Pflanzen nieder, so absorbirt die Feuchtigkeit sehr begierig die Säuren, um sich damit zu sättigen, was man sehr leicht an der sauren Beschaffenheit des Thaus ersehen kann. Folgt nun darauf trocknes, warmes zumal sonniges Wetter, so verdun- stet das Wasser der Oberfläche bald, die flüchtige schweflige Säure hat sich aber inzwischen in nicht flüchtige Schwefelsäure oxydirt, welche nun bei diesem A'^erdunstungsprozess sich concentrirt, theils durch die Zellwände der Pflanzen in das Innere eindringt, und so bei fortschrei- tender Verdunstung durch seine ätzendsauren Eigenschaften zerstörend auf das Zellgewebe einwirkt, so dass dieses bald nachher abstirbt, seine grüne Farbe mit einer oft gelbbraunen, in Form scharf begrenzter Flecken erscheinend, vertauscht, welche Stellen nach dem gänzlichen Austrocknen zusammen schrumpfen, sich von dem gesunden Zellgewebe ablösend, alsdann ausfallend und dabei eine sehr mürbe, zwischen den Fingern leicht zerreibliche Beschaffenheit an-nehmend. Dass das Phytochlor durch die Einwirkung der Säure sehr bald zerstört wird und somit eine gelbbraune oder bleiche Farbe eintritt, ist aus den Eigenschaften der Säure sehr erklärlich und gleicht somit die- ser Vorgang auf den Pflanzen ganz dem, welcher eintritt, wenn man einen Tropfen einer verdünnten nicht flüchtigen Säure auf einen ge- webten Stoff fallen lässt, wo dieser sich einsaugt und oft nichts wahr- nehmen lässt. Nach einiger Zeit aber, wenn die Verdunstung die Säure concentrirt hat, wird diese Stelle geätzt, dadurch mürbe und fällt plötz- 108 lieh scharf begrenzt heraus; ist der Stoff gefärbt, so geht bekanntliGh auch die Farbe bald verloren. Für diesen Vorgang und die zerstörenden Wirkungen des Hütten- rauchs unter diesen Verhältnissen sprechen aber einerseits die scharf begrenzten punktirten Flecken und Blattspitzen, welche in die Luft herausragend am meisten sich mit Thau beschlagen, und somit Säure absorbiren, welche Stellen alsbald jener Wirkung unterliegen. Anderer- seits aber sprechen ganz besonders auch die Aussagen der dortigen Bewohner dafür. Nicht alle Tage, nicht bei trübem, regnerischen Wetter, wie ebenso nicht bei sehr warmen Tagen und Nächten, an denen kein Thau fällt, zeigt sich, obgleich der Hüttenrauch ununterbrochen , Tag und Nacht, bald nach der einen, bald nach der andern Richtung hin die Fluren bestreicht, jene verheerende Wirkung, die man in ihren Folgen mit „vevbrannl" bezeichnet, sondern eben nur an einzelnen Tagen wird dies beobachtet, und zAvar bei gutem, warmen Wetter, am Tage und kühle- ren Abenden und Nächten oder Morgen, wo diese Fluren mit Thau be- legt sind, daher ganz besonders im Frühjahr und Herbst oder Spätsom- mer, dann aber aueli nur, wenn der Rauch Abends, Nachts oder am frühen Morgen darüber gestrichen ist, wo nun bei darauf folgendem guten, warmen Wetter der Verdunstungsprozess rasch erfolgt und die concentrirte Säure zur Wirkung bringt. Aus diesen Beobachtungen erhellt der Einfluss der Witterungs- verhältnisse. Da nun aber stets der aufgefallene Hüttenrauch als der gefährlichste bekannt ist, und seine Wirkung vermittelt wird durch das Eindringen in das Zellgewebe, so steht damit im innigsten Zusammenhang das Durchgangsvermögen durch die Zellwand und dieses ist abhängig vom Alter der Pflanzen und Pflanzentheile und von der ./// der Pflanze. Was 2) das Alter der Pflanzen betrifft, sc tritt die Wirkung als am schnellsten verheerend vorzüglich an den jüngstentwickelten Pflanzen und deren Theile, den jüngsten Blättern und eben aufgebrochenen Knospen, und ebenso besonders an den Blüthen des Klees, der Hülsenfrüchte etc. auf, und je schneller eine Pflanze sich entwickelt, um so zarter und leicht durchdringbarer ist ihre Zell- substanz, die daher dem Eindringen um so weniger Widerstand darbietet, während solche Pflanzen, welche sich langsamer entwickeln und deren Zellwände sich mit dem Alter 'durch Vermehrung des Zellstoff^, Ab- lagerung von Holzstoff oder Mineralstoffen, wie Kieselerde u. s, w., mehr und mehr verdicken, dem Durchgang mehr Widerstand entgegensetzen und so nicht so empfindlich sind. Daher sind die Stengel der Pflanzen, wie die Gräser und deren Halme viel weniger empfindlich und so scheint aus diesem Urunde der 104 Sommerroggen viel mehr empfindlich zu sein, als der Winterroggen, wie wenigstens daraus hervorgeht, dass der letztere dicht neben dem erste- ren stehend und mithin beide auf gleichem und gleich bearbeiteten Boden auch gleichzeitig befallen, doch sehr verschieden entwickelt waren, und so der Sommerroggen sehr verkümmert stand, der Winterroggen dagegen verhältnissmässig kräftig. Dass endlich 3) die Art der Pflanzen eine verschiedene Empfindlichkeit bedingt, geht aus dem eben Besprochenen hervor und liegt in der verschieden schnel- len Entwickelungsfähigkeit, der mehr oder weniger starken Verdick- ung der Zellwände, wie ebenso in der mehr oder weniger der Atmos- phäre dargebotenen Oberfläche, welche vom Hüttenrauch befallen werden kann. So sind unter den Spitzkeimern die Spelzengewächse, Grami- neen und Cyperoideen, daher auch die Getraidearten weniger em- pfindlich als die Blattkeimer, und bei ersteren deren dünne Blätter wie- der mehr, als deren dickwandigere Halme, denn in den Zellwänden die- ser Pflanzen lagert sich bekanntlich nicht unbedeutend Kieselerde ab, und wie diese jene Pflanzen vor einem schnellen Verdorren durch Ver- dunstung von Innen nach Aussen, bei anhaltend trocknem Wetter, bei der geringen Ausbreitung deren Wurzelfasern in die Tiefe, deshalb schützt, weil ihre Oberfläche sich sehr schwer benetzt und die Feuch- tigkeit langsamer austreten lässt, so kann natürlich auch der Hütten- rauch viel schwieriger von Aussen nach Innen durch den Kieselerde- gehalt der Zellwände treten. Daher findet man nicht, dass die vom Hüttenrauch befallenen derartigen Pflanzen so braun ausfallende Flecken zeigen, sondern an den getroff'enen Stellen bleichen, diese nach und nach zusammenschrumpfen, die schmalen Blättchen und zarten Grannen sich endlich kräuseln und zurücklegen und vorzüglich der Halm sich, aber auch langsamer, fortentwickelt, weshalb sich dies wieder in der Beschafi"enheit des Heues abspiegelt, bei welchem die Halmbildung bedeutend vor der Blattbildung vorherrscht, ersterer aber auch durch seinen reicheren Kieselerdegehalt eine grössere Festigkeit besitzt und so das gewonnene Heu härter macht. Deshalb können in der Umgebung solcher Hütten gar keine zarten Blätter zeigende Pflanzen cultivirt werden, wie z, B. Erbsen, Bohnen, Linsen, und der Klee wird so oft braxln und dürr, dass er manchmal kaum zu verfüttern ist, wie ebenso die Blätter der Rüben sehr schnell unterliegen, und als Futter oft nicht zu verwenden sind. So sah ich in einem Garten Georginen , Rosen und Nelken, von denen bei ersteren während 24 Stunden die jüngeren Blätter, Knospen und Blüthcn gänzlich zerstört waren, während die Nelken wegen ihrer festen Blattsubstanz fast ganz unversehrt erschienen. Je schneller und je mehr nun die sich schnell entwickelnden Blatt- keimer durch den Hüttenrauch zerstört werden in ihren einzelnen Orga- 105 nen, je mehr kommt ihnen ihre im Verhältniss ihrer Entwickelung stehende Reproductionskraft zu Statten, indem sie ihre verloren gegan- genen Organe unermüdlich wieder erzeugen, wenn sonst die Witterungs- und Bodenverhältnisse es gestatten, aber für ihre Fruchtreife werden sie gestört, weshalb die Hülsenfrüchte dort nicht gebaut werden können. Bei den Gräsern aber ist die Wirkung nachhaltiger und sie ver- kümmern leichter, weil vorzüglich ihre Spitzen getroffen werden, und wenn daher der Hüttenrauch in die Blüthe oder kurz nach derselben auf diese fällt, so verkümmert die Aehre so, dass sie nur wenig Kör- ner trägt, und diese oft so klein und leicht sind, dass sie sich kaum zum Vermählen wegen der geringen Ausbeute" an Mehl eignen und da- her den Namen „Giftkorn" führen. So widerstehen den auch Pflanzen, deren Blätter wenig saftreich und fest sind und sich durch Harzgehalt auszeichnen, dem Eindringen, und somit der Wirkung sehr lange, aber sie erliegen endlich doch der ununterbrochenen Auflagerung des Rauchs, wie dies ganz deutlich an einem Kiefernwäldchen in der Nähe der Hütten (20 Minuten davon ent- fernt) hervortritt, welches mehrere Jahre lang gar keine Zeichen der Wirkung an sich getragen , aber endlich doch zum Theil unterliegen musste, indem der zunächst den Hütten gelegene Theil gänzlich einge- gangen ist, der entfernter liegende aber, nach derjenigen Richtung hin, wo der Wind von den Hütten her weht, abgestorbene Zweige mit den daran sitzenden braunen Nadeln zeigt, nach der entgegengesetzten Richtung aber schön grünt und in den entferntest liegenden und von Anhöhen geschützten Theil ganz gesund sich zeigt. — Dass Kiefern- nadeln dem Eindringen sehr lange Widerstand leisten, geht aus der ganzen Structur derselben hervor, aber dass bei eintretender Wirkung auf dieselben auch der Nachthoil um so grösser ist. und den ganzen Raum in seiner Entwickelung bedroht, liegt in dem sehr geringen Re- j)roductionsvermögen. Aus diesen verschiedenen Beispielen ist die verschiedene Empfind- lichkeit, bedingt durch verschiedene Umstände beim Befallen der Pflan- zen durch Hüttenrauch ersichtlich. B. Der zweite Weg auf den die lösslichen Bestandtheile des Hüt- tenrauchs in die Pflanzen zu gelangen vermögen, ist der durch die Wurzeln. Dass auf diesem Wege dies stattfinden wird, scheint mir nach den Untersuchungen der verschiedenen Bodenarten nicht zweifelhaft, denn diese enthalten alle freie Säuren und reagiren mit kaltem Wasser an- gerührt, sehr stark sauer, wie sie auch lössliche Metallsalze enthalten. Nun nehmen zwar die Pflanzenwurzeln die in dem Wasser gelösten Stoffe nach gewissen Gesetzen, bedingt durch die Verwandtschaft der Pflanzenart zu gewissen Mineral Stoffen, auf, allein sie treffen bekannt- lich keine Auswahl, sondern nehmen Alles auf, aber nicht in dem Ver- 106 hältniss, in Avelchem diese Stoffe in dem Wasser gelöst enthalten sind, sondern nach dem verschiedenen endosmotischen Vermögen der Wur- zolfasern für die einzelnen Bestandtheile. Deshalb ist wohl nicht zu ZAveifeln an der Aufnahme der freien Säuren und lösslichen Metallsalze, allein die auf diesem Wege einge- di'ungenen Stoffe sind sehr verdünnt in ihren Lösungen, zeigen daher auch nicht diese ätzend zerstörenden Wirkungen und scheinen über- haupt wenig Nachtheile für die Pflanzen zu haben. Dies geht schon daraus hervor, dass die Wurzeln auch unter den ungünstigsten Bodenverhältnissen ihre Triebfähigkeit beibehalten , wie sofort ersichtlich am Haidekraut, Avelches auf den nächsten Höhen der Hütten aus seinen Wurzeln fort und fort neue Sprösslinge treibt, welche aber sehr schnell der Einwirkung des sich von Aussen auflegenden Hüttenrauchs unterliegen und daher gar nicht zur Blüthe kommen, und so zwischen dem abgedorrten, schwarzbraunen, dürren Reissig stets grü- nende, junge Sprösslinge auftreiben. Während also die Wurzel nur aus dem Boden dieselben Stoffe aufnehmen kann, die sich von Aussen auf die Pflanzen auflagern, behält sie doch ihre Vegetationskraft bei und zeigt somit die geringe Empfindlichkeit gegen die auf diesem Wege einge- tretenen Säuren, welches Verhalten wiederum für die ätzende Wirkung derselben auf der Oberfläche spricht. Demnach scheinen die dort so wenig beachteten und im Anbau fast vernachlässigten knollentragenden und rübenartigen Wurzelgewächse einer grösseren Beachtung zu verdienen, als manche Hülsenfrüchte, um die Betheiligten vor den Schäden, welche durch die Auflagerung des Hüttenrauchs entstehen, mehr zu schützen. Es wurden wenigstens auch keine wesentlichen Verschiedenheiten im Verhalten der Rüben aus dortiger und hiesiger Gegend bei der Untersuchung beobachtet, zumal nicht im Säuregehalt, und wurde auch in dortiger Gegend nicht von einem Missrathen der Hackfrüchte gesprochen, während dies bei dem Getraide und dem Heu so oft der Fall ist. Sowie sich nun diese Wirkung sehr spezifisch auf die Pflanzen ausprägt, so wird dieselbe sich auch auf dem Boden bemerkbar machen, III. Wirkung- des Hüttenrauchs auf den Boden. Dass der Boden selbst Veränderungen erleidet , nicht nur durch Beimischung von Stoffen, die ihm sonst fremd sind, sondern ganz be- sonders auch durch die chemische Thätigkeit der eindringenden Säure, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. Die von demselben aufgenommene Quantität der Säure richtet sich gewiss sehr nach der physikalischen Beschaffenheit des Bodens, seinem Fenchtigkcitszu.st;nid(> luul d(^n vnitwirkenderi Witterungsverhältnissen, 107 so dass bei Regenwetter die Säuren und löslichen Salze mehr oder weni- ger tief geführt werden. Die in demselben eingedrungene Säure wird ihn zunächst in einen sauren Boden umwandeln, und wenn sie sich auch nicht lange im freien Zustande erhält und deshalb nicht gut anhäufen kann, so wird sie sehr bald eine Zersetzung der in demselben angehäuften Silicate veranlassen, welche, wie durch die Kohlensäure und das Wasser einer Verwitterung unterworfen, so auch an die Schwefelsäure die Alkalien und alkalischen Erden abtreten und eine grössere Menge schwefelsaurer Salze bilden, die in der Asche der Pflanzen wieder zu finden sind. Dadurch wird aber aucL ein Theil der Kieselerde der Silicate in Lösung gebracht und diese den Gräsei*n zugeführt, welche zur Folge hat, dass dieselben hart und weniger leicht verdaulich werden. Unter allen Umständen aber wird nach und nach aus dem besten Boden ein sogenannter saurer Boden erzeugt werden , indem sich die SchAvefelsäure aller Basen bemächtigt und die durch die Verwesung organischer Ueberreste gebildeten Humussäuren werden frei. Dass aber ein solcher Boden nicht die Entwickelung aller Pflanzen und Feldfrüchte begünstigt, ist bekannt, und so scheint in der That durch diese Ver- änderung des Bodens nach und nach ein Wechsel in der Vegetation einzutreten, indem die in saurem Boden wachsenden und wenig ge- schätzten Futtergräser mehr und mehr Platz greifen, dagegen aber die weichen, sogenannten süssen und geschätzten Futtergräser nach und nach verdrängt werden , und Avenn die Aussagen der dortigen Bewoh- ner wahr sind, so ist dies Verhältniss bereits eingetreten, denn nach diesen sollen früher und vor Anlage der Hütten auf den benachbarten Abhängen und im Thale die besten Futtergräser und Futterkräuter ge- wachsen sein, während jetzt allerdings dort nur noch harte Gräser, wie ..Aira caespitosa'*' und „flexuosa'' neben Haidekraut und einigen Cype- r< »Ideen auftreten. Pflanzen die den sauren Boden verrathen und als Futter nicht geschützt sind. Dasselbe kann aber auch auf den Wiesen, welche jenen Wirkungen vorzüglich unterliegen, nach und nach eintreten. Ausser der Säure treten nun aber auch die in dem Hüttenrauch vorhandenen Metalle im Boden auf und unter diesen ganz besonders das Blei. Um den Metallgehalt kennen zu lernen, wurden daher vier ver- schiedene Bodenarten von verschiedenen Entfernungen und Richtungen einer quantitativen Untersuchung auf diese unterworfen und folgende Resultate erhalten. a) 1 Pfd. Erde von den den Hütten zunächst gelegenen Anhöhen, auf denen nur verdorrtes Haidekraut stand, gab 5,69 Grammen Blei aus 6,i7 Grammen Sehwefelblei und 0,31 - Schwefelkupfer, 108 b) 1 Pfd. Erde aus dem Muldenthale. dicht hinter den Gifthütten nach Abend gelegen, auf welchen ganz verkümmerter Roggen stand, gab 3,S8 Grammen Blei aus 4,4 8 Grammen Schwefelblei und 0,21 - .Schwefelkupfer. c) 1 Pfd. Erde von einem Wiesengrundstück, auf dem den Hals- brücker Hütten gegenüber gelegenen Ufer, gab 0,17 Grammen Schwefelkupfer und 1,9 7 - Blei aus 2,8 8 Grammen Schwefelblei, d) 1 Pfd. Erde von einem Kleestück bei Hilbersdorf, ca. Vi Stunde von den Hütten entfernt und auf der Höhe nach Westen ge- legen, gab 1.16 Grammen Blei aus 1,.3"i Grammen Schwefelblei und 0,10 - Schwefelkupfer. Im Mittel gaben demnach 1 Pfd. Erde 3.17 Grammen rr 52V6 Gran Blei und 0,13 7 - — 21/4 - Kupfer. Ausserdem ergaben sich auf 1 Pfd. Erde 0,3 Gran Arsenige Säure, 0,12 - Antimon oxyd. Aus diesen Resultaten, die natürlich ebenso sehr wechselnd durch herrschende Winde und Regen sein werden, geht indess hervor, dass die metallischen ßestandtheile des Hüttenrauchs sich in den nächsten Nähen am meisten niederschlagen, wie sich auch aus der Schwere der- selben schon vermuthen lässt, dass ferner auch hier, wie bei den Fut- terkräutern, das Blei bei weitem unter allen Metallen vorherrschend ist. Dies ist indess natürlich und dadurch begründet, dass das Blei als fast unlössliches und sehr schweres schwefelsaures Bleioxyd weder von dem Wasser durch Lösung^ noch durch Fortschwem- men weggeführt wird, weshalb es sich schon so angehäuft haben wird und noch von allen Bestandtheilen des Rauchs fort anhäuft. Der Bleigehalt auf den bebauten Fluren wird wahrscheinlich auch noch durch die Düngung mit dem Viehmist vermehrt, denn dieser ent- hält stets Blei, und wahrscheinlich so viel, als der Menge des im Fut- ter enthaltenen entspricht. Durch die Unlöslichkeit dieser Verbindung scheint aber auch auf die Pflanzen kein nachtheiliger Einfluss durch dieselbe zu erwachsen. Anders ist es dagegen mit dem Kupfer- und Arsenikgehalt, deren Verbindungen leichter gelöst und so von dem Wasser theils fortgeführt, theils den Pflanzen zugeführt werden , weshalb sie sich nicht ansam- meln, und so stets in sehr untergeordneter Menge dem Blei gegenüber vorhanden sein werden. Dass aber die Futterkräuter diese Verbindungen Avahrscheinlich aufiielinien , ü;(.']it .schon aus der Art der Aufnahme bei den Pflanzen 109 licrvür, und wenn man dieselbe noch sorgfältiger abwäscht, um sie von allen aufsitzenden Bestandtheilen des Hüttenrauchs zu befreien, so sind doch stets noch kleine Spuren der Metalle in ihnen aufzufinden, die natürlich auch auf den Geschmack einen Einfluss haben müssen. Wenn nun auch die Menge der gefundenen Metalle auf 1 Pfd. Erde nicht sehr bedeutend erscheint, und man annehmen könnte , dass die- selben bis zu einem Fuss Tiefe einen gleichen Gehalt nach obigen Mit- tel führte, so würde doch die Menge derselben auf einem so bedeuten- den Flächenraum sich ausserordentlich anhäufen, was indess nicht zu vermuthen steht. Nimmt man den Kubikfuss Erde zu 100 Pfd. an, das ohngefähre Mittel aus verschiedenen vorhandenen Dichtigkeiten der Ackerkrume, so würde auf einen solchen nach Maasstab des Mittels obiger Mengen und vorausgesetzt bei gleichmässigem Gehalt 10 Unzen 6 Drachmen 56^ '3 Gran Blei, 3 Drachmen 45 Gran Kupfer, 30 Gran Arsenige Säure, 12 Gran Antimonoxyd kommen. Es erscheint mir aber kaum als wahrscheinlich oder möglich, dass solche Mengen von Blei sich angehäuft haben könnten, und dass eben- so nicht die andern Metalle in dem Maasse im Durchschnitte auf 1 Ku- bikfuss Erde darin vorhanden sein möchten. IV. Ausbreitung^ des Hüttenrauchs. Dieselbe ist zwar einerseits in der Wirkung auf die Vegetation zu verfolgen, und zwar an den gebleichten, oft ganz scharf begrenzten Gran- nen der Getreide und Spitzen der Blätter, welche sich kreiseiförmig winden und nach abwärts legen, wie auch an den charakteristischen Flecken auf den Blättern verschiedener Pflanzen, Sträucher und Bäume, ganz besonders aber in der sauer reagirenden Beschaffenheit der Abkoch- ung der Futterkräuter, welche Reaktion guten Futterkräutern fremd ist, und lässt sich dieselbe noch leichter und weiter verfolgen an der säuern Reaktion des Thau's, der bis zu einer radialen Entfernung von 1 V^ bis 2 Stunden bei ziemlichem Winde, von den Hütten, noch deutlich sauer auf empfindliches Lackmuspapier reagirt. Der Flächenraum ist also ein sehr bedeutender, wie schon aus der noch zu beleuchtenden Be- schaffenheit des Heu's und den Krankheiten der Hausthiere hervorleuch- tet, er wird indess vielleicht am deutlichsten erkannt und begrenzt durch das Verschwänden gewisser Insekten aus jenen getroffenen Fluren und Ortschaften, und zwar solcher, deren Nahrungsweise in dem Aufsaugen des zuckerhaltigen Nectariensaftes besteht. HO Dahin gehören die Bienen, die vor der Anlegung und Erweiterung;- der Hütten ebenso in den betroffenen Ortschaften gepflegt worden sind, wie überall dies auf dem Lande üblich ist, die sich aber jetzt gänzlich aus dieser Gegend fortgezogen und erst in einer Entfernung von ohn- gefähr 2 Stunden wieder heimisch niedergelassen haben. Diese sind aber vermöge ihrer Saugzunge und ihrer ßespiratiou.s Organe gewiss die empfindlichsten Exploratoren für die Ausbreitung jener Stoffe und geben die Spuren noch da zu erkennen, wo es der Chemi«' mit ihren Hülfsmitteln vielleicht sehr schwor werden würde, dieselben nachzuweisen. V. Nachtheile des Hüttenrauchs auf das Futter und das Rindvieh. Die indirekten Nachtheile, welche durch diese besprochenen Ver- hältnisse für die dadurch betroffenen Ortschaften herbeigeführt werden, sind indess noch weit bedeutender und bestehen in einer wirklichen Vergiftung der frischen wie trocknen Futterkräuter und den dadurc'i herbeigeführten Krankheiten und Verlusten an Hausthieren , besonders an Rindvieh. Alle von mir deshalb der Untersuchung unterworfenen trocknen un.l frischen Futterkräuter zeigten sich mehr oder weniger sauer durch einen Gehalt an freier Schwefelsäure und ebenso metallhaltig. Was zunächst das Aeussere vieler Heusorten betrifft, so erscheinen dieselben oft auffallend blassgrün, ja oft ganz bleich, strohartig, indem sie ja einem wirklichen Bleichungsprozess durch die schweflige Säure unter- worfen werden. Dann waren sie stets von einer sehr harten Beschaffenheit, theils herrührend von einem reichen Gehalt an sogenannten harten Grasarten, theils herrührend von einem grösseren Kieselerdegehalt, der sich in der Asche derselben vorfand, und ebenso war oft die Halmbildung vorherr- schend vor der zarten Blattbildung, Verhältnisse, die durch die Einflüsse des Hüttenrauchs auf Boden und Pflanzen herbeigeführt werden. Der Klee und das Kleeheu aber zeigten die eigenthümlichen braun - gelben Flecken, welche sehr mürbe sind, wie alle die getroffenen Theile uud daher fiel bei allem Trockenfutter immer eine grosse Menge kleiner Bruchstückchen ab, sie gaben eine grosse Menge sogen. Heustaub. Der Geschmack von allem Futter war weniger lieblich, angenehm, gewürzhaft, sondern hintennach so auffallend und lange anhaltend herbe, metallisch, so dass man denselben am richtigsten mit stiptisch bezeichnet; daduch wird gewiss oft die Fresslust der Thiere beeinträchtigt, so dass es natürlich , wenn es widersteht, auch nicht den Eintiuss auf die Ernähr- ung ausüben kann, als wenn es gesundes Futter ist. Dieser Geschmack kann zum Theil von den metallischen Bestandtheilen , ganz besonders von Kupfersalzen herrühren, welche sich auch in den kleinsten Spuren durch ihren stiptischen, unangenehmen und anhaltenden Geschmack aus- in __ zeichnen, zum Theil aber auch durch verändernde Einflüsse der Säuren auf organische Verbindungen, wie wenigstens daraus hervorzugehen scheint, dass durch Aether ein Auszug erhalten wurde, welcher nach dem Verdunsten ein so unangenehmes resinöses Extract hinterlies, wel- ches jenen Geschmack auch zeigte, ohne metallhaltig zu sein. Um nun die Quantitäten der ti-eien Säuren und schädlichen Metalle zu erfahren, wurden sehr verschiedene Heusoi'ten von den verschieden- sten Grundstücken und Ortschaften einer quantitativen Untersuchung auf dieselben unterworfen und dazu folgende Methoden eingeschlagen. Es wurden stets grössere Mengen der Futterkräuter fein zerschnitten, innig gemengt, und alsdann zur Bestimmung der freien Säuren 10 Gram- men verascht, bei einer so gelinden Temperatur, dass dadurch keine Reduction der schwefelsauren Salze, Avie auch keine Verflüchtigung der Chloralkalimetalle, eintreten konnte. Die Asche wurde mit Salpetersäure haltigem Wasser 'vollkommen erschöpft und aus diesem Auszug mit salpetersaurem Baryt die Schwefel- säure ausgefüllt, und mit salpetersaurem Silberoxyd das Chlor. Aus den erhaltenen Niedei*schlägen wurde nach dem Auswaschen und Glühen die in der Asche enthaltene Menge der Schwefelsäure und des Chlors be- i-echnet, welche natürlich als gebunden an Basen darin vorhanden waren, da die Asche durch Gehalt von kohlensauren Alkalien alkalisch reagirte. Andere 10 Grammen der geschnittenen Futterkräuter wurden mit Salpetersäure haltigem Wasser ausgekocht und ebenso vollkommen an schwefelsauren Salzen und Chlormetallen erschöpft und aus den erhaltenen Auszügen mit genannten Reagentien die gesammte Menge der Sclfvvefel- säure und des Chlors ausgefüllt, die Niederschläge aber mit Berücksich- tigung aller etwa darinnen vorhandenen organischen Verbindungen weiter behandelt, und so nach dem Glühen die Menge derselben bestimmt. Auf diese Weise ergab sich stets aus der Abkochung eine grössere Menge an schwefelsauren Baryt und Chlorsilber, als aus der Asche, und diese Difi"erenz betrachtete ich als bedingt durch einen Gehalt an freien Säuren, veranlasst durch die saure Reaktion des Futters und die dadurch herbeigeführten Krankheitszustände. Dass natürlicher Weise beim Veraschen auch die freien Säuren sich verflüchtigen mussten, war meine Absicht bei der Einschlagung dieses Verfahrens, allein es wurden doch auch chemische Zersetzungen der Salze dabei durch die Wirkung der Schwefelsäure auf die Chlor- metalle herbeigeführt, indem die Abkochung stets auffallende Difi'erenzen an Chlor ergab, die desshalb auffallend waren, weil, wenn sie als freie Salzsäure in dem Futter vorhanden sein sollten, diese ihren Ursprang im Salzsäuregehalt des Hüttenrauchs haben müssten, was wenigstens in vielen Fällen und von den Hilbersdorfer Hütten ausgehend, nicht der Fall ist. Desshalb schreibt sich diese Differenz vorzugsweise von dem Freiwerden von Salzsäure bei dem Veraschen durch die freie Schwefel m säure her, und wird man dalier, um der Wahrheit näher zu kommen, diese Salzsäure auf ein Aequivalent an Schwefelsäure in Rechnung zu bringen haben.*) Ebenso wurden aus der Asche der Blei- und Kupfer-Gehalt bestimmt, Arsen und Antimon dagegen aus der Abkochung mit Salzsäure haltigem Wasser als Schwefelmetalle, stets unter Berücksichtigung der dadurch gleichzeitig gefällt werdenden organischen Verbindungen, die vor der Wägung erst beseitigt wurden. Auf diese Weise und wenn man die Differenz an Chlor auf Schwe- felsäure berechnet; fand sich, dass in 20 Pfund Heu, dem täglichen Fut- terquantum einer Kuh, die Menge der /reien Schwefelsäure, als Hydrat, *) Das Ziel dieses Verfahrens lief also darauf hinaus, durch die Verasehung dia freien Säuren zu verflüchtigen und in der Asche die Menge der gebundenen zu finden, und diese von der Gesammtnienge der Säuren im Futter abzuziehen, und aus der Dif- ferenz die Menge der freien Säure zu erfahren. Gegen die Richtigkeit dieses Verfahrens Hesse sich einwenden, dass eine sehr kleine Differenz bei den zur Analyse verwendeten kleinen Quantitäten Substanz, berechnet auf eine grosse Masse , in demselben Verhältnis» heranwächst , und desshalb überraschen kann, zumal es bekannt, dass 2 Analysen ein und desselben Körpers niemals vollkom- men übereinstimmen. — Dieser möglicher Weise sich einschleichende Fehler scheiiu mir aber deshalb hier nicht begründet, weil bei der grossen Zahl der angestellten Ana- lysen stets die Quantitäten der Säure in der Abkochung, dieselben in der Asche über- trafen , und zwar bei sehr verdächtigen Heusorten um sehr bemerkbare Differenzen, niemals aber das umgekehrte stattfand. Dies liesse sich nun zwar wieder dadurch er- klären, dass bei der Veraschung eine Verflüchtigung und Reduction eintreten könnte und dies stets zu Gunsten der Abkochung ausfallen müsse; dem glaubte ich durch die Art der Veraschung zu begegnen , welche bei so niederer Temperatur und auf offnem Blech unter Umrühren ausgeführt wurde, dass nicht gut au eine Verflüchtigung solcher Verbindungen, die schon eine bedeutende Glühhitze gebrauchen, zu denken war, wes- halb auch für diese Zwecke die Veraschung nicht bis zur vollkommenen Verbrennung der Kohle ausgedehnt wurde, und fand sich auch stets in der Asche noch Arsen, was für die niedrige Temperatur bei Gegenwart von Koiile wegen seiner leichten Reducir- barkeit und Flüchtigkeit spricht. Die Menge der freien Säure aber könnte dadurch vermindert werden, dass bei der Veraschung ein Theil der freien Säuren durch die sich bildenden kohlensauren Alkalien gebunden, und so nicht verflüchtigt würden, wenn nicht eine Verflüchtigung der erstcron schon bei einer so niedrigen Temperatur vor sich ginge, ehe noch die letzteren sich gebildet haben; die dadurch herbeigeführte Differenz würde natürlich, wenn man sie verfolgen könnte, dann nur die Menge der freien Säuren vermindern, und die der ge- bundenen vermehren, wie ebenso auch die etwa aus der Verbrennung des Schwefelge- haltes der Proteinverbindungen entstehende Schwefelsäure, welche stets in der Asche auftritt, sodass diese Verhältnisse nur zu Gunsten der Anwesenheit freier Säuren spre- chen, was wohl auch bei der Masse der verrösteten Schwefelerze als das natürliche er- scheint. Die Diflerenz durch das Verfahren selbst zu ermitteln, bemühte ich mich dadurch, dass ich Futter von anderen Gegenden und ohne alle saure Reaktion in seiner Abkochung auf diesem Wege untersuchte, und dabei für Schwefelsäure gerade das umgekehrte sich ergab, nämlich eine etwas grössere Menge in der Asche, für das Chlor aber dasselbe für die Abkochung, waa in den entwickelten Gründen liegt. 113 zwischen 3 bis 8 Quentchen differirte, welches natürlich in der Entfer- nung der WiesengTundstücke ; den herrschenden Winden und stattge- fundenen Witterungsverhältnissen seinen natürlichen Grund hat. Die Menge des Bleioxyds in diesem Quantum differirte von 1 bis 2 Vi Quent- chen, der Arsenigen Säure von 5 bis IS Gran. Auch finden sich stets geringe Mengen von Kupfer , Spuren von Zink und Antimon. Wegen der durch die Einwirkung der Säuren begünstigten Ver- witterung der Silicate des Bodens und der zunehmenden schwefelsauren Salze muss sich dies auch in dem Aschengehalte und der quantitativen Beschafienheit desselben wieder ausdrücken , und wechselte die Menge der Asche verschiedener Heusorten zwischen 6 und 9 "/o vom Gewicht des lufttrocknen Heu's , im Älittel stellte sie sich auf 7;6 "/o heraus, von welcher 3 — 4 '^/o durch Kieselerde gebildet waren. Am auffallendsten aber ist die grosse Menge der schwefelsauren Salze in der Asche, sodass die darin als gebunden enthaltene Schwefel- säure von 0,84 bis 1,087<> vom Gewicht des lufttrocknen Heu's, im Mittel aber 0,94 o/o betrug, und stellt sich somit eine Vermehrung der Schwefel- säure als Salze in der Asche um das 5 bis 6fache heraus, denn dieselbe betrug in der Asche hiesiger Heusorten nur 0,i6 o/o vom Gewicht des lufttrocknen Heu's, während dagegen der Chlorgehalt sich nahe diesem gleich stellte. Es wird nun natürlicher Weise nicht mehr auffallen, dass durch den täglichen Genuss solchen Futters, bei den Quantitäten zumal, welche die Wiederkäuer davon aufnehmen, diese sehr bald die Wirkung der Bestandtheile des Hüttenrauchs erfahren und zeigt sich unter denselben ganz besonders und wesentlich die freie Säure für den nachtheiligsten Bestandtheil. Wie es eine bekannte Erfahrung bei dem Menschen ist, welcher sich durch Aufnahme grösserer Mengen zumal von Mineralsäuren Bleich- sucht zuzieht, ebenso wird ein ganz analoger Zustand bei den Thieren, und zwar bei den Wiederkäuern herbeigeführt, welcher sich dadurch Kund giebt, dass die Haut ihre natürliche Farbe verliert, auffallend blass wird und ihre Elasticität einbüsst, das Haar sich struppig zeigt, der Ernährungszustand nicht vorschreitet, sondern im Gegentheii zurück- geht und mit ihm zugleich bei den Kühen die Ausbeute an Milch, welche so herabsinkt, dass die Thiere täglich 1 — 2 Kannen davon geben, welches Quantum natürlich so gering ist, dass durch das Halten von Milchvieh für die Besitzer nur Kachtheile entstehen müssen. Dabei ist eine Aufzucht auf den am schlimmsten getroffenen Ort- schaften gar nicht möglich, und der Verlust durch Stürzen betragt bis 50 o/o vom Viehstand, wobei schlüsslich gewöhnlich Lungenkrankheiten, Tuberkeln auftreten. Der Einfluss der Säure macht sich noch recht deutlich bemerkbar AUg-. deutsche naturhist. Zeitung- I. Q 114 in dem Verhalten des Harns, der Excremente und der Milch, welche meist sauer reagiren , während ihre natürliche Reaktion gerade umgekehrt ist. Der Harn ist dabei mehr oder weniger reich an Phosphaten, weiche ebenfalls dem Harn gesunder Thiere fremd sind, und nur bei Krank- heitszuständen in demselben auftreten, ebenso erscheint er sehr blass und wässrig. Die Excremente sind ebenfalls sehr dünnbreiig, sauer und zeigt eich überhaupt vermehrte Ausscheidung durch den Darmcanal, öfter Durch- fall, sie zeigen gugleich einen sehr unangenehmen säuerlichen Geruch. Die Milch ist ebenfalls weniger substanziös, reagirt fast durchgängig sauer und ist daher gewiss weniger haltbar, obgleich sie nicht beim Aufkochen gerinnt. Dass diese Krankheitszustände, die ganz besonders durch den Herrn Professor Dr. Haubner speziell studirt worden sind und auf dessen Ver- anlassung ich mich obigen Beobachtungen und Untersuchungen der Fut- terkräuter unterzog, wesentlich durch die Wirkung der freien Säuren und nicht etwa der Metalle, herbeigeführt wurden, wodurch demnach eine veränderte Blutbeschaffenheit, die sich schon in der oft ganz ver- schwundenen alkalischen, ja selbst in einigen Fällen schwach sauren Reaktion desselben zeigte, und somit ein abgeänderter Stoffwechsel ein- trat, ging ebenso noch daraus hervor, dass der Inhalt der Ohrspeichel- drüsen, des Ranzens, der Haube und des Psalters, wie alle Abtheilungen des Darmkanals sauer war, während die ersteren stets einen alkalischen Inhalt zeigen, wie nun ebenso sich dieser Zustand bald zu Gunsten ver- änderte, wenn die Thiere die ihnen zur Sättigung der aufgenommenen Mengen freier Säuren nöthigen Alkalien, in Form von Kreide oder Pottasche erhielten, oder wenn das Futter ohne Berücksichtigung der metallischen Bestandtheile mit Hülfe von Kalkwasser vor der Fütterung entsäuert, oder überhaupt mit gesundem Futter vertauscht wurde. Letzteres ist nun den betroffenen Ortschaften nicht möglich, weil sie die grosse Menge ihres schlechten und in der Umgegend verrufenen Futters nicht käuflich absetzen und somit vertauschen können, sie sind sogar zum Theil darauf angewiesen, der Anhäufung desselben durch einen vermehrten Viehstand zu begegnen, den sie stets nur mit grossen Opfern verbinden können, indem selbst die gesundesten und bestgenährten Thiere oft nach kaum einem Sommer der Wirkung des Futters unterliegen. So auffallend wie nun auch die Quantitäten Bleioxyd sind, welche täglich von den Thieren aufgenommen werden, und so leicht, wie man dadurch zu der Meinung veranlasst werden könnte, dass diese jeden- falls einen noch nachtheiligeren Einfluss auf den Gesundheitszustand der Thiere ausüben könnten, so Avenig ist dies unter den hier gegebenen Umständen der Fall. Wie nämlich die Arbeiter in den Bleiweiss-, Bleizucker- und ähn- lichen Fabriken, sich vor der Wirkung etwa eingeführter Bleisalze 115 durch den Genuss von Scliwefelsäurelimonade schützen^ wie ebenso schwefelsaure Salze bekanntlich bei Bleivergiftungen als sicherstes Ge- genmittel, wenn die Einwirkung desselben auf das Blut noch nicht zu weit vorgeschritten; betrachtet werden , so ist auch hier in dem Schwe- felsäuregehalt und deren Salzen schon das natürliche Gegenmittel gege- ben und möchte ebenfalls das Blei des Futters schon als schwefelsaures Bleioxyd von den Thieren aufgenommen werden. Da nun dieses aber weo-en seiner Unlöslichkeit nicht assimilirt wird, so muss es auch durch den Darmkanal wieder ausgeschieden werden , und dies bestätigte sich in der That bei der Untersuchung des Mistes, welcher bei allen Thieren reich an Bleiverbindungen, zum Tlieil als schwefelsaures Bleioxyd, zum Theil als Schwefelblei sich ergab und daher die Unschädlichkeit des Bleigehaltes im Futter bestätigte. Was für einen Antheil an den Krankheitszuständen der Wieder- käuer die übrigen Metailverbindungen, wie des Arsens und des Kupfers haben ist mir unbekannt, doch weiss man bekanntlich, dass diese Thiere wenig empfindlich gegen solche Metallgifte sind. Dass aber auch gerade die Wiederkäuer mehr unter jenen Verhält- nissen leiden, als andere Thiere, liegt in der einfachen Thatsache, weil sie von allen am meisten vom Heufutter geniessen, während die Pferde z. B. doch viel Körnerfrüchte erhalten, somit viel weniger von jenen Stofien aufnehmen, und in dem anderweiten Futter sie vielleicht einen reichern Gehalt an Alkalien als Gegensatz empfangen. Es entstehen demnach für die Besitzer der vom Hüttenrauch getrof- fenen Fluren dreifache Nachtheile, einmal in der Beeinträchtigung der der Cultur unterworfenen Vegetabilien, andererseits in dem Krankheits- zustand und Verlust an Vieh und schliesslich in der Anhäufung von nicht verwerthbarem Futtermaterial, selbst Stroh. Wie wichtig es daher ist, bei der Anlegung technischer Etablisse- ments alle Verhältnisse zu berücksichtigen, welche auf das Pflanzen- und Thierreich einwirken können, zumal wenn dabei nachhaltig der Atmosphäre gewisse Stoffe beigemengt werden, geht aus diesen Betracht- ungen und Folgen hervor, und erscheint es daher als unumgänglich nothwendig, schädliche Stoffe dieser Art so vollständig wie möglich zu condensiren. Eine gründliche Abhülfe solcher Uebelstäude durch bereits beste- hende Etablissements kann daher auch nur durch die Condensirung der Bestandtheile des Hüttenrauchs herbeigeführt werden. In dem hier näher beleuchteten Falle gilt es aber ganz besonders die Entfernung der Schwefligen Säure zu bewirken, welche nun zugleich für die Unternehmer sehr vortheilhaft werden kann, indem damit die Fabrikation der englischen Schwefelsäure verbunden werden könnte, die bei der enormen Masse von dem in den Schwefelerzen enthaltenen Schwefel gewiss auch für die Kosten der Anlage und Veränderung in 9* 116 der Einrichtung durch die daraus erhaltene Schwefelsäure reiche Zinsen tragen würde, zumal man in neuerer Zeit angefangen, aus solchen Schwefelerzen, wie aus Schwefelkies, den viel billigeren Schwefel darin zu diesem Zwecke zu benutzen, da die Schwefelsäure ein Product, dessen Consumtion zu technischen Zwecken immer im Steigen begriiFen ist. Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande, L. Rabenhorst. Die chemische Untersuchung der Trink- und Badewässer, sowie der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande hat so gün- stige Resultate gegeben^ dass das vaterländische Bad in seinen chemi- schen Bestandtheilen und somit au Wirkung dem Franzensbade nicht nur gleichzustellen, sondern in mannigfacher Beziehung jenem sogar vorzuziehen ist. Der jetzige Standpunkt der Wissenschaft und resp. der Praxis for- dert aber, dass zu einer vollständigen Kenntniss der Bäder und Trink- wässer auch die mikroskopische Analyse gehöre, indem viele organi- sche Stoffe sich der chemischen Analyse entziehen, manche unorganische wohl aufgefunden werden, aber die Chemie kann nicht nachweisen, in welchem Zustande, in welcher Verbindung sie ursprünglich darin vor- handen waren. Es unterliegt zur Zeit überhaupt keiner Frage mehr, dass in vielen Fällen die mikroskopische Analyse viel schärfer, bezeich- nender ist und subtiler ausgeführt werden kann, als die chemische. Hierbei ist freilich vorausgesetzt, dass das Mikroskop richtig gebraucht und verstanden wird. Da ich vor einigen Jahren mehrere deutsche Mineralquellen und Moorbäder, darunter auch Franzensbad mikroskopisch analysirte, so war es mir von um so grösserem Interesse, auch Elster in dieser Be- ziehung kennen zu lernen und die Resultate mit Franzensbad verglei- chen zu können. Herr Dr. Flechsig, Badearzt zu Elster, unterstützte meine Arbeit auf das zuvorkommenste, er sandte mir wiederholt frische Moorerde von V'^ — 2V2 Elle unter Tage, wie sie zu den Bädern verwendet wird. Die Untersuchung geschah in der Weise, dass zunächst 50 stecknadelkopf- grosse Proben von jedem Lager frisch analysirt wurden ; darauf wurden die Erden geschlemmt, wiederum analysirt, dann geglüht und ge- schlemmt und nochmals analysirt. 117 Hierbei ergab sich^ dass mehrere Organismen noch lebenskräftig darin enthalten wai'en, die keinenfalls dem Moore angehören konnten, sondern durch Tagwässer eingeschleppt oder einfiltrirt sein mussten. Um daher zu einem ganz ungetrübten Resultate zu gelangen, hielt ich die Untersuchung an Ort und Stelle mit Rücksicht auf die Tagwässer für unerlässlich. Ich ging zu diesem Zwecke im Sommer 1854 auf drei Wochen nach Elster und studirte zunächst die Tagwässer, von denen die Moorlager direct oder indirect gespeisst werden. Es fanden sich darin folgende lebende Organismen : a) Algen. Conferva rhypophila, C. affinis, Ulothrix variabilis, Draparnaldia glomerata, Leptothrix fontana, Oedogonium vesicatum, Spirogjra quinina. bj Desmidieen. Euastrum Rota, E. integerrimum , E. oblongum, Scenodesmus acutus, Sc. obtusus, Closterium Lunula, C. striolatum, Xanthi- dium hirsutum, Penium lamellosum, Arthrodesmus convergens, Rhaphidium fasciculatum, Spirotaenia condensata, c) Diatomaceen (BacUlarien). Pinnularia oblonga, P. major, Navicula gracilis, N. sphaerophora, N. amphioxys, N. cryptocephala, Eunotia amphioxys, Ceratoneis Arcus, Himantidium Tetraodon, Synedra lunaris, S. Ulna, Stau- roneis Phoenicenteron, Gomphonema constrictum, Melosira va- rians, Achnanthes exilis, Tabellaria fenestrata, T. flocculosa. Nach Abzug dieser unter a, b, c, aufgeführten lebenden Organismen, die sich wenigstens theilweise in den oberen Schichten der Moorerde wieder fanden, ergaben sich folgende Resultate, die wir hier der Kürze wegen übersichtlich und vergleichend mit Franzensbad zusammen- stellen. Moor 1/2 Elle unter .l/borSl 2 Elle unter Elster u. Erayizens- Elster eiyenthümlich Franzensbad eigen- Tarje. Tage. bad haben gemein : angehörend sind: thüml. angehörend: Coscinodiscus punc- Coscinodiscus punc- Pinnularia viridis. Coscinodiscus punc- Campylodiscus Cly- tatus. tatus. nobilis. tatus. peus. Navicula fuha. Pinnularia viridis. viridula. Epithemia g-ibba. Epithemia granulata. latiuscula. nobilis Navicula fulva. Eunotia Diodon. Navicula eleptica. Pinnularia viridis. Eunotia Diodon. Surirella Solea. Navicula latiuscula. Surirella Palella. gracilis. Epithemia g-ibba. striatula. Stauroneis amphilep- Gomphonema clava- nobilis. Dentitula thermalis. Melosiva distans. ta. tum. Slauioneis aiiiphi- Stauroneis amphilep- Gomphonema trun- Gomphonema Tri- lepta. ta. catuni. dens (nov. sp.) Gyrosig-ma attenua- Melosira distans. Denticula thermalis. tum. Gomphonema trun- Melosira distans catum. Achnanthes — ? Surirella Solea. Frag-mente zwei- striatula. elhaftcr Arten. Achnanthes — ? Frag-mentc. 118 Kleinere Mittheilungen. Das Foucaultsche Pendel. In der schweizerischen naturforschenden Ge- sellschaft in St. Gallen 1 854 hat Prof. Dr. Belahar über die Erscheinung der Drehung der Schwingungsebene eines freischwingenden Pendels einen Vortrag gehalten imd denselben in einem Schriftchen (der Fou- caultsche Pendelversuch u. s. w. St. Gallen 1855) veröffentlicht. Die Abhandlung zerfällt in drei Theile: 1) Theorie der Ablenkung, 2) Be- schreibung der zum Foucaultschen Experimente nöthigen Apparate, .3) Eeferat über die wirkliche Ausführung des Versuchs in der Domkirche zu St. Gallen. Nach einigen kurzen Erörterungen über die Trägheit der Materie, Wii'kung der Schwere und Umdrehung der Erde, folgt : ,,dass die scheinbare Abweichung der Schwingungsrichtung eines Pen- dels gegen einen auf dem Theilkreis des Beobachtungsortes beliebig ge- zogenen und anfänglich mit ihr zusammenfallenden Diirchmesser an den Polen am grösstcn ist, und zwar nach Verfluss von einer vollen Umdrehung der Erde gerade 360" beträgt, dass sie dagegen für Orte zwischen den Polen und dem Aequator um so geringer wird, je kleiner deren geographische Breite ist, und endlich, dass sie am Aequator selbst ganz verschwindet und also gleich Null ist." Hieraus wird zunächst die Vermuthung abgeleitet, dass „die Winkelbewegung der Schwing- ungsebene um die Vertikale des Aufhängepunktes gleich sei der Win- kelbewegung der Erde um ihre Achse während derselben Zeit multi- plicirt mit dem Sinus der geographischen Breite" die Begründung die- ser Annahme ist, wie auch angedeutet wird, der Crahayschen (Pogg. Ann. B. 88) und in der Durchführung zum Theil der von Director Eschrveiler (Toucaults Vers. Dr. Garthe) in Cöln gegebenen ähnlich. Alle diese Beweise jedoch sind nicht erschöpfend; denn nach den Unter- suchungen von Clansen, (Ueber den Einfluss der Umdrehung und der Gestalt der Erde auf die scheinbaren Bewegungen an der Oberfläche derselben. Bull.; de St. Petersb. X. 17.) und namentlich von Hansen, (von der danziger naturforschenden Gesellschaft gekrönte Preisschrift) ist erwiesen, dass das Ablenkungsgesetz durch eine unendliche Reihe darzustellen ist, wovon jener dem Sinus der Breite proportinale Aus- druck nur das erste und allerdings überwiegende Glied ist. Bei nicht äusserst feinen Beobachtungen werden die Correctionsglieder sich mei- stens in die Beobachtungsfehler verstecken, und daher nicht besonders auffallen, wie dies auch bei dem erwähnten Experimente der Fall ge- wesen zu sein scheint. Diejenigen, Avelche sich mit dem Foucaultschen Experimente })raktisch beschäftigen wollen, finden in dem Schriftchen eine ausführliche und deutliche Beschreibung der zur Anfertigung und Einstellung des Pendels zAveckmässig construirten Apparate. — Nachdem Foucault beobachtet, dass ein auf der Drehbank einge- spannter dünner Mctallstab in Schwingungen versetzt, während der 119 Drehung seine Schwingungsebene nicht mit der Drehung zugleich ver- ändere, hieraus auf die Unabhängigkeit der Schwingungsebene von der drehenden Bewegung des Aufhängepunktes geschlossen, um die Unab- hängigkeit derselben auch von der täglichen Umdrehung der Erde zu erkennen, Pendelversuche zuerst mit einem zwei Meter langen Pendel in einem Kellergewölbe, dann mit Anwendung eines Pendels von elf Meter im Meridiansaale der Sternwarte zu Paris gemacht, die Abweich- ung annähernd gleich dem Produkte aus der Winkelbewegung der Erde in den Sinus der geographischen Breite des Auf hängepunktes gefunden und (1851) diese Eesultate der Academie zu Paris mitgetheilt hatte (C. R. XXXII. 135.): wurden sowohl über die Begründung einer Theorie der scheinbaren Drehung der Pendelebene, als auch über die Construc- tion eines für die Beobachtung dieser Erscheinung geeigneten Apparates Forschungen und Versuche zahlreich angestellt und veröffentlicht. Binei zeigt in einer Abhandlung „Ueber die Bewegung des ein- fachen Pendels mit Rücksicht auf den Einfluss der täglichen Umdreh- ung der Erde", (C. R. XXXII. 157.) die Uebereinstimmung der von Foucault gemachten Entdeckung mit den Poissonschen Gleichungen und findet dadurch die Nothwendigkeit der scheinbaren Drehung der Pendelebene auf analytischem Wege. Ebenfalls analytisch wird dieser Gegenstand behandelt von Thäker, „Ueber die Bewegung eines freien Pendels" (Phil. Mag. II. 275.) und von Tebay, „Ueber den Einfluss der Drehung der Erde auf die Beweg- ung des Pendels" (Phil. Mag. II. 376.) Bravais „Ueber die Systeme, in welchen rechtsdrehende und links- drehende Schwingungen nicht auf gleiche Weise vor sich gehen" (C. R. XXXII. 166) beweist, dass in der geographischen Breite von Paris der Secundenpendel bei der kreisförmigen Schwingung von Ost durch Süd nach West, dem von West durch Süd nach Ost schAvingenden Pen- del in einem Tage um ungefähr drei Secunden vorauseilen müsse. Man findet den Unterschied welcher nach 24 Stunden bei diesen entgegen- gesetzten Bewegungsrichtungen entsteht, indem man mit zwei vollstän- digen Schwingungen (4 n) den Sinus der geographischen Breite des Auf- hängepunktes multiplicirt. Coombe liefert zu dem Satze, dass die Abweichung der Pendelebene dem Sinus der geographischen Breite proportional sei, in der Abhand- lung „Ueber die Umdrehung der Erde" (Phil. Mag. I. 554.) durch geo- metrische Constructionen leicht verständliche Beweise. Auch Marignac „Bemerkungen über die Versuche Foucaults in Be- zug auf die durch die Bewegung der Erde hervorgebrachte Ablenkung der Schwingungsebene eines Pendels" (Arch. d. sei. phil. et nat. XVII. 116.) verbindet den Beweis für das so eben genannte Gesetz mit geo- metrischen Anschauungen. 130 Man beobachtet am schwingenden Pendel nach einiger Zeit eine elliptische Bewegung, statt der ursprünglichen geradlinigen, eine Fortschreitung der Apsidenlinie und Verkürzung der Axen. Clausen und Hansen führen die Elemente der Gestalt der Erdoberfläche, der Umdrehung der Erde und des Luftwiderstandes in die analytische Unter- suchung ein, und finden das Foucaultsche Sinusgesetz in der täglichen Umdrehung der Erde. Die Gestalt der Erdoberfläche und der Luft- widerstand liefern ihnen die Correctionsglieder der Reihe. Die „Pendelversuche" von Bunt fPhil. Mag. L 582; 11.37, 81, 158) in der St. Nicolaikirche zu Bristol (51" 27' Br.) mit einem Pendel von 53 Fuss Länge ergeben in annähernder Uebereinstimmung mit den Be- rechnungen von GalhraWi und Haiighton die Bewegung der Pendelebene in einer Stunde 11^4 Grad. Cox zeigt in „Beweis der Umdrehung der Erde mittels zweier Pendel" (Athen 1851. pag. 504), dass die Abiveichung der Pendelebene durch Anwendung von zwei Pendeln schneller und leichter erkannt werde, als dies durch Beobachtung eines Pendels zu ermöglichen sei. Die beiden Pendel werden so construirt, dass sie sich gegenseitig in ihrem Schwingen nicht stören. Man verbindet die Gewichte durch einen Faden, durch dessen Abbrennung die Pendel zu schwingen beginnen. Beider Pendel Schwingungsebenen fallen anfänglich in eine Ebene und das Auge, welches sich in dieser Ebene befindet, erblickt zu dieser Zeit auch nur einen Faden. Bald aber werden die Ebenen der beiden Pendel sich schneiden, die Fäden sich kreuzen, da jede Ebene sich um den Aufhängepunkt ihres Pendels dreht. Einen Unterschied in der Geschwindigkeit, mit welcher die Ablenk- ung erfolgte, je nachdem man die Schwingungen im Meridian oder in einer zu der Meridianebene senkrechten Ebene beginnen Hess, beobach- teten Bnfour, Wartmann und Marignac zu Genf. Die Ebene drehte sich bei anfänglicher Schwingung im Meridian in 2,351 Stunden, bei anfänglicher Schwingung in der zur Meridianebene senkrechten Ebene in 2,110 Stunden um 25 Grad. Dufour: „Ueber die scheinbaren Ab- lenkungen der Schwingungsebene des Pendels bei dem Foucaultschen Versuche" (C. R. XXXIII. 13). Marignac. „Ueber die zu Genf ange- stellten Pendelversuche". (Arch. d. sei. phil. et nat. XVIL 196.) Die Centrifugalkraft ist bekanntlich am Aequator am grössten , sie beträgt hier V-'so g. Mit der Entfernung vom Aequator nach den Polen nimmt dieselbe ab. Die eine Componente derselben fällt in die Riclitung der Schwere, die andere südlich in die Horizont-Ebene. Das Pendel, welches von Westen nach Osten schwingt, bringt bei seinem Gange von Westen nach Osten seine eigne Geschwindigkeit mit der Geschwindigkeit der Erddrehung in vergrössernde Verbindung. Hier- durch wird die Centrifugalkraft vermehrt und das Pendel schwingt in einer Curve, welche von der anfänglich geraden Schwingungslinie aus nach Süden holil ist. Bei der Schwingung von Osten nach Westen tritt der entgegengesetzte Fall ein. Hieraus erklärt sich die ellipti- sche Schwingung des Pendels. Die grosse Axe der Ellipse, welche da- bei in den Enden eine Wendung nach Südost und Nordwest erhält, zeigt die Richtung der Schwingungsebene. Diese wirkliche Bewegung tritt zu der scheinbaren hinzu, und hierdurch wird die Ablenkung ver- grössert. Lampray und Schaw geben in „Bericht über Pendelversuche, ange- stellt auf Ceylon", (6" 56' 6" Br.) (Phil. Mag. ü. 410.) die Resultate von elf Versuchen, welche mit der berechneten Grösse von stündlich 1,s Grad nahe übereinstimmen. Walkerhvvn.gi\n seinen „Bemerkungen über Foucaults Pendelversuch" (Rep. of the brit, assoc. 1851. 2. pag. 19.) ein neues Element in Unter- suchung. Wenn die Schwingungsebene sich dem magnetischen Meri- dian nähert, so vergrössert sich die scheinbare Bewegung der Schwing- ungsebene, und es verkleinert sich diese mit der Entfernung derselben von ihm, mit der Annäherung zu der auf der Ebene des magnetischen Meridians senkrechten Ebene. Die Fallversuche von Benzenberg und Reich und Anderen zeigten die Abweichung der gefallenen Kugeln von der Verticalen nach Osten, und bestätigten die von Nervton und Hook zuerst durch Schlüsse gefun- denen Gesetze dieser Fallerscheinung. Gmjof giebt in der Abhandlung: ,,Das Pendel ist nicht lothrecht zur Oberfläche ruhender Flüssigkeiten" (C. R. XXXn. 705.) an, dass nicht nur fallende Körper, sondern auch die Pendel von der Verticalen bemerkbar abweichen. Das zu diesem Versuche im Pantheon zu Paris aufgehangene Pendel hatte 172 Fuss Länge und wich ungefähr um zwei Linien von der Verticalen ab. Die Beobachtungen wurden durch Spiegelung des Pendellothes in einer horizontalen Ebene angestellt und zwar mittels Kugeln, welche am Pen- delfaden dicht unter dem Aufhängepunkt und über dem Gewicht ange-t bracht, mit ihren Spiegelbildern eine gebrochene Linie bildeten, so dass die obere um 41/3 Millimeter nach Norden durch eine Schraube fort- geschoben werden musste, damit die beiden Kugeln mit den Spiegel- bildern in einer geraden Linie erschienen. Um das Pendel längere Zeit in Schwingung zu erhalten, verband Franchot die horizontale Schwingung des Pendels mit einer durch eine Spiralfeder hervorgebrachten vertikalen Schwingung. Wenn nämlich diese beiden Schwingungen in passenden Zeitverhältnissen erfolgen, so wird die Dauer der horizontalen Schwingungen dadurch verlängert. In der Mittheilung: „Pendel mit fortdauernder Bewegung" (C. R. XXXIL 768.) wird ein Apparat beschrieben, durch welchen mit Anwendung eines galvanischen Stromes verticale Schwingungen erzeugt werden, die durch eine Spiralfeder auf das Pendelgewicht übertragen, auf diese Weise das Pendel in seiner horizontalen Bewegung erhalten. 182 Henderson giebt ein Veranschaulichungsmittel der scheinbaren Dreh- ung der Schwingungsebene bei der Bewegung der Erde in „Beschreib- ung des Geotropcskopes, eines Apparates , um das Princip des Fou- cault'schen Versuches sichtbar zu machen^^ (Mech. Mag, LIV. 471.) an. Ueber einer runden um ihren Mittelpunkt drehbaren Scheibe wird durch einen umgebogenen am Rande derselben befestigten Stabe ein Pendel so angebracht, dass die Spitze des Pendelgewichtes genau über dem Mittelpunkte der Scheibe steht. Wird nun das Pendel in Beweg- ung gesetzt und zugleich die Scheibe gedreht, so zeigt sich, dass die Schwingungsebene an dieser Drehung nicht Theil nimmt, mithin die Drehung des Aufhängepunktes auf die Richtung der Pendelschwing- ungen keinen Einfluss ausübt. Kühn beschreibt in der Mittheilung : „Pendel ohne Uhrwerk längere Zeit schwingend zu erhalten" (Dingl. p. J. CXXI. 317.) einen Apparat, welcher auf magnetischen Wirkungen basirt. Er sagt, ein Pendel, welches an einer offenen Taschenuhrfeder aufgehängt, während 69 Minu- ten in Schwingung blieb, verharrte 16 Stunden in schwingender Beweg- ung, als die Spirale am obei'cn Ende in eine feine Spitze auslief, die vom Pole eines Magneten angezogen wurde. In dem Werke: Die Fortschritte der Physik etc. Dargestellt von der physikalischen Gesellschaft zu Berlin. VI. u. VII. Jahrg. Redigirt D. A. König und Prof. Dr. W. Beetz. Berlin 1855. findet man eine ausführliche Zusammenstellung der über das Pendel erschienenen Ab- handlungen theils mit Inhaltsangabe theils in Auszügen. — Verschiedene Vorrichtungen, durch welche man die Unabhängigkeit der Schwingungsebene von der drehenden Bewegung des Aufhänge- punktes anschaulich darstellen kann, sind angegeben von Sylvester (C. R. XXXm. 40), Baudrimont (C. R. XXXII. 307), Poinsot (C. R. XXXII. 206), De Tessan (C. R. XXXH. 504), Sire (C. R. XXXV. 431), Porro (C. R. XXXV. 855), Marx (Pogg. Ann. LXXXHI. 302), Krüger (Pogg. iVnn. LXXXIV. 151), Hamann (Pogg. Ann. LXXXVII. 614). Prof. Delabar zeigt in seiner oben angeführten Abhandlung ein aus No. 11. des Unterhaltungsblattes zur Zeitung „der Deutsche" von 1854 citirtes Verfahren an, durch welches man mit in einem ruhigen, festste- henden Gefässe eingeschlossenem Wasser ebenfalls die Rotation der Erde sichtbar machen könne. „Man nehme ein grosses offenes Gefäss, z. B. oine weite Glasschale, fülle dasselbe beinahe bis oben mit Wasser und setze es an einem ganz ruhigen Orte auf den Boden eines Zimmers im Erdgeschoss, wo weder Luftströmungen, noch andere Erschütterungen stattfinden. Nachdem daselbst die Oberfläche des Wassers scheinbar vollkommen ruhig geworden, pudere man auf dieselbe mittels eines Läppchens eine dünne Schicht Bärlappsaamen, jedoch so, dass sie nicht ganz den Rand der Schale erreicht. Hierauf streue man, etwa mit einer zusammengefalteten Karte, einen Strich von Kohlenpulver über die nn Mitte der Bärlappenschicht, und endlich mache man am Rand des Ge- fässes in der Richtung der schwarzen Linie ein Zeichen, oder lege über und parallel mit ihr ein Stäbchen diametral auf den obern Rand des- selben, um zu sehen, ob und wie dieselbe ihre Lage ändere. Nach einiger Zeit wird man alsdann wahrnehmen', dass der schwarze Strich der Lycopodiumschicht sich scheinbar von Rechts nach Links herum- bewegt, woraus man zu schliessen berechtigt ist, dass die Erde sich um ihre Axe und zwar gerade umgekehrt von Links nach Rechts oder von Westen nach Osten dreht." Die Schlangen K'ordamerika's. Herr Dr. Benno Matthes, welcher behufs naturwissenschaftlicher Forschungen sich längere Zeit in Nord- amerika aufgehalten hat, macht uns folgende Mittheilung: „In der im Januar 1 S53 von den Professoren S. F. Baird und C. Girard bearbeiteten und durch Smithsonian Ynstitution zu Washington herausgegebenen Monographie, die Schlangen Nord- Amerikas betreffend, ergiebt sich, dass bis jetzt in jenem Lande nicht weniger als 119 Schlan- genarten entdeckt und beschrieben worden sind, und zwar 18 Species Giftschlangen und 101 Species giftlose Schlangen. Unter den Gift- schlangen befinden sich allein 7 Species eigentliche Klapperschlangen (Crotali) , 5 Species Schwirrschlangen (Crotalophori) , 1 Species Acki- strodon, 2 Species Toxicophis und 3 Species Elapiden. Von den gift- losen Schlangen gehören zu dem Genus Eutainia allein 16 Species, zu Nerodia 10 Species, zu Regina 4 Species, zu Heterodon 6 Species, zu Pituophis 6 Species, zu Scotophis 8 Species, zu Ophibolus 9 Species, zu Georgia 2 Species, zu Bascanion 5 Species, zu Masticophis 6 Species, zu Leptophis 2 Species, zu Diadophis 5 Species, zu Tantilla 2 Species, zu Storeria 2 Species, zu Wenona 2 Species und zu Bena 2 Species; die Genera: Ninia, Salvadora, Chlorosoma, Contia, Lodia, Sonora, Rhi- nostoma, Rhinochelus, Haldea, Farancia, Abastor, Virginia, Celuta, Osceola sind nur durch einzelne Species vertreten. Vor 1 853 waren nur 65 Species von Schlangen in Nordamerika be- kannt, demnach ist durch genauere Untersuchung die Zahl noch um 54 vermehrt worden, hierzu aber wurde die Aufstellung von 22 neuen Genera nothwendig. Sämmtliche 119 Species von Schlangen befinden sich im Museum von Smithsonian Ynstitution." Ueber die Bernerde in der BrannkrMe von Quatiiz bei Bautzen ist uns von Herrn E. v. Otto auf Possendorf folgende Mittheilung gemacht worden : „In einer Lage erdiger Braunkohle an oben genanntem Orte finden sich Einsprengungen einer mehligen, gelblichen Substanz, welche gerie- ben nicht nur einen Harzgeruch giebt, sondern sich auch wie pulveri- sirtes Colophonium anfühlt. Man hat diese Masse Bernerde genannt. 124 Glocker subsiimmirt in seinem Gyundriss der Mineralogie und Geognosie Nürnberg 1839, die Bernerde von Zittau, Muskau, Wettin der erdigen Braunkohle, und unterscheidet sie von lezterer nur durch ihren ange- nehmen Geruch bei dem Erwärmen. Durch die Güte des Hrn. v. Gersheim in Bautzen gelangte ich in den Besitz mehrere Handstücke erdiger Braunkohle mit zahlreich ein- gesprengter Bernerde von Quatitz. Durch Freundes Hand (Hrn. Oek.- Commiss. Lehmann) Hess ich nun diese Bernerde chemisch untersuchen und erfuhr folgende Resultate. I. Bei Erhitzung auf Platin schmolz die Masse und entwickelte gelbe, nach Harz stark riechende Dämpfe, welche sich leicht entzündeten, und mit leuchtender, stark russender Flamme verbrannten. Die rückstän- dige Kohle hinterliess bei fortgesetzter Verbrennung nur wenig Asche. n. Bei der Behandlung mit Weingeist wurde im kalten Zustande ein Theil der Masse aufgelüset und färbte die Masse lichtgelb. Noch voll- ständiger erfolgte die Auflösung in heissem Weingeiste. Der ausgesüsste und getrocknete Rückstand hatte die Farbe der übrigen Braunkohle, verbrannte ohne Flamme, und seine Dämpfe rochen wie brennende Braunkohle. Der Weingeistauszug opalisirte mit Wasser gemengt, und hinterliess bei dem Verdampfen eine glänzend braungelbe Masse, welche, im Por- zellantiegel verbrannt, dieselben gelben, nach Harz riechenden Dämpfe, wie bei No. I., zeigte. Die sich hierbei bildende Kohle hinterliess bei weiterer Verbrennung keine Asche. ni. Die trockene Destillation Hess eine Menge braunen Theers und Wassers entstehen; doch bildeten sich hierbei im Retortenhalse keine Krystalle von Bernsteinsäure. Der Theer roch wde Steinöl und lösete sich leicht im Weingeist. IV. Wasser vermochte die Masse weder kalt, noch warm zu lösen. Aus Obigem scheint hervorzugehen, dass die sogenannte Bernerde aus Quatitz, da sie aller Bernsteinsäure entbehrt, aus andern fossilen Harzen, als aus Bernstein, entstanden sein müsse, dass dieselben aber sehr reich an ätherischen üelen waren, da sie trotz ihrer Zersetzung in ordige Masse immer noch deren enthalten, was der liebliche Geruch bei ihrer Verdampfung beurkundet. Dass nicht alle für Bernstein ausgegebenen fossilen Harze eigent- licher, wirklicher Bernstein sind, führt Prof Naumann schon an, (Ele- mente der Mineralogie. Leipzig 1852. Seite 436.) Bei wiederholt sorgfältiger Betrachtung vieler vorliegender Hand- stücke solcher Braunkohle mit eingesprengter Bernerde aus Quatitz fand ich 125 a) dass diese letztere sich fast stets in spitzovalei' Form vorfindet, b) dass an uiehrern gut erhaltenen Exemplaren sich noch eine schalige Absonderung mit im Mittel meist orangegefärbtem Kern zeigt, Fig. 1. 2. 3. 4. 6. 7. 12. c) dass, wenn sie aus der sie umhüllenden Braunkohle herausgebohrt wird, die Höhlung, in welcher sie lag, ebenfalls diese spitzovale, bohnenartige Form erblicken lässt, Fig. 5., d) dass unregelmässige, eckige Exemplare entweder schon vor ihrer Zersetzung destuirt waren, oder durch ungünstigen ßi-uch der Braun- kohle diese regellose Form erhielten, Fig. 8. 9. 10. 11. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. Es scheinen demnach Früchte gewesen zu sein, welche ihrer Leich- tigkeit wegen schwammen und an einen Ort zusammen geschwemmt wurden ; ihres Harzreichthums, Form und Grösse wegen aber wohl Coni- feren angehört haben dürften, wie uns z. B. die Jetztwelt bei Pinus pinea liefert, oder einsamige Nüsse mit fleischiger Hülle irgend einer frühern Eiben-Art gewesen sein könnten. Betrachtet man die Blütheukätzchen und jungen Zapfen noch leben- der Coniferen-Arten, wird man fast an allen starke Harz-Ausschwitzungen bemerken, dadurch liesse sich auf den grossen Harzreichthum dieser einstigen Früchte folgern." Reflexionstöne nennt /. /. Oppel diejenigen, welche durch unter be- stimmten Umständen hinreichend schnell auf einander folgende reflec- tirte Wellen eines einfachen Schalles erzeugt werden. Wenn in einiger Entfernung von einem in gerader Linie stehenden die Schallwellen re- flectirenden Gitter ein Schall erzeugt wird, so werden die um den Ent- stehungspunkt des Schalles concentrisch fortschreitenden Schallwellen nicht zu gleicher Zeit an die einzelnen Stäbe des Gitters anschlagen, sondern zuerst bei demjenigen Stabe anlangen, welcher im Berührungs- punkte der Gitterlinie und der Schallwelleukreise sich befindet. Von diesem Stabe aus werden zuerst die Schallwellen reflectirt, hierauf von dem ihm zunächststehenden u. s. w. Bei geigneter Stellung aber wird ein Hörer die reflectirten Schallwellen in unmittelbar auf einander fol- 126 genden Zeitmomenten und (bei hinreichender Nähe der Gitterstäbe an einander) ohne dieselben zu unterscheiden wahrnehmen. Diese zusam- nienliängende Keihe von an den einzehien Stäben immer neu entstellen- den Schallwellen bildet den Ton. Es wird also durch einen Schall mit- tels Reflexion ein Ton erzeugt. Die Abhandlung^ in welcher Oppcl diese Entdeckung veröffentlicht hat^ befindet sich in Poggendorfs Anna- len, XCIV. Bd. 3. Hft. : „Beobachtungen über eine neue Entstehungs- weise des TonS; und Versucli einer Theorie derselben." Es ist diese Wahrnehmung vom Verfasser dieser Abhandlung bei einem Schusse in der Nähe eines Eisengitters wahrgenommen worden. Er sagt hierüber selbst : „die durch den Schuss hervorgebrachte einfache Schallwelle brei- tet sich in bekannter Weise um den Punkt ihres Ursprungs mit gleich- massiger Geschwindigkeit kreisförmig aus^ und erreicht bei dieser Aus- breitung nach einem gewissen Zeitintervall das erwähnte aus gleichweit von einander entfernten Stäben bestehende Gitter des Brückengeländers. Der Punkt desselben, bei welchem sie zuerst anlangt, wird ohne Zwei- fel derjenige sein, der ihrem Ursprünge am nächsten liegt, .... (e,, sei dieser Punkt der Anfang des Gitters) . . . ., dass dieser Stab das Centrum einer neuen, freilich viel schwächeren Welle bildet, die sich von ihm aus gleichfalls kreisförmig verbreitet und von dem in der Nähe befindlichen Hörer — wäre jener, Stab der einzige — als ein schwaches Echo des Knalls vernommen werden würde. Nun aber wird die ursprüngliche, durch den Schuss hervorgebrachte Schallwelle, einen Augenblick später, in gleicher Weise auch bei dem zweiten Stabe des Gitters anlangen, und auch an diesem eine ähnliche Pteflexion erleiden, also ein ähnliches Echo des Schalls hervorbringen, welches aber das Ohr des Hörers in einem so kurzen Zeitintei'valle nach jenem ersten treffen muss, dass es von ihm nicht unterscliieden werden kann und ohne Zweifel — wären blos diese zwei Stäbe vorhanden, — nur als eine massige Verstärkung des ersten Echo's erscheinen würde. Die unab- lässig weiter gehende Verbreitung der ursprünglichen Schallwelle aber wird, gleich darauf auch bei dem dritten Stabe anlangend, auch diesen wiederum zu einem neuen Wellencentrum machen .... auch der vierte, fünfte, sechste Stab des Gitters .... jeder derselben wird durch Re- flexion eine einfache Welle liefern und jede dieser Wellen wird das Ohr des Hörers etwas später treffen müssen, als die durch den vorher gegangenen Stab hervorgerufene; . . . Bei dem geringen Abstände der Stäbe aber und der sich daraus ergebenden noch geringeren Differenz der Wege . . . verglichen mit der normalen Fortpflanzungsgeschwindig- keit des Schalles in der Luft, wird es vollkommen begreiflich Averden, dass die von den verschiedenen Stäben ausgegangenen Stösse oder Wellen nicht unterschieden, nicht einzeln vernommen werden können, sondern vielmehr in ihm genau denselben Eindruck hervorbringen müssen, wie eine continuirliche Reihe rasch auf einander folgender 121 Stüsse, d. h. wie die continuirliche Wellenreihe eines inusikalisch bestimm- baren Tones." Es sind hierbei zwar die Intervalle nicht gleich, was für einen deutlichen bestimmten Ton erforderlich; aber je zwei benach- barte Zeitintervalle werden nahezu gleich sein. Der Ton wird als im Sinken begriffen wahrgenommen werden. Die aUmähUg auftretende Ungleichheit der Schwingungen, die allerwärts an Gleichheit streift, ver- leiht dem Tone den Charakter des Artikulirten, und dies hat er mit den durch thierische Stimmorgane erzeugten Tönen gemein. — Mit Berück- sichtigung der Gitterweite, Grösse und Richtung der Entfernung der Schallquelle und des Hörers werden allgemeine und durch Zahlenbei- spiele erläuterte ausführliche Berechnungen der Tonhöhe und Ton- stärke angestellt. Hierbei ergiebt sich z. B. aus den Berechnungen, dass „wenn der Hörer stets bei dem Schiessenden bleibt, die Tonhöhe direct proportional der Entfernung beider vom Anfange des Gitters ist. Entfernen sich beide um das Doppelte vom Gitter, so wird der Ton um eine Octave, entfernen sie sich nur um die Hälfte ihres vorigen Abstaudes, so wird er um eine Quinte höher werden müssen u. s. w. Bleibt der Hörer an seinem Ort, während der Schiessende sich entfernt, so nimmt die Tonhöhe in einem langsameren Verhältnisse zu als diese Entfernung. Dasselbe muss natürlich auch stattfinden, wenn der Schies- sende seinen Platz behauptet und blos der Hörende sich allmählig ent- fernt oder nähert"; würde Jemand, welcher an einer Stelle bleibt, die Töne des Durdreiklanges durch diese Reflexionstöne wahrnehmen wol- len, so müsse er bei ungefähr einem Fuss Gitterweite der Stäbe, sich und den ersten Schützen 105', den zweiten Schützen 175' und den drit- ten 315' vom Gitter entfernt aufstellen. „Ueber die Vertheilung der Regen in den gemässigten Zonen" befin- det sich in PoggendorfFs Annalen XCIV. Bd. 1. Hft. 42 bis 59 S. eine Abhandlung von H. W. Dove. Es sind derselben Tabellen: „Regen- menge in englischen Zollen in Nordamerika" (6S Beobachtungsorte), „Staat New-York" (62 Beobachtungsorte), „Preussen" (40 Beobachtungs- orte), „Russland" (21 Beobachtungsorte) beigegeben, worin mit Angabe der geographischen Länge und Breite der Beobachtungsorte in Amerika und Russland die mittlere Regenmenge für die einzelnen Monate, für die Jahreszeiten und für das ganze Jahr (aus der verschiedenen Anzahl der Jahre, während welcher die Beobachtungen angestellt wurden) an- gezeigt ist. Nach einer genauen Erörterung der klimatischen und an- deren Einflüsse auf die an einem Orte fallende Regenmenge und aus- führlichen Beurtheilung gegebener Thatsachen folgen allgemeine Be- trachtungen, aus denen hier nur einige Sätze mitgetheilt werden können : „An keiner Stelle der Erde verändert sich die Physiognomie des Landes so schnell, als in der neuen Welt. Reich bebaute Felder umgeben bevölkerte Städte, wo vor wenigen Jahrzehnten kaum ein menschlicher 128 Laut die Stille des Urwaldes unterbrach. An derselben Stelle, wo heute ein einsames Fort die erste Stelle fester Ansiedelung bildet, wird viel- leicht in wenigen Jahren schon das lebendige Treiben einer städtischen Gemeinschaft sich geltend machen. Auf diese Weise entstehen zunächs.i Culturoisen in der gleichförmigen Bedeckung des Waldes, die sich so vergrüssern, dass zuletzt der Wald selbst in vereinzelte Gruppen zer- fö,llt. Wird dies ohne Einfluss auf die Regenverhältnisse sein? Lässt sich diese Frage irgendwo für die gemässigte Zone beantworten, so ist es in Amerika. Verdichtet der durch den Tabakbau erschöpfte Boden von Virginien so viel Wasserdampf zu Regen als damals, wo er noch mit Wäldern bedeckt war? Wir wissen es nicht; aber bieten nicht die neuen Staaten Gelegenheit, dieselbe Frage zu beantworten? Für die tropischen Gegenden wissen wir, welchen Einfluss die Verwüstung äus- sert, die man Cultur des Landes nennt. Die Inseln des grünen Vor- gebirges und die Canaren haben, als der Urwald unter der Axt der europäischen Ansiedler fiel, oder wie auf den Azoren niedergebrannt wurde, sich immer mehr und mehr in nakte Felsen verwandelt, denn mit dem Waide, der sie bekleidete, sind die liegen verschwunden oder seltner geworden, welche, als er noch den Boden beschattete, die Erde tränkte." „Steht die Sonne über der wasserreichen südlichen Erdhälfte, so wird ein grösserer Antheil der durch sie erregten Wärme gebunden, als wenn sie im nördlichen Zeichen verweilend, eine überwiegend feste Grundlage bestrahlt. Der Wasserdampf, welcher sich von der Herbst- nachtgleiche bis zur Frühlingsnachtgleiche über der südlichen Erdhälfte in überAviegendem Maase entwickelt, kehrt in der anderen Hälfte des Jahres zur Erde als Regen und Schnee zurück und zwar überwiegend auf der nördlichen Erdhälfte. Wenn aber unter der Hand des Men- schen locale Unterschiede des Bodens immer mehr verschwinden, so wird zwar dieselbe Wassermenge herabfallen, aber vorzugsweise geregelt durch allgemeine Verhältnisse aus einer mehr gleichförmigen, ich möchte lieber sagen unregelmässigen Vertheilung der Menge des herabfallen- den Wassers wird der Gegensatz einer trockenen und einer Regenzeit sich entschiedener herausstellen." „Wenn die Ausrottung der Wälder und die Cultur des Landes die Ursachen vermindert, welche den Was- serdampf bestimmen, aus der luftförmigen Form in die tropfbare über- zugehen, so ist es klar, dass, wenn wir in Beziehung auf die Bebauung des Landes sehr verschiedene Gegenden, an welchen aber die Regen- menge gleich ist, mit einander vergleichen, der Ort, welcher seinem Naturzustand mehr erhalten, wenigstens in den unteren Schichten der Atmosphäre relativ trockener sein wird, da an ihm die Temperatur der Luft häufiger dem Condensationspunkte der Dämpfe näher sein muss, als dort." Freunden der Meteorologie, welche aufFakta gestützte Betrachtungen und in bestimmten Zahlen angegebene Verhältnisse zu lesen wünschen, mag diese Abhandlung empfohlen sein. Dr. A. Drechsler. Im Verlache von Rudolf Kuntze in Hamburo; ist erschienen : JENSEITS DES OCEANS. B e i t r ä <>• e z ii r Kunde a m e r i k a n i s c h e ii L eben s. IX. X. Bfl. ROMANTIK der NATURGESCHICHTE oder wildes Land und wilde Jäger. Von E. O. ITebtoer. Aus dem Englischen von 1. B. Lindau. Zwei Bände. 1 Tlilr. 15 Nsjr- ERINNERUNG an die STUNDEN DER MUSE ßr. üttaji'stiit (Ifs höchststligfii %[mp FRIEDRICH AUGUST bei Auslegung vou Reliquien im Namen der Gesellschaft Isis gesprochen von Dr. Ludwig Reichenbach. Preis G Ngr. Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerci von C. C. Hcinliolil Sc Siilii Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thir. I Band. No. 4. Allgemeine deutsche Bfatnrhistorkche Mtmg. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbindung mit auswärtigen und einlieimischen Gelehrten herausgegeben Dr. Adolph Drechsler. Nene Folge: erster Band. 4. geft. INHALT. Freie Uebersetzung und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Uaime „la pisciculture" in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nebst Zusätzen von Hr. Küchenmeister, prakt. Arzt in Zittau. Excursion von New -Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas. Von Dr. Benno Matthes. Cycadeen-ßlatt im Rothliegenden. Von E. v. Otto auf Possendorf. Psammomys obesus Rüppel. (Die dicke Sandwüstenmaus.) Von Dr. A. Dehne, Hoflösnitz bei Dresden. Kleinere Mittheilungen. — Literatur -Blatt der Isis. HAMBURG, Verlag von Rudolf K u n t z e. 1855. Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandltuig von Rud.Kuntze (Herrn. Bur dach.) S^-' Siehe die Seiten des Umschlags. ^fllTi iiM^mwi 129 Freie Ueberselzuiig und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Haime „la pisciculture" in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nebst Zusätzen von Dr. Küchenmeister, pract. Arzt in Zittau. Kacli einleitenden Bemerkungen, dass die Fischerei nicht sowohl die Agricultur der Gewässer, sondern die Ernte aus ihnen sei, die man leider meist ohne Saat einsammeln zu können sich einbilde ; nach einer Aufzählung der grossen Fruchtbarkeit verschiedener Fische (ein Barsch hat 28;220 Eier, ein Häring 36,960; Hechte 80,388 bis 271,160; eine Scholle 100,360; Rothfedern 71,820 bis 113,840; eine Brasse 137,800: eine Schleihe 383,250; eine Makrele 546,140; ein Plattfisch [camlet] 1,357,400; ein Stöhr 7,635,200 nach Petit; ein Kabeljau 9,344,000 nach Leuwenhoek ; eine 50 Centimeter lange Steinbutte 9,000,000; eine Meer- äsclie [muge ä grosses levres] bis 13,000,000 nach Välencienness Be- richt in der Sitzung der Academie vom 20. März 1854); nach der Be- merkung, dass trotz dieser Fruchtbarkeit die Flüsse in Folge zahlreicher, natürlicher und in der Cultur gelegener feindlicher Einwirkungen jähr- lich fischärmer AA^lrden und dass nach Milne - Edwards die Fischarten nicht allein in dem Verhältniss abnähmen, als ihre Jungen verhindert werden bis zur geschlechtlichen Reife zu gelangen, sondern auch in dem Verhältniss, als die gelegten Eier dem Nichtbefruchtetwerden durch den männlichen Saamen ausgesetzt sind; dass ausserdem die glücklich befruchteten Eier vor dem Ausschlüpfen der jungen Brut allerhand Schädlichkeiten, z. B. dem Auftrocknen, wenn das Wasser von der Lege- stelle zurückgeht, dem Ersticken durch schlammige Massen, den ver- schiedenen Feinden der Eier,' als Algen, Insekten, Crustaceen, Fische, Wasservögel, Wassersäugethiere , z. B. Mäuse, Fischottern, ausgesetzt sind; nach dem Hinweise auf die mangelhafte Fischgesetzgebung und die geduldete Umgehung der Gesetze, auf die straflose Ausübung der Fischerei zu allen Zeiten des Jahres, auf die schändliche Gewohnheit der Fischer Tausende von den Fischen, die für den Verkauf noch zu klein sind, ans Ufer zu werfen und allda umkommen zu lassen, tonnen- weise den Laich an den Meeresküsten auf die Aecker zu fahren, oder die Schweine damit zu mästen; nach einem Rückblicke auf die frühere Fischgesetzgebung*), nach einer Besprechung der neuern franz. Fisch- *) Ethelred U., König der Angelsachsen, untersagte 966 den Verkauf junger Fische; Malcolm 11. 1030, bestimmte die jährlichen Perioden des Fischfanges; Eobert I. befahl, dass die einzelnen Stäbe der Fischreusen 2 Zoll von einander abstehen müssten, damit die junge Brut entschlüpfen könne; Robert HI. bestrafte den Lachsfang zur verbotenen Zeit mit dem Tode, Jacob zwar nicht mehr mit dem Tode, aber noch mit strengen Strafen. Die französischen Könige erliessen Gesetze über die Art der Netze und die ^ Grösse der zum Verkauf gebrachten Fische; Colbert verbot 1669 das Fischen zur Nacht . und Laichzeit mit Geldstrafen und Gefangniss, im 3. Wiederholungsfälle mit Pranger AUg-. deutsche naturhist. Zeitung-. I. , 180 gesetze, z. B. der Ordonnanz vom 15. April 1829 und 15. Novbr. 1S30, nach denen die Pi'äfecten im Vereine mit den Förstern die Zeit bestim- men sollen, in der wegen der Streichzeit die einzelnen Arten geschont werden sollen, wodurch denn in Folge von Unkenntniss in naturwis- senschaftlichen Dingen dergleichen Gesetze zu Tage kämen, wie das, welches den Forellenfang vom 1. Februar bis Mitte März, wo doch die meisten Forellen schon abgestrichen haben, untersagt, wonach ferner nur die und die Arten Netze verboten sind, was man alle Tage durch Um- änderung der Netze umgehen könne, wovon jedoch alle in Teichen ge- zogenen Fische ausgenommen sind und wonach endlich die Hindernisse der Passage der Fische nur oberflächlich bestimmt wurden) ; nach einer Wiedergabe der auf die Archive des Finanzministeriums gestützten Be- rechnung, dass von den 7,570 Kilometern fliessenden Wassers einige Wässer ganz oder fast ganz entvölkert sind und alle in Summa nur 521,395 Francs d. i. auf 1 Kilometer nur 69 Francs Ertrag liefern, wäh- rend z. B. 1 Kilometer des heute noch fischreichen Doubs 159, der Mosel 182, der Loire in der Loire-inferieure 252, der Sarthe 297, des Loiret 309, der Mayenne 399, Leine 498, der Maine sogar 1,378 Francs Ertrag liefert; endlich nach der Bemerkung, dass die Fischzucht oder die „pisciculture" durch die Bestrebungen der Naturforscher in ihrem gan- zen Werthe aufgedeckt und von der Regierung und aufgeklärten Priva- ten erkannt worden sei, dass sie einen wichtigen Zweig der Naturwissen- schaften, Agricultur und politischen Oeconomie darstelle, nach diesen einleitenden Bemerkungen macht sich der Verfasser selbst an eine resu- mirende Bearbeitung dessen, was Erfahrung und Wissenschaft in diesem Zweige bisher geleistet haben und führt dies, wie man bald sehen wird, mit ebenso grosser Sachkenntniss, als mit einer bei den Franzosen nicht immer zu findenden Gerechtigkeitsliebe durch. I. Man kann in der Geschichte der künstlichen Vermehrung und ab- sichtlichen Bereicherung der Gewässer mit Fischen drei grosse Perioden verfolgen. 1) Die Periode der Vermehrung der Fische durch Sammeln der schon von den Aeltern in der freien Natur natürlich und ohne Zu- thun der Kunst befruchteten Fischeier und der jüngsten schon ausge- schlüpften Brut; nebst einer frühern Fütterung in den frühern Zeiten. nnd Staubbesen , ferner das Versperren der. Flüsse in ihrer ganzen Breite mit Netzen und gebot das Zurückwerfen der nicht ein gewisses Maass habenden Fische in das Wasser; z. B. die zu Markte gebrachten Forellen, Karpfen, Barben, Brassen und Meunier's nmssten vom Auge bis zum Schwanz wenigstens 6 Zoll, die Schleihen, Bar- sche und Plötzen wenigstens 5 Zoll bei einer Strafe von 100 Fr! messen. — Interessante Andeutungen über Fischgesetze fand Referent auch in den Reisewerken über Island, wo die Art der Netz- und Fischrcusenlegung schon desshalb genau gere- gelt war, damit die tiefer im Lande, höher an den Flüssen hinauf, lebenden Bewohner auch ihre Ernte hätten. 131 2) Die Periode der Vermehrung der Fische durch Einleitung einer durch die Menschen bewirkten künstlichen Befruchtung. 3) Die industrielle Verwerth- ung dieser Thatsachen und die heutige künstliche Fütterung der Fische. Erste Periode. Vermehrung der Fische durch Sammeln der natürlich befruchteten Eier und Apparate zur Einleitung natürlicher Befruchtung der Fische. Chinesische, altrömischc; neusicilianische; schwedische Methode, sowie die Methoden von Barrere, Coste und Millet. Von vor Christi Geburt bis heute. Der jesuitische Pater Johann Baptista Duhaldu, ein chinesischer Missionär, erzählt im 1. Theile der Geschichte des Kaiserreichs China, I. pag. 35, 1735: „in dem grossen Flusse Yang-tse Kiang, Provinz Kiang-si, sammeln sich zu einer gewissen Zeit des Jahres eine enorme Anzahl Barken, um daselbst Fischsaamen zu kaufen. Gegen den Mai sperren die Bewohner den Fluss an verschiedenen Orten mit Flechten und Hürden in einer Ausdehnung von 9 oder 10 Meilen (lieues) und lassen nur so viel Raum, als nöthig ist für die Passage der Barken. An den Flechten hängt sich der Fischsaamen an. Die Leute vermögen mit den blossen Augen ihn im Wasser zu unterscheiden, wo Ungeübte nichts erkennen Avürden. Sie schöpfen von diesem mit Saamen gemisch- tem Wasser und füllen damit verschiedene Gefässe zum Verkaufe. Hier- von kaufen fremde, mit Barken ankommende Kaufleute, die den Saamen in die entfernten Provinzen führen, wobei sie ihn zur Zeit umrühren und helfen einander dabei gegenseitig. Nach einigen Tagen bemerkt man in dem Wasser Saamen, der kleinen Fischhaufen gleicht, ohne dass man noch die Arten unterscheiden könnte, was nur mit der Zeit möglich wird. Auch zeigt sich bei den Chinesen die erste Spur künstlicher Fütterung ; denn andere Reisende versichern, dass der junge Fisch, sobald er zu fressen beginnt, mit Sumpflinsen und Eigelb genährt wird. Auch in sehr alten Zeiten schon hatten die Römer ähnliche Ge- wohnheiten. Columella sagt in dem 16. Capitel des VIH. Buches de re susticä: obgleich die ersten Römer Landbauer waren, so suchten sie sich doch städtische Annehmlichkeiten und Ueberfluss in verschiedenen derartigen Dingen zu verschaffen ; sie suchten ihre Weiher und Teiche mit Fischen zu bevölkern, und warfen in die von der Natur selbst ge- bildeten Teiche den Saamen der Seefische. So machten sie im Lacus Velinus, Sabatinus, Vulsinensis und Ciminus die Goldfische, den Lachs- hummer (Lupus marinus) und eine grosse Anzahl anderer Fische gemein und verwandelten Salzwasser- in Süsswasserfische. In den späteren Jahren wurde die Fischvermehrung ein wahrer Modeartikel der reichen Römer, der Fisch, der grösste Leckerbissen ihrer Tafeln, besonders in der Zeit von der Zerstörung Carthagos bis zur Zeit Vespasians. Hierin vergeudeten Senatoren und reiche Patrizier die in Asien und Afrika erpressten Schätze. Licmius, Murena, (juinlus 10* 132 Hortensius , Lucius Philippus construirten ungeheure Bassins, die sie mit den gesuchtesten Fischarten besetzten, Lucullus durchstach einen Berg, um Seewasser in seine Teiche zu leiten, Gajus Hinius*) bezog nach Varro de re rusticä lib. IIL, cap. 17, 12,000,000 Sesterzen (3,000,000 Francs—, über 800,000 Thaler) an Revenuen aus zahlreichen Gebäuden und ver- wendete diese ganze Summe auf die Ernährung seiner Fische. Die reichen Patrizier theilten sogar ihre Fischteiche in besondere Abtheilun- gen ab, die nur besondere Arten von Fischen enthielten, und hielten sich eine grosse Anzahl von Fischer, um jedem Fische seine Nahrung zu besorgen. Eine besondere Expedition wurde ausgerüstet, um von der toscanischen Küste eine Art von Meerbrasse zu holen, die dem grie- chischen Meere eigenthümlich war. Dies Verfahren ruinirte die Familien und entvölkerte das Meer von Fischen, wie schon Juvenal klagt,**) dass man den Fischen des tyrr- *) wird derselbe Hinius sein , der dem Julius Cäsar bei seinem Triumphschmause 6000 Muränen lieh, da er sie ihm um keinen Preis veikaufen wollte. K. **) „Mullus erit domino , quem recipit Corsica , vel quem Tauromenitanae rupes, quando omne peractum est jam defecit nostrum mare, dum gula saevit, Eetibus adsi- duis penltus serutante macello Proxima, nee patitur Tyrrhenum crescere piscem." Juvenal, Satir. v. vers. 92 — 96. „Rothbarth speiset der Herr , den Corsica oder die Klippen Tauromenium's uns hersandten ; denn lange ist unser Meer schon völlig erschöpft und geleert , da wüthet die Kehle, Sämmtliche Nähen erforscht mit beständigen Netzen der Marktplatz, Wir nicht dulden, dass gross im tyrrhenischen Meere der Fisch Avird." Düntzer'sche Uebersetzung. Nach dem Satyriker Lucius, geb. 148 vor Christi Geburt, gelten am meisten der einst als Seltenheit durch bekränzte Sclaven unter Flötenbegleitung auf die Tafel ge- brachte, zu Plinius II. Zeit nicht mehr geschätzte Stöhr, der Lupus marinus, der an der Tiber gefangen wurde (nach Düntzer ein Hecht, nach den französischen Auslegern ein Lachshummer), die später gemein gewordene Sarpeda (ein Umbei fisch = Sciaena umbra oder Sc. aquila und Corvina nigra) der am besten im Mäotischen See gedieh und aus dem Pontus nach Rom gebracht wurde und der aus Aegypten gekommene Wels. Letztere beiden kamen eingesalzen nach Rom und dienten als Stomachica. Heute schätzt man von Sciaena aquila das Fleisch, von Corvina nigra den Rogen cfr. Lucilius. IV. Buch. Scarus = Lippfisch, Horaz's Satyr. 2. Buch. IL, vers 22, war gemein im camathischen Meere und wurde erst bei Kaiser Claudius an die italienische Küste verpflanzt. Noch Marcial rühmt nur seine Eingeweide und Leber, alles Andere sei gemein. Er ist der kostbarste aller Fische schon nach Ennius. „Alles Gemeine ver- schmähet der Magen, der selten geleert ist," sagt Horaz, nachdem er gefragt: Wie schmeckst Du's , ob der Lupus marinus im Meer gefangen worden , oder in der Tiber, oder an der Mündung des tuscischen Meeres , oder an den Brücken. Warum lobt man nur 3 pfundigen Rothbart ? Warum hasst man den gewöhnlichen, langen, tüchtigen Hecht?" Sat. 2. Buch. IV. 7.3 und VIII. 9 beschreibt Horaz zwei Arten eingesalzener Fischspeisen, deren feinste das köstliche Garum , aus den eingesalzeuen Eingeweiden des iberischen Scomber, einer Art Thunfische, deren weniger geschätzte Art Ulex heisst wozu auch die Leber des Rothbarts, Austern, Meerigel und Meerkrebse genommen wurden- Die Eingeweide der Butte und Flundern wurden, wie es scheint, zur Fülle g«- 133 henischen Meeres keine Zeit gönne, sich zu vergrössern. Nutzen für die Fischzucht erblühte hieraus nicht, das Einzige ist die Einführung der Goldfische in die Süsswasserteiche, in denen ihnen Muscheln zur Nahrung geboten wurden. Von da bis zum 18. Jahrhundert geschah nichts, als dass man die Mittel des Fischfangs vervollkommnete und Teiche in grösserer Anzahl anlegte, um daraus Nutzen su ziehen. Könige, selbst Karl der Grosse, Fürsten und geistliche Brüderschaften legten zahlreiche Teiche an, und hat- ten fast ausschliesslich Privilegien auf das Teichehalten. Peter von Cres- centia, der Restaurator des Landbaues, giebt im 13. Jahrhundert Mittel an, um den grössten Nutzen aus Teichen ziehen, ohne jedoch vielmehr zu wissen, als was schon Florentinus in den von Cassinns Bassiis ge- sammelten Fragmenten im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt gegeben zu haben scheint.' Auf die Fischvermehrung durch Schutz, den man der Brut ange- deihen lässt und durch deren Verbreitung und Verführung in die Ge- wässer zielen besonders noch folgende Methoden ab : 1) Die bekannte Art der schon sehr alten Fischerei von Comachio am adriatischen Meere, auf die schon Bonaveri und Spallanzani auf- merksam machten. Die betreffende Bucht hat ungefähr 150 Meilen im Umfange und ist in 40 durch Dämme abgegrenzte Abtheilungen getheilt, die alle in Communication mit dem Meere sind. Während des Monats Februar, März und April öffnet man die Schleussen dieser Bucht und die kleinen Aale steigen in Masse hinauf zu der Bucht (monter). In den Bassins finden sie so reichliche Nahrung bis zur Zeit, wo sie aus- gewachsen sind (im 5. oder 6. Jahre), dass sie erst dann dieselben ver- lassen und im October bis December zurück ins Meer ziehen. Die Fischer bauen nun kleine Kanäle von Schilf, denen die Aale gern fol- gen, und die geschlossene enge Räume führen . wo sich die Aale an- häufen, ohne entwischen zu können. Dadurch erndten die Fischer jährlich 1,000,000 Kilogrammes Fische und circa 400,000 Francs oder ^100,000 Thaler Erlös. 2) Die Abnahme der Fische in den schwedischen Seen Hess seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts an Gegenmittel denken. Zur Streich- zeit durfte man schon längere Zeit keine Netze mehr ausstellen. Carl Friedrich Lund zu Linkoeping aber ging schon 1761 weiter. Unter den dortigen Fischarten sind die geschätztesten die Brasse, der Barsch und der Pölz (Rothauge). Er bemerkte dass sie ihre Eier auf Felsen oder an Weidenwurzeln, oder an die Fischreusen von Weiden legen, mit denen man sie zu fangen sucht. So werden die Eier zerstört durch die braucht. Auch Horaz II. 8, vers 42 erwähnt die Muränen (Muraena Helena), die be- kanntlich auch Vedrius Pollia in eiugeteichtem Seewasser hielt und mit dem Fleische wegen geringer Vergehen getödteter Fischer fütterte. cfr. Noten von Düntzer zu den römischen Satyrikenr. K. 134 Fischer, oder durch Insecten, Vögel und Raubvögel, und es will von Glück sagen, wenn von 10 Eiern eines auskriecht. Das Verbot, um diese Zeit zu fischen, würde, das sah lAind ein, nur unvollkommen diese enorme Verwüstung aufhalten. Um ihre Vermehrung zu erzielen, liess er in Nachahmung der Natur grosse, hölzerne, durchlöcherte Kästen ohne Deckel und mit kleinen Röllchen, an denen sie leicht ins Wasser hinab- gelassen wurden^ versehen machen. Innen brachte er nicht. allzu dicht neben einander Weidenäste an, und da hinein eine gewisse Anzahl Männchen und Weibchen zur Streichzeit. Dort liess er sie, jede Art in einem besonderen Kasten, 2 — 3 Tage lang, etwa die Zeit hindurch, wie lange das Eierlegen dauerte, und dann nahm er alle Fische mit Hülfe eines Hamens hinweg. Nach 14 Tagen oder etwas später, je nach dem Wärmegrade, schlüpfen die jungen Fischchen aus. — Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese Methode eine sehr vortheilhafte ist, in Betreff der Fische, welche ihre Eier anheften, wozu, wie Ref. unten weiter besprechen wird, auch der Karpfen gehört. Ltind trug ferner auch in einem Gefäss mit Wasser einen solchen mit Eiern behangenen Ast in einen andern See und reüssirte damit. Er erzog in 3 Kasten aus 50 Brassenweibchen und einer kleinen Anzahl Männchen 3,100,000 Brut, aus 100 Barschen 3,215,000 Barsche und aus 100 Plötzen 4 Millionen Junge, also in Summa 10 Millionen Fische, die er in den See am Roxen setzte. Dabei etudirte er zugleich die Entwickelungsgeschichte dieser Fische, worin ihm 3) Bloch zu Berlin 1705 folgte. Letzterer nämlich liess sich in der Spree Wasserpflanzen sammeln, die mit den Eiern derselben Fischarten bedeckt waren, und brachte sie in ein Ge- fäss mit Süsswasser, das er täglich erneuerte. Am Ende einer Woche hatte er tausende von Jungen. Dabei bemerkte er, dass einige Eier unbefruchtet geblieben und von Tag zu Tag trüb und undurchsichtig worden waren. Bloch sagt nun, ohne es jedoch zu versuchen, dass man durch Uebertragung solcher mit Eiern besetzter Wasserpflanzen in andere Seen und Teiche, leicht andere Seen und Teiche damit be- völkern könne. 4) Im Jahre 1840 überreichte der Baron Riviere der Societe cen- trale d'Agriculture ein Memoire, das sehr treffliche Gedanken über die Vermehrung der Fische enthielt. Aber er befasste sich besonders nur mit dem Nutzen, den es gewähren würde, wenn man im Frühjahr die kleine Aalbrut („les bouirons") an den Mündungen der Flüsse sammelte, und in die Teiche, Sümpfe und sonst unbenutzten schlammigen Grä- ben des Landes brächte, wo sie ganz gut gedeihen. Er versicherte, dass man sie ganz gut lebend in kleinen Wassertonnen fortbringen könnte und noch besser in Fischhälteru, längs der Flüsse und Canäle. Er ist zugleich der Schöpfer des Wortes „riscicultiire^' . Der von Rlvirre gethane Vorschlag ist, wie man sieht, nichts, als eine Nachahmung der chinesischen Art, die Fischbrut zu transportiren. 135 und die Uebertragung dieser Methode auf den Aal , dessen Zucht man im See Comachio längst kannte. 5) Seit 1849 und 1850 benutzte Coste das Verfahren, um aus der Mündung der Ome die Aalbrut in die Teiche des Jardin des Plantes zu transportiren. Die Brut war im Mittel 6 — 7 Millim. lang und ohn- gefähr 1 Centim. im Umfang bei ihrer Ankunft, nach 28 Monaten 33 Centim. lang und 7 Centim. im Umfang. Coste nähi't seine Fischbrut mit gehacktem Fleisch von nicht essbaren Thieren, besonders von sol~ chem der Mollusken und Insecten. 6) In Betreff der Forellen bedient sich der weiter unten genannte Millet auch noch folgender, der Lund'schen ähnlichen, (aber nicht für Karpfen passenden) nur vollkommneren Methode. Er nimmt eine Art Behälter mit doppeltem Boden, deren erster aus einem Rahmen von ge- gatterten Querbalken und deren zweiter in einem beweglichen Sieb von metallenem Gewebe besteht. Die Weibchen reiben sich auf den Barren und lassen ihre Eier gehen, die auf das Sieb fallen. Führt man um dieselbe Zeit die Männchen in den Apparat, so kommt oft die Befrucht- ung natürlich zu Stande. So verliert man gar keine Eier, was bei der andern Methode doch geschieht, wenn man die Weibchen in der unten nach Millet angegebenen Weise in der Gefangenschaft in den Ge- wässern hält. Hieran reiht der Referent noch folgende eigene Erfahrungen: 7) Es war längt bekannt, dass der frühere Apotheker der k, Vete- rinäranstalt in Dresden sich durch die Ergiebigkeit seiner Goldfischzucht ausgezeichnet hatte. Genauere Erkundigungen haben mich gelehrt, dass er sich hauptsächlich damit beschäftigte, kurz nach der Laichzeit die Wurzeln des Schilfes und anderer Wasserpflanzen seines Bassins, an welche die Goldfische ihre Eier angehangen hatten, abzuschneiden und in besondere Brutkästen zu legen, die wohl unsern jetzigen Fisch- büchsen ähnlich waren. Der Handel, den jener Apotheker mit Gold- fischen trieb, beweist hinlänglich, dass er mit diesem Verfahren reüssirte. 8) In einem Bassin, in dem zu Zittau in dem Garten des Herrn Kaufmann Stahmer Goldfische gehalten werden, kommen alljährlich, wenn auch sehr wenig, junge Fische von selbst auf. Dieses Bassin ist seines Wasser wegen, das eine enorme Zahl von Algen enthält, sehr wenig ge- eignet für das Ausschlüpfen der Jungen aus den Eiern. Im Mai des Jahres 1854 sammelte ich eine grosse Anzahl von mit Goldfischeierchen besetzten Wurzeln der Weiden, Nymphaeen und Irides, sowie verschie- dener Schilfarten des Bassins, und brachte sie in einen besonders dazu eingerichteten Brutkasten. Alle Eier verdarben durch Rost und Algen. 136 Periode der künstlichen Befruchtung absichtlich der Vermehrung der Fische; oder Methode von Jacobi und seinen Nachfolgern. (1760 — 1848.) Nach einem von Baron von Montgaudnj , einem Nachkommen des berühmten Buffon, aufgefundenen, und bis jetzt unedirten Manuscripte hat der Pater Pinchon aus der Abtei von Reeme bei Montbard schon im Jahre 1420 den männlichen und weiblichen Forellen allmählig den Saamen in ein Gcfäss mit Wasser abgedrückt, das er mit dem Finger umrührte. Dann brachte er die Eier in ein Holzgef äss mit feinem Sande ins Wasser. Der Apparat blieb bis zum Momente der Ausschlüpfung in einem massig fliessenden Strome stehen. Da die Sache aber nicht veröfiFentlicht wurde, so ging sie verloren sowohl für die Wissenschaft, als für die Praxis. Sie hat mithin nur historische Rechte, imd zwei- felsohne ist Pinchon der erste Erfinder der künstlichen Befruchtung. Zu derselben Zeit, wie Lund seine Versuche mit natürlich befruchteten Eiern anstellte, kam ein Lippe-Detmoldischer Lieutenant Jacobi auf den Gedanken, die künstliche Befruchtung zur Vermehrung der Fische an- zuwenden. Im Jahre 1763 stand ein Brief von ihm hierüber in dem Magazin von Hannover, den später Yarell 1841 und Coste 1843 wieder- gegeben haben, und schon 1758 hatte er über denselben Gegenstand schriftliche Bemerkungen an den berühmten Buffon gemacht, die Lace- pede in dem ersten Bande seiner Naturgeschichte der Fische ei-wähnt, und ebenso an den Graf von Golstein , Grosskanzler von Jülich und Berg, darüber berichtet. Golstein übersetzte diese Noten ins Lateinische und sendete sie so an Foitrcroy, Director der Befestigungen von Corsica. Diese Uebersetzung wurde 1 773 in dem dritten Theile der „Histoire generale des Peches" von Buhamel- Dumoncean wiedergegeben, jedoch ohne dass Duhamel neben Golstein auch Jacobi genannt hätte. Weiter hatte 1764 Jacobi durch Gleditsch der Academie der Wissenschaften zu Berlin hiervon Anzeige gemacht. Jacobi beschäftigte sich nur mit Forel- len und Lachsen imd sagt selbst, dass er 16 Jahre zugebracht habe, ehe er zum Ziele gekommen. Zuerst beobachtete er, dass in den Ge- wässern die Forellen von Ende November bis Anfang Februar sich ver- einigten, auf dem Sande festsetzten und allda ihren Bauch rieben, so dass man deutliche Spuren von dieser Reibung au ihnen erkennen könnte. Nun Hess er zu der Streichzeit fischen und abwechselnd ein Weibchen und ein Männchen nehmen, drückte es leicht am Bauche über einem halbvollem Gefässe mit Wasser aus, und Hess dahinein die reifen Pro- ducte beider Geschlechter fallen. Alsdann rührte er Alles mit der Hand um, damit alle Eier von dem Saamen berührt würden. Hierauf brachte er sie in einen Kasten in ein kleines, fliessendes Wasser. Es hatte dieser am Boden reich mit Sand bestreute Kasten mas.sive, hölzerne Wände, an den .schmalen Seitenwänden ein viereckiges, mit einem fei- 137 nen Metallsieb versehenes Gitter, so dass hierditrch der Strom fliessen konnte, und einen durchlöcherten Deckel. Nach drei Wochen sah er in den Eiern die Augenpunkte, nach vier Wochen die Bewegung des Thierchens in ihnen, und nach fünf Wochen die Eierchen ausschlüpfen. Vier Wochen lebten die Jungen von der Nabelblase, dann stiegen sie herauf zum Gitter, um fortzukommen, wurden in ein Bassin gebracht und hatten nach sechs Monaten eine hinlängliche Grösse, um in einen Teich gesetzt zu werden. Dies Experiment hat er lange wiederholt, Avusste schon, dass man durch häufiges Umrühren mit einer Feder die Eier vor dem Zusammenkleben schützen und eben deshalb bei der Be- fruchtung umrühren, und den schlammigen Absatz des Wassers entfernen muss, wenn der Erfolg gelingen soll. England setzte ihm für diese Dienste einen Jahrgehalt aus. Die Physiologie machte sich die Jacobl'sche Entdeckung zu Nutze, und seit ihm datiren die künstlichen Befruchtungen in den physiologi- schen Laboratorien, so zogen Nutzen davon SpalUmzani, Prevost in Genf und Bumasy und später bei ihren embryologischen Studien, Pusconi und C. Vogt, zum Studien der Entwickelung der Schleihe u. s. w. Aber nur in Deutschland und Schottland zog man im Stillen praktischen Nutzen hiervon. In Deutschland setzte der Förster Franke in Steinberg (Lippe- Schaumburg); der Baron von Kass in Bückeburg (1831); Schmltiger in Lippe-Detmold; Knoche in Oelbergen (1840). der auch besondere Streck- teiche für Forellen einrichtete , dies Verfahren fort. Letzterer erhielt seit er dasselbe beobachtet, beiläufig 800 Junge auf 1000 — 1200 Eier. Von diesen fand er im nächstem .Tahre meist nur die Hälfte in den Teichen wieder. Nach 3 — 4 Jahren wogen die grössten Zöglinge 3/4 bis 1 Pfund. Schon im Jahre 1842 gab die Regierung in Neuchatel eine Insti'uction für die Fischer heraus, wie sie die Fischeier künstlich befruchten und so vermehren könnten. In Schottland und England beschäftigte sich schon vor dem Jahre 1840 John Shaw mit der Befruchtung der Forelleneier in besonderen von einer Quelle gespeisten Reservoirs, in die er die Eier im Befrucht- ungsmomente fallen Hess und hatte einen ziemlichen Erfolg. Das Wachs- thum der Brut ist folgendes: Im Alter von 8 Monaten sind sie 2 eng- lische Zoll lang, nach einem Jahre 33/4, nach 16 Monaten 6", und nach zwei Jahren 6V^"- Dann sind die Männchen reif. Aber auch davon gingen weniger allgemein nachgeahmte praktische Resultate aus, eben- sowenig als von den Versuchen von Andrew Young und Dr. Knox. Seit 1841 hatte ein Ingenieur. GoitUeh Boccius , zu Hammersmith in den Wässern des Herrn Drummond bei Uxbridge, dann auf den Län- dereien des Herzogs von Devonshire zu Chatsworth und auf denen der Herren Gunrie in Carsaltow und Hibberts in Chalfort künstlich Forellen- eier befruchtet, und bis 1848 schon 200,000 junge Forellen gezogen. 188 So war in Deutschland und England die Frage schon vor 1848 gelöst, bis wohin in Frankreich nichts hiervon zu bemerken war; aber sie fand immerhin keinen allgemeinen Eingang. Periode der allgemeinen Einführung der künstlichen Befruchtung der Fisch- eier und künstlichen Fütterung der Brut und älteren Fische, oder die Me- thoden von Remy und Gelim, sowie ihre Verhesserung durch Millet, Coste und de ftuatrefages, oder die Periode der künstlichen Befruchtimg zu Zwecken der Industrie (1848 bis heute). Wie es mit dem Alumin gegangen, so auch hier. Ein Deutscher erfand, dem Deutschen bleibt das grosse Verdienst der praktischen Ver- werthung der Erfindung. Ja, Referent kann es nicht unterlassen , hier daran zu erinnern, dass es den Deutschen wie schon vor Alters erging. Erst was die grosse Tour durchs Ausland gemacht hat, kommt in Gelt- ung. „Der Prophet gilt am wenigsten in seinem Vaterlande", wie der biblische Sänger sagt. Kurz, das Hauptverdienst bleibt den Franzosen. Zuerst unter den Franzosen befasste sich 1848 de (Juatrefages zu wis- senschaftlichen Zwecken mit der künstlichen Vermehrung der Fische, nachdem ihm Rusconi und C. Vogt damit vorangegangen waren. Sein Verdienst in dieser Frage ist jedenfalls kein selbstständiges, doch hat er das Verdienst, seine Landsleute auf die Wichtigkeit des Gegenstan- des und auf die Möglichkeit ihrer Ausbeutung aufmerksam gemacht zu haben, worin freilich Deutschland auf beschränktem Raum , Schottland und die Neufchateler Regierung ihm schon zuvorgekommen waren. Er rieth den Brutkasten von Gohtein, was vielmehr heissen muss von Ja- cobi, und die Streckteichzucht der Forellen, die Knocke in Oelbergen schon eingeführt hatte, freilich ohne diesen zu nennen, vielleicht auch ohne ihn zu kennen. So hat der gefeierte Franzose jedenfalls als der Wiedererwecker der deutschen Methode in Rücksicht auf die Praxis zu gelten nnd des Weiteren für die Gemüther zugänglich gemacht zu haben. für die um diese Zeit allgemeiner werdenden Versuche der Fischer Remy und Gelim, die schon seit dem Jahre 1 844 etc. die Annalen dieser Gesellschaft vom .Jahre 1844, wie Dr. Haoco bestätigt, eine Unterstütz- ung der Spciete d'emulation des Vosges, für ihre Versuche und Erfolge in der Forellenzucht erhalten hatten. Herr Dr. Haxo, der sich der Fischer sehr warm annimmt, lässt in seinen Schriften durchblicken, als habe de Quatrefages im Stillen von den Erfolgen der Fischer gewusst und sie ignorirt. Es ist durchaus aber die Wahrheit dieser Insinuation nicht nachzuweisen, und de Quatrefages hatte jedenfalls auf literarischem Wege Kenntniss des Gegenstandes sich erworben. Die Art und Weise, wie durch reine Selbstbeobachtung, ohne irgend ein literarisches Hilfs- mittel , Remy zur Kenntniss des Vorganges des Laichens der Forellen in der freien Natur gelangte, wie er sich seinem Collegen Gelim. ver- traute und die Sache praktisch ins Werk setzte sind jetzt allgemein bekannt und ebenso, dass Remy schon im Jahre 1843 deshalb einen Brief an den Präfecten der Vogesen richtete. Das Verfahren weicht in Nichts von dem ab, was Jacobi hierüber bekannt gemacht hatte, und was in Pinchotis Manuscripte sich aufgezeichnet findet; nur gingen die Fischer allmälig zu metallenen Brutkästen über. Ihr selbsttändiges Verdienst ist es, dass sie hierbei nicht stehen blieben, sondern den jungen Forellen, von der Zeit an, wo sich ihre Nabelblase resorbirt hat, eine passende Nahrung zu geben suchten. Hierzu bedienten sie sich des Froschlaiches und später befruchteten sie künstlich die Eier pflan- zenfressender Fische, von denen die Forellen leben, und setzten deren Brut in die Teiche. Auch gekochtes Eigelb, gehacktes gekochtes Fleisch, Leber, gehackte Eingeweide verschiedener Thiere wurden von Coste und anderen zur Fütterung benutzt. 3/inef räth, die Brut dahin zu bringen, wo sie Frosche, Lymnaeen und Planorben fänden. Es ver- ,steht sich dabei nur, dass die Forellenbassins vom fliessenden Wasser gespeisst Averden. Bemi/ und Gelim besetzten zuerst zwei Teiche bei la Bresse, später mehrere Teiche ihres Cantons, die fliessenden Wässer der Commun Waidenstein und die Mosellotte, ein Nebenfluss der Mo- sel, mit Forellenbrut. Milne Edwards ward 1850 erwählt, um die Sache im Auftrage der Regierung zu prüfen. Er instruirte sich zuvor durch einen Besuch Eng- lands über die dort im Gange befindlichen Methoden und ging dann in die Vogesen nach la Bresse. Der sehr interessante und günstige Be- richt reservirt den Deutschen die frühere Kenntniss dieses Verfahrens, und den Fischern zu la Bresse das Verdienst, hieraus für Frankreich einen neuen Zweig der Industrie errichtet zu haben und schloss damit, zu erwähnen, wie Nutzen bringend es für den Staat sein müsse, wenn die sämmtlichen Flüsse Frankreichs in dieser Weise mit Bewohnern versehen würden. Als die geeignetste Belehrung für die beiden Fischer schlug der Berichterstatter die vor, ihnen den Auftrag zu ertheilen, die Flüsse Frankreichs mit neuen Bewohnern zu füllen. Denselben Antrag, der auch von Seiten der Regierung acceptirt wurde, stellte durch Herrn de Quatrefarjes die Societe philomatique. Seit dieser Zeit zeigte sich überall ein mächtiger Aufschwung der künstlichen Vermehrung der Fische, und Laien und Gelehrte beschäf- tigten sich seitdem mit dieser Frage. Von ausländischen Gelehrten sind hier besonders unter den Franzosen noch Valenciennes, Millet, Coste, der leider nicht immer ehrlich in Betreff der Angabe der Benutzungen seiner Quellen, besonders in Betreff Millets ist, Berthot und Dezem, Paul tlervais und Fournet zu nennen, von italienischen Deßlippi in Turin ; von holländischen Leistungen ist der, wie Referent hörte , auf Kosten eines naturwissenschaftlichen Vereins zu Darmstadt übersetzte Rapport einer vom König von Holland hierüber niedergesetzten Commission zu nen- 140 nerij der unter dem Titel : „Handleiding tot de Kunstmatige Vermenig- vuldigen van Visschen 1853" erschien. In Deutschland hat selbststän- diges hierüber der Prof. Fraas in München geleistet.*) Valenciennes, Milne Edwards und Quatrefages haben mehr und mehr Gutsbesitzer veranlasst, die Versuche zu wiederholen, doch mit Recht vor sofortigen übertriebenen Hoffnungen gewarnt- Coste dagegen ging lebhafter und mit vollen Hoffnungssegeln auf die Sache los, doch scheint er zu grosse Hoffnungen rege gemacht zu haben. Cosle wurde beauftragt, ein grossartiges Etablissement für künstliche Fischzucht herzustellen, und begab sich deshalb nach Loeclilebrunn bei Hüningen, wo die Herren Ingenieure Detzem und Berthot seit 1852 grossartige Fischzucht *) In Sachsen hat sich auf meinen Vortrag nnd Antrag hin der naturwissenschaft- liche Verein zu Zittau zuerst im Herbste 1s.j3 mit der künstlichen Vermehrung der Forellen beschäftigt. Es wurden von dem genannten Vereine Herr Stadtrath Lange, Vorstand unseres Forst- und Agriculturwesens, und der Unterzeichnete gewählt. Wir zogen im Frühjahr 1854 die erste Brut. Hierauf bewilligte auf Vortrag des Unterzeich- neten der landwirthschaftliche Verein der Lausitz 100 Thaler; damit hierfür kleinere Lehranstalten errichtet würden. Die Verwendung dieser Gelder werde ich am Ende dieses Jahres dem Kreisvereiu, wie sich versteht, berechnen und genaueren Bericht er- statten. Die Grundsätze, die mich leiteten und leiten, findet man auf den letzten Sei- ten. Die Resultate in Betreff der Forellen sind folgende : 1) in einer Station blieben eigenthümlicher Verhältnisse wegen, die Versuche in zwei Brutbüchsen ohne Erfolg; zum Theil wohl auch deshalb, weil die Löchelchen, in den die Büchsen standen, zugefroren waren. Eine dritte Büchse ist gänzlich ver- schwunden. 2) In Oderwitz waren schon im vorigen Jahre alle Versuche in den Brutkästen und Brutbüchsen erfolglos geblieben. Auch dies Jahr gingen die grosse Mehrzahl der Eier zu Grunde. (Diese Station habe ich in diesem Jahre selbst gar nicht inspieirt, da ich auf den Herrn Förster daselbst mich sicher verlassen konnte.) 3) In Harthau liess ich einen Apparat ähnlich dem von Coste, aus drei Sandstein- trögen, aber mit der unten angegebenen Modification einrichten. Wir erzogen 17 Stück junger Forellen. Die in einem der Tröge eingesetzten zwei Stück Forellen Weibchen und ein Männchen, die liier freiwillig nacli Ansicht des Herrn Försters streichen soll- ten, wurden von Wasserratten geholt. Man fand ihre Spuren im Schnee, und im Troge die abgebissenen Köpfe der Forellen. Für ähnliche Uebelstände ist durch Auflegung von durchlöcherten Zinkblechen Abhilfe getroffen worden. 4) In Oybin sind heute noch Hunderte von erst im Februar befruchteten Eiern ganz gut, und wir sehen täglich der Ausschl}.ipfung der Brut entgegen. 5) In dem bei den Goldkarpfen genannten Bassin auf Herrn Stahmer's Garten kamen Hunderte von Eiern durch Algen und Insekten um. Ich finde heute nur drei Eier mit Augenanlagen und Gef ässentwickelung. Ausgeschlüpfte Brut noch gar nicht. 6) Herr Lieutenant v. d. A. von Fohlen tz auf Niedercunewalde bei Bautzen hatte sich im vorigen Jahre einen Coste'schcn Apparat von Holz gemacht und mich im Spät- herbst 1854 eingeladen, ihm die Manipulationen zu zeigen. Dies habe ich gethan, und auch hier sind junge Forellen ausgeschlüpft, wie briefliche Mittheilungen mich benach- richtigten. Von einer andern Station bei Bautzen sind mir keine Mittheilungen zugekommen. leb für meinen Theil rathe zu einem Apparate, wie der in Harthau von mir benutzte. 141 angelegt hatten, die in Folge des Coste'schen Berichts von Staatswegen Unterstützung erhielt. Hier nun scheinen die Erfolge hinter den Ver- sjjrechungen zurückgeblieben zu sein. Die Verbindung Costes, mit die- sem Institute hat zur Lösung einer anderen interessanten Frage beige- tragen, der über die Transportfähigkeit befruchteter Eier. Lachs- und Forelieneier von Mühlhausen mit der Diligence nach Paris gesendet, sind in sehr grosser Zahl im College de France ausgeschlüpft. Andere künstlich befruchtete Eier, in einem Kasten von Weidenholz, zwischen abwechselnden Lagen von feuchtem Sande, innerhalb eines Zimmers aufbewahrt, wurden zwar anfangs etwas runzlicht, später aber im flies- senden Wasser glatt und die Brut schlüpfte aus. Die Eier transportirt man am besten in Lagen feuchten Sandes, befeuchteter Wasserpflanzen und Moose, nach Millet in dichtgelegter, befeuchteter Leinwand oder nach Marquis Vihraye in kleinen befeuchteten Wattekissen, die man in Büch- sen und Kübeln verwahrt. Millet transportirte so Eier nach Florenz, die 20 — 25 Tage unterwegs waren, beim Transporte zarter Eier, zumal im Sommer gebe man etwas Eis darum. — - Die beste Zeit des Trans- ports ist kurz nach der Befruchtung, oder wenn die Augen schon durch- schimmern. Der Apparat Costes ist bekannt. Eine Stenterröhre mit einem Ab- flussrohre, dessen Strom ein Hahn regulirt, ergiesst in einen mit feinem Sande belegten Trog, in dem die Eier liegen, einen Wasserstrahl, der nach beiden Seiten hin das Wasser in den unteren Trog treten lässt. Von diesem Troge aus fliesst ebenfalls nach beiden Seiten hin das Was- .ser in andere, darunter terassenförmig angebrachte Tröge. Ich für meinen Theil ziehe den hölzernen Trögen solche von Sand- stein vor und fange ausserdem das Wasser nicht in der Mitte des ober- sten Troges, sondern an der Seite. Von jedem Troge leitet Avieder nur eine Oeflnung das Wasser in den nächst unteren Trog und damit ein continuirlicher Strom unterhalten wird, ist, wie sich von selbst versteht, die AbleitungsöÖhung des nächst unteren Troges stets au der der OefFnung des oberen Troges gegenüberstehenden Seite angebracht. So erhalte ich einen einfachen in einem einfachen Schraubengange gewundenen Strom. Wer den Coste?>Q\iQYs. Apparat anwenden will, der muss meiner Ansicht nach, wie er in dem obersten Troge das Wasser in der Mitte fasst, es ebenso im dritten, fünften, siebenten Troge fassen, und wie er es im zweiten an beiden Seiten nach dem unteren ablaufen lässt, so auch wiederum im Aierten, sechsten Troge und so fort es durch zwei seitliche Oeflfnungen ableiten. So bilden Trog "1 und 2, 3 und 4, 5 und 6 je einen abgeschlossenen Raum für sich. Als Material rathe ich lieber Sandstein, als Holz, theils der Dauerhaftigkeit wegen, theils aber auch, weil Holztröge viel schneller faulen, und viel reichlicher Algen ansetzen. Das schlechteste Holz für Tröge sind die harzigen Weichhölzer. Wer durchaus Holztröge nehmen will, der nehme hierzu 142 Weiden-, Linden- oder Buchenholz. Traurige Erfahrungen über die Un- gleichheit des Stromes ohne einen Hahn zur Regulation , lassen mich rathen, stets dieses schon von Coste angewendeten Mittels sich zu be- dienen. Ein Apparat von Sandstein aus drei Trögen, jeder zu IV'i Elle Länge und 7 Zoll etwa Breite, in der Lichtung haltend, kostet hier am Platze 1 V» Thaler, die Aufstellung solch eines Apparates mit Rohr und Hahn etwa 6 — 8 Thlr. und genügt für den Bedarf eines Gutes recht gut. — Als Material zu Brutbüchsen, die man stets durch Steinvorbau vor einem zu starken Wasserstrome schützen möge, nehme man ebenso nie Holz, oder doch nicht die harzigen Hölzer. Weisses Eisenblech, immerhin noch das Beste, rostet sehr leicht. Ich habe aus zwei mal gebranntem Töpfertone in Muskau in der Niederlausitz viereckige Kis- ten von reichlich ^j-i Elle Länge, 5 — 6'' Breite und 8 — 9" Tiefe bauen lassen. Hiervon kostet das Stück beiläufig 25 Ngr. und bin ich bereit, Freunden der Fischzucht davon noch einige abzulassen. Sie dienen zu Versuchen in Quellen und Bächen. K. Besondere Cautelen bei der Fiaehzucht. Eine Hauptsache bei der künstlichen Befruchtung ist es, den männ- lichen Saamen später in die Schaale, in der mcm die Befruchtung vornimmt, fal- len zu lassen, als die Eier. Gut ist es auch, Beides gleichzeitig vorzunehmen. Nach den von de Quatrefages angestellten Versuchen, die auf die bekannte Erfahrung gegründet sind, dass die Spermatozoiden (Saamen- faden) nur so lange befruchten, als sie sich bewegen, (was um so we- niger auffallen wird, seitdem wir wissen, dass diese Saamenf äden hinein ins weibliche Ei dringen. Ref.*) ist die Zeit nur kurz, während welcher *) Die Ersten, die das Eindringen der Saamenf täden in das Ei beobachteten, waren Newport (Batrachierei) , Barry (Kaninchenei), Keber (Najadenei) und Nelson (Ascaridenei). NachL. Reiclienbach wurden diese Beobachtungen noch früher von Prevostu. Dumas: am Tri- ton-Ei gemacht. Vor Allen Bischoff bekämpfte diese Ansiclit ziemlich scharf im Vereine mit Funke in Leipzig uudv. Hessling in München. Inzwisclien fand Meissner — der wenn er auch durch Kebers Abbildungen nicht überzeugt ist, dass wirklich dieser das Eindringen der Samen- fäden in die Najadeneier gesehen habe, des sehr hart mitgenommenen Kebers Benennung, der in der Entwickelung des Eies begründeten Oeffnung der Dotterhaut nach Analogie am Pflanzenei als Mikropyle vertheidigt, — dieses Eindringen der Spermatozoiden ins Ei bei Ascaris mystax, A. margiuata, A. megalocephala, Strougylus ai'matus, Lumbricus. Bei In- sekten, wie Musca vomitoria, M. domestica, Tipula, Lampyris spleudidula, Elater (pectini- cornis), Telephorus bei einer Species von Adela, Pyralis, bei Tortrix, Euprepia lubricipeda, E. Caja, Liparis Salicis, Pieris Brassicae, Tenthredo viridis, Spathius clavatus, AgriouVirgo Panorpa, bei einer Crustacee:Gammarus pulex hat Meissner weiter das Bestehen der Mikro- pyle mit Sicherheit nachgewiesen und man muss daher wohl auch an das Eindringen der Spermatozoiden im Eie glauben. Später widerrief Bischoff, und sah, wie auch Meissner, die Samenfäden insKaninchcnei treten. Das Beste hat hierzu erst Meissner geleistet, doch ist es Unrecht, wenn man für ihn Prioritätsstrcitigkeiten in Betreff der Entdeckung erheben wollte. Er und Bischoff bestätigten nur Gesehenes, und Keber hat mindestens das grosse Verdienst der Anregung. K. 14S die Samenfäden ihre Befruchtungsfähigkeit behalten, und diese Zeit wiederum bei den einzelnen Arten verschieden. Die Samenfäden des Hechtes stehen nach 8 Minuten und 10 Secunden im Wasser still, die vom Plötz in 3 Minuten und 10 Secunden; die vom Karpfen in 3 Minu- ten; die vom Barsch in 2 Min. 40 See; die der Barbe in 2 Min. 40 See. Dabei wechseln diese Bewegungen noch nach den Temperatur- einflüssen. Für im Winter streichende Fische ist eine Temperatur des Wassers von + 4 — 7" R., für die im Frühjahr eine solche von -f 8 — 10" R.; für die im Spätfrühjahre (Karpfen und Barsch) eine Tem- peratur von 4- 14 — 1 6 R., und für die im Sommer streichenden eine Temperatur von -f- 20 — 25 "R. die günstigste bei der Befruchtung, da hier die Fähigkeit der Bewegung der Saamenfäden ganz gut besteht. Kleine Temperaturunterschiede und zumal niedere Temperaturen wer- den von ihnen viel besser vertragen, als nur um ein Paar Grad höhere. Herr Millet schickte Forellenmilch (ganze Hoden) in einem Gefäss mit Eis an Quatrefages und füllte auch die Büchse, in der der Samen lag, mit Eis an. Diese Milch behielt noch 64 Stunden ihre befruchtende Kraft. Die oberflächlichen Schichten verloren diese Fähigkeit früher, als die inneren, man braucht daher die Hoden gefrorener Fische nicht wegzuwerfen. Im Wasser verlieren die einzelnen Fäden eher ihre Be- weglichkeit, als die in Saamenhaufen zusammengeballten. Die Kürze der Dauer der Bewegung der Saamenfäden ist eine Haupt- ursache des zeitweiligen Nichterfolgs der künstlichen Befruchtung, und deshalb Eile bei der Manipulation nöthig. Sodann wird es oft versehen mit der Temperatur, die jede einzelne Fischart erfordert. Diese Arbeit von Quatrefages hat zuerst feste, wissenschaftliche Re- geln der Befruchtung bei der Fischcultur präcisirt. Letzte Verbesserungen der Fischcultur durch den IVasser- und Forstinspecteur Millet, die zum grossen Theil von Coste nur adoptirt worden sind. Ist der Laich dem Weibchen auf einmal oder in Zwischenräumen zu nehmen? Die Fischeier sind nicht alle an einem und demselben Tage reif; das Weibchen streicht in Zwischenräumen und eine gCAvisse Anzahl von Tagen hindurch, während welcher Zeit das Männchen das Weibchen stätig verfolgt. (In dei' Fischersprache bei Karpfen „Hetzen". Ref.) Und darnach hat man bisher immer gerathen, man solle den Laich auf einmal dem Weibchen abdrücken, was jedenfalls ebenso dem Thiere als dem Laiche und seiner Entwickelungsfähigkeit schadet. Millet versuchte nun den Fischen die Eier in Absätzen zu nehmen. Da aber die Gefangenschaft die geschlechtlichen Entwickelungen der Fische nachweislich nicht begünstigt, so nahm er sie nur in dem Moment der Befruchtung aus dem Wasser und brachte sie unmittelbar darauf wiederum ins Flusswasser, indem er sie an einer durch die Kiemen ge- zogenen Schnur befestigte, was sie ganz gut vertrugen. 144 Brutapparat nach Millet. 1) Ausserhalb der Bäche und Seen. Wenn die Entwickelung des Eies ausserhalb des Wassers in dem die Aeltern leben, Statt haben soll (in einem Zimmer oder Schuppen), besorgt man sich ein Gefäss mit einer Capacität von 3U — 35 Pf., mit Älischung von Kohle, Kiesel und Sand, um eine Art Filter herzustellen. Durch ein mit einem Hahne versehenes Rohr leitet man das gereinigt abgelaufene Wasser in treppenweise aufgestellte Tröge, in denen man aui folgende Weise die Eier rein erhält. Jedes auch noch so reine Wasser setzt fremde Theilchen ab, die sich an die Eier anhängen, so dass sie sich endlich mit einer für die Entwickelung von Byssus oder Schimmel günstigen Substanz umgeben. (Besonders die Kohlentheilchen des obigen Apparates begünstigen, wie lieferent aus eigner Erfahrung leider weiss, diesen Absatz.) Um diess zu verhüten, hält Herr Millet, und' nach ihm Coste , die Eier in einer kleinen Entfernung unter dem Wasserspiegel vermittelst kleiner Siebe, die aus verschiedenen Substanzen, z. ß. Haare, Seide, Weide, am lieb- sten aber aus galvanisirtem Metall, das sich leicht mit einer Feder rei- nigen lässt, und nicht so leicht mit Algen, bes. Achlja prolifera, über- zieht, verfertigt sind. Diese Siebe werden an kleinen über die Ränder der Rinnen gleitenden Fäden in der gewünschten Höhe gehalten. Uebri- gens hat schon Voigt eine ähnliche Einrichtung angewendet, indem er die Lachseier in einem von allen Seiten durchgängigen Mousselinsack an einem Faden in den See warf, oder vermittelst eines grossen Steins am Platze hielt. Die Mühe, die man mit solch einem Apparat hat, ist gering. Man braucht nur täglich morgens und früh den Behälter zu füllen, das Sieb täglich einmal zu reinigen und die undurchsichtig gewordenen Eier zu entfernen. Seit Jahren bedient sich Millet dieses Apparates, um in Paris, in der Rio Castiglione die Eier von Forellen und Lachsen auskriechen zu machen. *) 2) Innerhalb der Bäche und Seen. Kann man im Wasser eines Flusses, Sees oder eines Teiches selbst operiren, so wende man doppelte Siebe von metallischem Gewebe an, die man vermittelst eines Schwimmers (Flotteur) in einer passenden Höhe erhält und die somit dem Fallen und Steigen des Wassers folgen *) Referent, der örtlicher Verhältnisse halber seinen Apparat nicht zu Hause ha- ben konnte, hatte Unglück mit seinem derartigen Apparate, wird ihn aber von Neuem wieder vornehmen. Dieser Apparat war wie folgt eingerichtet. Eine gut ausgewässerte sogenannte Oleumflasche wurde 2 Zoll vom Boden seitlich in der Dicke eines kleinen Fingers durchbohrt und in diese Oeffnung ein feines Abzugsrohr (am besten mit einem Hahne) gebracht. Die Oleumflasche, die das Wasserreservoir darstellte, wurde auf die höchste Staffel einer gewöhnlichen, treppenförmigen Blumenstellage gestellt und täglich :2weimal gefüllt. Von da tropfte das Wasse^ in wiederum mit Abzugsgefässen versehene Gefuöse, welche sich auf den untern Staffeln der Blumenstellage befanden. K. 145 können. Für Arten, die in stillem Wasser laichen, belegt Millet das doppelte Sieb mit Wasserpflanzen, oder bringt ihre Eier in grossen Kübeln mit Wasserpflanzen ins Wasser. Ein Fluss des Salzwassers auf die Eier der Fische, welche um zu laichen, das Meer verlassen und in die Süsswässer hinaufsteigen, nach Millet. Für gewöhnlich ist Salzwasser der Entwickelung der Eier nach- theilig. Bekommen aber die Eier weisse Flecken, die sich von der Oberfläche nach dem Centrum zu ausdehnen, und, wenn man sie ver- grössern lässt, die Zerstörung der Eier herbeiführen, so bringt man dieselben durch einen schAvachen Grad von Salzzusatz zum Schwinden und die Brut zum Ausschlüpfen. Je niedriger die Temperatur ist, um so weniger bekommen die Eier von Forellen und Lachsen weisse Flecke: um so mehr bei einer Temperatur von über 10 Grad*). Schlussbetrachtungen. Bei der'Frage, welche Fische für einen District am besten passen, prüfe man zuerst die Natur, gewöhnliche Temperatur, Tiefe und verschiedene Eigenschaften der fraglichen Gewässer und die Gewohnheiten, den Instinct und die Lebensweise der Fische, die sich daselbst entwickeln sollen. (Eefer. räth dabei zugleich nachzusehen, was noch für Fiscliarten zur Zeit in diesen Gewässern vorkommen, und welche früher daselbst vorkamen. So waren seiner Zeit in der Nieder- lausitz die Lachse so gemein, dass ein Gesetz erlassen wurde, dem Dienstpersonale nicht mehr als zweimal wöchentlich Lachs zum Essen zu geben.) Hat man eine passende Wahl getrofi'en, so wähle man zur Befruchtung taugliche Individuen, vor Allem solche, die nicht zu lange in engen Behältern gefangen gehalten waren, was dem Laiche schadet. In kleinen von Bächen durchflossenen Weihern und Teichen kann man sie gern halten. Weiter beachte man genau die oben von Quatrefages angegebenen Cautelen in Betreff der Temperatur des Wassers im Befruchtungsgefäss, obgleich Vogt bei den den Lachsen verAvandten Arten die Befruchtung bei in Eis gelegenen Eiern mit Erfolg vorgenommen haben will. Man muss die Befruchtung nicht auf einmal vornehmen, und womög- lich die Thiere nicht aus dem Wasser nehmen, sondern unmittelbar an der *) Es ist eiu eigenthümlicher iu allen Zweigen der Naturgeschichte sich wieder- holender Erfahrungssatz, dass man einzelnen Arten von Wesen nur in einem geographisch sehr beschränkten Räume begegnet. So findet sich eine der schönsten Lachsforellen nur an einer einzigen Stelle des Genfer Sees (eines Binnensees) und nur zu einer ge- wissen Zeit. Sollte das nicht mit der Streichzeit dieser Thiere zusammenfallen und daraus zu erklären sein, ^ass an dieser Stelle ein besonders kalter Quell den See speise? Liesse sich das nicht so erklären, dass die Aeltern instinktmässig diese Stelle suchten, weil ihrer Brut hier ein möglichst kaltes Wasser zu ihrer Entwickelung, die sie bekanntlich bei -f 10 R. nicht mehr durchzumachen im Stande ist, geboten wird? Am Ende kann der Geolog ferner von den Fischen noch AVinke erhalten! — K. Allg-, deutvrciie natnihist. Zcitunsr I. i ■• Oberfläche des Wassers ihres Saainens berauben. Ferner streiche man nur leicht, oder noch besser, man beuge die Thiere schwach nach oben, wobei der reife Saamen austritt. Nur Avenn das nicht hilft, drücke man ganz leicht den Bauch mit dem Finger und streiche gleichzeitig oder fast gleichzeitig den Saamen ab, da die Forellensaamenfäden nur eine Minute sich bewegen und beim Karpfen die mucilaginöse Eihülle so schnell im Wasser sich auftreibt, dass die Befruchtung alsbald dadurch erschwert ist. (Dies sieht man ja schon an den Fröschen, bei denen das Männchen sofort das ins Wasser fallende Ei mit ' seinem Saamen befruchtet. Ref.) Mail wasche ja nicht, wie einige riethen, die Eier vor der Befruchtung. Hat man die Eier einmal befruchtet, so bediene man sich der Apparate von Coste und Millel oder des Doppelsiebes oder des „incubateur flottant" von Millel. Am besten befruchtet man alsdann unter Wasser, und wenn man mit Fischen zu thun hat, die ihre Eier anhängen, nach vorhergäugigem Einbringen von Wasserpflanzen oder krummen Reisern in das Sieb. Mittels eines Flotteurs und Fadens kann man den Apparat leicht visitiren. (In stehenden oder langsam fliessenden Wässern ist das Anbinden an einen Faden gefährlich. Ich erlebte es, dass Bindfaden von der Stärke der Uhrseile einer Schwarz- wälder Uhr nach Zeit von 3- bis 4wöchentlichem Liegen im Wasser beim Herausnehmen der Büchsen zerrissen. Ref.) Die Fische setzt man aus , sobald sie ihre Nabelblase verloren haben und am liebsten an nicht zw tiefe Orte, da hier die grossen Fische gewöhnlich nicht sind. Die Brut versteckt sich übrigens leicht vor ihren Feinden. Als Nahrung kann man ihnen bald Ueberreste aus der Küche und Fleischbank reichen und alle dem Menschen unbrauchbare, thierische Substanzen. (Ref. fragt, ob nicht auch Qiiarch ihnen bekannt ?) Manche Substanzen schaden den Fischen, z. B. nach Sivard de Beaidleu ist der Erdsalaman- der für Forellen verderblich. In gut fliessendem Wasser erzeugen übrig- bleibende Nahrungsreste keinerlei Beschwerde für die Brut und man kann sie selbst in kleine Bassins setzen. Persönliche Regsamkeit und Geschicklichkeit regeln, wie bei jeder Industrie, auch hier den Erfolg. Nötliig ist freilich von Seiten der Regier- ungen, die Revision der Fischgesetze durch Sachverständige , und eine vernünftige Fluss- und Küstenaufsicht, sowie Einführung der künstlichen Befruchtung an möglichst vielen Orten. Vorzüglich soll hierzu das vor- handene Personal der Verwaltung der Wässer und Forsten verwendet werden. Somit schliest Referent den Bericht und erlaubt sich, ausser den früher schon eingestreuten, noch einige selbstständige Bemerkungen über die Teudenzen, mit denen er daran ging, in seinem eignen Vater- lande zuerst Versuche der künstlichen Foi'ellenzucht zu machen , und zuletzt seine Gedanken über die Karpfenzucht in Specie darzulegen. Oben schon wurde gesagt, dass es bei jeder Industrie, so auch hier auf 147 Fleiss lind Greschicklichkeit des Einzlnen ankomme, und dass dies auch von der Fischcultur, als Industrie , zu sagen sei. Nur schwer oder doch mit zu vieler Anstrengung, die oft gescheut wird, belehrt man sich aus Büchern. Die Beibringung eines einzigen praktischen Kunst- griffs ersetzt Stunden. Wer daher zu der Förderung der künstlichen Fischzucht mithelfen und mitbeitragen will, der muss sich nicht scheuen, mit eignen Opfern an Zeit und Geld die Sache in die Hand zu nehmen, vor Allem sollte der Staat selbst eingreifen. Für unsere Lausitz ist dem Pri- vatfleiss die Sache überlassen. Als Lehranstalt soll, wie ich höre, die öconomische und forstwirthschaftliche Academie zu Tharandt gelten ; eine gewiss sehr fruchtbringende Einrichtung, wenn die Sache mit Lust und Liebe praktisch betrieben wird. Dann können von hier aus die jungen Eleven diese Kunst durch unser Land und weiter hinaus ver- breiten. Sehr viel würde zweifelsohne weiter gewonnen, wenn man schon jetzt die Oberförstereien und Oberforstmeistereieu des Landes dahin be- stimmte, dass sie in ihrer Nähe, wo es irgend möglich ist, ähnliche Apparate aufstellten, wie wir oben angegeben haben. In den meisten Gegenden wird das wenige dazu nöthige Steiuniaterial für die Bruttröge zu haben sein und avo es fehlt, ist es für Weniges von fern her zu erhalten. Wenn diese kleinen Anstalten errichtet werden, haben die Revierförster die zweifelsohne in dem Sommer doch einmal die Oberförsterei besuchen, Gelegenheit, diese Anstalten zu sehen, dieselben ihrem Bedürfniss ge- mäss zu Hause einzurichten, um Alles bis zum Herbste fertig zu haben. Andere, wo solche Einrichtungen schwierig sind, können auch mit Brut- büchsen oder thönernen Brutkästen sich versehen. Nur dadurch aber, dass man möglichst viele Einzelindividuen für die Fischzucht interes sirt, kann man auf Erfolg hoffen. Der Grund ist einfach : unter Vielen wird es selbstv^erständlich eine grössere Anzahl zu der fi-aglichen Industrie Geschickte geben und je mehr diese sich betheiligen, um- so weniger wird die durch Todesfälle eintretende Lücke bemerkt, um' so eher wird über- haupt die ganze Zucht der Fische auf die Nachkommen vererbt werden. Serunt arbores, quae alteri seculo prosunt. (Man pflanzt die Bäume auch für's kommende Geschlecht.) Wer sieh übrigens einbildet, dass die Forellenzucht für Private, die nicht zum Forstpersonal gehören, leicht ist, der irrt gewaltig. Es; gehört eine ziemliche Lust und Liebe zu der Sache, um alle Hinder- nisse zu überwinden. Hat man auch endlich die Vorurtheile, die auch hier, wie gegen alle Neuerungen, auftauchen, überwunden, hat man die Spötteleien überstanden, wenn nicht gleich anfänglich, weil kein Meister vom Himmel fällt, grosse Resultate erzielt werden, hat mau den Eigen- sinn Einzelner, die für die Sache gewonnen sind, sich aber einbilden, die Sache besser zu verstehen, als man ihnen beibringen will, besiegt, hat man keine Mühe gescheut, zu instruiren. Stunden, ja- halbe Tage in den Wäldern sich herumgetrieben, um passende Stellen für die Brutbüchsen ' 11* 148 zu finden, Stellen ;, wo es hinlänglichen Strom giebt und man doch die Büchsen vor stürzenden Quellen durch Steinumbau schützen konnte, hat man^ was das Beste ist^ ein kleines Bassin in der Xähe der Wohn- ung des Försters oder des Leiters einer Station erbaut, damit er öfters ohne zu grosse Beschwerde für sich nach den Eiern sehen kann, dann geht die eigentliche Noth erst an. Die Forellen sind in unsern Wäs- sern auf ein Minimum geschwunden und man ist froh, wenn man end- lich einige erlangt hat. Die mir z. B. ins Haus zum Verkauf gebrach- ten Thiere waren meist matt, hatten zeitweilig schon einige Tage im Halter gestanden und froh Eier zu haben, wurden so viel ausgedrückt, als beim leichten Drucke Eier abgingen. Matte Fische lassen die Eier dann auch in grosserer Menge gehen und man verunreinigt seine Kästen mit unreifen Eiern von Haus aus. Unsere Bäche sind meist zu klein, um das ßlilleische Verfahren, die Fische an Bindfäden in den Bach zu hän- gen, nachzuahmen. Das Beste sind hier jedenfalls Teiche, die nur einen kleinern Umfang haben und leicht abgelassen werden können, was auch hier wiederum nur bis Anfang December gewöhnlich möglich ist, da es gewöhnlich dann noch keinen allzu harten Winterfrost giebt. Da nun aber bei uns die Streichzeit von November bis Februar dauert, so ist die Aufbewahrung in solchen Teichen fast noch das Einzige, was Erfolg verspricht. Wer soll zur spätem Streichzeit im Winter selbst die Forellen aus dem Bache fangen ? Scheut sich nicht Jeder vor der Kälte der Gewässer in unserm kalten Klima? Es bleibt demnach nichts übrig, als zur Zeit, wo die Forellen streichen, sie in kleine Teiche zu sammeln und zeitweilig, wenn milde Witterung eintritt, sie dort heraus zu fan- gen und Versuche des Abstreichens in gewissen Zwischenräumen zu machen. Endlich bitte ich, dass man auf die Mahnung höre, den Schlamm und die fleckig werdenden oder die weiss gewordenen Eier sofort zu entfernen. Je mühsamer die Leiter der Station oder ihre Leute sind, um so bessere Erfolge wird sie haben. So zog der Herr Förster Ho/il- feld in Solmsdorf aus einer einzigen Büchse mit circa 200 Eiern gegen 80 Junge. Die grösste Thorheit ist es, die Eier, ohne diese Reinigung vorzunehmen, stehen zu lassen, weil man sich wohl auch einbildet, man müsse die Natur nachahmen und dürfe die Eier nicht stören. Der Strom des Flusses geht heute auch schneller, wie morgen, es giebt da auch Wechsel und Störung, und es steht Niemand am Bache, der mit einem Dynamometer die Stromkraft regulirt. Ausserdem zeigt es aber zugleich von Avenig Kenntniss, wenn man, um die Natur nachzu- ahmen, die schlechten Eier liegen lässt. Schlechte Eier sind leichter, als gute. Diese sinken, aufgerührt, schnell zu Boden, jene schwimmen und tlottiren länger im Wasser herum , ohne sich wieder zu setzen. Dadurch erhält der freie Wasserstrom in der Natur die Kraft, die schlech- ten Eier abzusondern von den guten. In unsern Brutkästen und Brut- 149 büchseii ist diess uunKijj^lich , deshalb müssen wir die schlechten aus- lesen. Sorgsam entferne man also alle Eier, die eben schlecht zu wer- den beginnen, und versuche hier zuerst den ilUnet&chen Kochsalzzusatz in besondern Büchsen, aber im untersten Troge des Apparates, indem man eine kleine Menge Salz von Zeit zu Zeit einstreut. Sieht man im Kasten oder in der Büchse ein weisses oder rothes 1/3" langes tausend- fuss ähnliches Insekt, so suche man seiner, eben sowie der jungen im Wasser herumschwimmenden Saugwürmer unter allen Verhältnissen hab- haft zu Averdeu. Erstere sind oft schwer zu linden. Leere Eischaalen die in den Kästen herumschwimmen, lassen den Feind vermuthen, der oft innerhalb der Eier sich eingebohrt hat und leicht unsern Augen entgeht. Oft entfernt man ihn unbewusst, zum Glück für seine Anstalt, 'mit den weissen Eiern, da er nur in solchen- lebt und auch deshalb ist die Reinigung von solchen Eiern anzuempfehlen. Die Brutbüchsen sind A or den grösseren Wasserraubthieren durch ihre Deckel geschützt. Auf *. - 177 gewöhnlich dunkler von Farbe^ hat einen längern und dichter behaarten Schwanz mit sehr deutlichen Schuppenringen; auch die Augen sind etwas grösser; übrigens ist sie ihr in Allem gleich. i) Die schwanzlose Hausmaus. Ohne Spur von Schwanz. Man sieht deiitlich^ dass sie ohne Schwanz geboren ist und denselben nicht durch Zufall verloren hat. Sonst unterscheidet sie sich durch nichts von der gewöhnlichen. Ich fing sie am 26. December 1851 in der Falle. k) Die kleine zwergartige Hausmaus. Zwei solche , welche ausge- wachsen nur die Grösse der Zwergmaus : Micromys minutus Pallas hat- ten, bekam ich im Februar 1851 von dem Rittergutsbesitzer Herrn Herrn. Schulze in Wachau bei Leipzig. Ausser der geringern Grösse sind sie den gewöhnlichen vollkommen gleich. Sie waren dort in den Zimmern des Ritterguts - Gebäudes ziemlich häufig. Eine eigenthümliche krebsartige Krankheit befällt häufig die Mäuse hiesiger Gegend. Sie bekommen dann an den Augen, Ohren, der Zunge, Nase, dem Munde, kurz an den sämmtlichen Organen des Kopfs pilz- artige parasitisch wuchernde Auswüchse, welche binnen kurzer Zeit so zerstörend auf die Sinnesorgane wirken , dass die mit diesen Exanthe- men befallenen Mäuse elend verhungern müssen. Jene pilzartigen Aus- wüchse sind weisslich; sie erscheinen zuweilen auch am übrigen Kör- per, z. B. an den Extremitäten. Ursache ist wohl der Schimmelpilz. Was die anatomischen und osteologischen Verhältnisse der Haus- maus anbetrifft, so findet man in Merrems Monographieen : Vermischte Abhandlungen aus der Thiergeschichte von Blasius Merrern , Göttingen 1781, dieselben auf das Genaueste und ausführlichste mit dessen be- kannter Gründlichkeit auseinander gesetzt. Den in diesen Monogra- phieen angeführten imd abgebildeten Sackegel : Fasciola saccata habe ich gleichfalls häufig bis zu fünf Stück in der Leber der Hausmaus gefunden. Höchst merkwürdig ist die Entdeckung hTichenmei.sters, welcher nach- gewiesen hat, dass sich Cysticercus fasciolaris Rudolphi, der Ratten und Mäuse in der Katze, welche diese gefressen hat , in Taenia crassicollis umwandelt. Ebenso beobachtete vo)i Siebold, dass Cysticercus pisifor- mis in Hasen und Kaninchen der Jugendzustand von Taenia serrata der Hunde ist, dass Coenurus cerebralis Rud. der Drehwurm, die Quese im Gehirn der Schaafe und Echinococcus veterinorum Rud., der Blasen- wurm im Hunde zu Bandwürmern werden. 178 Hypudaeus: Arvicola subterraneus de Selys.*) Mitteleuropäische Wurzelmaus. Von Dr. A. Dehne. Diese wegen ihres Haushaltes sclir merkwürdige Maus nenne ich mitteleuropäische Wurzelmaus zum Unterschiede von der Pallas'schen sibirischen Wurzelmaus: Mus Hypudaeus, oeconomus Pallas, mit wel- cher sie sehr grosse Aehnlichkeit hat ; ihre Lebensart ist eben so , wie Pallas dieselbe bei jener in seinen berühmten Reisen aus einander ge- setzt hat; sie gräbt sich dieselben Gänge und scharrt lange Wurzeln für ihre Vorrathskammern aus. In drei Kammern, welche zu einem Bau gehörten, fand ich am 15. December 1841 achtzehn Unzen Wurzeln, jede Art ziemlich geson- dert und gereinigt. Sie bestanden in Löwenzahn: Leontodon Taraxa- cum L. , Kümmel: Carum Carvi L., Quecke: Triticum repeus L., Hainanemone : Anemone nemorosa L., Sauerampfer : Riimex Acetosa L., KnöUchen der gemeinen Butterblume : Ficaria ranunculoides Mch. , Ra- nunculus Ficaria L. ; auch einige Zwiebeln der sehr häufig hier im Lössnitzgrunde wachsenden doldigeu Vogelmilch: Ornithogalum umbel- latum L. und wenige Möhren : Daucus Carotta L. lagen dabei. Die Mae-azine sind ohns^elahr einen Fuss tief unter dem Rasen der niedrig liegenden Wiesen angebracht und haben sechs bis acht Zoll im Durchmesser. Die oben erwähnten drei waren ziemlich nahe bei- sammen und zu ihnen führten mehrere zickzackf örmige ganz flach unter dem Rasen fortlaufende Gänge oft von zwölf und mehreren Ellen. Einen solchen Hypudaeus, w^elchen ich ganz jung aufzog, hatte ich lebend vom 1. August 4841 bis zum 28. April 1842, an welchem Tage er starb. Er war sehr fett geworden und so zahm, dass ich ihn oft in die Hand nahm und eine kurze Zeit mit mir herumtrug; ein harmloses, possirliches Thicrchen! doch durfte man ihm, wie allen Nagern, nicht ganz trauen, denn alle beissen zuweilen, ich möchte sagen, instinctmäs- sig. Später habe ich noch mehrere im Käfig gehalten. Sperrt man Htjp. subterraneus mit Hyp. amphibius zusammen, so entsteht ein wüthender Kampf und der schwächere subterraneus muss unterliegen, wenn man ihn nicht gleich wieder abtrennt. *) Diagnose: Taille un peu moins forte, que celle de l'arvalis. Oreilles un peu plus courtes, de la longiieur du poil, presque nues. Yeux tres-petits. Queue de la longueur du tiers du corps, bicolore, noirätre en dessus, blanche en dessous. Pelage d'un gris noir- ätre en dessus, cendr^ ou blanchätre sur l'abdomen seulement. Pieds cendre fonce. 13 paires de cotes, Selys. Etudes de Miccomammalogie. 179 Auch diese Maus vermehrt sich unter sonst günstigen Umständen ziemlich stark; doch findet man in ihren Nestern gewöhnlich nur vier bis fünf Junge. Da die Wiesen des Lössnitzgrundes zuweilen von dem austretenden LössnitzbachC; überschwemmt werden, so kommen in solchen Fällen unzählige dieser Mäuse um's Leben; namentlich sind es die hülf losen Jungen, welche in den Nestern ersaufen müssen ; die Alten retten sich oft durch Schwimmen. Von der dunkeln Varietät der gewöhnlichen Feldmaus: Hyp. arva- lis Pall., kann man den subterraneus auf den ersten Blick durch die viel kleinern Augen, die beinahe ganz nackten Ohren, schwärzlichen Füsse, stumpfen Kopf und den sehr gedrungenen Körperbau unterschei- den, ohne der Abweichungen im Baue des Skeletts zu gedenken. Der Schwanz hat ohngefähr achtzig Schuppenringe. Bei Brod und Gretreidekörnern, der Lieblingsnahrung des Hyp. (ir- valis, verhungert er in wenigen Tagen. Mit Runkelrüben, Möhren, Pa- stinak, Sellerie, den Wurzeln der Nachtkerze: Oenothera biennis L., rohen Kartoffeln, Aepfeln, Kürbiskernen u. s. w. erhält man ihn in der Gefangenschaft am Leichtesten. Die Dimensionen nebst Beschreibung des Skeletts befinden sich in Edm. de Selys Longchamps Essai monographique sur les Campagnols des environs de Liege. 1836. — Eben so noch genauer in desselben Verfassers Etudes de Micromammalogie. Paris 1S39. Höchst wahrscheinlich gehört hierher auch der Hypudaeus ruf'es- centifusciis Nager: die röthlich braune Feldmaus, welchen Tschudi in seinem Alpen-Thierleben S. 495 nach dem Naturforscher Nager folgen- dermassen beschreibt: Oben braun mit röthlichem Anflug, unten ziemlich scharf abgeschie- den aschgrau, mit rundlichen im Balge verborgenen Ohren, stumpfer Schnauze, schmalem Kopfe, dünnbehaartem, oben braunem, unten grauem, W" langem Schwänze, während das schlanke, gestreckte Skelett bis zur Schwanzwurzel \" T" misst. Die Vorderzähne sind schwach, gelb, die Füsse klein. Diese Feldmaus bewohnt ausschliesslich die Thalwiesen von Ursern, wo sie sehr häufig ist, besucht keine Gebäude, nährt sich im Sommer von Merleiwurzeln und sammelt solche für den Winter in einem eigenen Magazine unter der Erde neben ihrer Wohnstube. Tschudi nach Nager. 180 Myoxils speciosiis Dehne. Prächtig-er Haselschläfer, Von Dr. A. Dehne. Myoxiis supra fulvus , auriculis rotundatis subnudiusculis , oculis magnis valde prominentibus , canda corporis longitudine; cylindrica^ pi- losissima, annulis circiter 160, palmis tetradactylis , plantis tetradacty- lis pollice brevi abrupto ctim rudimento nnguicuH, singulis callosissimis, unguiculis acutis falcatis, gula, pectore et abdomine cinereo-rufescenti- bus;, brachiis supra fulvis, dentibus incisoriis badiis validis; vibrissis quinque seriebus horizontaliter dispositis. Dieses prächtigen Haselschläfcrs hat Herr Dr. Rabenhorst bereits in der Zeitschrift Flora 1S49, Nr. 25. S. 41 Erwähnung gethan; er fing ihn zweimal in einer Höhle bei Tursi im Basilicate am Fusse der Ape- ninnen im Sommer 1847. Das eine Exemplar entwischte leider wieder aus der Falle. Er ist, wie die Dimensionen zeigen, um ein Beträcht- liches grösser, als Myoxus avellanarius L., diesem aber übrigens sehr ähnlich; die Haare namentlich die des Schwanzes sind viel länger und stehen lockerer, auch ist ihre Farbe lebhafter und vollkommen fuchsroth. Der weisse Fleck an der Kehle, welchen Myoxus avellanarius so deutlich zeigt, fehlt hier gänzlich. Die Füsse, der Schwanz, kurz Alles ist stärker, kräftiger; die Krallen sehr gebogen, sichelförmig. Sohlen ausnehmend schwielig, zum Klettern auf den Sträuchern und Bäumen ganz eingerichtet; Augen sehr gross ^ vorstehend; Ohren rund^ wenig behaart; Lippen mit ziemlich starken, borstigen Wimpern dicht besetzt; Vibrissen in fünf horizontalen Reihen stehend, zolllang. Die sämmtlichen Zehen zeigen auf der obern Seite deutliche Sehup- penringe, ohngefähr zwanzig an der Zahl; diese Ringe erstrecken sich gleichfalls noch über die Hand hinaus bis an das Gelenk und sind un- ter der Behaarung noch deutlich zu erkennen. Die Vorderfüsse haben vier Zehen, die hintern gleichfalls, diese letzteren mit einem grossen abgestutzten Daumenstummel, welcher blos eine Spur von Nagel trägt. Die Schneidezähne sind dunkelgelb, breit, sehr stark. Der cylindrische Schwanz zeigt ohngefähr 160 Schuppenringe, welche wegen der starken Behaarung schwer zu zählen sind. Die läng- sten Haare des Schwanzes sind einen halben Zoll lang. Der Unterpelz fällt allenthalben etwas ins aschgraue. Totallänge von der Nasenspitze bis zur Sclnvanzspitze sechs Zoll, inclusive der langen Endhaarc des Schwanzes, ohne diese fünf und 181 einen halben Zoll. Von der Nase bis zur Schwanz würz el drei Zoll. Länge des Schwanzes drei Zoll, ohne die langen Endhaare zwei und einen halben Zoll. Länge des Kopfes von der Nasenspitze bis zum ersten Halswirbel einen Zoll. Von der Nasenspitze bis zum hintern Augen- winkel sechs Linien, Länge der Ohrmuscheln vier Linien, Breite der- selben ebenso. Die längsten Vibrissen einen Zoll. Hintere Fusswur- zeln sammt Nägeln sieben Linien, vordere vier Linien. Zehen der Hin- terfüsse drei Linien, der Vorderfüsse zwei. Umfang der Leibesmitte zwei und ein Drittheil Zoll. Mus sylvaticiis L. Die Waldmaus und ihre Varietäten. Von Dr. A. Dehne. Sie ist über ganz Europa und das westliche Sibirien verbreitet. Ln Sommer in Wäldern und Feldern, im Winter auch in den Häusern, in Mühlen, Kellern und Scheunen, wo sie sich durch Anlegung von Magazinen sehr schädlich macht. Häufig findet man in hohlen Bäumen, unter den Wurzeln derselben, in Felsenspalten u. s. w. Vorräthe von Kirsch- und Pflaumenkernen, Haselnüssen, Castanien, Kürbiskernen, den Kernen der Weinbeeren, Früchte von Vaccinium vitis idaea: Preisseis- beeren u. s. w. ; diese rühren grösstentheils von der Waldmaus her, welche sie sich zum Wintervorrathe eingetragen hat. Sowohl in ihrer Freiheit, als in der Gefangenschaft, gewährt es viel Vergnügen, sie zu beobachten; sie ist ungemein gewandt und erinnert durch ihre schönen grossen Augen und Ohren, ihre langen Füsse und ihr ganzes Betragen lebhaft an den Gartenschläfer : Myoxus Nitela Schre- ber, wie auch an die Springmäuse. Ich hatte sie zu Dutzenden lebend. Abends und in der Nacht sind sie am thätigsten; einzelne von ihnen zeichnen sich vorzüglich durch Munterkeit und ungemeine Beweglichkeit aus ; während ihre Kameraden der Ruhe pflegen, vertreiben sie sich die Zeit durch Spielen und Klettern, wobei sie den Schwanz halbbogenför- mig aufgerichtet tragen. Ihr Geruch hat wenig Unangenehmes. Ihre gewöhnliche Farbe ist am Oberkörper braungelblich grau, nach dem Rücken hin etwas dunkler ; am Bauche ist sie weiss, so dass beide Farben ohne Uebergänge scharf geschieden sind; die Grenze zwischen Ober- und Unterkörper ist jedoch mehr ins Gelbliche fallend. Am Halse hat sie oft ein gelbes Fleckchen. Schwanz oben grau, unten weiss, ein wenig kantig. Beine weiss. Ohren ziemlich nackt mit schwärzlichem Rande. Schwanz mit ohngefähr 150 Schuppenringen. 18S__ Stirn mehr bogenförmig; als bei Mus Musculus, und M. agrarius. Schnurrhaare : Vibrissen sehr lang. Von Varietäten führe ich vor allen Dingen an: a) Die grosse Waldmaus mit gelbem Halse und halbmal längerm Schwänze, Mus sylvaticus var. flavicollis, cauda dimidio longiori." Sie ist in den Sandsteingebirgen der sächsischen Schweiz, z. B. in der Ge- gend von Pirna nicht sehr selten. Ein wirklich schönes Thier! Das erste Exemplar von derselben erhielt ich durch den Conserva- tor Herrn Schneidet^ welcher dasselbe am 26. August 1848 bei Pirna in einer Falle, die er für Myoxus Nitela aufgestellt hatte, fing. Ihr entnehme ich folgende Dimensionen. Totallänge von der Nasenspitze bis zur Schwanzspitze 7 V2 Zoll Paris. M. Von der Nasensjbitze bis zur Schwanzwurzel 3 Zoll und 3 Linien, Länge des Schwanzes 4 Zoll und 3 Linien. Länge des Hin- terfusses sammt Krallen 10 Linien. Länge der Zehen des Hinterfusses mit den Krallen 2V2 Linien. Länge der Ohren 6 Linien. Breite der- selben ebenso. Entfernung der Nasenspitze von den Ohren 1 Zoll. Augen gerade in der Mitte zwischen Nase und Ohren, etwas grösser wie bei gewöhnlicher Waldmaus. Nagezähne wenig gelb^, schmal und schwach. Vibrissen sehr lang und stark; die längsten angedrückt bei- nahe einen Zoll über die Ohren hinausstehend; obere schwarz, untere weiss. Schwanz mit 200 Schuppenringen, oben graulich, unten weiss, etwas kantig. Oberlippe, Unterlippe, Kinn, Kehle gelblich weiss. Füsse genau, wie bei gewöhnlicher Waldmaus, doch nach Verhältniss länger. Unterkörper weiss mit schiefergrauer Basis des Pelzes, hinsicht- lich des Colorits vom Oberkörper scharf begrenzt. Bei diesem Exemplare ist der Hals nicht gelb ; dahingegen besitze ich durch die Güte des Herrn Conservators Klocke in Dresden zwei lebende Exemplare gleichfalls aus der sächsischen Schweiz, deren eins jene Zeichnung in vorzüglichem Grade besitzt. Bei ihm ist die Farbe des Halses beinahe orangegelb; der Rücken schön braun, wie bei dem Gartenschläfer. Ein Paar prächtige Thiere! aber nicht so lebhaft, wie gewöhnliche Waldmäuse; ich bekomme sie selten, manchmal kaum in vierzehn Tagen zu sehen; mehrentheils verbergen sie sich in ihrem Neste und kommen nur zum Vorschein, wenn sie fressen wollen. Ich möchte sie beinahe für eine eigene Art halten; doch kommt sie wieder, die Grösse und lebhaftere Zeichnung abgerechnet, mit der gewöhnlichen Waldmaus zu sehr überein. Sie ist also wahrscheinlich nur eine Local- Varietät, welche vielleicht durch reichliche imd ihrem Wohlbehagen zusagende Nahrung eine aussergewöhnliche Grösse und Färbung erhält. Weitere Beobachtungen an Ort und Stelle müssen hier- über in Zukunft bestimmtere Aufschlüsse geben. Herr Sehjs de Longchamps in Lüttich schreibt mir darüber unterm 13. März d. J. wie folgt: 18S „Je ne crois pas qiie ce soit une espece distincte. La Lon- gueur de la queue varie Leaucoiip clans le Mus sylvaticus." b) Die Mittelform zwischen der Wald- und Hausmaus, Mus islan- dicus TMenemann, ist bei Mus Musculus L. beschrieben. c) Die isabellfarbige Waldmaus. Ich habe sie nur einmal im Sommer 1833 in der Gegend von Penig bekommen. Sie ist sehr selten. Weisse und andere Spielarten habe ich nie bekommen können. Hypothetische Ansicht über Erhebung des Spitzenbergs bei Possendorf, und über die Folgen derselben. Von E. V. Otto. Versteinerungsleerer Thonschiefer : Urthonsehiefer, bildet das Lie- gende der Steinkohlenflötze von Hähnichen Lind Rippien und zieht sich sogar unter den Flötzen des Windberges bei Potschappel hinweg; er hat demnach seine normale Lagerung als Schiefergestein, er ist so zu sagen geschichtet. Zu Tage finden wir ihn auf dem breiten Rücken des Spitzenberges und, aus dem Rothliegenden hier und da hervortretend, an dessen gen Süd, West und Nord gelegenen Seiten , während er an der östlichen Seite noch niemals, 'Selbst tief nicht, bemerkt wurde. Der Spitzenberg, 1001 Pariser Fuss hoch, ist östlich und westlich sanft abgeflacht, fällt nördlich etwas steiler, am steilsten südlich ab, und zeigt uns auf seinem sehr breiten Rücken zwei hervorragende Kup- pen. An diesen letztern erscheint der Thonschiefer fast ganz entblösst, während er auf dem Plateau nur durch eine seichte Ackerkrume be- deckt ist. Betrachten wir nun den Thonschiefer, wo er auf und an diesem Berge zu Tage kommt, und mitunter zu Strassenmaterial gebrochen wird, so finden wir «) dass er oben auf dem Berge, besonders bei den Kuppen, sehr hart und spröde ist, ja, wird er geschlagen, klingt, dass er eine braunrothe oder dunkel blaugraue Farbe hat, oft auch griffel- artig abgesondert ist, /5) dass er an den Seiten und dem sehr umfangreichen Fusse des Berges weicher, thonreicher auftritt, mehr Glimmer führt, sich sogar fettig anfühlt, f) dass er auf diesem Berge überall nach allen Himmelsgegenden hin fallend, sogar im engen Räume kleiner Brüche, angetroffen wird, dass er st'bst hier und da völlig aufgerichtet erscheint, 184 d) dass ihn dann und wann durchsetzende Quarzadern ebenso ver- worfen, wie seine allgemeine Lagerung, sind. Diese Wahrnehmungen sind die Resultate vieljähriger Beobacht- ungen; durch momentane Besichtigungen können sie nicht erzielt wer- den, da die kleinen Brüche meist schnell, wie es der Ackerbau erheischt, wieder zugeschüttet und besät werden. Da nun, wie im Eingange schon erwähnt wurde, das Rothliegende nur auf dem Plaieau dieses Berges fehlt, während es an seinen Seiten in seiner weiten Umgebung, selbst auf höhern Bergen überall angetrof- fen wird und aus den oben angeführten Beobachtungen können wir wohl füglich schliessen, dass der Thonschiefer des Spitzenberges sich nicht mehr in seiner ursprünglichen Lagerung befindet, sondern gewalt- sam emporgehoben und dadurch so verworfen und zerrissen wurde; ja, es drängt sich uns die Vermuthung auf, dass bei diesem Vorgange, wenig- stens gegen die Gesteine seines Plateau's, starke Hitzegrade thätig ge- wesen sein müssen. Die klingende Härte, die dunkle, meist rothe Farbe, sowie die zu- weilen vorkommende griffelartige Absonderung des Thonschiefers auf seinem Scheitel machen diese Vermuthung wahrscheinlich. Suchen wir nun in der Umgegend dieses Berges nach eruptiven Gesteinen, welche seine Erhöhung bewirkt haben könnten, finden wir nur : nördlich, 1/2 Stunde von ihm entfernt, den jungen Thonporphyr von Hähnichen, und südlich, 3/* Stunden entfernt, den Basalt des Wilschberges. Andere Porphyre, Granite und überhaupt Massengesteine trifft man nur in viel grösserer Entfernung an. Bei näherer Betrachtung des Thonporphyrs bei Hähnichen ergiebt sich, dass derselbe westlich von diesem Orte sein Ende erreicht, dass er sich, was der Schacht von Rippien bestätigte, östlich senkt und von dorther, etwa bei Nickern, Lockwitz, emporgedrungen sein müsse. Ohn- streitig hat er die Verwerfung in der Kohle bei Rippien verursacht. Hierdurch erhellet, dass er gewiss keinen Antheil an der Erhebung des Spitzenberges gehabt haben könne. Es bleibt uns nur noch der Basalt und ihn halten wir für den Ruhestörer, der einst normal abgelagerten Schiefergesteine des Spitzen- berges, welche einst gewiss in gleicher Teufe, wie ihre Fortsetzung- unter den Kohlenflötzen von Hähnichen, Windberg u. s. w. abgelagert waren. Diese unsre Vermuthung zu motivircn, wollen wir jetzt versuchen. Der Basalt ist anerkannt als feuerflüssige Masse aus der Tiefe her- vorgedrungen und hat dazu Spalten und Klüfte, sie mochten nun schon früher vorhanden, oder erst durch seine Eruption entstanden sein, benutzt. Fand die flüssige Masse nun mehrere einander nahe Spalten (die mitunter nach oben zu weit von einander divergirten) , so erfüllte sie 185 diese zugleich und bestrebte sich in allen die feste Erdkruste zu durch- brechen. Da nun der Widerstand, welchen sie in den verschiedenen Klüften und Spalten zu besiegen hatte, ohnstreitig wohl auch ein verschiedener, ein grösserer, ein minderer war, so drang sie in derjenigen Spalte oder Kluft, in welcher sie den wenigsten Widerstand fand, nicht nur am schnellsten, sondern auch am weitesten, ja bis zu Tage hervor. Durch den Ausfluss über die Erdkruste aus einer, oder aus einigen Spal- ten verminderte sich die Stärke des Nachdruckes von unten gegen die Masse, welche mit mehr Widerstand in den andern Spalten zu kämpfen hatte; dadurch wurde sie hier am schnellen Vordringen gehindert, ver- lor an Kraft, wurde kühler, bis sie endlich erstarrte, die einmal einge- nommenen Räume erfüllend. Was sie über sich bis dahin erhoben hatte, das blieb natürlich durch ihr Erstarren in der neu erhaltenen Lage stehen. Lehrt nun auch die bisherige Erfahrung, dass nur selten (z. B. in Böhmen in der Röhn) sich mehrere Basaltkuppen zu einer Hauptmasse vereinigt finden, so giebt sie doch zu, dass mehrere Basaltablagerungen aus einer und derselben Masse, durch eine und dieselbe Eruption entstan- den sein können. Es handelt sich bei diesen Erfahrungsresultaten aber auch nur um über der Erdoberfläche sichtbare Basaltablagerungen. Erblicken wir davon mehrere in geringer Entfernung von einander, so können wir annehmen, dass die eruptive Masse an dieser Stelle mehrfach leichtes Durchbrechen hatte, und dass, sind die verschiedenen nahen Kuppen sichtbar nicht in eine Hauptmasse vereinigt, die verschiedenen Spalten, aus welchen sie ausflössen, sich schon in bedeutender Tiefe von einan- der trennten. Walteten aber bei einer Basalteruption nicht so günstige Umstände ob, konnten ein oder mehrere Arme dieser emporstrebenden Masse, durch unbesiegbaren Widerstand gehindert ,, nicht bis zu Tage durchbrechen, dann erscheint es wohl nicht Avidersinnig, anzunehmen, dass ihr Empor- streben die ihr Widerstand leistenden Gesteine hob und ihre Lagerung zerrüttete, sie selbst aber unter diesen erstarrte und sich ablagerte. Diesen Fall präsumiren wir für die Erhebung des Spitzenberges. Ist nun auch der Spitzenberg von der nächsten bekannten Basaltabla- gerung fast eine Stunde entfernt, kann dies unsrer Vermuthung doch nicht widerstreben, denn wir wissen ja, dass die Basalte von den übrigen Gebirgen unabhängige Züge bilden, dass in Deutschland sich eine förmliche basaltische Zone von den Sudeten bis an die Eifel vorfindet, woraus sich folgern lässt, dass alle diese Basalte in ihrem einst feuerflüssigen Zustande ge- wissermassen durch einen tiefliegenden Kanal mit einander ver- bunden waren, und Allg^. deutsche naturhist. Zeitung-. L 14 186 dass sie aus diesem nur da eruptiv wurden, wo Spalten und Klüfte es ihnen ermöglichten, wenn auch nicht alle emporsteigenden Arme die obere Erdkruste zu durchbrechen im Stande waren. Durch diese unsere Annahme Hesse sich auch das Hervortreten der beiden Kuppen des Spitzenberges leicht erklären. Die den ganzen Berg emportreibende Basaltmasse konnte an diesen zwei Punkten am weitesten empordringen, hob die Gesteine derselben natürlich auch am meisten in die Höhe. Die gewaltsame Erhebung der Schiefergesteine des Spitzenberges lässt nun nicht nur vermuthen, dass sie nothwendig Störungen und Ver- werfungen in der normalen Schichtenablagerung der in der Nähe be- findlichen KoJilenflötze und deren Decke, des Rothliegenden , hervorge- bracht haben müsse, sondern es bestätigt diese Vermuthung auch die arge, zu Tage sichtbare Verwerfung des grauen sandigen Conglomerats des Kothliegenden am Käferberge bei Possendorf, welcher nordwestlich vom Spitzenberge liegt, und eben so nur wenige Minuten von ersterem wie von den Hänicher Kohlenwerken entfernt ist. Wenn wir nun selbst unsere hier ausgesprochene Ansicht hypo- thetisch nannten, gaben wir schon zu, dass wir sie selbst nicht für unwiderlegbar halten ; so lange aber nicht andere causae efficientes, denen die Erhebung und Zerrüttung des Thonschiefers des Spitzberges wahrscheinlicher zugeschrieben werden könnte, erwiesen sind, vermu- then wir, dass Basalt mittelbar durch die Erhebung des Spitzenberges auf die theilweise Verwerfung der nahen Kohlenflötze und deren Decke gewirkt habe. Wäre dem so, dann könnten Kohlenbau - Versuche auf dem östlich und südlich hinter dem Spitzenberge gelegenen Fluren auch noch durch gute Erfolge belohnt werden. Experimenteller Nachweis , dass Cysticercus cellulosae innerhalb des menschlichen Darmkanales sich in Taenia Solium umwandelt. Von Dr. Küchenmeister, pract. Arzt in Zittau. Vor einiger Zeit sollte in der Entfernung mehrerer Meilen von meinem Wohnorte ein Delinquent durch das Fallschwert vom Leben zum Tode befördert werden. Durch Vermittelung befreundeter Aerzte gelang es mir, das im Jahre 1853 nutzlos Versuchte in der That zur Ausführung zu bringen, wenn auch die Kürze der mir zu Gebote ste- 187 henden Zeit (6 — 8 Tage) wenig Hoffnung auf Erfolg gab. Ungefähr 130 Stunden vor dem Tage der Hinrichtung des Delinquenten wurde ihm durch einen befreundeten Arzt in Ermangelung des Cysticercus cellulosae ein frischer Cysticercus tenuicollis aus dem Schweinmesente- rium und circa 10 Stunden vor jenem Tage 6 Stück Cysticerci pisi- formes aus dem Kaninchen beigebracht. Da es Sitte ist, sobald die höchste Bestätigung des Todesurtheils erfolgt ist, dem Delinquenten in seiner Kost gewisse Begünstigungen noch zu gestatten, so gab der be- treffende Arzt dem Delinquenten zu dieser Zeit auf meinen Vorschlag gute Bouillonsuppen mit Fagonnudeln (in Stern- und Gräubchenform) oder ähnlichen Amylaceen, und brachte in diesen Suppen, nachdem sie auf die Temperatur der Blutnärme abgekühlt naren , die 7 Stück Blasen- würmer, denen die Schwanzblase theils geöffnet, theils abgeschnitten war, so dass dieselben etwa die Grösse der betreffenden Fa9onnudeln hatten. So erhielt der Delinquent die Finnen, ohne dass er es wusste, in dem Suppengericht. Ungefähr 84 Stunden vor dem Tode des Delinquenten fand meine Frau in iinserem Abendessen (das in warmem, aus einer meiner Wohn- ung in Zittau benachbarten Restauration entnommenem Schweinebraten bestand) Finnen. Wo diese Finnen herstammen, dachte ich, da gibts auch noch andere, und ich beeilte mich in jener Restauration selbst weitere Nachforschungen nach eingekochtem, frischem Schweinefleische an- zustellen. Nach längerem Bitten und nachdem ich den Leuten begreiflich ge- macht hatte, dass ich meiner Wurmuntersuchungen wegen nach solchem Fleisch lange schon, weil es verheimlicht wird, vergebens getrachtet hätte, erfuhr ich denn endlich, dass das Schweinefleisch einem Schweine entstamme, das in der betreffenden Restauration selbst beiläufig 60 Stun- den voi'her geschlachtet worden war, und erhielt endlich 1 Pfund des am stärksten finnigen rohen Fleisches, dass bis dahin im Keller aufbe- wahrt worden war. Da der Abend schon zu weit vorgeschritten war, um an den Aufenthaltsort des Delinquenten mich noch an demselben Tage begeben zu können, bewahrte ich das Fleisch bei der milden Tem- peratur, die wir um diese Zeit hatten, über Nacht in einem ungeheiz- ten Zimmer, und fuhr am 4. Tage vor der Hinrichtung vor Tages- grauen nach dem Aufenthaltsorte des Delinquenten, in Gesellschaft eines befreundeten Gerichtsarztes. Genau 72 Stunden vor dem Tode des De- linquenten war ich in dem Orte, seiner Retention angekommen, und sofort wurde von dem erstgenannten Arzte dem Delinquenten ein Früh- stück von den von mir mitgebrachten Finnen bereitet. Da eine Suppe um diese Zeit zu auffällig gewesen wäre, schlug ich einige Butterschnitten mit Cervelatwurst vor, wobei die Pfefferkörner der Wurst entfernt und herausgeschält und die dadurch entstandenen Lücken mit Finnen aus- gefüllt werden sollten. Der betreffende Arzt, dem CervelatAvurst nicht 14* 188 sogleicli zur Hand war^ nahm Blutwurst und scliälte einige Fettwürfel der Wurst aus, an deren Stelle er die Finnen einlegte, und Alles gut von den Seiten her verstrichen werden konnte. So erhielt der Delin- quent 72 Stunden vor seinem Tode 12 Stück Cysticerc. cellulos., 60 Stunden vor dem Tode in einer Reisssuppe 1 8, 36 Stunden vor dem Tode in Nudelsuppe 15, 24 Stunden vor dem Tode in Wurst 12 und 12 Stunden vor dem Tode in Suppe noch einmal 18 Stück Cysticerci cellulosae, also in Summe 75 Stück von letzteren, die beiläufig 72, 84, 108, 120 und 132 Stunden nach dem Schlachten des Thieres an freier Luft sich befunden hatten. Die Hinrichtung erfolgte demnach etwa 120 Stunden nach der Bei- bringung von Cytsicercus tenuicollis und 72 Stunden nach der ersten, 60 Stunden nach der zweiten Beibringung von Cysticerci cellulosae. Dem Delinquenten selbst hatten Wurst und Suppen so gut gemundet, dass er noch am Abende vor seinem Tode dem betreffenden Arzte sei- nen warmen Dank dafür aussprechen zu müssen glaubte. Am Tage nach der Hinrichtung begab ich mich nach der 20 Stun- den von hier entfernten anatomischen Anstalt, an welche der Leichnam abgeliefert werden musste, konnte jedoch zu meinem Leidwesen erst 48 Stunden nach der Hinrichtung zur Untersuchung des Darmkanals gelangen, die in Gegenwart mehrerer Professoren von den Herren Pro- sectoren Dr. D. und Dr. Z. und mir vorgenommen wurde. So gering bei der Kürze der Ernährungsfristen meine Hofinung, die jungen Taenien zu finden, auch sein musste, so sehr ich auch darauf gefasst war, selbst im glücklichsten Falle die Haken der jungen Taenien nicht wieder aufzufinden, da sie leicht im Darmschleime, wenn er sich zu zersetzen beginnt, abfallen, so hatte ich doch das Glück, wie wir bald sehen werden, noch einige junge Taenien mit Haken zu finden, (obgleich nämlich bei dem Durchsuchen des in ziemlich dichter Schicht aufgelagerten Schleimes es mir nicht gelingen wollte, etwas zu finden, was eine junge Taenia darstellte, so gelang es mir doch in einem Stück Duodenum (wo ich überhaupt der Zeit nach die jungen Taenien erwartet hatte) das ich einige Minuten im Wasser aufgeweicht hatte, eine kleine Taenia zu finden, die mit ihrem vorgestreckten Eüssel an der Darm- schleimliaut festsass, wie auch die übrigen Herren Mitsecirenden sich überzeugten. Wie man sich leicht denken kann, war ich durch den Fund etwas freudig erregt und ersuchte daher Herrn Dr. Z. den kleinen Cestoden sammt der Schleimhautpartie, in der er sass, auf das Objekt- gläschen zu übertragen. Es gelang dies ziemlich gut, und wir sahen eine junge Taenie mit vor- gestülptem Rüsselchen, an dem ebenfalls nach vorwärts gerichtet 4 Haken sehr locker aufsassen, die deutlich durch Vergleichung mit andern Prä- paraten von Taenia Solium, Taenia serata vera und Taenia ex Cisticerco tenuicoUi sich als Haken der Taenia Solium erwiesen. Lizwischen hatte 189 ich, während die Herren die Taenia genauer untersuchten, das Duode- num weiter durchlaufen und noch 3 Stück gefunden, von denen 2 je 1 oder 2 Paar Haken darboten, die ebenfalls der Taenia Solium angehörten, und deren drittes, was Herr Dr. D. aus dem Darmschleime erhob, den bis auf 2 Haken "erster Reihe unverletzten Hakenkranz, in Summa 22 Haken der Taenia Solium enthielt. Dieses Präparat, sowie die andern befinden sich zur Zeit noch auf der betreffenden anatomischen Anstalt und es ist in Betreff des Letztern nur zu bedauern, dass ein grosser Theil der Haken erster Reihe beim Zusätze von flüssiger Gelatine in die Nachbarschaft des Taenienrüssels entrollte, während die Haken zwei- ter Reihe in vollkommener Zahl und Ordnung an ihrem Platze erhal- ten sind. Wer je die Haken von Taenia Solium gesehen, der wird zugestehen, dass es keinem Zweifel iinterlag, dass die 4, mit mehr oder weniger Haken versehenen Taenien der Taenia Solium und der gefütterten Cy- sticercus cellulosae, nicht aber den andern Finnen angehörten. Ausser diesen 4 Taenien fanden wir im Abspülwasser des Darmschleimes noch 6 Stück junger Taenien, aber ohne Haken. Sämmtliche 10 Taenien hatten mit Ausnahme einer einzigen , die beiläufig 6 — 8 Millimeter lang war und einen recht nett ausgebildeten, noch kaum genarbten An- hang hatte , eine Grösse von 3 — 4 Millimeter Länge. Alle zeigten am Hinterleibsende die kleine, S-förmig geschweifte, kerbige Einziehung, die Jeder kenneu wird, der irgend Cestoden zweiter Stufe mit Schwanzblasen durch Fütterungsversuche in Taenien umzuwandeln versucht hat. Von den letzten Fütterungen fanden sich im ganzen Darmkanal keine Spuren und ich glaube, dass nur die ersten beiden Fütterungen mit Cysticerci cellulosae ein Resultat geliefert haben, da wahrscheinlich die meisten Cisticerci cellulosae zurZeitderUeberführungindenDarmkanal des Delinquenten schon gestorben waren. Bis jetzt nämlich ist es mir nicht gelungen, aus Blasenwürmern, die später als 3 — 4 Tage nach Tödtung ihres Wirthes zum Experimente benutzt wurden , Taenia zu erziehen. Ueberblicken wir noch einmal kurz die durch dieses Experi- ment gewonnenen Resultate, so steht hiernach fest: 1. dass der Cysticercus cellulosae der Scolex der Taenia Solium hominis ist; 2. dass die Ansteckungsweise mit Taenia Solium ganz dieselbe wie bei allen andern aus Blasenwürmern stammenden und wohl überhaupt wie die der meisten Taenien ist, 3. dass wir uns also mit Taenia Solium anstecken, indem auf die- jenigen Speisen, welche wir roh geniesen, oder die wir, schon gekocht, kalt verspeisen und in Portionen aus Fleischläden und von anderwärts her beziehen, Cysticercus cellulosae übertragen werden, wofür ich schon in meinem Werkchen über Cestoden imAllg. etc. Belege beigebracht hatte; 190 4. dass die bisherige Medicinalpolizeigesetzgebung vieler Staaten in Betreff des finnnigen Schweinefleisches eine wenig gerechtfertigte ist, insofern sie den Schlächter, der solches Fleisch verkauft, den Schaden allein tragen lässt. Besser als derartige Massregeln wirkt eine offene Belehrung und Ermahnung zur Vorsicht mit dem finnigen Schweine fleische. Ich füge endlich noch hinzu: 5. dass, nach den Experimenten von Benedeus , und nach den von Hrn. Prof. Haubner in Dresden und mir, in Folge meines Antrages an das k. Sachs. Staatsministerium des Innern, auf Regierungsbefehl ange- stellten Versuchen, es hinwiederum erwiesen ist, dass man Cysticercus cellulosae beim Schweine durch Fütterung mit reifen Gliedern von Taenia Solium erziehen kann, und zwar in solcher Menge, dass ich in 4'/2 Drachme des Fleisches eine*^ zum Experiment verwendeten Schwei- nes 133 Cysticerci cellulosae zählte, was auf den Stein Schweinefleisch beiläufig SO;OüO Stück dieser Finne ergiebt; 6. dass es uns bisher weder beim Hunde noch beim Schaafe gelang, durch Verfütterung reifer Glieder von Taenia Solium Cysticerci cellu- losae zu erziehen, eben so wenig als es uns je gelungen ist: a) aus Taenia serrata vera (ex Cistic. pisiformi); b) aus Taenia ex Cysticerco tenuicolli; c) aus Taenia Coenurus (ex Coenuro cerebrali); d) aus Taenia Echinococcus Cisticerci cellulosae zu erziehen, während es doch ganz leicht ist, aus a: Cysticercus pisiformis; aus b: Cysticercus tenui- collis und aus c. Coenurus cerebralis sie heranzubilden, ja auch ^e leider zu früh unternommene Sektion für die Erziehung der Echinococcus aus T. Echinococcus zu sprechen scheint. Hiernach überlasse ich es Jedem selbst, wenn er auch nicht die Haken der einzelnen Taenienarten unterscheiden könnte, ein Urtheil über das unlängst bei EngeJmann in Leipzig erschienene Buch „über die Band- und Blasenwürmer etc. von K. Th. von Siebold" auszusprechen. Indem ich zum Schlüsse eile, habe ich nur noch zu bedauern, dass es mir nicht erlaubt ist, Öffentlich denen zu danken, die mich freund- lichst bei obigem Experimente unterstützten, ferner: die Bitte an ein- flussreiche Mitglieder der Gesellschaft, ja an alle Freunde der phy- siologischen Heilkunde, denen diese Zeilen zu Gesichte kommen, zu richten, dass Jeder in seinem Kreise dahin zu wirken suche, dass das gewiss unschädliche Experiment der Finnenfütterung bei voraussichtlich dem Tode verfallenen Verbrechern zu wiederholen gestattet werde, damit wir die ganze Entwickelungssuite der Taenia Solium durch z. B. in 4wöchentlichen Zwischenräumen gemachte Fütterungen ganz frischer Cy- sticerci cellulosae in jedesmal massiger Zahl verfolgen imd zusehen kön- nen, ob — was durch mein Experiment unentschieden geblieben ist — Cysticercus pisiformis und tenuicoUis im Menschen ebenfalls sich weiter entwickeln: so wenig ich bis jetzt glaube dies annehmen zu 191 können. Im Falle stattfindender Begnadigung der Verbrecher kann man ja leicht die Bandwürmer wieder abtreiben, und auf diese Weise dem ängstlichsten Gemüthe genügen und der Wissenschaft zugleich nützen. [W. med. W. Nr. 1. 1555]. Dass Tausende von nicht verur- theilten Personen aller Stände mit ihren Speisen Finnen geniessen, lehrt die Erfahrung. lieber eine Abart der Taenia Coenurus, d. h, des Bandwurmes, von der die Quese des Schaafes und des Rindes herstammen. (Zugleich eine Bitte an die Herren Oeconomen des Markgrafthums Niederlausitz mich mit Zusendung von Köpfen von Schaafen, die an der ächten Dreh - Krankheit verendeten , zu erfreuen.) Von Dr. Küchenmeister in Zittau. Gerade ein Jahr ist es am heutigen Tage, dass bei dem ersten der von dem hohen Ministerio des Innern zum Experiment bestimmten Schaafen, die in Folge der Fütterung mit Eiern der Taenia Coenurus von der ächten Dreh - Krankheit befallen worden waren, die Section vorgenom- men und die jungen Quesen aufgefunden wurden. Seit jener Zeit ist es wiederholt und an verschiedenen Orten gelungen, diese Quesen aus den Eiern des genannten Bandwurmes zu erziehen. Dabei ist zugleich darauf aufmerksam gemacht worden, dass dieser Bandwurm eine eigene und leicht bei einiger Uebung zu unterscheidende Art sei, die, wie neuer- dings auch Prof. Roll in Wien gegen von Siebold hervorhebt, wesentlich von denjenigen Bandwürmern abweiche, welche man aus der Finne des Kaninchen, aus der Finne im Netze der Schweine und aus anderen Finnen oder Blasenwürmern im Darmkanale gewisser Thiere, besonders der Hunde, erziehen kann. Es ist ferner berichtet worden, dass der Bandwurm, aus dessen Eiern die Schaafquesen sich entwickeln, dadurch entsteht, dass von den Hunden die ihnen vorgeworfenen Köpfe dreh- kranker Schaafe verzehrt werden und weiter, dass der betreffende Band- wurm im reifen Zustande 4 Saugnäpfe und auf einem kurzen Mützchen vorn am Kopfe, das man in der Kunstsprache Rostellum oder Rüssel- chen nennt, 24 bis höchstens 28 in eine doppelte Reihe gestellte Haken von einer bestimmten Grösse trae-e. Der betreffende Bandwurm wurde als den andern Bandwürmern allen ähnlich geschildert, die einen platten gegliederten Körper mit 2 seitlichen Rändern, einem rechts und einem links gelegenen, haben. Damals aber behielten wir uns vor, darauf aufmerksam zu machen, dass vielleicht noch andere Bandwürmer die Dreh-Krankheit erzeugen könnten. Einen solchen andern Bandwurm komme ich denn nun, hierdurch anzuzeigen. 192 Füttert man nämlich Hunde mit der Qiiese von Schaafen, so findet man zuweilen unter den gezogenen Bandwürmern ein Exemplar, welches nicht platt und zweikantig sondern dreikantig ist, dessen Kopf, statt 24 — 28, vielmehr 30 — 32 , vielleicht auch noch einige Haken mehr trägt, und dessen Haken bei der mikroskopischen Messung die grössten Haken anderer Taenia Coenurus um Etwas ühertreffen. Man glaubt auf den ersten Anblick dieses Bandwurms gar keine Taenia Coenurus vor sich zu haben, kann sich nur schwer von der Abstammung solcher Bandwürmer von der Schaafquese überzeugen ; und doch ist es nicht anders. Man braucht nämlich nur auf die Saug- näpfe am Kopfe eines solchen Bandwurms zu achten und das Räthsel ist gelöst. Es besitzt nämlich dieser Bandwurm nicht 4 Saugnäpfe , wie die andern derartigen Bandwürmer, sondern 6. Es entsteht aber dieser Bandwurm mit 6 Säugnäpfen in der That aus der Schaafquese, denn unter den Köpfen, welche iri einer Quesenblase sich finden und die im Hundedarme zu reifen Bandwürmern werden, finden sich nach den An- gaben älterer Schriftsteller und Thierärzte auch solche, welche statt 4 vielmehr 6 Saugnäpfe tragen. Dieselben müssen jedoch, wie schon von Anderen hervorgehoben wurde, sehr selten sein, dürften aber nicht so selten sein, als man bisher zu glauben geneigt war. Eben daraus aber geht auch weiter hervor, dass im Ganzen nur selten Bandwürmer mit 6 Saugnäpfen gefunden werden können, eben weil die Quesenköpfe mit 6 Saugnäpfen selten sind, (oder, was dasselbe heisst, wenn wir die dem Laien auffälligste Form ins Auge fassen) dass Skantige Bandtvimner im Hundedarme, welche von der Schaafquese stammen, selten sind. Trotz dieser Seltenheit ihres Vorkommens werden die Oeconomen den- noch sich vor dieser 3kantigen Form der Taeniae Coenurus ebenso zu fürchten haben, wie vor ihrer gewöhnlichen 2kantigen Form. Ich selbst fand diese erstere Form nur zweimal unter beinahe 1000 untersuchten und einzeln bestimmten Taenia Coenurus. (Hoffentlich [ist man überzeugt, dass ich mit dieser Zahl 1000 nicht übertrieben habe, und zum Belege erwähne ich nur, dass ich am 13. und 14. Januar allein 101 von Herrn Dr. Günther, k. Landgerichtsarzt in Eibenstock, mir freundlich gesen- dete Bandwürmer aus der Schaafquese durch miskroskopische Haken messung bestimmte.) Es würde genügen, auf diese Skantige Form mit 6 Saugnäpfen, die man schon mit blossem Auge erkennt, wenn man den Bandwurmkopf zwischen zwei Grlasplatten presst und so gegen das Licht gehalten be- trachtet, aufmerksam gemacht zu haben. Aber es knüpft sich an diese Betrachtungen noch eine Arbeit für die Zukunft von rein wissenschaft- lichem Literesse, eine Arbeit, die mir, dem Alleinstehenden, zu bewäl- tigen, sehr schwierig ist, ja die ich überhaupt gar nicht werde unter- nehmen können, wenn nicht die Herren Oeconomen in meiner Nähe 193 die Gewogenheit haben, mir mit der jedesmaligen nächsten Post (im Winter in Stroh oder Heu oder noch besser in Häcksel mit Leinwand umnäht und verpackt, um den Frost abzuhalten) den Kopf des frisch geschlachteten Schaafes zu senden, das sie wegen der Dreh - Krankheit schlachten mussten. Was ich zu thun beabsichtige ist Folgendes: 1. Ich werde jeden einzelnen Kopf einer Quesenblase, in der sich bisweilen 800 Köpfe finden, mit dem Mikroskope auf das Vorhandensein von 6 Saugnäpfen untersuchen und sodann sofort, wenn ich einen der- artigen Kopf finde, ihn allein an einen Hund verfüttern. 2. Hierdurch würde zugleich der directeste Beweis, der möglich ist, dafür geliefert, dass wirklich die Finnenköpfe- im Darme gewisser Eaubthiere zu reifen Bandwürmern werden. Wir verfolgen alsdann die mit besonderen bekannten Kennzeichen versehenen Finnen im Hunde- darme weiter. Ich werde dann zAveifelsohne Bandwürmer aus jenen Quesen- köpfen im Hundedarme erziehen, welche 6 Säugnäpfe haben, und mög- lich ist es, dass man dann auch bei der Verfolgung ihrer Entwicklung die Gründe dafür erforschen kann, warum solche Bandwürmer drei- kantig werden. 3. habe ich dabei in Absicht, eine Frage über Erblichkeitsverhält- nisse zu erörtern. Ich würde nämlich die Eier solcher dreikantigen Bandwürmer mit 6 Saugnäpfen an Schaafe verfüttern , um sie drehend zu machen und, wenn es geht, die Quesen bis zur Zeit, wo sie Köpfe in sich erzeugen, wachsen lassen, um zu sehen, ob solche Quesen etwa eine gewisse vorherrschende Neigung zeigen, mehr Köpfe mit 6 Saugnäpfen, wie sie ihre Aeltern hatten, statt derer mit 4 Saug- näpfe zu erzeugen. Ich glaubte diese öfi'entliche Darlegung hier schuldig zu sein, damit die Herren Oeconomen die Gründe dafür einsehen, weshalb ich sie bitte, die Gewogenheit zu haben, mich in meinen Bestrebungen zu unter- stützen, da leider durch einen eigenthümlichen Zufall, einmal durch, einmal ohne meine Schuld, die Fütterung von Schaafen mit diesen Bandwürmern unterblieben ist. Den ersten Bandwurm fand ich unter 10 anderen Taeniis Coenuris von denen ich an die Herren Geheim-Rath Gurlt in Berlin und die Pro- fessoren Leuckart und Roll in Giessen und Wien sendete. Im Versehen ergrifi" ich bei der Sendung an Herrn Gurlt den dreikantigen Bandwurm, den ich für mich behalten wollte, an dem ich aber nur die zahlreichen Haken gesehen hatte, weil ich nur das Rüsselchen der Hakenmessung wegen untersuchte. Herr Gurlt schrieb mir, er hätte einen eigenthüm- lichen dreikantigen Bandwurm erhalten, der Avegen Verschiedenheit der Form imd der Grösse der Haken keine Taenia Coenurus zu sein scheine. Auch er hatte bloss für die Haken sich interessirt und so wenig als ich die 6 Ventousen gefunden, den Wurm aber, wie er schrieb, seiner Form wegen reservirt. 194 Am 13. Januar 1855 erhielt ich, durch des Herrn Dr. Günther in Eibenstock Güte, 101 Stück Taeniae Coenurus, und unter ihnen befand sich ein ein Zoll langes Stück einer dreikantigen Taenia, zu der ich vergeblich den fehlenden Körper suchte, aber den Kopf besass. An ihm nun fand ich die 6 Saugnäpfe. Die andere Hälfte der in demselben Hunde erzogenen Bandwürmer hatte Herr Dr. Günther auf mein An- suchen an Herrn Professor May, an der K. bayerschen landwirthschaft- lichen Centralanstalt zu Weyhenstephan bei Freisingen gesendet, der mich um etwa vorräthiges Futtermaterial gebeten hatte. Dorthin musste die zweite Hälfte, der eigentliche Körper meines dreikantigen Bandwurmes gekommen sein. Da fiel mir denn auch jener im Versehen an Herrn Gurlt gelangte, dreikantige Bandwurm ein; ich meldete Herrn Gurlt, dass ich überzeugt sei, jener Bandwurm müsse 6 Saugnäpfe haben, er- suchte ihn, den Wurm darauf zu untersuchen, und siehe da, der Kopf hatte 6 Saugnäpfe, und Herr Gurlt erkennt ihn nun mit mir für eine Varietät der Taenia Coenurus an. Das Schwärmen der Bienen, vom polizeilichen Standpunkte betrachtet von Dr. Ludwig Reichenbach, Director am K. naturhistorischen Museum in Dresden. Besonders zwei Fälle von schweren Nachtheilen, welche durch Bie- nenschwärme herbeigeführt wurden, haben in neuerer Zeit Aufsehen erregt. Der eine Fall vom Ende Juni 1820 wird folgendermassen er- zählt: Unweit Schmögelsdorf hinter Wittenberg, neben der nach Berlin führenden Kunststrasse, wo die Einwohner des Dorfes, sowie die der be- nachbarten Dörfer, eine ungewöhnliche Anzahl von Bienenstöcken theils für sich unterhalten, theils während des Sommers von anderen Orten a Korb 1 1/3 bis 2 Ngr. zur Fütterung übernehmen , gerieth der Kaufmann E. auf der Rückreise nach Berlin im eignen Wagen mit zwei Pferden un- ter schwärmende Bienen. Statt schnell zuzufahren, fuhr der Kutscher langsam, ja er hieb auf das Geheiss seines Herrn, der Anfangs die Bie- nen für Wespen hielt, um sich her, um die Bienen zu verjagen oder zu tödten. Die Thiere wurden dadurch immer mehr aufgeregt und um- gaben den Wagen und die Pferde immer hartnäckiger. Der Kaufmann nahm mit seiner Frau die Flucht und rief nach Hülfe. Man fand bald darauf den Knecht auf der Erde liegend, das eine Pferd todt. Der Knecht genas unter den Händen der Aerzte. Das andere Pferd er- stickte am zweiten Tage durch die Geschwulst. — Der zweite Fall er- 195 eignete sich erst im vorigen Jahre und wird in folgender Weise berich- tet: Am 27. Mai hielt der Bauer Meier aus Casseburg im Lauenburgschen vor der Wohnung eines Bauers zu Wotersen auf der Landstrasse mit einem Viergespann, als plötzlich eine Bienenkönigin oder Weisel in der Mitte eines Bienenschwarmes aus dem nahen Garten hervorkam und sich auf ein Pferd setzte. Unglücklicher Weise verliessen in demselben Augenblicke die Bienen von etwa sechs Stöcken den Garten in dersel- ben Kichtung des ersten Schwarmes, welchem sie sich anschlössen und warfen sich auf die übrigen Pferde, die gleich Anfangs durch Anwend- ung des Schweifes den Zorn der Bienen erregten. Das erste Pferd er- lag sogleich ihren Stichen, die Uebrigen starben theils an demselben, theils am folgenden Tage. Alle Versuche zur Vertreibung der Bienen, welche in die Nüstern und Ohren krochen, durch Abschiessen v,on Pul- ver und Uebergiessen mit kaltem Wasser blieben erfolglos. Menschen, welche zu Hülfe kamen, unter ihnen der Gutsherr Bernstor/f- Gijldenseen, mussten mit geschwollnen Gesichtern das Feld räumen. Der Bauer, dessen Bienen schon früher zwei Pferde an derselben Stelle getödtet hatten, soll die vom Grafen angebotene reichliche Entschädigung für die Beseitigung des Bienengartens, oder Abtretung des Gehöftes hart- näckig von der Hand weisen. Solche Fälle haben hier und da Besorgniss erregt und folgende Anfrage veranlasst, deren Gegenstand wir Sachkundigen zu weiterer Erwägung freundlich empfehlen. „In wie weit ist das Halten von Bienen in städtischen Gärten mit Rücksicht auf die damit etwa verbundene Gefahr für die Umwoh- nenden zu gestatten?" Der Umstand, dass gesetzliche Vorschriften schwerlich aufzufinden sein dürften, scheint wohl dafür zu sprechen, dass bereits mehrfache Ueberlegungen des Gegenstandes zu der Ansicht geführt haben mögen, gesetzliche Bestimmungen über diesen Punkt nicht eigentlich geben zu lassen. Betrachten wir indessen die Sache in folgender Weise : 1) Die Bienenzucht ist ein Theil der Viehzucht und häuslichen Industrie und verdient, sowie die Zucht aller nützlichen Thiere, so z. B. auch die Zucht der Seidenraupen in geeigneter Lage, durch die Gemeinden und deren Obrigkeiten in aller Weise gefördert zu werden. 2) Die mannichfaltigeu Nachtheile, welche aus der Viehzucht ent- springen, z. B. durch das Ausschlagen der Pferde und Maulthiere, das Treten und Stossen der Rinder, das Eindringen wilder Bullen auf Men- schen und dergl. sind so zufällig, wie das Stechen der Bienen und so- wie in jenen Fällen meist Unvorsichtigkeit von Seiten der Menschen die Veranlassung des Unfalls wird, so ist diese auch bei dem gewöhn- lichen Stechen durch einzelne Bienen gar nicht zu läugnen, da Bienen und Hummeln oder Wespen niemals ungereizt stechen, folglich der- 196 jenige, welcher nicht gestochen sein avüI, nur die Pflicht hat, das Auf- reizen dieser Thiere sorgfältig zu meiden. 3) Ein anderer Umstand tritt ein, wo gewisse öfter wiederkehrende Phänomene im Leben der Thiere in ernster Weise dem Wohl und dem Leben des Menschen, ohne dessen Verschuldung nachtheilig zu werden vermögen, dann aber eine Möglichkeit vorliegt, den eventuellen Nach- theil gesetzlich hemmen zu können. Dahin gehören gewisse, selbst für den Menschen nachtheilig Averdende Krankheiten der Thiere, insbeson- dere die Tollwuth der Hunde. 4) In gewisser, entfernter Analogie zu diesem Falle steht auch das Schwärmen der Bienen. Die vollendete Entwickelung einer zweiten oder mehrerer Königinnen in einem Stocke veranlasst die Volksmasse in einem Staate der Bienen, sich in Partheiungen zu lösen und instinct- raässig schaaren sich diese Partheien einzeln um ihre einzelnen Weisel herum und folgen diesen von ihrem Stocke ausziehend, bei deren Aus- flug ins Freie. Der Zweck, eine neue Colonie zu bilden, wird meist in der Nähe erstrebt, an dem ersten besten Baumstamme oder an den Zweigspitzen eines Astes, auch auf einem Busche, seltner an Mauern und Planken und Stangen, fallen sie an und hängen sich daselbst klum- penförmig zusammen, ganz ergriffen von ihrem Innern Berufe, ohne Aufregung nach aussen und ohne Neigung zu stechen. Und während so dieser Prozess in aller Ruhe geübt wird, so beendet der Besitzer ihn damit, dass er den Klumpen als wohlerworbenes Eigenthum mit einem Flederwisch einstreicht in einen neuen Korb oder in sonst einen Behälter. Nur zufällig und in höchst seltenen Fällen ist die Fläche, die sie im Fluge für ihre Niederlassung erfassen ein lebender Körper, noch am öftersten wie man berichtet ein Pferd, weil eben hier die grosse Fläche ihnen in geeigneter Höhe scheinbar einen sicheren Platz zum Niederlass bietet. Auch diese Niederlassung geschieht gewiss anfangs mit derselben Ruhe, wie an der Planke oder am Baume. Aber der Reiz der fremdartigen Berührung bringt den thätigen Gegenreiz im Pferde hervor, dieses fängt an mit den Hautmuskeln zu zucken oder mit dem Schweife zu schlagen, wohl gar, wenn die Niederlassung am Kopfe geschehen, diese Theile heftig zu wenden und kräftig zu schüt- teln und die Tödtung der Bienen durch Erdrückung erstrebend, wer- den diese in die äusserste Aufregung gebracht und bemühen sich gegen den sich bewegenden Boden, auf dem sie sitzen, Rache zu üben. In dieser Weise geschieht es dann, dass sogar Pferde und Menschen ganz lieh erliegen, wie oben gesagt worden ist. 5) Jeder aufmerksame Bienenwirth beobachtet aber schon um sei nes eigen Vortheils willen das Schwärmen seiner Bienen mit Sorgfalt und alle jene vorgekommenen Fälle von weiter verflogenen Schwärmen kommen gewöhnlich nur in sehr exponirten, offenen, oder nur mit nie- 197 deren Zäunen oder Brustwehrspalieren umgebenen, an Poststrassen ge- legenen reiclibesetzten Bienenhaltungen vor, wo die Bienen von dem Stocke gerade ausfliegend auch wohl die niedere Umzäunung überflogen und wahrscheinlich eines nahen geeigneten Kuhepunktes, um sich nie- derlassen zu können, entbehrten, folglich zur Wahl der sich zunächst bietenden Fläche des Pferdes gewissermassen gezw^ungen, eine Ausnahme machten von ihrer sonst für lebendige Wesen ganz unschädlichen Sitte einen Baumstamm, Zweig, Busch oder Stange oder eine Planke zu ihrer Niederlassung zu wählen. 6) Da man gewöhnlich bei uns überall die Bienen in Gärten, in der Nähe von Häusern und Mauern, von Planken, Stacketen und Bäu- men zu halten pflegt, ja sogar Fälle vorkommen, dass man sie auf Balkons und Corridors, oder auf Gängen in Häusern, ja bisweilen in Stuben und Kammern, s. Lenz FV. 344. selbst in höheren Etagen, also mitten in der Berührung mit den Menschen und selbst im Innern der Wohnungen derselben zu halten gewohnt ist, so erklärt sich daraus, dass in allen dergleichen Fällen das Vorhandensein von sehr nahegeleg- nen zur Niederlassung geeigneten Flächen, das so nachtheilige Verfol- gen lebendiger Wesen gar nicht aufkommen Hess, so dass auch, soviel mir bekannt ist, die Tödung eines Pferdes oder Menschen durch Bie- nen, ja selbst das Befallen eines solchen durch einen Schwärm inner- halb Sachsen vielleicht niemals berichtet worden ist. 7) Das Bedenken Einzelner, dass die Bienen an einem Orte, beson- ders in einem Garten an Nahrung Mangel leiden und deshalb in die benachbarten Gärten fliegen müssten, ist in den meisten Fällen sehr unbegründet, da alle Bienen ihre Nahrung einem grossen kreisrunden Reviere, dessen Durchmesser wenigstens eine Stunde beträgt, entneh- men und durch ihren Instinct immer wieder sich heim finden. 8) Das Bedenken Anderer, dass sie von den Bienen des Nachbars „das Bekriechen jedes nur denkbaren Gegenstandes^' befürchten, ist gänzlich unbegründet und diese Sitte dem Naturell der Bienen vollkom- men entgegen. Es findet aber hierin offenbar eine Verwechselung statt mit den Wespen, welche dies thun, dem Gesetze aber unzugäng- licher sind, da sie nicht unter die Categorie der Hausthiere gehören. 9) Das Entfernen frei herumfliegender Bienen aus irgend einem Garten wird dann zur Unmöglichkeit, wenn im Umkreise von einer Stunde dergleichen irgendwo colonisirt sind. Aber selbst in dem Falle, dass solche Colonisirung nicht statt fände, werden immer noch zahl- reiche Arten von wilden Bienen und Hummeln die Gärten besuchen, so Avie auch diese den Honig sogar aus den Blumen vor den Fenstern und in den Zimmern sich holen. 10) Könnte aber das Entfernen der Bienen aus den Gärten im Be- reiche der Möglichkeit liegen , so würde man dies über die weit nach- 198 theiligeren Wespen und Hornissen niemals vermögen, da auch diese ein ziemlich weites Revier haben. 11) Eine Verordnung gegen das Bienenhalten, im Allgemeinen also ein Verbot für dasselbe würde erstens ein sehr inconsequentes Eingrei- fen in die Natur sein, weil der Nutzen der Bienen für die Befruchtung der meisten unserer Vegetabilien auch der Obstbäume ganz unberechen- bar ist, auch eine Verordnung gegen das Eindringen der noch schmerz- hafter stechenden Hummeln, Wespen und Hornissen in unsere Gärten und Zimmer unmöglich bleibt. Im Herbste 1828 geschah es sogar, dass kleine Kinder mit auf das Feld genommen und an Wald- und Wiesen- rändern sich selbst überlassen zur Ruhe gebracht, durch die kleinen Kriechmücken dergestalt zugerichtet wurden, dass sie an der allgemei- nen Entzündung verstarben. Diese den Folgen der iKolumbatschker Mücke im Banat so ähnlichen Fälle standen aber ebenfalls ausserhalb allen Gesetzes und nur die Erfahrung lehrte hier die noth wendig gewordene Vorsicht beachten. Ein Verbot gegen die Bienenzucht würde aber auch zweitens ein Eingriff sein in den Erwerb, dessen Quellen in der Gegen- wart nach allen Richtungen hin möglichst beachtet und, wo es thun- iich ist, noch vermehrt werden müssen. 12) Ein „Verbot einer Aufstellung der Bienenstöcke in der Um- gebung von Blumengärten, welche zum Aufenthalt für Kinder und Er- wachsene bestimmt sind im Allgemeinen^* käme ziemlich gleich mit dem Verbote der Bienenzucht überhaupt. Die Bienenstöcke befinden sich meist überall in den Gärten oder in der Nähe der Gärten und Häuser und alle Blumengärten, sowie alle Gärten überhaupt, sind Auf- enthaltsorte für Erwachsene und Kinder, oder können solche Bestimm- ung, wo sie nicht statt fand, täglich erhalten und die Bienen und alle noch weit lästigeren Insecten würden auch wie oben gezeigt, deshalb aus den Gärten noch nicht verschwinden. Dass man auch anderwärts nicht glaubt, dass in diesem Falle man gesetzlich einschreiten könne, scheint der Bericht aus Lauenburg klar zu beweisen, wo Schwärme aus dem reichbesetzten Bienengarten eines Bauers in Wotersen schon früher zwei Pferde und später das Viergespann des Bauers Meier getödtet, mehrere Menschen und den eignen Gutsherrn Grafen Berns dor/f-Gyläenseen furcht- bar zugerichtet hatten, dennoch aber gesagt wird : dass der Bauer die vom Grafen angebotene reichliche Entschädigung für die Beseitigung des Bienengartcna von der Nähe der Landstrasse oder die Abtretung des Gehöftes hartnäckig verweigert. 13) Da jedoch durch das Schwärmen allein eine Gefahr und in Fällen, wo diese auf Pferde auffallen, durch den leidenden Theil unver- schuldet herbeigeführt wird, so scheint dieser Vorgang in der Bienen- zucht der einzige zu sein, welcher für obrigkeitliche Beachtung sich eignet. Doch kann auch diese Beachtung vielleicht nur mehr in der Verwarnung, als in der einer Verordnung oder eines Gesetzes erschei- 199 nen, und nur in dieser Weise glaube ich, dass es möglich wird, Klä- gern Beruhigung gewähren zu können. Solche Verwarnung würde im Monat Mai durch die Obrigkeiten oder Gemeindevorstände vielleicht in folgender Weise gefasst werden können : „Bei dem nun wahrscheinlich baldigen Eintritt warmer und son- nenheller Witterung dürfte gegen Ende Mai und während der nächst- folgenden Monate das Schrvürmen der Bienen erfolgen. Da jeder Bienen- züchter, welcher sich den Vortheil künstlicher Ableger nicht schon ver- schafft hat, durch Beobachtung seiner Stöcke die Anzahl der von ihnen zu erwartenden Schwärme nach der Zahl der Mutterzellen in den Stöcken ungefähr zu berechnen vermag, so ist die strengste Aufmerk- samkeit auf diese Schwärme, wo nöthig die Aufstellung von Wächtern und die genaueste Instruction derselben für das Einfangen der Schwärme auch da wo für den Anflug derselben passende Bäume und Sträucher nicht vorhanden sein sollten, die Aufstellung von Körben, nach Betin- den auf Stangen, mit dem nöthigen Köder von Melisse oder dergleichen geboten. Obgleich nachtheilige Folgen von Bienenschwärmen Demjenigen, welchen sie treffen, theilweise selbst zugeschrieben werden müssen, da man bei nöthiger Ruhe einen Bienenschwarm sogar auf der Hand halten kann, ohne gestochen zu werden, auch wo es möglich wird durch Eintreten in einen dunklen Raum mit lichter Oeffnung oder Einbringen des von einem Bienenschwärme befallenen Pferdes in einen dunklen Stall, den Schwärm sogleich zum Abfliegen durch die lichte Oeffnung nach dem Tageslichte veranlassen kann, so werden dennoch hierdurch alle Bienenzüchter für aus Mangel an Aufmerksamkeit auf ihre Stöcke etwa entstehende Folgen, als Veranlasser derselben verantwortlich ge- macht/' — ■ Kleinere Mitlheilungen. Das Trevelyan • Instrument (Thermophon) wurde zuerst von Trevelyan (1829) construirt, und daher nach ihm benannt. Dieser bemerkte, dass ein heisser Eisenstab, welchen er zufällig auf einen Bleiblok legte, in zitternde Bewegung gerieth und einen Ton hervorbrachte. Die Con- struction des Instruments bezweckte die Erleichterung der Bewegung des heissen Wiegers (Wacklers) auf der kalten festen Unterlage. Der Wieger des Instruments ist ein prismatischer Metallstab (ungefähr 6 Zoll lang), dessen Querschnitt ein gleichseitiges Dreieck bildet (ungefähr 1/2 Zoll hoch). In der Verlängerung der Axe des Prismas wird ein dünner Stab (ungefähr 12 Zoll lang) angebracht. Die Unterlage bildet ein längs der Axe gehälfteter Blei - oder Zinkcylinder, welcher auf der Durchschnittsebene ruht und dessen Wölbung nach oben gerichtet ist. Der Wieger wird mit einer Kante quer über die Unterlage gelegt, wobei das Ende des Stieles (etwa eine Kugel) auf dem Tische ruht. Diese auflieo-ende Kante muss aber abgestumpft (ungefähr V-* Zoll breit) sein und in der Mitte längs der Axe des Prismas eine Einne erhalten. Der Wieo-er muss nun in ruhiger Lage auf einer der beiden Seiten neben der Rinne ruhen können. Bringt man den nicht erwärmten Wieger in schwankende Bewegung, so können die einzelnen Stösse auf beide Seiten mit dem Auge wahrgenommen werden und es tritt sehr bald die ruhio'e Lage wieder ein. Wird der Wieger erwärmt, so erfolgen die Stösse rascher aufeinander, die Schwankung wird dauernd und es ent- steht ein Ton. Nach Faraday (1831) ist der Vorgang hierbei folgender : der auf einer Seite ruhende erwärmte Wieger theilt seine Wärme der Unterlage mit, dehnt dieselbe an der Berührungsstelle aus, wird gehoben und fällt auf die andere Seite der Rinne. Die erste Berührimgsstelle Avird dadurch frei, erkaltet und nimmt ihren frühern Raum wieder ein. Nun o-eschieht die Erwärmung und Hebung auf der zweiten Seite und der Wieo^er fällt wieder auf die erste Seite der Rinne u. s. f. Der hier- durch erzeugte Ton ist an sich sehr schwach; er wird aber durch die Resonanz des Bodens (des Tisches) verstärkt und 'deutlich wahrnehmbar. Nimmt man die Unterlage in die Hand, so dass das Mitklingen des Tisches nicht stattfindet, so wird der Ton so schwach, dass er nicht mehr wahrnehmbar ist. Die Schwingungen selbst können durch einen Grashalm zur Anschauung gebracht werden, welchen man quer über das Prisma legt ; dieser dreht sich allmählig bis ziemlich (aber nie ganz) in der Richtung der Axe des Prisma. — Die Bemerkung, dass eine heisse Silberstange auf einen kalten Ambos gelegt einen Ton erzeuge, ist schon von Schwarz (1805) auf der Seigerhütte zu Hettstätt gemacht worden. Forhes weicht in der Erklärung dieser Erscheinung wesent- lich von Faradmj ab. Er schreibt die Bewegung einer abstossenden Kraft zu, welche beim Uebergange der Wärme von einem Körper zu einem anderen von geringerer Leitungsfähigkeit statthabe. Hierbei stellt er nun folgende allgemeine Gesetze auf: 1) die Schwingungen finden niemals zAvischen Substanzen von gleicher Natur statt; 2) beide Substanzen müssen metallisch sein; 3) die Vibrationen geschehen mit einer dem Unterschiede des Wärmeleitungsvermögens der Metalle proportionalen Intensität, und das Metall vom schwächeren Leitungsvermögen muss noth- wendig das kältere sein. — Nach Seebeck, welcher den Wieger auch auf zu"-espitzte Drähte stellte, sind diese Schwingungen um so stärker, je grösseres Leitungsvermögen der heisse Wieger hat (wodurch ein schnel- leres Abgeben der im Berührungspunkte entstehenden Kälte an die übrigen Theile desselben bewirkt Avird), je weniger sich dieser und je mehr sich das kalte Metall der Unterlage bei der ErAvärmung ausdehnt. Ucbrigens darf in der kalten Unterlage das Leitungsvermögen nicht vollkommen sein, weil sonst nicht allein der Ort, welcher den Wieger ^1 heben, sondern auch der gegenüberstehende; auf welclien derselbe fallen soll, sich ausdehnen, dadurch dem fallenden Wieger entgegenkommen und das Fallen verringern oder vielleicht verhindern würde. Es fusst diese An- sicht auf der Faradaijschen Erklärung. — Die obigen drei von Forbes aufge- stellten allgemeinen Gesetze widerlegt Jo/in TyndaU, Professor der Physik an der Royal Institution in London {Poggendorfs Annalen, XCIV. B., 613. bis 628. S.) und giebt ausführlich die Experimente an, durch welche der Beweis für die Unhaltbarkeit jener Gesetze geliefert werde. Ad 1) Nach seiner Angabe gelingt der Versuch, wenn der Wieger von Eisen und die Unterlage eine Messerklinge (in einen Schraubstock eingeklemmt) oder Messingblech ist, oder der Wieger von Kupfer und die Unterlage dünnes Kupferblech oder Kupferfolie oder Kupferdrähte (bei den letzten Schwankungen ohne Ton), ferner Messing- Wieger und Messing -Unter- lage, Silber-Wieger und Silber-Unterlage, Zink-Wieger und Zink-Unter- lage und ebenfalls Zinu-Wieger und Zinn-Unterlage. Ad 2) Der Mes- sing-Wieger vibrirt und erzeugt Töne auf Bergkrystall , Flussspath, Festungs-Achat, Steinsalz (auf diesem gelingt der Versuch sehr leicht), Aventurin, Onyx, versteinertem Holz, Glas, Steingut, Flintglas u. s. w. Ad 3) Zur Widerlegung des als dritten von Forhes aufgestellten Ge- setzes wurden ein kupferner, ein messingener und ein eiserner Wieger auf den Rand einer dünnen Silberplatte gelegt , ferner ein messingener Wieger auf den Rand eines Halb - Sovereign - Stückes und der Versuch gelang. Bekanntlich aber leitet Silber die Wärme besser als Kupfer, Messing und Eisen, und Gold besser als Messing. Die besondere Be- handlung des Wiegers oder der Unterlage, welche im einzelnen Falle erfor- derlich ist, damit das Experiment gut gelingt, ist am angeführten Orte angegeben. Der Wieger kann auch eine von der oben angeführten abweichende Form erhalten ; er kann für grössere Leichtigkeit in der Bewegung auf den Rücken ausgehöhlt sein. Bei der Bewegung auf zugespitzten Drahtstiften wird die breite Seite des Wiegers auf dieselben gelegt. Li der Regel hat der Wieger eine schiefe Stellung, bei feinen Versuchen ist die horizontale Lage desselben zweckmässig, welche da- durch hergestellt wird, dass man den Stiel durch eine geeignete Stütze erhöhet. Käfer aus der Familie der Curculiones in Mossambique gesammelt und von H. Dr. Gerstäcker bearbeitet, enthielten nach der in der Sitzung der physikalisch -mathematischen Klasse der Ak. d. Wissenschaften zu Ber- lin (Monatsbericht, Februar 1855) gemachten Mittheilung des H. Peters unter 23 Arten 15 neue Arten, von welchen zwei zugleich neue Gat- tungen bilden. Die neuen Arten sind: 1) Apoderus nigripes , 2) Ceo- eepliülus latirosiris, 3) Brachycenis cmmdatus , 4) Brachycerus congestus, 5) Brachycerus erosus, 6) Microcerus spiniyer. 7) Microcerus subcaudatus, Allg. deutsche natnvhist. Zeitung- I, | 5 202 8) Microcerus albivenfer, 9) Spartecerus quadraius , 10) Spartecenis capu- cinus, 11) Siderodactylus flavescens. Mitophorus , nov. gen. (Tribus Bra- chyderides) ; gcneri Eusomo afiue; 12) Mitophorus pruinosus, 13) Alcides olivaceus. Tetragonops, nov. gen. (Tribus Cryptorhjnchides) ; geniis Zy- yopi et Sphadasmo affine; 14) Tetragonops fascicularis, 15) Rhina cmipli- collis. — Die von H. Peters gegebeneu Diagnosen findet man in dem bereits genannten Bericht. Diejenigen der neuen Gattungen sind fol- gende : Mitophorus. Rostrum capitis fere longitudine. Scrobiculus anten- nalis oculum versus admodum dilatatus. Antennae tenuissimae, valde elongataC; scapo thoracis basin fere attingente, apice clavato: funiculi articulis ad sextum usque sensim brevioribus, septimo sexto paulo lon- giore, clava angusta^ gracili; triarticulata. Frons sulco transverso a rostro distincta. Thorax subcylindricus ^ latitudine vix longior. Elytra in (^ oblongo- ovata, in 9 ovata. Femora antica sat fortiter clavata: tibiae curvatae. Mas a femina differt femoribus posticis elongatis. — Tetra- gonops. Rostrum thoracis fere longitudine. deplanatuni. Oculi frontales, subquadrati, plani, prope basin rostri fere contigui. Antennae inter me- dium et basin rostri insertae scapo breviusculo, caput non attingeute, funiculo elongato, 7 — articulato : articulis 5 primis oblongis (primo ceteris multo latiore), 6. et 7. brevibus, clava ovata, subacuminata. Thorax transversuS; antrorsum attenuatus. Scutellum distinctum. Elytra sub- trigona. Pectus ad rostrum recipiendum distincte canaliculatum. Tibiae basi subdentatae. — Die Priorität der Erfindung der Gasbeleuchtung beanspruchen be- kanntlich sowohl die Engländer, als auch die Franzosen. Die Revue des deux Mondes (1. M. 1855) enthält eine kurze Mittheilung, welche den Nachweis zu liefern beabsichtigt, dass diese Priorität den Franzosen zustehe. Der Erfinder der Gasbeleuchtung ist nach ihr der Franzose Philippe Le Bon, welcher seit 1785 den Gedanken fasste, das sich bei der Holzverbrennung bildende Gas zur Beleuchtung zu benutzen. Eine ziemlich lange Zeit beschäftigte er sich mit diesem neuen Gegenstand, bis er 1799 dem Institut seine Entdeckungen mittheilte. Bald darauf, 1800, erhielt er für seine Erfindung das Privilegium, und im folgenden Jahre, 1801, veröffentlichte er eine Schrift, um das grössere Publicum mit den Resultaten seiner Forschungen bekannt zu machen. Das Buch ist betitelt: „Thermolampes , ou poeles qui chauffent , eclairent avec eco- nomie, et offrent, avec plusieurs jyroduits precieux , wie force motrice ap- plicable ä tonte espece de machines." — Le Ron hatte bereits .aus Holz das Oel, den Theer, die Holzsäure und das Gas gewonnen, aber in seiner Schrift zeigte er an, dass es möglich sei, dieselben aus allen fetten Sub- stanzen zu bereiten. Von 1799 bis 1802 machte Z^ 5ow zahlreiche Ver- suche. Zu Havre brachte er zuerst seine Thermolampen in Anwendung ; 203 aber das Gas^ welches er erhielt, gebildet aus Kohlenwasserstoff und Kohlenoxyd; war nicht gereinigt , leuchtete nur dunkel und verbreitete einen sehr unangenehmen Geruch. Es wurde daher seine Erfindung nur wenig beachtet ; und der Erfinder wendete sich nach Versailles, um nahe bei der Wasserleitung von Marly eine Essigsäure -Fabrik einzu- richten. Er endete in dürftigen Verhältnissen, da er auf die fortgesetzten Gas-Versuche sein Vermögen verwendet hatte. Die Engländer machten nach Angabe der Revue, bald darauf gelungene Anwendungen von den Ideen, welche Philipp Le Bon zuerst ausgesprochen. Im Jähe 1804 Hess in England Windsor (ein Deutscher, Namens Winzer) sich das Patent dieser Erfindung ertheilen, und beanspruchte überhaupt das Verdienst die Gasbeleuchtung erfunden zu haben. Im Vereine mit Murdoch brachte er 1805 die Gasbeleuchtung in mehrere Ateliers zu Birmingham, unter andern in die Maschinenfabrik von James Watt. Die erste Gasanstalt zur Beleuchtung der Stadt wurde in London 1810 errichtet. Erst im Jahre 1818 veranstaltete in Frankreich der prefet de la Seine, M. de Chabrol im Hospital Saint Louis die erste Einrichtung zur Öffentlichen Gasbeleuchtung. — Nach den Angaben, welche aus England stammen, fällt die Erfind- ung der Gasbeleuchtung in das Jahr 1792, in welchem Williatn Mw- doch sein Haus und seine Werkstätte zu Redruth in Cornwall mit dem aus Steinkohlen erhaltenen Gase beleuchtet habe. Schon 1822 hatte London ausser mehreren kleinen Gaswerken 4 grosse Gas-Compagnien, welche 47 Gasometer mit 917940 Kubikfuss Inhalt besassen, und jähr- lich 397 Millionen Kubikfuss Gas für ungfähr 68400 Brenner lieferten. Die gesammte damals in London gelieferte Gasmenge belief sich auf beiläufig 450 Millionen Cubikfuss in einem Jahre. Im Jahre 1837 waren in London 18 öffentliche Gaswerke mit 176 Gasometern, in denen 1 460 Millionen Kubikfuss Gas bereitet wurden. Der Verbrauch belief sich in den längsten Abenden auf 7120000 Kubikfuss und es leuchteten im Ganzen 169700 Brenner, theils in den öffentlichen Strassen, theils im Privatgebrauche. Im Jahre 1847 wurden in England 94 Städte, in Wales 2, in Schottland 7, in Irland 3 Städte mit Gas beleuchtet, wofür das Anlagecapital der verschiedenen Anstalten mehr als 6 Millionen Pf. Sterling betrug. Man findet häufig, dass Erfindungen von verschiedenen Personen zu fast gleicher Zeit gemacht werden und dies hat wohl einfach seinen Grund darin, dass die Wissenschaft im Allgemeinen oder in einem be- sonderen Zweige eben auf denjenigen Standpunkt gelangt war, auf welchem irgend eine Erfindung nicht nur ermöglicht,'' sondern Avohl schon gänzlich vorbereitet ist. Die Erfinder haben die Gedanken der Vorgänger in ihrer Wissenschaft vollständig in sich aufgenommen, und gelangen bei der inneren Verarbeitung derselben einen Schritt wei- ter vorwärts in der Gesammtrichtung ihrer Wissenschaft, wobei es leicht 15* 204 erklärlich, dass zu ganz naheliegenden Zeiten in mehreren mit der Ver- gangenheit und Gegenwart der Wissenschaft vertrauten Personen ähn- lich fortschreitende Schlüsse oder ähnlich sich bildende Gedankenreihen entstehen. Die Ergebnisse der Wissenschaft bilden eine Kette, in wel- cher ganz natürlich ein Glied an das andere sich anreiht; warum sollten nicht zwei Personen zu gleicher Zeit sich veranlasst finden, das Glied welches eben der natürlichen Folge nach anzufügen ist, aufzuweisen und an seine Stelle zu bringen? — Aus den Erläuterungen, welche H. Ehrenberg in der Königl. Preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin über den Grünsand in Zeuglodon- Kalke Alabamas in Nordamerika als besonders wohlerhaltene Polythalamien- Formen und über seine Wichtigkeit für deren weitere Strukturverhältnisse, (Monatsheft, Februar 1855) gegeben, entnehmen wir folgende Mittheilung: „Obgleich ich schon im Jahre 1838 sehr ausführliche Uebersichten der Strukturverhältnisse der Polythalamien-Thiere der Akademie mitgetheilt und durch Abbildungen, welche in den Abhandlungen publicirt sind, erläutert habe, so haben doch diese, sogar an todten, getrockneten Thieren leicht zu wiederholenden und fortzusetzenden Struktur-Erläuterungen, auf die allein eine Systematik sich gründen lässt, die gewünschte Frucht nicht getragen. Ja es ist sogar ein neues grosses Werk in Aussicht gestellt und in Probe vorgelegt, worin als erster Grundsatz auch vor dieser Akademie ausgesprochen worden ist, dass man die Struktur zu kennen weit entfernt sei, und dass auf ganz anderer Basis eine neue Systematik erst einzuleiten sei. Diese Basis ist der Probe zufolge, Ein- fachheit der Struktur, denn es ist weniger als zuvor angedeutet. So ist es denn erft-eulich, dass die^^Natur immer selbst wieder zu Hülfe kommt, wenn Widerspruch in grossem Massstab gegenübertritt. — Es erscheint freilich wenig glaublich, dass es der Naturforschung gelingen könne, in unsichtbar kleinen Organismen die noch weit unsichtbareren organi- schen Canäle jemals zu fester Geltung zVi bringen. Allein es hat sich doch gefunden, dass die Organismen selbst im Stande sind dergleichen anschaulich zu machen. Durch eine solche einfache Benutzung der inneren organischen Lebensthätigkeit gelang es 1830 und 1834 die Er- nährungscanäle der Infusorien und Medusen zu injiciren. Es war die Indigo -Fütterung, welche diese Anschauungen und Erläuterungen gab. Das Leben selbst injicirt freiwillig das Ernährungssystem der für seine strukturlose Ursubstanz gehaltenen grösseren und auch der unsichtbar kleinen Organismen unwiderleglich. Auf ähnliche, ja wie es scheint, noch mannichfachere Weise kommt nun die Grünsandbildung der Phy- siologie des kleinen Lebens zu Hülfe. Die Bildung des Grünsandes besteht nämlich in einer allmähligen Erfüllung der inneren Räume der kleinen Körper mit grünfarbiger Opalmasse, die sich darin als Steinkern 205^ sammelt. Es ist eine besondere Art natürlicher Injection und sie er- scheint, den neuesten Resultaten der Prüfung nach, so vollständig und so fein sich zugestalten, dass sich nicht bloss die grösseren und gröberen Zellen, sondern oft auch die ailerfeinsten Canäle der Zellwände und all ihre Verbindungsröhren versteinert und isolirbar darstellen. Nimmer- mehr würde es gelingen, auf künstlichem Wege so feine Lijectionen je zu machen, als sie die Natur durch diese Steinkernbildung selbst darstellt. Ich halte diesen neuen , den physiologischen , Gesichtspunkt der Grünsandbilduug für einen sehr ei'folgreichen und entwickeln- den." Dieser Zeuglodon-Kalkstein wird als geblich und unter der Loupe sehr fein und dicht grünlich punktirt bezeichnet. Diese feinen Pünkt- chen sind die als Chlorit - Körner erscheinenden Polythalamien. Durch Auflösen der Masse mit schwacher Salzsäure erhielt H. Ehrenberg eine doppelte Art von Rückstand. Am Grunde sammelten sich die Chlorit- Körner mit etwas quarzigem Sande und darüber schwebte eine lockere, feinflockige, einem thonigen Mulm ähnliche, gelbliche Masse. Ein 52,275 Grammes (254,33 Karat) wiegender Diamantkrystall wurde im Juli 1853 im Districte Bogagem in Brasilien von einer in den Gru- ben arbeitenden Negerin gefunden. Dieser Diamant, welcher der grösste von allen bis jetzt aus Brasilien nach Europa gekommenen ist, hat den Namen Etoile du Sud erhalten und obgleich sein GcAvicht durch das Schleifen ungefähr auf die Hälfte reducirt werden wird, so dürfte er dennoch zu den kostbarsten bis jetzt aufgefundenen Diamanten zu zählen und unter ihnen besonders anzuführen sein. Herr Bufrenoy hat ihn der Akademie vorgelegt (C. R. XL. 3.) und dabei auf einige Eigenthümlichkeiten des- selben aufmerksam gemacht, welche auf Gänge oder Gruppen von Diamantkrystallen schliessen lassen dürften. Es findet sich auf einer Fläche desselben eine ziemlich tiefe Höhlung vor, welche als durch einen früher darin ruhenden octaedrischen Diamantkrystall entstanden aufge- fasst werden kann. Ebenso werden auf zwei anderen Flächen desselben ebenfalls Höhlungen, aber von geringerer Tiefe, erkannt, die durch ihre Streifen auch als durch aufsitzende Diamantkrystalle gebildet er- scheinen. Eine platte Stelle einer Seite lässt vermuthen, dass hier der Diamant mit der Masse des, Ganges in Verbindung gewesen und viel- leicht bei den Diluvial-Phänomenen losgetrennt wurde. Einige schwarze Lamellen an demselben scheinen zu dem in den Alpen und in Brasi- lien häufig mit Quarzkrystallen vorkommenden Titaneisen zu gehören. Es führt dies zu der Vermuthung, dass der Diamaut als Auskleidung von Geoden in gewissen uns bis jetzt noch unbekannten (nach Mittheil- ungen von Herrn Lomonoso/f zum metamorphischen Terrain von Brasi- lien gehörigen) Gesteinen lagere, und dass die Bildung der Diamant- krystalle vielleicht mit der Bildung der Quarzgeoden im Carraiischen 306 Marmor Aehnlichkeit habe. — Dieser Etoile du Sud kann seinem Preise nach nicht bestimmt werden, denn Diamanten von so bedeutender Grösse kommen nicht in den Handel und es existirt für dieselben kein zwi- schen der Zunahme der Grösse und der Zunahme des Werthes festge- stelltes Verhältniss. — Das specifische Gewicht dieses Diamanten hat H. Ralphen bei 15» C. 3;5-29 gefunden. Die Dichtigkeit und Temperatur des Meerwassers haben die Drn. Schlag- intweit auf ihrer Reise von England nach Bombay untersucht und die Resultate durch H. v. Humboldt der K. Pr. Akademie der Wissenschaf ten zu Berlin mitgetheilt. Nach dem Bericht vom Februar 1855 haben sich folgende Temperaturhöhen und Dichtigkeitsverhältnisse herausge- stellt: Ort. Temperatur, C. Atlantische Ocean, Lissabon bis Cap St. Vincent 20o— 21« . Mittelländisches Meer, Gibraltar bis Malta 21" -22" . Mittelländisches Meer, Malta bis Alexandrien 23" — 24" . Rothes Meer, Golf von Suez . 27" — 23oNördl.Br. 24" — 28" . - 22" — 14" - - 300 — 31" . - Golf von Aden . . 28,8" Arabisches Meer, Cap Guardafar bis Bombay 27"— 28^ . . . 1,0278 Spec. Gewicht. 1,0287 bei 17", 6 1,0287 1,0298 1,0393 1,0315 1,0306 1,0275 Die Erscheinung der Meermilch, einer milchähnlichen Färbung des Meerwassers, wird häutiger als das Phänomen der rothen Meere und zwar in den intertropischen Meeren, namentlich im Golf von Guinea und im arabischen Meere wahrgenommen. Da diese Erscheinung in der Regel zugleich mit der Phosphorescenz des Meeres beobachtet wird, so erklärt man diese weisse Färbung gewöhnlich als eine Wirkung von phosphorescirenden Thierchen. Nach den von (Juatrefages zu Boulogne angestellten Beobachtungen geben die Nocliluken nicht immer einen glänzenden hellen Schein, sondern bisweilen werden dieselben auch mattweissschimmernd gesehen. Sind sie nun in grosser Menge beisam- men, so dürfte wohl durch ihren auf weite Strecken in die weisse Farbe übergehenden Schimmer die milchähnliche Färbung des Meeres sich erklären lassen. Graf ton Chapmann zählt diese Thierchen, welche den weissen Schein des Meeres verursachen zu den Salpcn oder Pyro- somen. [C. R. XL. 316.] Schon die Alten haben mehr als ein Jahrhun- 207 dert vor unserer Zeitrechnung dieselbe Erscheinung im Arabischen Meere beobachtet. Der Geograph Agatharchides [Geographi minores, Oxford 1698] erzählt, dass das Meer längs der Küste von Arabien ein weisses Ansehen, wie ein Fluss, habe; die Ursache dieser Erscheinung sei ein Gegenstand des Erstaunens. Die chemische Harmonika, die bekanntlich aus einer über einen brennenden Strom WasserstofFgases gehaltenen Glasröhre besteht und bei welcher der Ton durch die schnell auf einander folgenden VerpufFungen des Wasserstoffgases gebildet wird, kann nach R. Böttger [Poggendorffs Annalen, XCIV. B. S. 572] einfach auf folgende Art hergestellt werden: „Füllt man ein gewöhnliches, etwa 12 bis 18 Kubikzoll Wasser fassen- des Arzeneiglas mit nicht zu enger Mündung mit Wasser, leitet dann so lange gewöhnliches, aus käuflichem Zink und Salzsäure bereitetes Wasserstoffgas in das Glas, bis dieses zu V* damit gefüllt ist, und lässt hierauf das im Glase befindliche Wasser vollends auslaufen, so dass folglich zu den drei Raumtheilen Wasserstofi'gas im Glase noch ein Eaumtheil athmosphärischer Luft hinzutreten kann, nähert hierauf das offene Glas, schwach geneigt mit seiner Oeffnung nach unten, einer Weingeistflamme, so entzündet sich an der Mündung des Glases das Luftgemeng ganz ruhig, ohne Explosion, unter gleichzeitigem Auftreten eines ungemein reinen, lauten, einige Minuten anhaltenden Tones." Hierbei wird bemerkt, dass, (wie man in einem verfinsterten Zimmer wahi'nehmen kann,) das Flämmchen seinen Sitz an der inneren Münd- ung des Glases hat und nach dem Innern des Glases gerichtet ist. — Denjenigen, welche im Experimentiren mit Gasarten nicht vollständig ge- übt sind, dürfte aber wohl bei der Anstellung dieses Versuches, wegen der möglichen Knallgasexplosion, eine sehr vorsichtige Behandlung der gefüllten Flasche anzurathen sein. Die Protuberanzen, welche bei totalen Sonnenfinsternissen als rothe Lichtbüschel am Rande der vom Monde bedeckten Sonne beobachtet worden sind und die helle Glorie um beide Himmelskörper haben zu der Vermuthung Veranlassung gegeben, dass die eigentliche Photosphäre der Sonne von zwei Hüllen umgeben ist, deren eine ihr zunächst lie- gende in rothem Lichte leuchtet, deren zweite, weit umfangreichere, weisses Licht hat. Die rothen Lichtbüschel werden nun gewöhnlich als durch Emportreiben der rothen Hülle entstanden aufgefasst; über die Verursachung dieses Emportreibens konnte aber nichts Bestimmtes angegeben werden. Indess hatten doch die Beobachtungen der Sonnen- finsterniss im Jahre 1851 einen Zusammenhang zwischen den Pro tube- ranzen, Sonnenfackeln (hellstreifige Stellen der Sonne) und Sonnenfleckeu 208 ■wahrscheiulich gemach t^ da mehrere Protuberanzen sich an denjenigen Stellen gezeigt hatten^ wo kurz vor oder nach der Finsterniss Flecken und Fackeln gesehen worden waren. Gegen diese Auffassung hat sich Carlos Moesta, gestützt auf die von ihm zu Peru bei der Sonnenfinster- niss 1853 gemachten Beobachtungen, ausgesprochen. Er sagt am Schlüsse seines dem Minister des öffentlichen Unterrichts, Dr. Silvester Ochagavia, vorgelegten Berichtes, dass während der grössten Verdunkelung die Protuberanzen sichtbar gewesen, aber weder vor noch nach der Son- nenfinsterniss, irgendwelche Fackeln oder Flecken wahrgenommen wor- den seien. Hieraus gehe nun hervor, dass ein Zusammenhang zwischen Protuberanzen, Fackeln und Flecken, wie man denselben bisher ange- nommen habe, nicht stattfinde. Wenn die Protuberanzen gasartige Aus- dünstungen seien, welche in der dritten Atmosphäre der Sonne sicht- bar werden, so müssen diese während der Sonnenfinsterniss von 185.3 durch sehr kleine Oeffnungen hindurchgegangen sein. Die kurze Dauer der Protuberanzen, in Verbindung mit dem AVechsel ihrer Farbe und anscheinenden Bewegung, seien Umstände, welche auf Stürme und Re- volutionen, die in ähnlicher Weise wie in der Erdatmosphäre ge- schehen, schliessen lassen. Im Jahresberichte der Münchener Stern- warte für 1S54 spricht Prof. Lamont in München ebenfalls über die Protuberanzen, und findet die Ursache dieser Erscheinung nicht in der Sonne sondern in der Erdatmosphäre. Er erklärt, er habe bemerkt, dass bei partiellen Sonnenfinsternissen von Zeit zu Zeit bald da, bald dort in der Atmosphäre kleine dünne Wolken entstehen, welche sich nach kurzer Zeit wieder auflösen. Dieser Vorgang sei in vollständiger Uebereinstimmung mit den bekannten Verhältnissen der Wolkenbildung ; durch die Bedeckung der Sonne entstehe eine Depression der Temperatur und hieraus eine Condensation der Dünste in der Luft. Diese Wolken- bildung werde vorzugsweise da entstehen, wo die Temperatur am tief- sten ist: im Schattenkegel des Mondes. Während nun der Schatten- kegel sich fortbewege, bilden sich darin Wolken und lösen sich bald wieder auf. Die Wolken im Schattenkegel werde man nicht wahrnehmen, auch dann nicht, wenn sie über den Kegel hinausreichen und die Sonne nicht vollständig bedeckt sei. Wenn aber die Sonne vollständig durch den Mond bedeckt ist, so tritt am Mondrande die Beugung des Sonnen- lichts ein, es gelangen vornehmlich die violetten Strahlen des Sonnen- lichts in den Schattenkegel, und man werde nun unter diesen Umständen am Mondrande die erwähnten dünnen Wolken in violetter Beleuchtung sehen. Diese Hypothese gewähre eine hinreichende Erklärung für die Form, die Farbe, die Grösse und für den Wechsel in der Erscheinung der Protuberanzen. Dr. A. Drechsler. Verlag von Eudolf Kuntze in Hamburg. Arzeneien - Taxe für die Königl. Sachs. Lande. 4. Aufl. 4. (vi u. 51 S.) 1847. 15 Sgr. Byam, G., Wildes Leben im Innern von Central- Amerika. Aus dem Engl, von M. B. Lindau. Mit einer lithogr. Ansieht. (VI u. 208 S.) 1S52. geh. IThlr. Byam, G., Wanderungen durch Chile und Peru. Aus dem Engl, von M. B. Lindan. Mit 3 lithogr. Abbildungen. (VI u. 275 S.) 1851. geh. 221/2 Sgr. Grässe, Dr. Job. G. Th., Beiträge zur Literatur und Sage des Mittel- alters. I. Die Mirabilia Romae nach einer Handschrift des Vatican. II. Zur Sage vom Zauberer Virgilius. III. Zur Naturgeschichte des Mittelalters. 4. (X u. 106 S.) 1S50. geh. 24 Sgr. Kingston, W., Peter der AValllischfänger, sein Jugendleben und seine Abenteuer in den Nordpol -Regionen. Ein Buch für Jung und Alt. Deutseh bearbeitet von M. B. Lindau. Mit 4 lithogr. Abbildungen. 8. (X u. 444 S.) 1852. In lithogr. Umschl. cart. 1 Thlr. 22V.2 Sgr. Kohl, J. G., Skizzen aus Natur und A^ölkerleben. 2 Bde. gr. 8. (L X u. 408 S. n. X u. 816 S.) 1851. geh. 3 Thlr. Mittheilungen aus dem magnetischen Schlafleben der Somnambule Auguste K. in Dresden. Zweite Ausgabe der 1843 erschienenen ersten Auflage, Mit Titelkpfr. und Holzschnitten, gr. 8. (XXH u. 414 S.) 1850. geh. 1 Thlr. 15 Sgr. Pharmacopoea Saxonica jussu Regio et auctoritate publica denuo edita recogn. et einend. Mit einer Tabelle. 4. (XVI u. 296 S.) 1836. 2 Thlr. 15 Sgr. Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen : IAcfrnnninicrllP Vnrträo-P "^ allgemein ver.ständlicher Form . n^ll UilUllili^tllt? ¥ UrildgtJ gehalten zu Dresden im Winter 1 S^Vää von Dr. Adolph Drechsler. Nebst lithogr. Stemtafeln. Dresden 1855. 25 Ngr. In diesen Vorträg-en ist das Wescnlliche der populären Astronomie in gedräng'ter Kürze anschaulicli und leichtfasslich darg-estelU. Es können die Vorträge 1) der nördliche Fixsternenhimniel in aslrog-noi^tischer und niytholog-ischer Beziehung-, mit Sterntafei (5 Ng^r.); 2) der Thierkreis und der südliche Fixsternenhimmel in astro^nostischer und mytholosischer Beziehung-, mit Sterntafel (5 Ng-r.); 3) die Bewegungen der Erde: Dreh- ung-, Wendung- und Forisclireitung- der Erdaxe (4 Ngr.); 4) die Planetensysteme, die ßeweg-ung- und physische BeschalTenlieit der Planeten (4 IVg-'r); 5) die Monde, mit besonderer Berücksichtigung- des Mondes der Erde (4 Ngr.); 6j die Kometen. — Die Sonne (4 Ngr.) auch einzeln bezog-en -werden. 11. Astrologische Vorträge, ständmss des Systems uml der Geschichte der Astrologie, gehalten zu Dresden im Winter ISs^/^ö von Dr. Adolph Drechsler. Mit in den Text gedruckten Holzschnitten. Dresden 1855. 20 Ngr. Diese Vorträge zeii,-en ausführlich und deutlich das Verfahren, nach welchem von den wissenschaftlichen Astrologen die Nativiläl gestellt und ausgelegt wurde, und geben einen Abriss der in cullurhislorischer Be- ziehung- bedeutsamen Geschichte der Aslrolog-ie. In dem Vorworte sagt der Verfasser: „üeber die Pietät, welche wir g-egen unsere in den Wissenschaften unermüdlich thätigcn Vorfahren zu hegen und kund zu geben schuldig sind, habe ich meine Ansichten bereits in dem Vorworte zu „Scholien za Christoph Rudolphs COSS" Presden, Roh. Schäfer, 1851] ausgesprochen; und die VeröfTenllichung- dieser Vorträg-e soll ebenfalls einen Einblick gewähren in die mühevolle Arbeit und den unermüdlichen Eifer einerseits, andrerseits in die Schärfe der Gedanken und Tiefe der Forschung-en, welche unsere Vorfahren auch auf den Versuch einer wissenschaft- lichen Beg^ründung- und auf den .Aufbau des Systems der Astrologie verwendet haben." Die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, so dass hiermit der erste Band der neuen Folge erscheint. Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen' aus allen Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- sondere Paginirung abgesondertes ' vx; Literaturblatt der ISIS wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- langten , so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europas woh- nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig vind allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich ^^elbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gregenständen für Tausch i\nd Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wiiifjprn^r.diireJi^dieiPoät imter der Addresse: ; ■ : 'il'^a.? :.,j^^äv,5, „Für die allgemeine deutsche Natuiiiistorische Zeitung" Dresden : oder Hamburg : Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von (Hermann Burdach). Rudolf Kuntze. Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der Band der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus 12 Heften bestehen wird, — der Preis des Bandes, zu dessen ganzer Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Tlialer festgestellt ist, — und dass ich bereit bin , wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu empfangen. Rudolf Kuntze, Verlagsbuchhandlung in Uamburs. Drcsacn, Druck der Könitfl. riün)UtliJruLkcr.'i von C. 'tj^MtoI'd^&iSohni.- Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. A^j-«^ t I. Band. No. 6. ^ Allgemeine deutsehe JaMktorMe Zeitnng. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbindung m\{ äiiswMv^m nnd einlieimisclien Gelehrten herausgegeben von Dr. Adolph Drechsler. Neue Folge: erster Band. INHALT. Die tropischen Wälder und ihre Fauna. Aus Dr. A. E. Brehm's liandschriftlicheii „Reiseskizzeu aus Nord -Ost -Afrika." Zu Micromys agilis. Von Dr. A. Dehne. Talpa europaea L. , der gemeine europäische Maulwurf und seine Varietäten. Von Dr. A. Dehne. Vespertilio Noctula Schrb. Von Dr. A. Dehne. Sore.v chrysothorax. Die gelbbrüstige Spitzmaus. Von Dr. A. Dehne. — Nachschrift von Dr. Ludwig Reichenbach, Director am K. naturhistorischen Museum in Dresden. Kleinere Mittheilungen. — Literaturblatt der Isis. HAMBURG, Verlag von Rudolf Kuntze. 1855. Haupt-Deljit für Dresden durch die Hofbuchhandliing von Bud. Kuntze (Herrn. Burdach.) %g- — j^i ^^' Siehe die Rückseite des Umschlags. 209 Die tropischen Wälder und ihre Fauna. Aus Dr. A. E. Brehm's handschriftlichen „Reiscskizzcn aus Nord- Ost -Afrika." „Es prangt der Wald in bunter Schöne Wie eine neue, reiche Welt." Das Wasser ist in den Tropenländern die alleinige Bedingung zu einem höheren vegetabilischen und thierischen Leben. Nur der Mangel desselben ist die Ursache der Wüstenbildung. Wo es regnet, hört selbst die Wüste auf Wüste zu sein ; sie verwandelt sich allgemach in die lebendigere Steppe, und diese geht nach und nach in die ungemessnen Wälder des Inneren über. In vielen- dieser Letzteren ist noch kein Axt- schlag gehört Avorden, viele hat noch kein Pulsschlag der Civilisation durchzittert, sie gehören noch ganz sich selbst und der Wildniss. Ne- ben der Hütte des Negers baut sich noch heute der Aar seineu Horst, neben dem Elephanten durchwandert jene Wälder das wüste Rhinozeros, mit dem König der Wildniss durchschleicht sie der „rosenfellige" Pan- ther. Diese Wälder sind es, von den ich hier reden will. Wenn der dem Aequator zuw^andernde Reisende den achtzehnten Grad der nördlichen Hemisphäre überschritten hat, und in das Gebiet jener Regen gekommen ist, welche die Flüsse des Innern schwellen, be- merkt er gar bald den mächtigen Einlluss des vom Himmel bescheer- ten Wassers. Die Sandmeere verschwinden^ die staubigen Ebenen, auf denen er bis jetzt nur halbdürres Riedgras wuchern sah, bekleiden sich mit einem anfangs allerdings nur spärlichen Pflanzenteppich ; selbst zwi- schen den glühenden Felsmassen, deren starre Oede den Menschengeist niederdrückt, sprosst es und keimt es, und sehnt es sich, Zweige, Blätter und Blüthen in den reinen Aether hinauszutreiben. Mit jedem Breiten- grade, den man durchreist, begegnet man neuen Pflanzenformen; die Ai-ten werden zahlreicher, zahlreicher auch die Individuen der Gewächse. Schon unter dem 16. Grade n. Br. vereinigen sich die früher nur ein- sam hier und da an den Ufern der Ströme stehenden Mimosen zu Wäl- dern, sie erstarken zu gewaltigen, blüthenduft- und schattenspendendeu Bäumen. Je mehr man sich dem Gleicher nähert, je flammender die Blitze, je rauschender, länger anhaltend die Regengüsse der tropischen Gewitter werden, um so reicher wird die Flora und mit ihr die Fauna des unenthüllten, märchenhaften Innern. Die undurchwanderten Ebenen deckt ein mannshoher, von einzelnen sich aus ihm erhebenden Bäumen und Gesträuchen überragter Graswald; in den Niederungen treten die Bäume näher zusammen und verzweigen ihre Kronen zu einem kühlen Laubdach, in dessen Schatten nun auch andere, Avasserbedürftigere Pflan- zen gedeihen können ; selbst auf den Bergen bemerkt man vegetabilisches Allg- deutsche naturhisl. Zeitunjr 1. -ja» 210 Leben. Nördlich des 13. Grades sind nur die Ströme die Herzadern und Träger des Lebens, und ihre Ufer bis zum 16. Grade hinab mit Wäldern, welche oft ganz das Bild der Urwälder des Innern geben, bedeckt, süd- lich desselben wird wegen der Menge der fallenden Regen, und der damit im Einklang stehenden Kürze der Alles ertödtenden Zeit der Dürre, der Pflanzenwuchs allgemein. Je bälder die Wiederkehr des Chariefs") erfolgt, desto mehr ähnelt die Vegetation jener der Tropenländer des wasserreichen Amerikas. Während in den Auaclie**) mit dem Aufhören der Regenzeit auch das sich in ihnen ansammelnde Wasser, und damit der Lebensunterhalt der Bäume verschwindet, so dass diese kaum genug- sam gekräftigt sind, die zweite Jahreszeit zu überstehen, sind alle Ge- wächse südlich des 13. Grades so gesättigt worden, dass sie fasst das ganze Jahr hindurch in voller Uej^pigkeit fortleben können. Desshalb endet erst dort die verhältnissmässig dürftige Vegetation der gleichsam noch immer durstigen Pflanzen der Steppe ; und desshalb findet man erst dort ebensowohl auf den Bergen, als in den Thälern, auf Hoch- ebenen und in Niederungen jenes Pflanzenleben, welches wir sonst nur in der Nähe immer wasserreicher Ströme bemerken. Die Trockenheit der regenlosen Monate ist aber auch dort noch so gross, dass sie, wenn auch nur auf kurze Zeit, den Blätterschmuck der Bäume vernichten und sie auf einige Wochen in Todesschlummer versenken kann. Aber bald erweckt sie der wieder fallende Regen zu Frühlingslust und Früh- lingsleben. Und mit diesem freundlichen Bilde will ich beginnen, ob- gleich es schwer ist, seine Pracht würdig zu beschreiben. Wir betreten vom Ufer aus an einer etwas freien Stelle den Urwald, aus welchem uns ein ununterbrochenes, wirres Stimmengetön entge- genschallt, und Balsamduft anweht. Schon nach wenigen Schritten umgiebt uns von allen Seiten der grossartige Wald. Alles in ihm schwelgt in der üppigsten Fülle. Das Auge weiss nicht, wohin es sich wenden soll ; das Ohr strebt vergeblich das nicht endende Tönechaos zu ergründen ; der Fuss zögert weiter zu schreiten. Pflanzen und Vögel entfalten eine ungeahnete Pracht. Die von goldnen BlüthenrÖschen schim- mernden Wipfel der Mimosen haben meist noch eine Decke von Schling- pflanzen erhalten; die blumenreiche Liane rankt von Baum zu Baum, bemächtigt sich eines grossen Theiles des Waldes, und verwebt Wipfel und Stämme, Baumkronen und niedere Gebüsche zu einem einzigen, undurchdringlichen, undurchsichtigen Ganzen, in welchem es lebt und webt, dass dem Naturfreunde das Herz aufgeht. Blumen, welche unsre schönsten Gärten zieren würden, wachsen hier wild. Wir zählen allein von Winden mehr als zehn Arten. An einigen Schlinggewächsen be- wundern wir die Blumen, an andern die Früchte. Eine von ihnen *) Charicf bedeutet die Regt>iizeit. ♦*) Plural von „Wahd" oder „Wadi", Niederung'. 21t trägt eine carminrothe; gurkenähnliche Frucht, welche die Eingebornen „Tammr el aabihd" nennen, d. h. die Frucht der Sklaven; andere bieten den Vögeln ihre grossen herzförmigen , zinnoberfarbenen Beeren zur leckeren Speise. An einigen Stellen ranken sich Riesenbohnen an den Bäumen empor. Sie haben schöne Blüthen, und fusslange, fleischige Schoten mit schweren Saamenkernen, Die Sudahnesen benutzten sie nur als Viehfutter, obgleich ich gar nicht zweifle, dass sie ein gutes Gemüsse geben würden. Selbst auf die Blätter und Ranken erstreckt sich die bildnerische Schöpfungskraft. Erstere strahlen nicht nur in allen Schattirungen von dunkelgrün bis dunkelroth, sondern zeigen auch die mannigfaltigsten Formen; die Ranken sind glatt oder mit feinen Stacheln besetzt, und haben zu ihrem Querschnitt oft zusammengesetzte geometrische Figuren. Viele Bäume, Gesträuche und andere Pflanzen, vor allen aber die Mimosen verbreiten balsamische Wohlgerüche. Kurz, die Wälder würden ein Paradies sein, wenn sich die Produktionskraffc nur auf die Wipfel der Bäume beschränkt hätte. Allein nicht bloss in der Höhe, sondern auch in der Tiefe ist der Pflanzenwuchs ausser- ordentlich. Das Gras bedeckt nicht selten den Boden bis auf 4 Fuss Höhe, und macht jede Bewegung schwierig, in Verbindung mit Schling- pflanzen und niederen Gebüschen oft geradezu unmöglich. Der Wald ist halbe Meilen weit vollkommen undurchdringlich. Jede Grasart, jeder Baum, fast jedes Rankengewächs besitzt Stacheln oder Dornen. Die Gräser sind unter allen die unangenehmsten. Eine Art heisst Askanit, und lässt ihre feinen Stacheln in den Kleidern und der Haut des Ein- dringlings sitzen; eine zweite nennen die Araber Esseik und hassen sie fast noch mehr als die erste. Ihre Aehre haftet am Linnenzeug so fest, dass sie weder im trocknen Zustande, noch durch Waschen daraus ent- fernt werden kann. Ein drittes Gras, die Tarbe (zu deutsch ungefähr „Wegerich") der Araber, erzeugt Saamenkapseln von solcher Härte, dass sie das Schuhwerk zerschneiden und höchst lästig werden. Hierzu kom- men noch Gebüsche mit Dornen von allen Grössen und Gattungen, von den 3 bis 4 Zoll langen Mimosendornen an, bis zu den kleinen, gebo- genen des Nahakhsirauches , oder der während des Frühlings kahlen Harahsi herab. Nur mit grossen Wasserstiefeln kann man hier und da in das Innere des Waldes eindringen, allein diese sind bei der herr- schenden Hitze eine drückende Last, und werden auch da, wo die zu einem einzigen Dornengeflechte verwebten Gesträuche, Disteln und Grä- ser jedes weitere Vordringen hemmen, unbrauchbar. — Aber dennoch versuchen wir immer von Neuem in das Innere des Waldes zu gelangen. Dort eröffnet sich uns eine neue Welt; wir kön- nen nicht aufhören zu bewundern. Ruhelos schweift der Blick umher. Soll das Auge die mit den prächtigsten Farben geschmückten Vögel verfolgen, soll es an den duftigen Blüthen haften bleiben, oder soll es sich au einer zierlichen Gazelle, einem Erdeichhörnchen, einem goldigen 16* 212 Käfer, einem buntfarbigen Schmetterling erfreuen? Es ist gar nicht fähig, air das Schöne, Herrliche, Erhabene, welchem es nach allen Seiten hin begegnet, mit einem Male dem Geiste vorzuführen. ]\Iit Ent- zücken und Erstaunen betrachten wir die auftauenden Gestalten und die Pracht der Farben, mit welchen die Natur hier Alles austattete. Erst durch seine Bewohner gewinnt der Wald seinen vollen Reiz. Wer empfände nicht ein lebhaftes Vergnügen, wenn er die stahlblaue, in der Sonne in allen Farben schillernde Glanzdrossel : Lamprotornis, durch die Zweige schlüpfen sieht? Wer vermag es, dem Fluge einer Paradies wittAve: Videa paradisea, welche das für sie fast allzugrosse Gebäude ihres Trauer- schleiers mühsam durch die Lüfte dahinschleppt, gleichgültig zu folgen? Die verschiedensten Stimmen und Töne sind hörbar. Von dem kühnen, starkklauigen Adler an, bis zu der smaragdgrün schillernden Biene schwirrt und summt, singt und lockt es in allen Zweigen. Schon von Weitem leuchtet die hochcarminrothe Brust eines Würgers, des Laniarius erythrogaster, aus den dichtesten Hecken hervor. Sein merk- wüi'diger Lockton fällt auf; es ist ein hell melodischer, dem unsers Pirols entfernt ähnlicher Plift', welchem ein höchst unmelodisches Knar- ren folgt. Wir schleichen dem Vogel nach und hören plötzlich den Pfiff von der einen, das Knarren von der andern Seite erschallen : Männ- chen und Weibchen haben sich vereinigt, den ununterbrochenen Lock- ruf hervorzubringen. Das Männchen beginnt seinen Flötenton und das wohl achtsame Weibchen endet das Duett mit seinem eigenthümlichen Knar- ren*). Hoch auf den Wipfeln grösserer Bäume sehen wir eine Art des Nashornvogels: Tokus erythrorynchus , der, weil seine Brutzeit herran- naht, da oben seinen Paarungsruf unter den lebhaftesten Gesten in alle Winde hinausschreit. Unter scheinbar htichst anstrengenden, ergötzlich an- zusehenden Bewegungen des Oberkörpers, beginnt er langsam seinen, aus einem einzigen Tone bestehenden Ruf, wird aber endlich so hitzig, dass er zuletzt seiner Stimme mit dem Kopfe nicht mehr folgen kann, denn bei jedem Ausrufe neigt er diesen tief herab. Ganz ähnlich klingt das Ruksen eines niedlichen Erdtäubchens, welches wahrscheinlich eben- falls nach einer Gefährtin seufzt. Man hört wenig Sänger, aber viel Schreier, welche wieder alle von dem Kreischen der in die Blätterfarbe gekleideten Papageien übertönt werden. Zuweilen erschallt auch ein eigenes Gegurgel dazwischen. Es rührt von einer der hier vorkommen- den Affenarten her. Der langgeschwänzte Affe : Cercopithecus griseovi- ridis, durcheilt mit kühnen Springen die höchsten Aeste der himmel- *) Wir können etwas Aehnliches bei unsern Hausgänsen bemerken. Das „Gahk" des Weibchens folgt so schnell auf das „Gihk" des M<ännchens, dass man ebenfalls glauben könnte , Beides rühre nur von einem Vogel her. Dass sich die verschiedenen Geschlechter der Vogelpaare gegenseitig antworten, ist bekannt; bei unserm Wendehals: Jyn\ torquilla, kann ea jeder meiner Leser leicht selbst beobachten. 218 anstrebenden Bäume: ein altes Männchen, erfahren in allen Lagen des Affenlebens, ausgelernt und listig, ist es, welches mit jenen seltsamen weit hörbaren Tönen die komisch hinter ihm dreinspringende Heerde leitet. Und dazu hämmern die Spechte, summen und brummen Tausende von Insekten, rasseln die Schlangen und Eidechsen, knarren und rau- schen die Bäume ! Jeder Schritt fast bringt ein neues Wunder vor unsre Augen. Es gibt in den Bäumen nur wenige Höhlungen, in welche die Vögel ihre Nester bauen könnten ; deshalb hat die allgütige Natur diese gelehrt, sich selbst Wohnungen zu erbauen, welche fast gleiche Sicherheit als jene Baumhöhlen gewähren. Ein finkenartiger Vogel, Aqv „Webervogel" genannt wegen seiner Kunst, Gras, Wolle und andere Stoffe zu Nestern zu verweben, befestigt an den Enden der schwächsten und biegsamsten Zweige mit langen zähen Grashalmen sein künstliches Haus, versieht es mit einem kegelförmigen Dache, unter dem er einen röhrenförmigen Eingang anbringt, und lässt sich und seine Brut behaglich vom Winde schaukeln. Keine Schlange kann in seine Behausung eindringen, kein Affe kann ihm seine Eier rauben, kein anderer Eäuber seine Brut bedrohen, er lebt sicher und sorglos und schlüpft, wenn seine Kinder flügge ge- worden, fröhlich mit ihnen aus seiner engen Thüre heraus. Ein anderer, ihm entfernt verwandter Vogel von der Grösse unsers Staars, der schwarze ewig lärmende Textor Alecto trägt sich eine Menge von dornigten Aesten zusammen, verbindet sie, fast wie unsre Elstern, zu einem wirren Gan- zen, macht sich von einer Seite einen nur ihm zugänglichen Weg zu dem Innern des scheinbaren Dornenhaufeus und glättet und wölbt sich dort seinen Sitz. Die Honigsauger verstehen ihr kleines Nestchen, wel- ches sie ebenfalls an Zweigen aufhängen, aus Baumwolle so zusammen- zufilzen, dass es nicht leicht zerstört werden kann. Die kleinen Finkcn- arten tragen sich einen Haufen dürres Gras zusammen, welchen keiner ihrer Feinde als Nest erkennt, und legen da ihre Eier hinein. Die Ziegenmelker verlassen sich auf ihr, einem Stück Baumrinde ähnliches Gefieder und legen ihre zwei Eier platt auf den Boden, weil auch sie kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden sind. Andre graben sich tiefe Höhlen in steile Erdwände, und wieder andere kleben und leimen ihre Nester zwischen und an die breiten Blätter verschiedener Bäume. Um eine einzeln stehende Dumapalme sehen wir mit Verwunderung viele Paare eines kleinen Seglers schwärmen, und bemerken, dass die Vögel- chen immer zu den langgestielten, breiten und gebogenen Fächerblättern zurückkehren. Von oben schimmmert uns etAvas Weisses entgegen, wir besteigen den Baum und finden , dass es das Nest dieses gewandtesten aller Flieger ist. Es besteht aus Baumwollenfasern und ist in "die Mitte der Blattriefe geklebt. Wir bemerken fast an allen Blättern dieselbe Erscheinung. In einigen Nestern liegen Eier, in anderen sehen wir Junge. Die Nestchen sind so flach, dass wir fürchten, die kleinen 214 unbeholfenen, kaum dem Ei entschlüpften, oder zum Theil noch in die Schaale desselben eingeschlossenen Geschöpfe möchten bei einem hefti- gen Sturme heraus- und herabgeschleudert werden. Aber die gütige Natur, die ewig sorgsame Mutter aller lebenden Wesen, hat einen be- wunderungswürdigen Instinkt in die Seele des kleinen Thierchens gelegt, um das seiner Brut Drohende zu verhüten : Junge und Eier sind von den Alten mit Speichel angeleimt worden ! Wie viele verschiedene Wege geht die Natur, und dennoch führen alle glücklich zum Ziele! Unter den Säugethieren, welche den Wald bewohnen, gibt es wenig Höhlengräber. Die Erdeichhörnchen des Sudahn: Sciurus brachyotos, leben in Höhlen und schlüpfen beim Erscheinen eines Menschen rasch da hinein. Grössere Baue, welche wir hier und da bemerken, sollen nach Aussage der Eingebornen einem Stachelschwein angehören; bis jetzt ist der Bewohner des Baues noch von keinem Europäer gesehen worden. Mäuse- und Rattenlöcher gibt es überall; es ist aber gefährlich diesen unvorsichtig nachzuspüren, weil die häufig vorkommenden Vipern gern von den Löchern Besitz nehmen. — Das ist ungefähr das Bild, welches uns das Innere des Waldes aufrollt während des Chariefs. Auch von Aussen betrachtet, machen die Wälder einen grossartigen Eindruck. Dunkelgrüne Baumkronen mit frischen, lebendigen Blättern wechseln in den mannigfaltigsten Schattir- ungen mit lichter gefärbten ab ; die herrlichsten Baumformen heben sich stolz über das andere Holz empor. Ueberall ist Leben, nur die während der allgemeinen Blüthezeit blätterlose Harahsi steht mitten in dem Blättermeer, und wartet, bis die Ströme fallen und das Laub vieler anderen Bäume vergilbt oder gar abfällt, um dann erst in ihren Früh- lingsschmuck sich wieder zu kleiden. Mit der zunehmenden Dürre wird einer der Bäume nach dem andern entlaubt. Die gluthheissen Chamasihne ertödten und entführen die Blätter, von dem ganzen Reichthum der Wälder bleibt nur das Unan- genehme derselben zurück; Blätter und Blüthen sind verdorrt, Disteln, Stacheln und Dornen sind geblieben. Die Geschöpfe ziehen sich nach Süden, oder kehren, wenn sie von Norden kamen, nach Norden zurück. Der Wald verödet und wird stiller. An Stelleu, wo die Bäume nicht allzudick stehen, zünden die Eingebornen das von ihren Rinderheerden verschmähete oder nicht niedergetretene Gras an, vertilgen dadurch vieles Ungeziefer, vertreiben aber auch auf lange Zeit die interessanteren und harmloseren Bewohner desselben. Erst die wieder fallenden Regen bringen diese zurück. Betrachten wir nun die Fauna der Wälder etwas genauer. Von ihrer Flora kann ich nicht sprechen, weil ich sie nicht kenne, ich will bloss zwei Bäume zu beschreiben versuchen: den Affenbrodhaum und die Dulehhpalme. Beide kommen ungefähr unter denselben Graden der 215 Breite vor; sie beginnen zwischen dem 14. und 13. « n. Br. und werden nach Süden zu immer häufiger^ während wir sie nördlich des vierzehn- ten Grades niemals bemerkt haben. Der Affenbrodbaiim oder die Adansonie: Adansonia digitata, arabisch Tabaldie, Boabahb und Khunkhlehs oder Gunglehs genannt, ist ohne Zwei- fel der merkwürdigste, die Dulehbpalme wahrscheinlich der schönste Baum Ost-Sudahns, Ersterer ist unter den Bäumen das, was die Dick- häuter unter den Thieren sind. Man kann sich nichts Riesenhafteres denken, als einen solchen Baum. Der Stamm ist fast immer hohl, aber von ungeheurem Umfange. Siebzehn Klaftern Umfang — in Mannes- höhe gemessen — ist keine seltene Stärke, zehn Klaftern die gewöhn- liche. Die in Dörfern stehenden Bäume sind oft zu Ställen eingerichtet, welche fünfzehn bis zAvanzig Ziegen beherbergen. Zu dem Umfange der Adansonien steht ihre Höhe in keinem Verhältniss; sie beträgt wohl nie mehr, als 120 Fuss. Der Stamm verjüngt sich stark, schon in geringer Jiöhe laufen Avagrechte Aeste aus, welche ungefähr die Dicke unsrer grössten Eichen haben. Dreissig bis vierzig Fuss über der Erde hat der Stamm bereits kaum seine halbe Stärke mehr. Von Zweigen ist eigentlich an dem ganzen Baum nichts zu bemerken, erhat nur starke Aeste, und diese starren während der Zeit der Dürre so kahl, so sonderbar in die Luft hinaus, dass der Eindruck des dickhäutigen Riesen nur um so mächtiger wird und sich dem Geiste um so tiefer einprägt. Wäh- rend der Regenzeit überkleidet sich der ganze Astbau mit Blättern, welcher dem Baume ein majestätisches Ansehen geben ; sie sind gross, langgestielt , und wie die Finger einer Hand fünfzählig — daher „digitata"; — ihre dicken Stiele vertreten die Stelle der Zweige. An der Adansonie ist alles kolossal, auch ihre Blüthen und Früchte sind es. Erstere sind prachtvolle , schneeweisse Malven , übertreffen aber alle Malven an Grösse. Sie sind zahlreich, leuchten schon von Weitem zwi- schen den dunkelgrünen Blättern hervor und sind ein wundervoller Schmuck des gigantischen Gewächses ; ich kenne keinen herrlicheren Anblick, als den einer blühenden Tabaldie. Die eiförmigen, einem halb ausgewachsenen Kürbiss an Grösse gleichen Früchte hängen an langen Stielen, besitzen eine rauhe, harte, grünlichgraugefärbte Schale und enthalten ein säuerlich schmeckendes Mehl, in welchem die vielen bohnengrossen Samenkerne liegen. Wenn man das Mark in Wasser auflösst und mit Zucker und Citronensaft versetzt, erhält man eine er- frischende, wohlschmeckende Limonade. Der oft ausgesprochenen Mein- ung, dass der Boabahb ein sehr hohes Alter erreichen müsse, scheint die Beschaffenheit des Holzes zu widersprechen. Dieses ist eine leichte, korkartige Masse von sehr geringer Festigkeit und Härte, und schwer- lich das Erzeugniss eines langen Wachsthums. Unter der saftigen, glän- zenden, kohlschwarzen Rinde liegt ein feines, zähes Bast, welches von 216 den freien Negern zu festen Flechtereien und anderen zierlichen Arbei- ten verwendet wird. Der Dulehb ist wohl eine der edelsten Formen der Palmen. Sein Stamm steigt kerzengerade in die Plöhe, verdünnt sich wenige Fuss oberhalb der Erde, wird dann allmählig bis zur Mitte seiner Höhe wie- der dicker und verjüngt sich von da an, einer korinthischen Säule ähnlich, bis zu seiner Krone, dem Kapital des vollendet schönen Bau- werks der Natur. Die Krone selbst ist eines solchen Trägers werth. Sie enthält breite, fächerartige Blätter, welche in ihrer Gestalt noch an die der Dumapalme erinnern , sich aber von diesen dadurch , dass ihre Stiele nicht von der Last der Blätter herabgebeugt Averden , sondern in jeder Richtung gerade vom Stamme abstehen, vortheilhaft unterscheiden. Zwischen den untersten Blattstielen brechen die Fruchthalter hervor, in denen die in Trauben gereiheten, braunen, kopfgrossen und essbaren Früchte hängen. Erst wenn sie abgefallen sind, kann man sich ihrer bemächtigen, denn die Dulehbpalme ist, wie ich mich durch mehrere Versuche überzeugt habe, unersteiglich. Gern möchte ich meinen Lesern noch ähnliche Bilder zeichnen, wenn ich meine Schwäche nicht gar zu lebhaft fühlte. Der Laie vermag es nicht, einzudringen in die Geheimnisse einer so grossartigen Pflan- zenwelt. Ich muss es mir versagen; will aber noch einen Ueberblick über die interessantesten Klassen der Fauna jener Wälder hier fol- gen lassen. Wenden wir uns zunächst zu den Insekten. Es lässt sich erwarten, dass eine so reiche Vegetation das Gedeihen und die Ausbildung dieser so sehr an die Pflanzen gebundenen Thierklasse begünstigen muss. Wir finden desshalb auch fast alle Ordnungen dieser grossen Klasse in namhafter Arten- und Lidividuenzahl vertreten, von den Coleopteren an^ bis zu den Heteropieren herab. Die am Meisten ins Auge fallenden Kä- fer scheinen mit am Reichsten repräsentirt zu sein. Die Prachtkäfer : Bupresten, umfliegen bei Tage die blühenden Mimosen, und spiegeln, wenn sie sitzen, ihre glänzenden Flügel in der Sonne, um deren Pur- purstrahlen , welche selbst durch den auf die Flügel gehauchten Gold- staub hindurchschimmern, zu zeigen; sie erscheinen in vielen Arten und so zahlreichen Individuen, dass man mehrere Dutzende von einem Bäum- chen ablesen kann. An allen sonnigen und feuchten, graslosen Stellen sieht man prachtvolle Sandkäfer: Cicindelen, sich fliegenartig in der Luft oder auf dem Sande herumtummeln, sie sind scheu und nur in der Frühe des Morgens leicht zu erlangen, wo sie dicht neben einander an den th anfeuchten Grashalmen der Flussufer hängen und ohne besondere Mühe massenweise „geschöpft" werden können. Nach den Untersuch- ungen des Herrn Professor Ajyetz in Altenburg haben wir sechs Arten dieser ausgezeichneten Käfer aufgefunden. Von den Laufkäfern: Carabicinen, hat derselbe bis jetzt aus unseren Sammlungen 33 Arten 217 bestimmt, von den Glanzkäfer^: Cetonien, glaube ich ohngefähr sechs Arten beobachtet zu haben. In den Lachen wimmelt es von Wasser- käfern und Spielern : Hydrocantharen, letztere, die Gyriniden, von denen wir fünf Arten mitgebracht haben, tanzen zu Hunderten in jeder Uferbucht, hinter jedem, die Strömung mindernden Busche auf der Oberfläche des Was- sers herum ; erstere , die Dyticiden, kommen zwar in mehren Arten vor — Herr Prof. Apetz hat neun bestimmt — sind aber schwerer zu erbeu- ten. Die Dung- und Aaskäfer sind in der Xähe jeder Rinderheerde zahl- reich zu finden und zeichnen sich durch Reichhaltigkeit der Arten aus. Unter den ersteren nennen wir die bekannte Copris Isidis, welche man aus ihren 6 — S Fuss tiefen Erdhöhlen vermittelst eingeschütteten Wassers vertreibt, die durch ihre Grösse und Körpergestalt auffällt. Springküfer: Elateriden, und Rüsselkäfer : Rhynchophoren sind gemein. Die stechenden Insekten der Wälder sind nicht minder zahlreich. Um jedes gefallene Thier sammeln sich grosse, gefährliche Hornissen zu Hunderten, fressen gierig von dessen Fleisch und stechen heftig: unter den Wespen sind die Goldwespen: Chrysididen, vorzüglich ausge- prägt. Diese prachtvollen, intelligenten Thiere werden oft zu einer wahren Plage für den Reisenden, zumal weil sie Avegen ihres schmucken und unschuldigen Aeussern oft verkannt und gern gefangen werden. Eine Art derselben kommt häufig in die Wohnungen : sie gleicht einem leuchtenden Smaragd an Farbe, und ist ein Avahrer Teufel an Bösartig- keit, denn sie sticht sehr empfindlich. Aechte Honigbienen gibt es auch. Die freien Neger sammeln ihren Honig in grosse Barahm oder Töpfe, betrachten ihn als Leckerbissen und halten ihn hoch im Preise. Auffallend ist es, dass man wenig Schmetterlinge bemerkt. Die Tag- falter , unter denen die Ritter am Meisten hervortreten, fallen eher ins Auge, als die Nachtschmetterlinge, sind aber weit weniger zahlreich, als diese, sowohl an Arten, als an Individuen. Dies hat vielleicht seinen Grund darin, weil die Puppen der Xachtschmetterlinge mehr Zeit zu ihrer Ausbildung brauchen und desshalb die trockene Jahreszeit leichter überstehen, als die Tagschmetterlinge. Diese erreichen, wie bemerkt, in den Papilioniden ihre höchste Ausbildung, und tragen oft eine erstau- nenswerthe Farbenpracht zur Schau. Mit Gelb und Schwarz in allen Misch- ungen scheinen sie mehr als den übrigen Farben bevorzugt zu sein. Alle grossen Tagfalter sind sehr scheu und verlieren sich, wenn sie sich ver- folgt sehen, bald in den höchsten Wipfeln der Bäume. Dabei gaukeln sie mit solcher Leichtigkeit über Dornenhecken, Graswälder, Büsche, Gräben und Lachen hinweg, welche der schwerbesehiihete , unter der Tropensonne keuchende Fänger durchkriechen, durchwinden, umgehen oder durchwaden muss, dass er gewöhnlich nur das Nachsehen hat. Für die Dipteren sind die tropischen Waldgegenden ein Paradies. Die Biesfliegen sind ungemein zahlreich. Wahrscheinlich gehört der Tu- bahn der Araber hierher. Es ist die „Fliege", welche sie zwingt, sich 2j8 mit ihren Rinder- und Kamelheerden während der Regenzeit in die höch- sten und trockensten Stellen der Chala zu flüchten. Man hat behaup- tet, dass dieses Thier die Hauptursache von dem unfehlbaren Zugrunde- gehen des Kamels südlich des 13'' n. Br. ist. Ich selbst habe es nie gesehen, und auch nie eine genügende Beschreibung erhalten. Die mir von den Nomaden gegebenen Mittlieilungen sind naiv genug. „Der Tu- bahn" sagen sie „kommt in grosser Anzahl zu den Kamelen , und da sterben sie davon." „„Nun, und Avas ist der Tubahn?"" „Kennst Du den Tubahn nicht? Es ist eben derTubahn." So ungefähr beschreiben diese Leute ein Thier, welches keine Haare, keine Federn hat, nicht schreit, keine nachzuahmenden Bewegungen macht, und als „ein' Ge- schenk des Teufels — „aus billahi aaleihn" — (vor dem uns Gott schützen möge) angesehen wird. Unter die Ordnung der Dipteren — bei deren Erwähnung ich meine grosse Unkenntniss gern zugestehen will — gehören bekanntlich auch die Quälgeister der Tage und Nächte jener Gegenden, die gierigen, heisshungrigen Fliegen, zu deren Entwehrung, wenn sie von Nutzen sein sollte, der Mensch eine eigene Hand haben müsste; und die der Hölle, d. h. den auch ausserdem viel Böses und Schädliches bergenden Sümpfen, entstammten Musquitos. Jede Beschreibung der Art und Weise wie diese Dämonen in Mückengestalt auftreten, misslingt; jede Schil- derung der Pein und Unannehmlichkeit, welche sie verursachen, bis sie ihren glashellen Leib mit dem Blute so eines armen Menschenkindes gemästet haben, bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Ehe man noch die von den saugenden Rüsseln der Tagfliegen schmerzenden Augen- lider schliesst — denn die afrikanischen Fliegen sind im Vergleich mit ihren weit harmloseren europäischen Collegen raffinirte Bösewichter; kriechen dutzendweis in die Ohren, die Nase, die Augen, soweit sie können, auch in den Mund, und lassen sich nicht so leicht vertreiben, wie eine gesittete norddeutsche Hausfliege — , verdunkelt sich die Luft von den Schwärmen der Musquitos. Jede im Schatten gewesene Blatt- seite, jeder Rohrstängel, jedes Schilf blatt, jeder Grashalm, speit diese Nichtswürdigen aus zur Qual der Menschen und Thiere; sie sind da, um ihr Marteramt zu verrichten, und sollten sie aus den Wolken her- unterkommen. Unter unheilkündendem Summen nähern sie sich ihrem ausersehenen Opfer; die Kreise, die sie in ihrem Fluge beschreiben, werden enger, die Furcht, — ich darf wohl diesen Ausdruck brauchen — wächst mit der Dunkelheit des Abends, denn ein unsiohtbarer Feind ist furchtbarer, als ein sichtbarer. Der seinem Feinde mit Todesver- achtung im Kampfe' gegenüberstehende Neger des weissen Flusses fürchtet sich vor den Musquitos und bettet sich in einen Aschenhaufen, der Europäer säubert sein Gacenetz, zieht es sich über den Kopf, bläst Tabaksdampf in alle Falten desselben, schläft ein und wacht von dem Jucken wieder auf, welches die Stiche von einigen Dutzend dieser Pei- 219 niger, die doch unter das Netz gekommen sind, ihm verursachen. Jede Nacht wiederholt sich diese Plage; jede Nacht beginnt und endet mit Verwünschungen gegen sie. Man muss das, jeder Bequemlichkeit baare Lager eines Reisenden im Innern Afrikas kennen, man muss monate- lang allnächtlich von den Musquitos zerstochen worden sein , um diese Plage wirklich begreifen zu können. Zur Zeit der Dürre ist es etwas besser, Musquitos giebt es aber das ganze Jahr. — Auch von den Netzflüglern : Neuropteren ; finden wir in den Tropen Afrikas viele Familien, Geschlechter und Arten. Die, Sparrwerk und Bäume zerstörenden Termiten, welche sich würdig an die Musquitos an- schliessen, gehören mehr der Steppe, als den Urwäldern an : sie sind die schädlichsten Gesellen dieser Ordnung. Von den harmlosen Flor- fliegen oder Perliden kennt man mehrere Geschlechter im Sudahn. Eine Art der dieser Familie nahe stehenden Sialiden fanden wir oft zvi Hun- derten an den Mimosenstämmen schattiger, wasserreicher Urwälder hängen, wo sie von den Vögeln begierig aufgesucht werden. Die Fliege hatte einen köstlichen, rosenölartigen Geruch, und theilte diesen den Vögeln mit. Afrika ist das Land der Orthopteren. Während des Charief fressen grosse Vögel nichts als Heuschrecken. Man sieht den heiligen Ibis in langen Zügen nach der Steppe wandern und findet, wenn er von da zurückkommt, sechzig bis achtzig dieser Thiere in seinem Kröpfe. Er füttert damit seine fressbegierige Brut gross. Selbst Störche und Kra- niche, sogar Falken verschmähen es nicht, auf Heuschrecken Jagd zu machen. Ihre Anzahl übersteigt alle Begriffe ; ich glaube , schon die Artenzahl der in Afrika vorkommenden Mantiden, Phasmiden, Acrididen, Locustiden und anderer Familien dürfte vier bis fünfhundert überstei- gen. Einige Arten des sonst ziemlich seltenen „fliegenden Blattes^': Phyllium; sind in den Urwäldern häufig. Aus der Ordnung der Heteropteren nenne ich die Wasserwanzen : Hydrocoren ; und Schildwanzen: Scutellerideu ; als häufige Erscheinungen der innerafrikanischen Thierwelt: die Aphanipteren verschwinden zum grössten Theile innerhalb des Wendekreises. Unser Pulex irritans, der in Egypten in den Kleidern der feinsten europäischen Löwen ein gar lustiges Leben führt, plagt die Sudahnesen nicht. Dafür haben sie aber um so mehr mit Parasiten zu kämpfen, und werden ihrer nie Herr. Die Thierchen haben die Farbe ihres Körpers, bei den Negern sind sie schwarz, also jedenfalls andere Arten, als die unsrigen. Während wir bei den niedern Thieren Afrikas noch fortwährend an europäische Formen erinnert werden: tritt die Eigenthümlichkeit und Selbstständigkeit der afrikanischen Fauna bei den Wirbellhieren so deutlich hervor, dass oft gar keine Vergleichung afrikanischer Typen mit europäischen zulässig ist. Ich brauche wohl nur an das urweltiiche 220 Kleeblatt; Elephant, Nilpferd und Nashorn, dem sich als passende Zugabe noch das Krokodil anschliesst^ zu erinnern , um verstanden zu werden. Wenn wir die Repräsentanten einer, Europa und Afrika gemeinsam angehörenden Form mit einander vergleichen, finden wir, dass die afri- kanischen Thiere gewöhnlich kleiner, aber farbenprcächtiger sind, als die europäischen. Bei der Klasse der Vögel kann diese Erscheinung als Gesetz aufgestellt werden, dessen Begründung sich bei den (im engeren Sinne genommenen) Familien der langliälsigen Geier : -Gyps, bei ^QX^^Y Seeadler: Haliaetos; der Adler: Aquila; Falken: Falco; Sperber: Ni- sus ; Eulen: Bubo, Otus, etc.; schwalhenartiger Vögel: Chelidones; Kukuke: Cucuhis, Chrysocopus ; Haben: Corvus; Spechte: Picus, Dendrobates; Wür- ger: Lanius; Dickschnäbler: Loxiadae; ^w,v«//r2/^, dßs schlangen- halsigen Sauriers aus dem Lias von Bristol. Nachdem er seine Güter auf Jamaica besucht hatte, gab er, 1525 zurückgekehrt, einen umfassen- den Bericht über die Geologie dieser westindischen Insel, deren Ver- hältniss er in dieser Richtung zum ersten Male erschlossen. Im Jahre 1830 erschienen seine „Geological Notes" und sein „Sections and Views of Geological Phenomena" und 1831 sein in mehrere Sprachen über- setztes ,,Geological Manual". Alle Zeichnungen fertigte er mit eigener Hand. Mit Unterstützung aus der Staatskasse bearbeitete er mehrere Jahre lang mit aller möglichen Anstrengung die geologische und trigo- nometrische Darstellung von Cornwall, Devonshire und West-Sommer- set. Durch seine eignen reichen Sammlungen begründete er das Lon- don Museum of the practica! Geology. Im Jahre 1848 wurde er selbst Director „of the Geological survey" und of the Governments School of Mines." Sein ursprünglich kräftiger Körper erlitt endlich eine Glieder- lähmung, welche es dennoch nicht vermochte, ihn den wissenschaftlichen Arbeiten ganz zu entziehen. Noch zwei Tage vor seinem Tode brachte er in seinem Museum einige Stunden im Rollstuhle zu und verschied am 13. April d. J. Sein Andenken bleibt überall, wo die Wissenschaft lebt, seine Humanität bei allen die ihn kannten, in der dankbarsten Erinnerung;. Kleine Proben vom Meeresgrund sind bereits früher bis 12000 Fuss Tiefe analysirt worden. Herr Ehrenberg hat unlängst vom Herrn Lieute- nant Maunj ein Stückchen Meeresboden von der Grösse einer halben Linse in einer Papierhülle erhalten,yauf Avelcher bemerkt war: Specimen of Soundings in (he Coral Sea. 2150 Fath. By Passed Midshipman Brooke. U. S. Navy. [Älonatsbcricht d. K. Pr. Acad. d. Wissenschaften März 1855.] Diese kleine Substanz ist demnach aus einer Tiefe von 12900 Fuss erhoben, und (wahrscheinlich) aus dem Süd-Ocean Australiens. Herr Ehrenberg sagt in dem Berichte: „Ich habe, um nicht durch Reinigen der kleinen Menge von Talg für die mikroskopische Prüfung einen 18* 244 Substanzverlust zu erleiden, den grösseren Theil in einem Uhrglase unter Wasser erwärmt. Dabei setzten sich erdige Theilchen zu Boden und der Talg ging zur Obei'ääche. Diese freigewordenen Erdtheilchen wurden sofort geprüft. Aber auch die Talgthcilchen enthielten noch eine nicht geringe Menge fremder Stoffe. Mit Schwefeläther und Terpen- tinöl habe ich das Fett auch von diesen allmälig entfernt und einen Rückstand erhalten. Diese erdige Theilchen habe ich dann auf zehn Glimmerblättclien sehr dünn ausgebreitet und mit Canada Balsam über- zogen. So ist es gelungen, eine scharfe Analyse der mechanischen Misch- ung der kleinen Bodensubstanz herbeizuführen. Was diese Mischung anlangt, so besteht sie hauptsächlich aus einem feinen thonigen Mulm in welchem Quarzsandtheilchen unterschieden werden, deren einige far- big, schwarz, röthlich und grün sind. Doppelte Lichtbrechung charak- terisirt dieselben bei polarisirtem Lichte wie Quarz. Mit diesen unor- ganischen Stoffen haben sich in der so kleinen Menge doch bisher 24 verschiedene organische Stoffe und selbstständige Lebensformen fest- stellen lassen, und ausserdem 4 unorganische Formen. Es sind nem- lich aus sieben verschiedenen Klassen Körperspuren beobachtet worden." Die beobachteten 28 Formen des Meeresbodens sind foldende: Polygastern 4 Formen: Coscinodiscus profundus? — Mesocena? septenaria. — Mesocena? senaria. — Navicula cristata. Phytolitharieji 7 Formen: Amphidiscus. — Lithosphäridium. Spongolithis acicularis, cenocephala, Fustis, robusta, Tinceros. Polythalamien 2 Formen: Globigerina? Fragm. — Spiroplecta pro- fundissima. n. sp. Polycystinen 5 Formen: Cornutella clathrata profunda? — Eucyr- tidium? — Flustrella concentrica. — Haliomma? — Spongo- discus. Geolithien 2 Formen: Cephalolithis. — Dictyolithis micropora. PVeiche ' Pflanzentlieile 4 Formen : Bastfaser. — Epidermis. — Paren- chyma vasculosum. — Par. cellulosum. Anorganische Formen 4 : Sterncrystal, sechsstrahlig. — Grünsand. — Quarzsand. — Mulm. - — " „Wohlcrhaltene Schaalen in überschwenglicher Menge, Erfülltsein der Schaalen mit weichen Körpern, Farblosigkeit der weichen Körper und Mangel häufiger, oft aller Erkenntniss der aus der Tiefe gehobenen Formen in d(^ Oberflächen-Verhältnissen sind für jetzt die auch durch diese Probe befestigten Gründe für das Belebtsein der Tiefe." Auch in einer Tiefe von 12,900 Fuss ist eine Oberfläche, welche der Kreide- bildung sich anschlicsst nicht erreicht worden; es wird vielmehr be- merkt, dass in der zunehmenden Tiefe eine Abnahme der Polythalamien und Zunahme der Polycystinen und Spongolithen sich zeigten, welche einen Charakter bieten, der sich von der Kreidebildung weiter zu ent- fernen scheint. — 245 Käfer aus den Familien der Longiconüa , Paussidae und Ptiniores. Unter 23 von Herrn Peters in Mossambique gesammelten und von Herrn Dr. Ger.stäcker bearbeiteten Arten aus der Familie der Longicornia sind 14 neu, und zwei derselben bilden neue Gattungen. [Monatsbericht der K. Pr. Academie der Wissenschaften zu Berlin. April 1855.] Die neuen Arten, deren Diagnosen in dem Berichte sich behnden, sind: 1) Ceramhyx (Hammaticherus) incultus , 2) Callichroma heterocnemis , 3) Callichroma leucorhaphis, 4) Callichroma ruficrus, 5) Compsomera specio- sissima, 6) Closteromerus insignls, 7) Obrium murinum, 8) Ceroplesis mili- taris ; Cymatura, nov. gen. Corpus elongatum, cylindricum, tomentosum. Frons inter antennas profunde excisa, tuberculo antennifero admodum elevato. Palpi articulo ultimo subulato. Antennae (feminae?) corpore breviores, articulis 3. — 10. longitudine decrescentibus. Thorax an- gustus, basi apiceque evidenter constrictus, spina laterali post medium sita instructus. Elytra latitudine communi triplo fere longiora, lateribus subparallela^ apice subtruncata, angulo externo producto, fimbriato. Mesosternum lineare. Pedes breviusculi, tibiae mediae extus profunde excisae. 9) Cymatura bifasciata, [„Eine zweite, ebenfalls neue Art dieser Gattung besitzt das Berliner Museum von Port Natal: Cymatura scopa- ria."] Rhaphidopsis, nov. gen. Corpus parallelum, subcylindricum , to- mento brevi dense vestitum. Caput magnum, thoracis latitudine, sutura media longitudinaliter divisum: fronte a vertice sutura transversa sepa- rata. Antennae distantes: niaris corpore tertia fere parte, feminae vix longiora: articulo primo ceteris crassiore, 2. brevissimo, 3. dimidio fere longiore quam 1. sequentibus ad 10. usque sensim brevioribus, ultimo praecedente dimidio longiore, apice acutissimo. Thorax longitudine non latior, subcylindricus , basi sat late constrictus, lateribus pone medium in spinam brevissimam, tuberculi formen dilatatus. Elytra thorace paullo latiora, latitudine communi plus duplo longiora. Pedes breviusculi. Prosternum simplex, medio angustatum, mesosternum tuberculo parum elevato instructum. — 10) Rhaphidopsis inelaleuca. [,,Ausserdem ist dieser Gattung beizuzählen: Ceroplesis Klugii Dej. Cat. (C. ornata Klugi. lit.), welche mit den übrigen Ceroplesis -Arten nichts als die scheinbar analoge Zeichnung der Flügeldecken gemein hat.") 11) Tra- gocephala frenata, 12) Zographus hieroglyphicus , 13) Oberea scutellaris, 1 4) Oberea pallidula. — Von der Familie der Paussidae wurden in Mos- sambique zwei Arten aufgefunden, nemlich: 1) Paussus Humboldtii West- WQod, und 2) Paussus inermis. Die letztere Art ist neu; sie gehört zu Westwoods : „Sectio B. Prothorax subcontinuus" und ist dem Paussus ver- ticalis, Reiche, zunächst verwandt. — Die neuen Arten von der Familie der Ptiniores aus Mossambique sind : 1) Ligniperda (Apate Fabr. Guer.) congener, 2) Ligniperda cylindrus, 3) Sinoxylon conig erum. — 246 Ueber das Fortleben (Wiederauf lebcnj; das sich Erhalten und Fortbe- stehen eines trägen und zähen Lebens in sehr lebensfeindlichen Verhält- nissen, sind von Herrn Ehrenher g neue Beobachtungen gemacht und der K. Pr. Akademie der Wissenschaften [Monatsbericht, April 1855) mitgetheilt Avorden, Die Herren DDr. Schlagintweit hatten im August 1851 auf dem Monte Rosa Mooserde des Weisthorpasses gesammelt und in Papier gehüllt mitgebracht. Herr Ehrenberg hatte die Mooserde, welche er davon erhalten, in den Papierpäckchen, in welchen sie sich befand, in einem Schreibpult aufbewahrt. Im Mai 1853 wurden bereits von demselben mit dieser Mooserde Versuche angestellt, und er fand, [Monatsbericht 1853, S. 326 und 363] dass Räderthiere und Bärenthierchen, nicht nur nach jahrelangem Trockenliegen in gleichen athraospärischen Verhältnissenfortleben, sondern dass auch Formen aus über 11000 Fuss Alpenhöhe, dabei den Alpen ganz eigenthümliche Arten, die in ganz anderen atmosphärischen Verhältnissen entwickelt worden, sobald sie [in Berlin c. 100 Fuss Erhebung über dem Meere) in Wasser kamen ein thätiges Leben erkennen Hessen. Es waren also diese Thierchen ungefähr zwei Jahre ohne sichtbare Feuchtigkeit in völlig trockner Mooserde in Papier aufbewahrt gewesen. Bei diesen 1853 angestellten Versuchen wurden 7 Arten lebend gesehen: Callidina scarlatina, Milne- sium alpigenum, Macrobiotus Hitfelandä , Echiniscus SxiUus', E. Arclomys^ E. Victor, E. Testudo; Eier des Milnesiutii aspigenum, meist frei, Macro- biotus Hufelandii, stets in Häuten. Die dazwischen liegenden Formen der Callidina alpium, C. rediviva, Anguillula ecaudis, A. longicaudis wur- den nicht lebendig bewegt gesehen, obwohl sie sich passiv ausdehnten. Nachdem nun die Mooserde bereits 4 Jahre trocken gelegen, hat jetzt Herr Ehrenberg die Versuche wiederholt. Es wurde ein Theil der Moos- erde in einem Uhrglas unter reines Wasser gebracht, am folgenden Tage umgerührt und dann, nachdem sich Bodensatz gebildet, das Wasser bis zu diesem abgegossen. Der Bodensatz bestand aus einer leichteren und einer schwereren Schicht. Die erstere (obere) enthielt viele schon mit der Lupe erkennbare weissliche Theilcheu; Räderthierchen und Bärenthierchen, mit abgelössten Moosblättchen. Die untere Schicht war Sand. Es fanden sich stets die 3 Arten von Callidina, 3 bis 4 Arten von Echiniscus, Milnesium alpigenvm, Macrobiotus Hufelandii und Anguillula ecaudis und longicaudis, mit vielen stachligen Eiern des Milnesium und glatten Eiern des Macrobiotus. An Individuenzahl waren die Callidina scarlatina und alpium weit überwiegend. Herr Ehrenberg fand diesmal noch drei Formen lebend: Callidina scarlatina, Milnesium alpigenum und Macrobiotus Hufelandii. Vor zwei Jahren, also nach zweijährigem Trok- kenliegcn, mochten ungefähr 20 von 100 und jetzt, nach vierjährigem Trockenliegen, etwa 2 von 100 in Wasser gebracht, das Leben sicht- bar fortsetzen. — Die betreffenden Formen sind 1854 in der Mikro- 247 o-eologie Taf. XXXV. B. abgebildet. ~ lu dem Berichte heisst es am Schlüsse: „Eben weil es mm zusammengezogene Thierchen giebt, die nie wieder aufleben (todte) und zusammengezogene, die sehr bald unter günstigen Bedingungen in volle Lebensthätigkeit übergehen (nicht todte), so verhalten sich diese Thiere den verdorbenen und den unver- dorbenen Eiern ähnlich, obwohl auch diesen nicht gleich. Ein unver- dorbenes Ei ist aber weder scheintodt noch hat es ein latentes Leben. Es hat vielmehr ein offenbar sich erhaltendes, unter gewissen Beding- uno-en sich auch entwickelndes Leben. Todte verdorbene Eier sind nicht entwickelungsf ähig , indem sie die Bedingung dazu, die Selbst- erhaltung zuerst verloren haben. Entwickelungsf ähige Eier, sind aber offenbar nie todt gewesen, noch haben sie ein latentes Leben gehabt im Sinne latenter Wärme oder latenter Electricität, vielmehr ist dieses physikalische Gleichniss unpassend. Es giebt physikalisch keinen Kör- per ohne Wärme und Electricität, allein es gibt todte Eier, die nie wie- der entwickelungsfähig für das Leben sind. Eier und eingezogene, trocken lebende Räderthiere sind wiederum nicht im gleichen Verhält- niss. Eier erhalten sich nur in einem sich gleichbleibenden Zustande ohne Entwickelung, wenn nicht besondere äussere Bedingungen ein- wirken, die trockenen, d. h. mit unbemerkbarer Feuchtigkeit lebenden zusammengezogenen Räderthiere, nähren sich ohne Zweifel oft noch selbstthätig in diesem Zustande, bilden und legen Eier. Die Bärenthier- chen häuten sich dabei. Beide letztere sind also nicht ohne eigene Ent- wickelung in ihrem eiartig zusammengezogenen Zustande. Weder die Eier noch diese Thiere kann man scheintodt nennen, da man von bei- den kein anderes Lebenszeichen zu erwarten berechtigt ist, als die oben vorhandenen, wenn auch kargen, doch offenbaren." Von den Räderthieren wurden bei den zuletzt angestellten Versuchen nur die grössten Formen lebend gefunden; sie dehnten sich aus, zogen sich schnell ein, krochen und kauten, aber wirbelten nie. Fast jedes Exem- plar enthielt ein ziemlich reifes Ei im Körper. Von den Bärenthieren hatten nur die grössten und kleinsten Formen das Leben fortgesetzt ; die mittleren Formen wurden todt gefunden. — Die Physiologie eröffnet auch hier ein Gebiet für interessante Forschungen. Es sind nemlich einerseits die Grenzen aufzusuchen, bei welchen in der That das Leben vollständig aufhört, so dass unter allen nur möglichen Bedingungen und Verhältnissen die Thätigkeit des selbstständigen Lebens nicht wieder sichtbar werden kann, und andererseits sind die Merkmale ^desjenigen Zustandes zu ergründen, in welchem die Lebenstjiätigkeit zwar auf ein Minimum reducirt, aber gleichwohl durch Anweridung bestimmter Mit- tel sich wieder vergrössert, und ihren normalen Zustand erreicht, wo- bei namentlich auch die Ursachen, welche das Leben in diesen gleich- sam ruhenden Zustand versetzen und die Bedingungen aufzusuchen sein 248 würden, unter welchen allein das Leben bei diesem niedrigen Grade von Thätigkeit für die Möglichkeit einer wieder eintretenden Vergrös- serung derselben fortbesteht. — Ein Apparat znr Regulirung von Gasflammen, auf Aufforderung des Herrn K. Ritter von Hauer für die K. K. geol. Reichsanstalt zu Wien von Herrn S. Marcus (Mechaniker am K. K. physik. Institute) construirt, wurde von Herrn von Hauer in der Sitzung derselben (20. April) vor- gezeigt, ,;Die Anwendung des Leuchtgases in chemischen Laboratorien, welche, abgesehen von der Wohlfeilheit dieses Brennmaterials, so viele Vortheile bietet, erschien nur dann minder vortheilhaft , wenn es sich darum handelte, durch längere Zeit eine gleichförmige Temperatur mittelst einer Gaslampe zu erhalten; der Druck, welcher von den gros- sen Gasometern ausgeübt wird, und der die Zuströmung des Gases durch das ganze Röhrensjstem bis zu den einzelnen Ausflussöffnungen bewirkt, ist nemlich ein so ungleicher, dass stets im Verlaufe von 24 Stunden, eine Reihe bedeutender Schwankungen in der Menge des zu- strömenden Gases stattfinden. Der von Herrn Marcus construirte Ap- parat hat nun die Bestimmung , als Regulator zu dienen , um diese Schwankungen auszugleichen, und wird demnach zwischen der anzu- wendenden Lampe und der Röhre, welche das Gas zuleitet, eingeschal- tet. Er besteht aus zwei Glasgefässen, welche durch ein heberförmig gebogenes, gleichschenkliges Rohr verbunden sind. Beide sind zur Hälfte mit Wasser gefüllt, welches sich im Stande der Ruhe in glei- chem Niveau befindet. Wird in das erste dieser Gefässe, welches durch eine Ausflussröhre mit der Lampe commvmicirt, das Gas eingeleitet, so Avird durch den auf die Oberfläche des Wassers stattfindenden Druck eine gewisse Menge desselben durch das heberf örmige Rohr in das zweite Gefäss gepresst. Li diesem zweiten Gefässe befindet sich ein Schwimmer von Kork, welcher in dem Maasse als das Niveau des Was- Siers steigt, sich hebt und einen Hahn, der die Zuströmung des Gases vermittelt, schliesst." — Ein Stück eines Eichsnstammes, der vom Herbst 1851 bis zum Früh- jahr 1854 auf dem Eisenwerke zu Dereö im Gömörer Komitate als Ham- merstock den Schlägen eines Dampfhammers (bis 1853 eines von 90 Ctr.^ dann eines anderen von 60 Ctr. Wucht) mit senkrechtem Hube ausge- setzt war, wurde vom Herrn Bergrath F. v. Hauer der K. K. geol. Reichs- anstalt zu Wien (20. März) vorgelegt. Das Eichenholz hatte eine schwarze Färbung erhalten, welche nach der Erklärung des Herrn Dr. Reissek von Impregnation mit einem fremden Körper herrührt, die Holztextur war vollkommen erhalten, sämmtliche Zellen aber befanden sich in einem vorgeschrittenen Stadium der Humification. Dr A. Drechsler, Die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung 1 che ■ hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund liehen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, so dass hiermit der erste Band der neuen Folge erscheint. Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- sondere Paginirung abgesondertes Literaturblatt der ISIS wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa's woh- nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gegenständen für Tausch und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post unter der Addresse : „Für die allgemeiüe deutsche Naturhistorisclie Zeitung" Dresden : oder Hamburg : Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von (Hermann Burdach). Rudolf Kuntze. Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der Band der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus 12 Heften bestehen wird, — der Preis des Bandes, zu dessen ganzer Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu empfangen. Eudolf Kuntze, Verlagsbuchhandlung in Hamburg. Dresden, Druck der Königl. Hoaiuclidruckcrci von C. C. Meinhold ic Söhne. Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Tlilr. ß/o-^^— I. Band. No. 7. Allgemeine deiitsche MurhiMsche Zeitong. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbiudung mit auswärtigen und einlieimischen Gelehrten herausgegeben von Dr. Adolph Drechsler. Neue Folge: erster Band. 7. Qcft. INHALT. Die liemibatcacliier im Allicemeinen und die Heniibatrachier von Nord - Amerika im Specielleu, von Dr. Benno Mutthcs. Beilrag zur Kryptogamen - Flora Süd - Afrika's. Pilze und Algen. Bearbeitet von Dr. L. Rabenhorst. Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Hei. hortensis .Müll. Von Theodor Reibisch, Privatlehrer in Dresden. Kleinere Mittlieiluna;en. — Literaturldalt der Isis. HAMBUEG, Verlag v o n R u d o 1 f K u n t z e. ■^1855. ) Hau[)t-Debit für Dresden durch die Hofbuchliandlimg von Kud. Kuntze {llerm. Burduch.) ^^5— ^i Siehe die Rückseite de.s Umschlags. 249 Die Hemibatrachier im Allgemeinen und die Hemibatrachier von Nord -Amerika im Speciellen von Dr. Benno Matthes. Einzelne Zweige der Naturwissenschaften wurden in frühem Zeiten so vernachlässigt, dass eine genauere Kenntniss derselben sich erst in neuerer Zeit zu verbreiten anfing. Besonders betraf diese Vernachlässigung diejenigen Thiere, welche durch eine etwas abstossende Aeusserlichkeit dem Menschen Ekel, Ab- scheu oder Furcht einflössten. Diese Eigenschaften sind bei oberflächlicher Beobachtung vorzüglich den Reptilien eigen und daher wurden diese ganz besonders der Gegen- stand der allgemeinen Vernachlässigung. Die Schrifsteller und Naturforscher der frühern Zeiten unterliessen aus Furcht vor den Thieren jede genaue Untersuchung, aber fühlten, von ihrem Standpunkte gezwungen, wohl das Bedürfniss, Einiges über diese Thiere, über die Lebensweise derselben u. s. w. zu sagen. Sie griffen daher kühn in das Gebiet der Phantasie und erschöpften dieselbe auf alle erdenkliche Weise. So wurde durch Naturforscher früherer Zeiten der Aberglaube dem leichtgläubigen Volke eingeprägt und zwar so tief, dass trotz der verflossenen Jahrhunderte, trotz der jetzt beinahe allgemeinen Verbreitung der Naturwissenschaften es bis auf den heutigen Tag nicht gelungen ist, denselben gänzlich zu exstirpiren. Solimts, Albertus, Aellan, ScaUger, Jonsion u. A. m. stempelten ein- zelne Reptilien zu wahren Unholden. So heisst es z. B. vom Basilisk: „Sein Blick tödtet auf der Stelle, streift das Fleisch von den Knochen, entblättert die Bäume, verdorrt die Felder und macht die Felsen mürbe." Dergleichen Fabeln wurden nicht allein von den Ungebildeten geglaubt und verbreitet, sondern auch wissenschaftlich gebildete Männer beschäftig- ten sich damit. Im Jahre 1662 machte es sich ein gcAvisser Zwm^er, Professor der Theologie zu Basel, zur Aufgabe, die Nachwelt mit seiner Unter- suchung über die Entstehung der Basilisken zu beglücken. Er beobach- tete zehn Eier, welche sein Haushahn gelegt haben sollte und welche er als Basilisken -Eier ausgab. Dass aber aus allen diesen Eiern kein Basilisk auskroch erklärte dieser Gelehrte dadurch, dass eigentlich eine Kröte zum Ausbrüten benutzt werden müsse. Zehn Jahre später, also 1672, veröffentlichte Dr. Scheffers in Frank- furt seine Untersuchung über ein Basilisken-Ei; welches ein Haushahn Allp'. rlentschc naturhist. Zeitung-, I. \<^ 250 im Jahre 1571 gelegt haben sollte und in welchem das Eiweiss durch Blut und das Dotter durch etwas wie Kröten - Saamen vertreten gewesen sei. Wie gefährlich es aber ist, dergleichen Berichte nicht glauben zu wollen, ergiebt sich aus den höflichen Worten eines der erstgenannten Naturforscher, welcher sagt : „Wer solche Dinge für Fabeln und Lügen hält, beweist sein mittelmässiges, dummes und dünnes Gehirn und giebt zu erkennen, dass er nicht weit in der Welt gekommen und mit gelehr- ten und gereisten Personen nie Umgang gepflogen hat." Nach dergleichen höchst unzweideutigen Bemerkungen ist es jeden- falls gerathen, kein Wort mehr über dergleichen veraltete Ansichten fallen zu lassen, sondern endlich zu meinem eigentlichen Thema, den Hemibatrachiern, überzugehen. Es kann nicht meine Absicht sein, eine vollständige Abhandlung über die Hemibatrachier zu geben, sondern ich begnüge mich nur, das Allgemeine derselben zu berühren, und die Hemibatrachier von Nord- Amerika specieller zu bearbeiten. Da ich aber nicht alle bekannten Arten selbst besitze und es doch mein Wunsch war, den speciellen Theil so vollständig zu geben, dass er sich zur Bestimmung eignet, so war es nothwendig, die Beschreibung der mir fehlenden aus „Holbrook" North American Herpetology zu entlehnen. Die Hemibatrachier im Allg-emeinen. Unter Salamandrae Brogn., Laur., Latr., Cuv., Salamandrinen, Sala- mander oder Molche; Urodeles, Dumeril; Caudata, Oppel; Schwanz- Batrachier; Gradientia, Merrem; Gang-Batrachier, verstand man früher alle diejenigen Batrachier, welche im Gegensatze zu den froschartigen, sich durch das Vorhandensein eines Schwanzes und durch ihre krie- chende Fortbewegung auszeichnen. Im weitesten Sinne also aufgefasst, zog man daher sämmtliche Ich- thyodeen oder Fischlinge, jene natürliche Uebergangsgruppe von den Batrachiern zu den Fischen, mit in diese Ordnung. Die Anatomie der Fischlinge aber ist so verschieden von der der Salamandrinen, dass eben eine eigene Ordnung für diese aufgestellt werden musste. Unter Salamandrinen im engern Sinne versteht man jetzt also nur diejenigen Keptilien, welche Leopold Fitzinger unter der Ordnung: „Hemibatrachia^^ zusammenstellt und deren Art-Charakter im Allgemeinen zu beschreiben ich mir zur Aufgabe gemacht habe. Der Körper der Hemibatrachier ist mehr oder weniger lang ge- streckt, cylinderfömig, abgerundet, ziemlich dick, zuweilen plump ; Kopf ziemlich gross, abgeflacht oder gewölbt; Schnauze mehr oder weniger lang, abgerundet; Bachen meist tief gespalten; Nacken vom Kopf abge- setzt (enger als der Kopf), Kehle meist mit einer häutigen Queifalte; 251 Schwanz mehr oder weniger lang, rund oder von den Seiten zusammen- gedrückt; im vollkommen entwickelten Zustande mit vier ausgebildeten Beinen versehen, von denen die vordem stets vier, die hintern meist fünf, oder vier freie oder an ihrer Basis vereinigte Zehen besitzen. Die äussere Gestalt der Hemibatrachier ist mit einem Worte : „eidech- senartig". Sie repräsentiren die Echsen unter den Batrachiern wie Ophiosaurus ventralis und Anguis fragilis die Schlangen unter den Echsen und Chelydra serpentina die Krokodile unter den Schildkröten. Die äussere Haut der Hemibatrachier ist meist zart und dünn, be- sonders bei den vorzugsweise im Wasser lebenden ; bei den auf dem Lande lebenden ist bei einigen die Haut ebenfalls sehr zart, z. B. bei Salamandra rubra, Sl. erythronota, Sl. longicauda, Sl. glutinosa etc.; bei andern dagegen ist die Haut uneben, mit grossen Warzen bedeckt und mit der irrthümlich sogenannten Ohrdrüsse versehen, wie bei Sala- mandra maculosa Laur., welche aus dichten, zusammengedrängten, stark entwickelten, abgegrenzten Schleimdrüsen gebildet wird und am hiuter- seitlichen Rande des Kopfes sich befindet. Bei Salamandra symmetrica ist die Haut sehr stark, über und über mit Tuberkeln besäet, daher ganz rauh anzufühlen. Die in der äussern Haut sich befindenden, stets nach Aussen sich öffnenden Schleimdrüsen secerniren einen eigen- thümlichen, wenig scharfen, klebrigen, eiweissartigen, milch weissen Schleim, welcher bei einigen, namentlich bei Salamandra glutinosa und Salam. maculosa, sehr reichhaltig vorhanden ist, besonders aber in der Angst, bei Schmerz u. s. w. austritt und sich auf der Oberfläche der Haut verbreitet. Daher findet man bei lebend in Alcohol geworfenen Salamandern diese sehr oft über und über mit einem feinen, aus ge- ronnenen Eiweiss bestehenden Häutchen bedeckt, welches abgeschält werden muss, um die natürliche Färbung des Thieres wahrnehmen zu können. Diese Secretion dieser Thiere gab Veranlassung zu der Fabel, dass die Salamander (Sal. maculosa Laur., jetzt noch Feuersalamander genannt) sich im Feuer aufhalten können, ohne zu verbrennen. Man ging sogar so weit, die Salamander bei Feuersbrünsten zu be- nutzen, sie in das Feuer zu werfen, um dieses zu löschen, ein Umstand, der wohl mit zur Erfindung der Feuerspritzen beigetragen haben mag, weil sich das Experiment stets als nutzlos erwies. Zur Zeit Franz I. muss der Glaube an die Feuerbeständigkeit noch ziemlich fest gewesen sein, denn dieser wählte einen Salamander in Flammen, mit der Unterchrift: „nutrio et extinguo" zu seiner Devise. Die Haut der Hemibatrachier wird, wie die der meisten Reptilien von Zeit zu Zeit abgestossen; nur geschieht dies nicht auf einmal, wie bei den Echsen und Schlangen, sondern die Häutung geschieht mehr partiell und ist daher weniger bemerkbar. In Gefässen, worin Tritonen oder Salamander gehalten werden, sieht man die abgestossenen Haut- 19* 252 stücken herumschwimmen und zwar so oft, dass man wohl zu der An- nahme berechtigt ist, dass die Häutung öfterer geschieht, als bei den beschuppten Reptilien. Bei Sah symmetrica, welcher, wie schon gesagt, unter den Salamandern die härteste Haut besitzt, lost sich im Alcohol stets derTheil der Haut, welcher sich schon von der neu ersetzten Haut sepa- rirt hatte, wie wir dies ebenfalls bei den Schlangen im Alcohol gesehen. Am Auge der Salamander stülpt sich die Haut zwischen der Augen- höhlenwand und dem Augapfel ein und bildet eine Hautwulst, welche die Stelle von Augenliedern vollkommen vertritt. Das Auge selbst ist mit einer im Verhältniss zum Bulbus grossen Cornea versehen; die Iris ist meist goldig, kupferfarben, röthlich oder einfach geblich gefärbt, selten dunkel und einfarbig ; die Pupille ist rund. Die Ohren sind von der äussern Haut bedeckt, haben keine Paucken- höhle und auf dem ovalen Fenster liegt ein in Fleisch befestigtes, um- gestülptes Knorpeldeckelchen. Die Nasenlöcher stehen meist vorn und seitlich, öffnen sich entweder nach vorn, nach oben oder ein wenig nach der Seite und münden in die Eachenhöhle. Zwischen Kehlkopf und Luftröhre ist ein Unterschied nicht wahr- zunehmen; die Stimmritze besteht aus einer sehr feinen, hinten nach dem Oesophagus gelegenen Längsspalte. Die Salamander sollen, wenn von aussen ein Druck auf die Lungen ausgeübt wird, einen quiecken- den Ton von sich geben können. Ich habe niemals einen Ton gehört, obgleich ich fast in allen Theilen Nord -Amerikas Salamander gefangen und stets hierauf achtete, zweifle aber, da eine Stimmritze vorhanden, an der Möglichkeit durchaus nicht. Der Uebergang von den Luftröhren zu den Lungen, oder besser gesagt Lungensäcken , wird durch feine häutige Branchien vermittelt, welche sich nach dem Lungensack zu erweitern und auf diese Weise, ohne Unterscheidung, allmählich in die Lungensäcke übergehen. Die Lungensäcke beiderseits sind gleich gross, länglich rund, auf der Innern Fläche fast glatt und erscheinen beinahe als aus vielen Bläs- chen zusammengesetzte einfache Blasen. Die kleinen, meist etwas rückwärts stehenden Zähne der Hemiba- trachier dienen, wie dies überhaupt bei den meisten Wirbelthieren (mit Ausschluss der Mammalien) und den wirbellosen Thiei^en der Fall ist, nicht zur Verkleinerung der Nahrung, sondern zum Ergreifen und Fest- halten des Raubes. Ausser den Zähnen an beiden Maxillcn, finden sich noch Querreihen Zähne, an den beiden Vomer, welche Querreihen von vorn und aussen, etwas nach hinten laufen und sich in einen Central- punkt vereinigen oder getrennt bleiben. Dieser Zahnbau findet sich bei Sah fasciata, Sal. subviolacea, Sal. talpoidea. Bei andern finden sich ausser diesen Querreihen an den Vomer noch Längsgruppen oder Längs- reihen, welche sich mehr nach hinten bis zum Keilbeinkörper erstrecken. 253 Diese Längsgruppen stehen vorn entweder mit den beiden Quer- reihen direct in Verbindung oder sind durch einen kleinen zahnlosen Raum separirt. Der Zalmbau, wie er zuletzt beschrieben Avorden (näm- lich ausser den gewöhnlichen Zähnen in beiden Maxillen, zwei Reihen Zähne am Vomer und den bis zum Keilbeinkörper sich erstreckenden Zahngruppen oder Zahnreihen) , scheint der vorherrschende zu sein, denn er findet sich bei Sah rubra, Sah salmonea, Sah gutta - lineata, Sah erythronata, Sah auriculata, Sah quadrimaculata, Sah glutinosa, Sal. cirrigera, Sah Jefi"esoniana, Sah bilineata, Sah symmetrica, Sah lon- gicauda, Sal. granulata und Sal. quadridigita. Die Zunge ist bei verschiedenen Arten verschieden gestaltet, ent- weder breit und rund (bei Sal. rubra, Sal. maculata, Triton ingens), länglich und schmal (bei Sal. salmonea), herzfömig (bei Sal. glutinosa), oder länglich oval (bei Sal. cirrigera) ; entweder nur in der Mitte durch ein kleines Bändchen angeheftet und daher mit den vorderen und seit- lichen Rändern leicht beweglich (wie bei Sal. rubra, Sal. auriculata, Sal. cirrigera, Sal. bilineata, Sal. gutto - lineata) oder ist noch an der Spitze angeheftet und daher nur seitlich beweglich (wie hei Sal. gluti- nosa, Sal. fascieta, Sal. erythronata und Sal. subviolacea) oder der grösste Theil der untern Fläche ist angeheftet und daher sehr wenig beweglich (wie bei Triton dorsalis). Die Ansicht, dass die Zunge der Salamandrinen auf der ganzen Unterfläche angewachsen und unbeweglich sei, ist nicht richtig, denn ge- rade der Fall, wo die Zunge grösstentheils angewachsen und sehr wenig beweglich ist, ist der seltenste und der, wo die Zunge vorn und seitlich oder nur seitlich, mit Leichtigkeit bewegt werden kann, ist der häufigste. Bei Salamandra musculosa, welchen ich früher nicht untersucht hatte und von welchem ich daher vermuthete, dass vielleicht hier die Zunge auf der ganzen Unterfläche angewachsen sei, fand sich diese nur auf der grössern hintern Hälfte angeheftet, Vorder- und Seitenränder aber sind etwas frei und beweo-lich. Untersucht man in Alcohol gelegene Exemplare, so findet man die Spitze und Seiten der Zunge zusammengezogen, die Zunge hat im Gan- zen eine andere Gestalt bekommen und gewährt ein natürliches Bild durch- aus nicht. Betrachtet man bei einem derartigen Präparat die Zunge, so kann man wohl glauben, dass die Zunge gar nicht oder nur sehr schwer beweglich sei, ein Glaube, der aber ein irrthümlicher ist, denn bei der vor einiger Zeit in Gegenwart des Herrn Prosector Voigtlaender an Salamandra musculosa gemachten Section ergab sich, dass nach Enthauptung des Thieres, die Zunge vcrhältnissmässig weit aus dem Rachen herausgestreckt und wieder zurückgezogen wurde. Der Oesophagus derHemibatrachier ist ziemlich lang ; der Magen längs gestellt, ziemlich gross, ohne blinden Sack, anfänglich .weit, nach dem Duodenum zu sich verengend, geht er allmählig in den übrigen Darm- 854 kanal über, welcher, obgleich kurz, doch durch die verschiedene Weite eine Eintheilung möglich macht. An der Uebergangsstelle in das Rectum befindet sich eine Klappe oder einfache Darmeinstülpung, oder eine sackförmige Erweiterung, welche bei einigen, namentlich bei Sal. glutinosa und Sah maculosa, so gross als der Magen ist und stets mit den unverdaulichen Speise-Ueber- resten, in der Regel den Skeletten von Insekten, ausgefüllt ist. Das Rectum ist sehr kurz und öffnet sich in die Kloake. Die Lober ist, wie bei allen Reptilien, bedeutend gross, bedeckt den grössten Theil des Magens, erstreckt sich zwischen und über die Lungen- säcke hinauf (eine Trennung zwischen Brust und Bauchhöhle ist nicht vorhanden, tritt bekanntlich erst bei den Krokodilen als Andeutung eines Zwergfells auf). Die mit blaugrün gefärbter Galle gefüllte, verhältnissmässig sehr grosse Gallenblase befindet sich an der concaven Fläche des untern Leberrandes und mündet dicht unter dem Magen in den Darm. Eine kleine, unregelmässig gelappte Bauchspeicheldrüse liegt dicht unter dem Magen und mündet dem Gallenausführungsgange gegenüber in den Darm. Die Nieren liegen zu den beiden Seiten der Wirbelsäule, sind schmal und aussergewöhnlich lang, nehmen fast die Hälfte der Länge der Bauch- höhle ein und reichen mit ihren untern ein wenig breitern Enden noch bis in das Becken hinein. Bei Salamandra maculosa ist der obere Theil sehr dünn, fast fadenförmig; bei Salamandra glutinosa dagegen mehr gleichmässig verlaufend. Die Harnleiter sind sehr ;kurz und münden, wie bei allen unbe- schuppten Reptilien in die Kloake, dicht vor dem Blasenhals. Die Harnblase ist sehr gross, sehr gefässreich, dünnwandig, fast durchsiclitig und nimmt in gefülltem Zustande fast allein die Hälfte des Raumes der Unterleibshöhle ein. Ausser den Hemibatrachiern findet sich noch bei den Fröschen, Kröten, Schildkröten die Harnblase ebenfalls unverhältnissmässig gross. Der Inhalt der Urinblase ist stets hell gefärbt, geruch- und ge- schmacklos, ein Umstand, der Roh. Townson jedenfalls zuerst auf die Idee brachte, dass sie nicht allein Harnbehältcr sei, sondern dass Flüs- sigkeit von aussen und zwar durch die Kloakenspalte resorbirt und in der Blase aufbewahrt werde. Um sich davon zu überzeugen, setzte Townson bekannntlich Testudo orbicularis in mit Lackmus gefärbtes Wasser und fand später die Flüs- sigkeit in der Blase ebenfalls gefärbt. In Amerika, wo ich stets über viele Schildkröten zu verfügen hatte, machte ich denselben Versuch an verschiedenen Arten von Emyden und erzielte dieselben Resultate. 255 Vor einigen Tagen erst machte ich den Versuch mit Salaraandra macu- ■ losa, welcher 24 Stunden in mit Lackmus gefärbtem Wasser gesessen hatte. Bei der Sektion fand ich die Blase vollkommen mit Wasser gefüllt, aber gar nicht gefärbt. Ein Umstand, der mich aber noch nicht zu glauben veranlasst, dass eine Aufsaugung durch die Kloake bei den Salaman- dern nicht statt finde ; ich halte es noch für möglich, obgleich der Ver- such, dies nachzuweisen, jetzt missglückte. Obgleich diese Versuche sehr leicht sind und sehr wenig Zeit rauben, so mangelt es mir jetzt doch an lebenden Exemplaren und anderweitig an Zeit, dieselben län- gere Zeit fortzusetzen, weil ich im Begriff stehe meine Excursion nach dem Süden von Amerika in kurzer Zeit anzutreten, doch wäre es zu wünschen, dass dergleichen Experimente gemacht würden, um zu einem Schlüsse zu kommen. Da es durchaus nicht in meiner Absicht liegt, speciell in die Ana- tomie der Hemibatrachier einzugehen und wir überhaupt schon durch H. Stannius im Lehrbuch der vergleichenden Anatomie von v. Siebold und Stannhis , Berlin 1846, eine sehr gute Abhandlung über die Anatomie der Reptilien besitzen, so übergehe ich die Beschreibung des Skeletts, der Muskeln, der Gefässe, Nerven, der Kloake nnd der Fortpflanzungs- Organe gänzlich und erlaube mir nur noch schliesslich in Bezug auf die vorhin in Rede stehende Blase auf das Lehrbuch der Zootomie von C. G. Carus, 1818 § 672 aufinerksam zu machen. In Bezug auf die Fortpflanzung der Hemibatrachier ist zu bemerken, dass eine wirkliche Begattung nicht stattfindet, sondern Männchen und Weibchen zur Paarungszeit sich im Wasser aufsuchen, das Weibchen den vom Männchen abgegangenen Saamen durch die Kloake resorbirt und so die Eier befruchtet werden. Die Salamander verlassen nach der Paarungsperiode das Wasser und nur die Weibchen kehren zur Zeit, wo die Jungen vom Mutter- körper abgestossen werden, zum Wasser zurück, weil sie im Leibe des Mutterthieres vollkommen bis zur Kiemenathmung entwickelt sind und daher im Wasser ihre Metamorphose beendigen. Die Tritonen dagegen gebären nicht lebende Junge, sondern legen Eier, welche nach der Befruchtung einzeln abgehen und sich von denen der Frösche nicht unterscheiden. Die Eier werden von der Sonne bin- nen 8 — 10 Tagen ausgebrütet; die kleinen Tritonen - Larven sind an- fänglich ohne Füsse, erhalten bei der Metamorphose zuerst die Vorder- dann die Hinterfüsse. Die jungen Salamander, welche vorzugsweise in langsam fliessen- dem Quellwasser zu finden sind, verlassen, wenn die Kiemenathmung beendigt ist und die Lungenathmung eintritt, ihren bisherigen Aufent- halt und halten sich dann meist auf dem Lande auf, während die Tri- tonen den Lieblingsplatz der alten Thiere, nämlich das Pfützenwasser, vorziehen. 256 Es kann nicht genau angegeben werden, wie lange die jungen Sala- mander durch Kiemen athmen, denn der Untersuchung stehen manche Hindernisse entgegen. Gefangen sterben sie sehr leicht und wie mir es scheint, durch den Temperaturwechsel, besonders wenn das alte Was- ser durch reines ersetzt wird. Auf diese Weise starben binnen 5 Wo- chen 14 junge Salamander, welche bei mir in einem Glase vom Mutter- thiere abgestossen wurden. In dieser Zeit hatte das Wachsthum der kleinen Thiere sehr wenig Fortschritte gemacht, sie waren Anfangs 9 Linien lang, nach 5 Wochen erst einen Zoll. Durch die Güte des Herrn Dr. Dehne erhielt ich ein Exemplar, welches 2V4 Zoll lang ist und noch Kiemen trägt. Daher glaube ich, dass die Kiemenathmung jedenfalls lange Zeit besteht. Während des Larvenzustandes unterscheiden sich die Hcmibatra- chier äusserlich von den zeitlebens kiementragenden Fischlingen oder Phanerobranchien gar nicht (nur durch die Grösse oder den langge- streckten Körperbau). Nach dem Larvenzustand verlieren die Hemiba- trachier die Kiemen und das Kiemenloch schliesst sich, die Lungen- athmung tritt vollständig ein. Die Phanerobranchiaten, wie z. B. Nectu- rus lateralis Harl., Siren lacertina L. und intermedia und Andere mehr, verlieren die Kiemen niemals. Die Derotrematen oder Ohnkiemenfisch- linge tragen im Larvenzustande Kiemen, verlieren dieselben im vollkommen entwickelten Zustande, wie die Salamander, aber das Kiemenloch schliesst sich niemals und ist besonders bei Salamandrops giganteus Wagl. sichtbar. Während des Gebäractes von Salamandra maculosa bemerkte ich eine auffallende Veränderung der Haut des alten Thieres, die schönen gelben Flecken schwanden grösstentheils vom Rande aus und wurden braun, das Centrum allein blieb gelb, die Flecken am Kopf und Schwanz waren weniger entfärbt, als die des Leibes. Nach einigen Tagen erst begann die Farbe sich wieder zu ersetzen, und nach Verlauf von 6 Wochen war dieselbe doch noch nicht vollständig ersetzt. Eine weitere Beob- achtung konnte ich nicht machen, weil das Exemplar ebenfalls zum Seciren benutzt Averden musste. Was nun die Entfärbung des Thieres betrifft, so weiss ich nicht, ob dieselbe schon früher beobachtet worden oder nicht, kurz ich musste mir selbst die Frage stellen, tritt die Entfärbung aller Exemplare von Salamandra maculosa während des Gebäractes ein, oder ist es eine krankhafte Erscheinung? — Ich dachte dabei unwillkürlich an einige Beobachtungen, welche ich auf meinen Reisen im Innern von Texas an einigen beschuppten Reptilien machte. Den 10. Mai 1S54 überraschte ich am rechten Ufer der Guadeloupe eine grünlich schwarze Eidechse, welche den halben Körper in der Erde verborgen hatte und damit beschäftigt war, ein Loch in die leichte Erde zu graben. Ich hielt mich sehr ruhig, um zu sehen, welchen Zweck das Thierchen, welches ich für Sceloporus torquatus Wiegn. hielt) 257 verfolgte. Nachdem das Loch eine gewisse Tiefe erreichte, drehte sich das Thier und brachte den hintern Körpertheil in die OefFnung, wobei ich zuerst auf das Fehlen des gelben Halsbandes auftnerksam wurde, nnd daher eine, von mir noch nicht gekannte Eidechsenart vor mir zu haben glaubte. Ich wartete den Legeact nicht ganz ab, sondern brachte das Thier und die schon gelegten Eier in Sicherheit und zu Hause an- gekommen machte ich die schöne Entdeckung, dass die seltene schwarze Eidechse sich plötzlich in Sceloporus undulatus Wig. verwandelt hatte, welche in Texas sehr gemein ist. Die graue Grundfarbe des Rückens, die dunklere Zeichnung, selbst die schönen blauen Streifen an den Bauchseiten hatten sich entfärbt, waren schwärzlich geworden. Phrynosoma orbiculare Wiegn., auf der grossen Houston Prairie in Texas gefangen, wurde von mir, weil es ein trächtiges Weibchen zu sein schien, in einem Drahtkäfig gefangen gehalten und während des Lege- actes färbte sich auch diese Agame dunkel. Von beiden Thieren ist ein Wechsel der Haut sonst nicht bekannt. Was die Färbung der jungen Salarpander betrifft, so ist diese in der Regel von der der Alten sehr verschieden ; bei Salamandra maculosa z. B. sind die jungen Thiere anfänglich hell graubraun und mit unbe- stimmt begrenzten, verschwommenen dunkleren Flecken versehen. Am Schwänze befinden sich einzelne kleine broncefarbene Punkte. Bei dem durch die Güte des Herrn Dr. Dehne mir zugegangen, l^j^ Zoll langen Exemplare ist die Grundfarbe bestimmter braun, mit helleren unbestimmt farbigen, schärfer begrenzten Flecken versehen. Vollkommen entwickelt, erreicht dieses Thier bekanntlich eine Grösse von 6 — 7 Zoll und ist auf der glänzend schwarzen Grundfarbe mit grossen unregelmässigen Flecken versehen. Die Tritonen leben vorzugsweise im Wasser, verlassen dasselbe aber dann und wann, verkriechen sich unter in der Nähe des Wassers sich befindenden Steinen, um recht bald wieder in das ihnen mehr zusagende Wasser zurückzukehren, wo sie recht munter und behende herum- schwimmen, sich sonnen, dann und wann auf die Oberfläche kommen, um Luft zu schöpfen und von den zahllosen Wasser -Insekten und ins Wasser gefallenen fliegenden Insekten u. s. w. sich nähren. Im kalten und gemässigten Klima erstarren sie zur Winterzeit, wo sie dann im Schatten liegen, oder im Eise einfrieren, bis die Sonne auch sie aus ihrem zeitweiligen Grabe befreit. Die Salamander dagegen führen eine ganz andere LebensAveise; sie lieben die dunklen, düsteren, meist feuchten Gegenden, welche nicht von den Sonnenstrahlen erwärmt werden; daher findet man sie meist in engen Thälern und wenn auf Hügeln, in der Regel auf dicht bewal- deten Stellen; hier verkriechen sie sich unter Steine, faulende Baum- 258 Stämme, Baumrinde und in Erdhöhlen, welche sie in der Regel nur ver- lassen, um ihre Nahrung aufzusuchen. Sie wählen hierzu in der Regel die Regenzeit, weil sie dann gerade die beste Gelegenheit haben, den Raub zu erhaschen. Die Nahrung be- steht aus Schnecken, Regenwürmern, Asseloten, kleinen Scorpionen, Kä- fern, Motten, Cicaden, Wanzen, Mücken, Fliegen, Spinnen und derglei- chen kleinen Thieren. In Kentucky fing ich während Regenwetters drei Exemplare von Salamandra glutinosa, der eine war eben im Begriff, einen unter die Gattung Rhysodes gehörenden Käfer zu verschlucken. In Alkohol auf- bewahrt, begleitete mich das Exemplar nach Louisiana, Texas und Ha- vanna, von da über New- York nach Europa und bei der vor einiger Zeit gemachten Section fand ich im Magen ausser einem in mehrere Stücke gebrochenen Scolopender und Käferresten, auch den in Rede stehenden Käfer wohl erhalten wieder. Derselbe befindet sich jetzt in der Sammlung des Entomologen Herrn C. Müller. Die Bewegung der Salamander bezeichnete man in der Regel mit dem einfachen Worte „träge", dieses Prädikat verdient aber höchstens Sah maculosa, Sal. fasciata und Sal. subviolacea; denn Sal. rubra, Sal. longicauda und Andere sind in ihrer Bewegung recht schnell, Sal. ery- thronota unstreitig der schnellste, man hält ihn seiner Schnelligkeit wegen auf den ersten Blick für eine Eidechse. Gottlieb Tobias Wilhelm, Diacon bei den Barfüssern, nennt in seinen 1794 zu Ausburg erschienenen Unterhaltungen aus der Naturgeschichte, (die Amphibien), die Bewegung des Salamanders „träge und schwer- müthig". Im Uebrigen ist dieses Werkchen ein äusserst schätzbares. Der Verfasser scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, dem Aber- glauben entgegen zu arbeiten. Die Salamander wurden früher für sehr giftig gehalten und beson- ders legte man ihnen nebst den Juden die Brunnenvergiftung zur Last ; doch widerlegt schon Mautpertius durch seine Untersuchung diese Ansicht. Er Hess von einem Hunde einen in Stücken geschnittenen Salamander ver- zehren ; er zwang Salamander in die Schleimhäute von Thieren zu beis- sen, er inoculirte Thiere mit dem Drüsensecret und alles ohne irgend welche Folgen. Ein ähnliches Resultat erzielte im 17. Jahrhundert eine Frau, welche ihrem Gemahl mit einem in Ragout zubereiteten Salaman- der vergiften wollte. Der Salamander wurde ruhig verzehrt und der Mann fühlte sich nach der Mahlzeit nicht unwohl sondern satt. Die Hemibatrachier sind im allgemeinen alle sehr unschuldige, so- gar in geringem Maassstabe nützliche Thiere, denn sie verzehren eine Masse dem Menschen lästige und den Pflanzen schädliche Thiere, be- sonders Insekten. Sie selbst besitzen viele Feinde, welche ihnen nachstellen, sowohl 259 Säugethiere, Vögel, wie Reptilien, von letzteren namentlich die Schlan- gen, welche ganz besonders lüstern nach den Salamandrinen sind. Was den Fang der Salamandrinen betrifft, so ist derselbe ziemlich leicht, weil doch selten die Thiere entwischen können, aber doch müh- sam und unbequem. Tritonen kann man bei schönem, klaren Wetter mit Leichtigkeit, mit Hilfe eines gewöhnlichen Insekten-Netzes in ihren Pfützen fangen. Die Salamander muss man jedoch bei Regenwetter, wo sie ihre Schlupfwinkel verlassen, aufsuchen, doch geschieht dies mcinchmal ver- geblich; selten wird man andere Thiere fangen, als immer wieder die schon längst bekannten gemeinen Arten, wenn man nicht tiefer in die weniger bcAvohnten Gegenden eindringt. Desto mehr Freude aber macht es, wenn man nach langem Suchen endlich einmal ein schönes oder noch nicht gekanntes Thier findet. Noch heutigen Tages freue ich mich über die beiden Salamander, welche ich binnen 14 Monaten in den Urwäldern von Texas gefangen, weil erstens bis jetzt noch kein einziger aus diesem Lande bekannt und dies eine neue Spezies ist. Die Tausende, vergeblich umgewendeten und zerhackten faulen Baumstämme, alle die damit verbundenen Mühselig- keiten sind vergessen, wegen — zwei Salamandern. Hemibatrachier von Nord-Amerika im Speciellen. Salamandra Laur. Salamander, Erdsalamander, Erdmolch. Körper cylinderförmig, mehr oder weniger dick oder lang gestreckt; Schwanz an der Basis rund, im Uebrigen wenig oder gar nicht zusam- mengedrückt und ohne Hautkamm ; die Vorderfüsse stets mit 4, die Hin- terfüsse mit 5 oder 4 an der Basis freien Zehen ; Rachen, ausser den Maxil- larzähnen nur mit in Querreihen stehenden Zähnen, oder mit Querrei- hen und Längsreihen zugleich, bewaffnet; Zunge gestielt, mehr oder weniger angewachsen. Die Salamander leben vorzugsweise auf dem Lande, gehen zur Paarungszeit in das Wasser, gebären lebende Junge, welche bis zur vollkommenen Entwickelung sich im Wasser aufhalten und durch Kie- men athmen ; später aber vorzugsweise auf dem Lande leben, wo der Respirationsprozess durch Lungensäcke vermittelt wird, bei welcher Umwandlung sich jedoch die Kiemenspalten vollkommen schliessen. A. Salamander, deren Schwanz länger als der ganze übrige Körper. a) Körper mehr gedrungen. Salamandra glutinosa. Green. Sal. glutinosa, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. pag. 357. Holbrook, North Amer. Herpetol. vol. V. pag. 39 plate X. Storer, Reptiles of Massachusetts pag. 252. Sal. variolata, GilliamS; Jour. Acad. 860 Selen. Philad. vol. I. pag. 460. Sal. cylindracea, Harl. Med. and Phys. Res. pag. 94. Kopf ziemlich gross, länglich oval; oben wenig abgeflacht, von den Augen nach der Schnauze etwas zugespitzt; Rachen tief gespalten; Zunge gestrecktherzförmig, dünn, der hintere breitere Theil ist durch einen kleinen, breiten, kurzen Stiel befestigt ; Vomer mit zwei, von vorn und aussen nach innen und ein wenig nach hinten laufenden Querreihen Zähne, welche sich jedoch nicht vereinigen, dicht hinter diesen beginnt eine aus vielen kleinen Zähnen bestehende längsgestellte Zahngruppe, welche bis über den Keilbeinkörper sich erstreckt und nach hinten am breitesten wird*); Nasenlöcher stehen seitlich neben der Schnauze; Augen vorstehend mit schwarzer Pupille und dunkler Iris; Nacken ab- gesetzt; Kehle mit einer häutigen Querfalte; Körper länglich, cylinder- förmig, aber noch gedrungen; Schwanz lang, an der Basis rund, nach hinten wenig von der Seite zusammengedrückt. Die vorderen Extremi- täten sind nur halb so stark, als die hintern. Die Grundfarbe der ganzen Oberfläche ist schwarzblau und mit vielen kleinen weissen Flecken übersäet, welche an den Seiten und am Schwänze zusammenfliessen. Bei einigen Exemplaren sind die weissen Flecke sehr sparsam oder auch nur an den Seiten vorhanden. Unter- fläche ist von derselben Grundfarbe, nur unter dem Schwänze etwas heller. Länge des Kopfes — " 6V^'" - Rumpfes 2" A'" - Schwanzes 3" 10'" ' Totallänge 6" S^-i'" Sal. glutinosa ist ziemlich der am weitesten verbreitete Salamander, er kommt in Massachusetts, in Virginien und Carolina vor. Holbrook erhielt Exemplare aus Alabama und Louisiana, doch fand ich niemals so weit südlich Exemplare, jedenfalls ist er dort schon sehr selten. Die meisten Exemplare fand ich in Kentucky auf einem in der Nähe des Ohio Rivers befindlichen Hügel unter alten faulen Baumstäm- men und hohlliegenden Steinen. Er scheint geselliger zu leben, als es sonst bei diesen Thieren der Fall ist, denn in der Regel fand ich zwei oder drei zusammen. Salamandra granulata. De Kay. Sal. granulata, de Kay, New-York Fauna, vol. IL Holbrook, North Amer. Herpetol. vol. V. pag. 63. plate XX. Kopf gross, abgeflacht, oberhalb glatt, vorn abgestutzt, rundlich; Zunge gestielt; Augen vorstehend, obere Ränder der Orbita sehr her- vorragend; Nacken abgesetzt; Kehlfalte sehr deutlich. Der Körper ist *) D;i bei allen Arten in beiden Maxillen Zähne vorhanden, so ist dies bei den einzelnen Arten nicht besonders zu erwähnen. 261 länglich, cylinderförmig und mit einer körnigen Haut, welche unter dem Glase chagrinirt erscheint; Schwanz lang, dünn, wenig seitlich zusammengedrückt und in eine feine Spitze auslaufend. Hinterextre- mitäten kleiner als die vordem. Die Farbe des ganzen Thieres ist gleichmässig grünlich schieferfarben glänzend; Kinn und Kehle grau gesprenkelt , Kehlfalte schmutzig weiss ; der Unterleib ist grau und braun gesprenkelt, Schwanz unten einfarbig grau ; Unterfiäche der Füsse weisslich. Länge des Kopfes — " 1'" - Rumpfes 2" 5'" - Schwanzes 3" 6'" Totallänge 6" 6'" Dieser seltene Salamander wurde nur von Dr. Emmons im nörd- lichen Theile des Staates New- York gefangen, welcher dann ein Exem- plar in Alkohol zur Beschreibung an Holhrook sendete, doch war nach Aussage des Entdeckers die natürliche Farbe schon etwas gewichen. b) Körper mehr lang gestreckt, schlank. Salamandra longicauda. Green. Sal. longicauda, Green. Jour. Acad. Nat. Seien. Philadelph. vol. I. pag. 351. Sal. longicaudata , Harlan. Med. and Phys. Res. pag. 96. Holhrook, North -Amer. Herpetol. vol. V. pag. 61. plate XIX. Kopf schmal und kurz; Schnauze gerundet; Rachen verhältniss- mässig gross; Zunge gestielt, etwas länglich, hinten seicht gekerbt, leicht beweglich. Die in Querreihen stehenden Zähne laufen nach in- nen und ein wenig rückwärts, zwei Längsreihen Zähne verlaufen An- fangs dicht neben einander, entfernen sich aber nach hinten allmählig. Die Nasenlöcher stehen seitlich nahe der Schnauze ; die Augen sind verhältnissmässig klein, aber doch vorstehend, mit dunkler Pupille und golden gefärbter Iris. Die quere Hautfalte an der Kehle ist scharf ab- gegrenzt; der Körper ist cylinderförmig, gracil; Schwanz verhältniss- mässig sehr lang, von den Seiten zusammengedrängt, nach der Spitze zu allmählig ganz dünn und spitz verlaufend und so leicht zerbrechlich, dass der Schwanz noch in der Flasche mit Alkohol zerbricht, wenn man nicht ganz behutsam damit umgeht. Vorderextremitäten schwach, Zehen gleichmässig kurz, Hinterextremitäten doppelt so stark. Die Grundfarbe der ganzen Oberfläche ist beinahe citronengelb mit vielen kleinen, nach den Seiten etwas grösseren schwarzen Flecken, welche am Schwänze zusammenfliessen und Querbinden bilden; Unterfiäche gelblich weiss. Länge des Kopfes — " W" - Rumpfes 1" 10'" .. - - Schwanzes 3'' 6''^ Totallänge 5" 9'" ^6g Der Osten und Norden scheint allein von diesem schönen Salaman- der bewohnt zu sein^ meine Exemplare waren im Staate Ohio in der Nähe einer sehr kleinen Quelle bei Pentelton gefangen, wo ich diese ThierC; welche auf diesem kleinen Terrain concentrirt waren, sehr oft beobachtete. Dr. Harlan hielt diesen Salamander für einen Wassersalamander und jedenfalls aus dem Grunde, weil er denselben im Wasser gefangen. Das Thier hat nämlich die Eigenschaft, bei drohender Gefahr sich zu verkriechen, und wenn kein Versteck in der Nähe sich befindet, in das Wasser zu retiriren. Der kleine Quell, der zwischen zwei Hügeln entsprang und der im Verlauf an ungefähr 2 Fuss breit wurde, mündete ungefähr 150 Schritte von der Quelle in den Ohio. Die Thiere waren, wenn auch im Ver- steck gefunden, niemals mehr als höchstens 3 — i Fuss vom Wasser ent- fernt und nie fand ich im Staate Ohio dieses Thier an andern Plätzen. Salamandra gutto-lineata. Holbrook. Sah gutto-lineata, Holbrook. North -Amer. Herpetol. pag. 29. plate VII. Kopf kurz, dick, mit stumpfer abgerundeter Schnauze ; Rachen ver- hältnissmässig tief gespalten; Zunge rund und pilzförmig gestaltet, nur in der Mitte durch einen kleinen Stiel befestigt und daher sehr leicht beweglich; Zahnbau vollkommen wie bei Sal. glutinosa; Nasenlöcher vorn und etwas nach oben, nahe der Schnauze, öffnen sich nach auf- wärts; Augen gross und vorstehend, Pupille schwarz, Iris geflammt, Nacken abgesetzt; Kehle mit deutlicher Querfalte; Körper ist cylinder- förmig in die Länge gezogen, schlank; Vorderextremitäten wenig ent- wickelt, Hinterextremitäten stärkerund länger, Schwanz rundlich, sehr lang. Kopf oberhalb gelb, sehr fein schwärzlich gesprenkelt, Oberlippe gelblich, Unterlippe weisslich, Nacken bis zum Schwanzende strohgelb. Hinter jedem Avige beginnt eine schwarze Linie, beide verbinden sich einen halben Zoll hinter dem Kopf und laufen als eine Linie über den Rücken und einen kleinen Theil des Schwanzes; von der Schnauze ausgehend erstreckt sich ein Anfangs schwaches, schwarzes Band durch den untern Theil der Iris, setzt sich über die Seiten fort, und erreicht beinahe das Ende des Schwanzes. Eine dicht darunter befindliche weisse Linie erstreckt sich von den Mundwinkeln bis zur Hälfte des Schwanzes. Die Oberfläche der Vorder- und Hinterextremitäten ist gelb- lich mit einer schwarzen Linie an der hintern Seite, die Unterfläc^e ist dunkelgrau. Länge des Kopfes — " 1'" - Rumpfes 2" — '" - Sch wanzes ^" \"' TÖtallänge 6" 11'" 263 Dieser schöne Salamander lebt an dunklen, feuchten Orten, unter Baumstämmen in der Nähe von Quellwasser, er wurde vorzugsweise in Carolina beobachtet. Salamandra quadridigita. Holbrook. Sal. quadridigita, Holbrook. North Americ. Herpetoll. vol. V. pag. 65. plate XXI. Kopf verhältnissmässig sehr gross; Schnauze gerundet; Zunge rund, flach, auf einem kurzen Stiel sitzend; hinter und zwischen den Innern NasenöfFnungen befinden sich einige sehr zerstreut stehende kleine Zähne. Die Nasenlöcher stehen seitlich nach vorn, nahe dem äussern Ende der Schnauze. Die Augen sind gross und vorstehend, Pupille dunkel, Iris goldfarbig. Der Nacken ist abgesetzt; Kehle mit Querfalte. Der Kör- per ist cylinderförmi^, mehr in die Länge gestreckt; Schwanz sehr lang, rundlich, an der Spitze etAvas zusammengedrückt. Die Vorder- extremitäten sind klein, Hinterextremitäten stärker und mit 4 Zehen versehen. (Der einzige bekannte amerikanische Salamander mit 4 Zehen an den Hinterfüssen.) Grundfarbe der Oberfläche blass strohgelb, mit einigen kleinen dunkelbraunen Flecken auf der Vertebral-Linie. Die Seiten sind mit einer unregelmässigen Reihe dunkelbrauner Flecken versehen, welche zuweilen zusammenfliessen und dann eine Seitenlinie bilden. Die Unter- fläche ist silberweiss mit einem bläulichen Anflug. Länge des Kopfes — " IT" - Rumpfes 1" — '" - Schwanzes 1" — '" Totallänge 3" \V" Dieser Salamander findet sich in den mittleren amerikanischen Staaten, unter gefallenen, faulenden Baumstämmen. B. Salamander, deren Schwanz kürzer oder eben so lang als der ganze übrige Körper, a) Körper mehr gedrungen. Salamandra sub-violacea. Barton. Sal. venenosa, Barton. Daut. Hist. Nat. des Rept. tom. VIIL pag. 229. Sah subviolacea, Barton, Trans. Amer. Phil. soc. vol. VI. pag. 112. plate rV. f. 6. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 93; Holbrook. North. Amer. Herpetol. vol. V. pag. 67. plate XXIL; Storer, Reptiles of Massa- chusetts pag. 247. Kopf sehr breit, gewölbt; Schnauze beinahe kreisrund; Rachen wenig gespalten; die Zunge ist gross, flach, vorn am breitesten, hinten auf einem kleinen Punkte angewachsen, an der Basis meist angewach- sen und schwer, nur seitlich beweglich. Die Zähne bestehen aus einer 264 Querreihe, weichelunter den innern Nasenöffnungen von einer Seite zur andern sich erstreckt. Die Nasenlöcher stehen seitlich nach oben nahe der Schnauze; Augen klein, wenig vorstehend; Pupillen grau, Iris dunkel grünlich. Der Nacken ist abgesetzt; die Querfalte an der Kehle sehr deutlich. Der Körper ist cylinderf örmig, dick, plump, mit glatter Haut bedeckt. Der Schwanz sehr wenig, nur in der Nähe der stumpfen Spitze etwas stärker, seitlich zusammengedrückt. Die Hinterextremi- täten sind stärker, kräftiger, als die Vorderextremitäten ; die Zehen viel länger, besonders die dritte und vierte. Die Färbung der Oberfläche ist gleichmässig dunkel, mit einem etwas starken Anflug von violett. Auf jeder Seite der Vertebrallinie befindet sich eine Reihe unregelmässig, grosser meist rundlicher oder blassgelber ovaler Flecken. Am Schwänze sind die Schleimdrüsen an beiden Seiten vorzugsweise ausgebildet, aber einzeln stehend, und jede ist am Ausführungsgange mit einem schmalen hellen Höfchen umgeben, welche wie kleine in der Hauptreihe intercurrirende Punkte aussehen. An den Extremitäten sind, wenn Flecken vorhanden, dieselben ebenso gross, als am Rücken. Die Seiten- und die Unterfläche ist meergrün, mit einem mehr oder weniger starkem Anflug von violett. Länge des Kopfes —" lü'" - Körpers 2" 6'" - Schwanzes 3" — '" TÖtaTlänge 6" \"' Sal. subviolacea scheint vorzugsweise den Norden und Osten von Nord-Amerika zu bewohnen; ich fand das grosse eben beschriebene Exemplar in einem Erdloche unter Steinen im Staate New-Jersey nahe am Hudson River. Scheint nicht sehr häufig zu sein. Salamandra fasciata. Green. Sal. fasciata, Green, Journ. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. pag. 350. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 94. Holbrook, North-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 71. plate XXHI. Storer, Rept. of Massachusetts pag. 247. Kopf verhältnissmässig gross, kurz, gewölbt, vorn rund; Zunge oval, an den Rändern verdünnt, hinten angewachsen, vordere Rand sehr wenig, Seitenrand etwas mehr beweglich. Zahnbau wie bei Sal. viola- cea, nur besteht die Querreihe aus drei Abtheilungen, weil an jeder Seite ein kleiner zahnloser Zwischenraum vorhanden und die Zahnreihe in zwei kleinere äussere, und eine grössere, mittlere Gruppe theilt. Die Nasenlöcher seitlich nach oben nahe der Schnauze; Augen vorstehend, Pupille schwarz; Iris dunkelgrau; Nacken wenig abgesetzt; Kehle mit deutlicher Querfalte. Körper cylinderförmig, erscheint etwas von der Seite zusammengedrückt. Schwanz ist dick, an der Wurzel rund, nach dem Ende zu an den Seiten zusammengedrückt. Die Haut ist glatt; die Hinterextremitäten noch einmal so stark, als die vordem. 265^ Die Grundfarbe des ganzen Thieres ist schwarz oder blau schwarz, der Kopf mit unregelmässigen, kleinen grauweissen Flecken gezeichnet, Nacken, Rücken und Schwanz mit 10 — 12 grauweissen, zuweilen blau- weissen oder seltner ganz weissen Querbinden. An den Seiten befindet sich eine ähnlich gefärbte, mehr oder weniger unterbrochene bis zum Schwanz reichende Längsbinde, welche, mit den Querbinden vereinigt, die schwarze Grundfarbe als grosse Flecken erscheinen lässt. Bei man- chen Exemplaren fehlen die Seitenbänder gänzlich und nur die Quer- binden sind vorhanden, aber auch diese manchmal ziemlich schmal. Die Ausführungsgänge der Schleimdrüsen erscheinen in den hellen Querstreifen als kleine Punkte. Unterfläche dunkelblau, Kehle und Schwanz etwas heller. Länge des Kopfes — " h'" - Rumpfes \" 1'" - ScliAvanzes \" A'" Totallänge 3" 4'" Dieser schön gezeichnete , nicht seltene Salamander, scheint sich nur in den östlichen und nördlichen Vereinigten Staaten aufzuhalten. Ich fand denselben in New -Jersey an einer sumpfigen vom Hud- son River bespülten Stelle, unter einem verfaulten Baumast. Salamandra talpoidea. Holbrook. Sah talpoidea, Holbrook. North -Amer. Herpetol. vol. V. pag. 73. plate XXIV. Kopf sehr gross und flach, mit abgerundeter kleiner Schnauze; Rachen tiefgespalteu ; Zunge subrhomboidal, hinten schmal und ange- wachsen, die übrigen Ränder der Zunge sind frei. Die Zähne stehen in einer Querreihe und sind in der Mitte etwas grösser und zahlreicher. Die Nasenlöcher befinden sich nahe der Schnauze nach oben und seit- lich und öffnen sich ein wenig nach aufwärts und rückwärts. Die Augen klein, aber vorstehend, Pupille schwarz, Iris dunkel. Der Nacken ist abgesetzt; Kehle mit deutlicher Hautfalte; Körper kurz, plump; mehr flach als cylinderförmig, mit glatter Haut bekleidet. Schwanz kurz, an der Wurzel sehr dick, von der Seite zusammengedrückt. Vorder- extremitäteu sind kurz, dick und stark; Hinterextremitäten verhältniss- mässig sehr stark, Zehen an der Basis beinahe vereinigt. Körper, Schwanz und Extremitäten gleichmässig dunkel, fast schwarz; Kehle, Bauch und Unterfläche des Schwanzes ebenfalls dunkel, mit einem star- ken, violetten Anflug. Länge des Kopfes — " 5'" - Rumpfes 1" 5'" - Schwanzes 1" 3'" Totallänge 3" V" Allg. deutsche naturh. Zeitung. I. 20 866 Dieser durch seine Lebensweise interessante Salamander wurde von Dr. Bürden nur auf einer an der Küste von Süd-Carolina sich befinden- den Insel gefunden. Das Tliier lebt daselbst ganz eigenthünilich, gräbt sich wie ein Maulwurf in die Erde ein und wenn es gestört wird, so verscharrt es sich binnen wenigen Secunden, so dass es nicht gesehen werden kann, dann entfernt es sich, kann aber leicht verfolgt werden, weil der Höhlengang sehr oberflächlich sich befindet und sich durch Erhöhungen und Vertiefungen auf der Oberfläche anzeigt, wie dies auch bei den Maulwürfen in den Feldern gesehen wird. Salamandra Texana. Matthes. Kopf verhältnissmässig gross, gewölbt; Schnauze rund; Rachen tief- gespalten; Zunge oval, an der untern Fläche angeheftet, dick, in der Mitte durch eine Längsspalte, welche bis an die Spitze geht, getheilt, so dass sie wie zwei nebeneinander liegende Wülste erscheint. Eine breite Querreilie Zähne läuft von der einen innern Nasenöffnung zur andern. Nasenlöcher stehen vorn und seitlich, nahe der Schnauze; Augeu klein, wenig vorstehend ; Nacken wenig abgesetzt ; Körper cylin- derf örinig, längsgestreckt, dick. Schwanz wenig von der Seite zusammenge- presst, nach dem Ende allmählig ablaufend; der Schwanz ist von der Basis an gerechnet in den ersten drei Viertheilen ganz gleich hoch und erst im letzten Viertheil wird er schmäler und endigt in eine kolbig stumpfe Spitze. Vorderextremitäten dünner und kürzer mit 4 Zehen; Hinterextremitäten stärker und länger, mit 5 feinen Zehen, von denen die vierte die längste ist. Die Haut des ganzen Körpers ist granulirt. Grundfarbe der Ober- fläche dunkelbraun ; Kopf und Rücken sparsam, die Seiten und besonders der Schwanz mit unregelmässigen, grauweissen Flecken besäet; Extre- mitäten ebenso gefärbt und gezeichnet. Die Unterfläche etwas heller braun und ungefleckt, nur das untere Ende des Schwanzes mit ein- zelnen Flecken versehen. Das erste Exemplar fand ich unter einem faulen Baumstamme im Urwalde am Rio Colorado, das zweite ebenfalls unter einem Baumstamme im Cummings Creeck Bottom, Fayette County. Salamandra salmonea. Storer. Sal. salmonea, Storer, Rept. of Massachusetts pag. 248. Holbrook. North Amer. Herpctol. vol. V. pag. 33. plate VHL Kopf gross, oben flach; Schnauze breit, fast viereckig; Rachen ziem- lich tief gespalten ; Zunge ist klein , rundlich uud mit einem dünnen ziemlich kurzem Stiel befestigt. Die Zähne laufen von jeder Seite zu dem äussern hintern Rande der innern Nasenöft'nungen , welche sehr gross sind, erstrecken sich nach innen und vorwärts bis zu einer Linie 867 mit ihrem vordem Rande, wenden sieh dann plötzlich zurück und bil- den parallel mit einander verlaufend, zwei Längslinien. Die Zähne sind alle äusserst klein und sehr nach rückwärts gebogen. Die äussern Nasenöffnungen stehen vorn und seitlich am äussern Ende der Schnauze. Die Augen sind gross und sehr vorstehend, Pupille schwarz, Iris glän- zend kupferfarbig. Nacken abgesetzt; Kehle mit einer Querfalte; die Haut glatt; Körper ist cylinderförmig, in die Länge gezogen, ohne schlank zu sein. Der Schwanz ist kürzer als der Körper, dick, an der Wurzel rund, seitlich zusammengedrückt und in eine Spitze endigend. Vorderextremitäten sind kurz und schwach, die Hinterextremitäten fast noch einmal so stark als die vordem. Kopf oben gelblich braun, an den Seiten salmenfarben*), eine sehr breite salmenfarbene Linie erstreckt sich von den Nasenlöchern zu der obem Orbita ; die Oberlippe ist hell salmenfarben mit einigen braunen Flecken, Unterlippe beinahe weiss oder hell fleischfarben ; Kinn und Kehle weiss ; Oberfläche des Körpers und Schwanzes ist gelblich braun, grau ge- zeichnet. Die Seiten des Körpers und Schwanzes sind salmenfarben, mit einem gelblichen Anflug. Unterfläche des Bauches ist weiss, der untere Theil des Schwanzes hell salmenfarben. Die Vorderextremitäten sind ober- halb gelblich braun und unterhalb weiss ; die Hinterextremitäten oben und unten gelblich braun. Länge des Kopfes — " 1'" - Rumpfes 2" 6'" - Schwanzes 2" 6'" Totallänge 5" 7'" Dr. Siorer beschrieb Salamandra Salmonea zuerst nach einem im Staate Massachusetts gefangenen Exemplare; doch ist derselbe noch im Staate New- York und Süd-Carolina gefunden worden. Salamandra rubra. Daud. Sah rubra, Daud, Hist. Nat. des Reptil, tom. VIH. pag. 227. plate XCU. Latreille Hist. Nat. Rept. tom. IV. pag. 305. Holbrook, North. Amer. Herpetol. vol. V. pag. 35, plate IX. Sah rubriventris , Green, Jour. Seien. Philad. vol. I. pag. 353. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 97. Sal. maculata, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. pag. 350. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 96. Sal. subfusca, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. L pag. 351. Sal. fusca, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. pag. 357. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 96. Kopf ziemlich gross; Schnauze abgerundet; Rachen wenig gespal- ten; Zunge rund, auf einem kurzen Stiel sitzend, sehr leicht beweglich. Die Zähne erstrecken sich hinter den hier sehr kleinen Innern Nasen- öffnungen, von der Seite nach innen und hinten, vereinigen sich aber *) blass rosa. 20* 268 nicht zu einer gemeinschaftlichen Querreihe, sondern verbinden sich jederseits mit der entsprechenden Längsreihe, welche sich allmählig bis zum Keilbeiukörper von einander etwas mehr entfernen. Die äusseren Nasenöffiiungen stehen nahe der Schnauze, seitlich oben. Die Augen sind ziemlich gross, vorstehend, Pupille schwarz, Iris goldig gefärbt. Der Nacken ist wenig abgesetzt ; Kehle mit einer queren häutigen Falte. Der Körper cjlinderf örmig , gedrungen. Hinterextremitäten stärker als die Vorderextremitäten, an der Basis der Zehen leicht verbunden. Der Schwanz ist kürzer als der Körper, an der Basis rund und dick, flacht sich aber bald ab, ist von der Seite zusammengedrückt und endigt in eine Spitze. Die Grundfarbe der ganzen Oberfläche des Kopfes, Rückens, Schwan- zes und der Extremitäten ist schön roth, mit kleinen vereinzelten, schwarzen runden Flecken, bis beinahe zum Schwanzende. Die Seiten etwas heller roth und ungefleckt; Unterseite orangeroth und ohne Flecken. Länge des Kopfes — " 8'" - Rumpfes 2" 8'" - Sch wanzes 2" 6"' .Totaflänge W W" Das von Holbrook beschriebene Exemplar ist viel kleiner, 4" 9"' lang und auf dem Rücken und Schwänze mit mehr aber kleinern Flek- ken gezeichnet. Das Tliier bewohnt Nord-Amerika von Massachusetts bis Florida, lebt unter Steinen und Baumstämmen. Ich fand diesen nicht häutigen Salamander im Staate Kentucky, dicht neben einem ziemlich tiefen klaren Quell unter einem platten Stein. Nachdem ich den Stein entfernt, zog sich ein Thier, von dem ich übri- gens nur undeutlich die rothe Farbe eines Theiles sehen konnte, sehr schnell in ein senkrechtes Loch zurück. Da sich das Loch nach die- sem Manöver gänzlich mit Wasser füllte, also nicht tief gehen konnte und ich eine von den seltenen ganz rothen Crustaceen, wie ich sie später in den Sümpfen von New-Orleans gefunden, erwartete, so machte ich mich daran, den Flüchtling auszugraben, welches auch bald gelang und ich in Besitz dieses Salamanders kam. Von der schönen, prächti- gen Farbe, von dem glühenden Roth hingerissen, betrachtete ich das Thier einige Zeit, welche Gelegenheit es benutzend, mit einer ziem- lichen Schnelligkeit aus der Hand sich schnellte und, in das tiefe Quell- wasser gefallen, suchte es alsbald die Tiefe auf. Ein Mulatte, der meine Jagdutensilien trug, holte dann das Thier, nachdem ich ihm bestimmt versicherte, dass es nicht giftig, aus dem hellen, klaren Wasser. In verdünntem Alcohol gebracht, verlor das Thier binnen 24 Stun- den seine schöne rothe Farbe und wurde gelb, der Spiritus wurde roth gefärbt. 269 Salamandra quadrimaoulata. Holbrook. Salam. quadrimaculata ^ Holbrook^ North- Americ. Hevpetol. vol. V. pag. 49 plate XIII. Kopf ziemlich gross, mit runder kSchnauze ; die Zunge ist mit einem kurzen Stiel befestigt. Eine Querreihe von Zähnen beginnt an jeder Seite am innei'n hintern Rande der Innern Nasenöffnungen, läuft nach innen und verbindet sich in der Mitte; eine halbe Linie hinter dieser Querreihe beginnen zwei Längsreihen, welche Anfangs dicht zusammen- stehen, dann aber mehr von einander sich entfernen. Die Nasenlöcher stehen seitlich und oben; die Augen sind gross und vorstehend; Pupille schwarz, Iris röthlich und golden gefärbt. Nacken abgesetzt; Kehle mit Querfalte. Der Körper ist länglich, aber ziemlich gedrungen; Vorderextremi- täten kleiner, mit kleinen Zehen, Hinterextremitäten doppelt so stark. Schwanz kürzer als der ganze Körper und länger als der Rvimpf, von der Seite zusammengedrückt, in eine Spitze auslaufend. Grundfarbe der Oberfläche ist dunkel mit einem violetten Anflug ; Rücken mit zwei Reihen, von kleinen unregelmässigen, länglich viereckigen, röthlichen Flecken, welche auf der Dorsalfläche der Schwanzwurzel zusammenlaufen und eine rothe Linie bilden. Bei jungen Exemplaren sind diese Flecken hell, bei älteren mehr dunkel. Die Farbe der Unterfläche ist gesprenkelt, besteht aus einem Ge- misch von dunkelgrau und weiss, mit einem starken violetten Anflug; die obere Fläche der Extremitäten ist dunkel, die untere mit einem violetten Anflug. Länge des Kopfes — " 5'" - Rumpfes 1" 6'" - Schwanzes 1" 9"' Totallänge 3" 8'" Das Thier findet sich in Georgia, Carolina, Pensylvanien und den dazwischen liegenden Staaten. Salamandra JefFersoniana. Green. Sal. JefFersoniana, Green. Maclurian Lyceum pag. 4. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 98. Holbrook, North-Amer. Herpetol. vol. V. p. 5L plate XIV. Kopf sehr gross ; Schnauze voll und rund ; Rachen tief gespalten ; Zunge klein, rund, gestielt, vorn etwas angeheftet; Zähne bilden Querreihen, welche sich mit den Längsreihen verbinden. Die äussei-n Nasenöfinungen stehen nahe der Schnauze. Die Augen stehen über den obern Rändern der Örbita hervor; Pupille und Iris ganz schwarz. Der Nacken ist abgesetzt; Kehle mit einer starken Querfalte. Der Kör- per ist cylinderf örmig , langgestreckt, gedrungen; Schwanz beinahe so lang als der ganze Körper, rund; am Ende flach werdend und in eine 270 Spitze verlaufend. Vorder- und Hinterextremitäten gut entwickelt, Zehen besonders gut ausgebildet. Oberfläche ist dunkelbraun und mit schönen azurblauen Punkten, welche unregelmässig über die ganze Oberfläche verbreitet, am Rücken aber am sparsamsten und kleinsten sind; an den Seiten des Rumpfes und des Schwanzes werden diese Punkte so stark, dass sie azurblaue Flecken bilden. Die Unterfläche ist blass violett. Länge des Kopfes — " 8'" - Rumpfes 2" 6'" - Schwanzes 2" 1 0'" Totallänge 6" — '" Lebt vorzugsweise auf dem Lande, wo er sich, vermöge seiner sehr ausgebildeten Zehen, mit grosser Leichtigkeit bewegt. Der einzige bis jetzt bekannte Fundort dieses seltenen Thieres ist der westliche Theil von Pensylvanien, nahe am Charters Creek. Salamandra symmetrica. Harlan. Sal. stellio, Say, Amer. Journ. of Arts and Seien, vol. I. pag. 264. Sal. symmetrica, Harlan, Med. and Physik. Res. pag. 98. Holbrook, North- Amer. Herpetol. vol. V. pag. 57. plate XVH. Storer, Reptiles of Massachusetts pag. 246. Kopf ist verhältnissmässig gross ; Schnauze etwas zugespitzt; Zunge ist klein, auf einen sehr kurzen Stiel aufsitzend, an den Seiten wenigfrei und beweglich; eine Querreihe Zähne beginnt auf jeder Seite hinter den innern Nasenöfi'nungen , läuft nach innen und verbindet sich in der Mitte, die Längsreihe ist sehr schmal, aber erstreckt sich bis zum Keil- beinkörper. Die äussern Nasenöffnungen stehen nach vorn und Seitlich. Die Augen sind klein, wenig vorstehend, die Pupille ist schwarz, die Iris geflammt. Der Nacken ist nicht abgesetzt; Kehle ohne Hautfalte.*) Körper ist cylinderförmig, von den Seiten zusammengedrückt, bei- nahe schlank; Schwanz so lang als der übrige Körper, von der Seite stark zusammengedrückt und allmählig in eine Spitze verlaufend. Vor- derextremitäten sind sehr dünn, die Zehen aber gut entwickelt, die bei- den mittelsten die längsten; Hinterextremitäten mehr als noch einmal so stark, die Zehen an der Basis verwachsen. Die Haut ist über und über, an der Dorsalfläche mit stärker und der Abdominalfläche schwächer entwickelten Tuberkeln besetzt, so dass sich die Haut ganz rauh anfühlt. Die Grundfarbe der Dorsalfläche ist braunroth ; an jeder Seite des Rückens befinden sich 4 bis 7 gelbe oder röthliche *) Holbrook erwähnt in seiner Beschreibung von Salamandra symmetrica einer Haut- falte an der Kehle, doch finde ich bei den von mir im Staate Kentuky und Indiana, ferner bei den von Herrn C. Müller aus Dresden im Staate New-York und Pensylvanien gesammelten Exemplaren eine Hautfalte nicht, ebenso finde ich in der Beschreibuug von Siorer, Reptiles of Massachuselta, keiner Hautfalte erwähnt. 271 Flecken, welche mit einem schwarzen Höfchen eingefasst sind.*) Die »Seiten und die Oberfläche orangegelb und mit vielen runden, scharfbe- grenzten schwarzen Punkten besäet. Sind auf der Dorsalfläche schwarze Punkte vorhanden, so sind diese mehr vereinzelt und verschwommen. Die Extremitäten ebenfalls schwarz punktirt. Das grösste von mir gefangene Exemplar ist 4 Zoll lang. Länge des Kopfes — " 5'" - Rumpfes V T" - Schwanzes 2" —'" Totallänge 4" — '" Sah symmetrica bewohnt schattige, aber mehr trockene Gegenden, ich fand denselben mehrmals unter der Rinde eines ganz trockenen Baumes, weit vom Wasser entfernt. Zur Zeit der Begattung und Ab- setzung der Jungen jedoch gehen sie in das Wasser. Eine Verwechslung mit Triton dorsalis ist, obgleich die Färbung sehr ähnlich ist, doch nicht möglich, da bei letzterem ein vollkommener Ruderschwanz vorhanden ist. b) Körper mehr lang gestreckt. Salamandra erythronota. Green. Sal. erythronota, Green, Journ. Acad. Nath. Seien. Philad. vol. I. pag 356. Sal. cinerea, Green, Coc. cit. vol. I. pag. 95. Sal. erythro- notfc, Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 95. Sal. cinerea, Harlan, Coc. cit. pag. 65. Storer, Reptiles of Massachusetts pag. 245. Holbrook, Noith-Amer. Herpetol. vol. V. plate XL Kopf ist kurz; Schnauze zugespitzt; Rachen tief gespalten; Zunge ovai, ziemlich gross, sehr flach, in der Mittellinie angewachsen, daher nur seitlich beweglich. An beiden Seiten beginnt hinter den Innern Nasen- öfFnmgen eine Querreihe Zähne, welche jede nach innen und ein wenig naci rückwärts läuft, die sich aber beiderseits nicht verbinden. Zwei Längs- reihen von Zähnen verlaufen zu einer Gruppe zusammengeflossen, bis zum Keibeinkörper und sind hinten am breitesten. Die Nasenlöcher stehen seitlch nahe der Schnauze. Augen klein, sehr vorstehend, Pupille schwirz, Iris kupferfarben. Nacken wenig abgesetzt; Kehle mit einer Haufalte ; Körper cylinderf örmig, lang gestreckt und schlank ; Schwanz im Ganzen rundlich, in eine Spitze endigend. Die Vorderextremitäten sind klein und schwach; Hinterextremitäten länger und etwas stärker. Die Grundfarbe der Dorsalfläche ist dunkelbraun, längs dem Rücken *) Die Bescbreibung der Farbe weicht von der von Holhrook gegebenen darin ab, dass deselbe der mit einem schwarzen Höfchen umgebenen gelblichen Flecken an bei- den Seien des Rückens gar nicht erwähnt. In der beigefügten Abbildung vol. V, plate X"\H. aber sind dieselben deutlich angegeben. 272 meist mit einem breiten hellbraunen bis beinahe zum Schwanzende rei- chenden Bande versehen; zuweilen ist dieses Band dunkelblau oder grau gefärbt, zuweilen kaum von der Grundfarbe zu unterscheiden, zu- weilen ist das braune Band aber der dunkelste Theil am ganzen Thiere. Ober- und Unterlippe sind gelblich. Die Seiten des Bauches und des Schwanzes sind gelblich und ganz dicht grau gesprenkelt. Extremitäten meist gelblich braun. Die Unterfläche ist weisslich und grau oder braun gesprenkelt. Länge des Kopfes — " 3V--i'" - Rumpfes l" 3'" - ScliM^anzes 1" 5'" Totallänge 2" 11 1/2'" Salamandra erythronota ist sehr gemein in den ganzen Vereinigten Staaten von Massachusetts bis Louisiana. Im Norden ist derselbe so häufig, dass fast unter jedem flachen, hohl liegenden Steine, unter jedem faulen Stamm ein oder mehrere Thiere sich befinden ; nach dem Süden wird derselbe seltener; in Texas fand ich keinen. Es ist unstreitig der schnellste Salamander in Nord- Amerika , er ist so agil auf der Flucht, dass man auf den ersten Augenblick eine Eidechse zu sehen glaubt. Salamandra auriculata. Holbrook. Sah auriculata, Holbrook, North-Amer. Herpetol. pag. 47. plate KIT. Kopf ist klein, oben und vorn abgerundet; Zunge klein, rund, ge- stielt, sehr beweglich. Eine starke Gruppe von kleinen Zähnen beginnt auf jeder Seite hinter den innern Nasenöflfnungen und vereinigt siel in der Mitte. Zwei Linien hinter dieser Querreihe beginnt eine Längsgrujpe, welche bald in zwei Reihen getheilt, sich nach hinten etwas mehr ron einander entfernt. Aeussere Nasenöffnungen sind klein, seitlich ind von einander mehr entfernt, als es bei den Salamander gewöhnlich der Fall ist. Die Augen sind klein und vorstehend; Pupille schwarz, [ris rothbraun; NackÄi leicht abgesetzt; Kehle mit einer Querfalte. Körper lang und cylinderförmig; Schwanz ebenso lang als der gmze übrige Körper, rundlich, an der Spitze zusammengepresst. Die Voider- extremitäten sind klein, die Hinterextremitäten nur etwas stärker. Farbe oben dunkelbraun ; etwas dunkler auf dem Kopfe. Hiiter jedem Auge nach dem Nacken zu befindet sich ein länglich roth-bramer Fleck, welcher dem Thiere das Ansehen giebt, als sei es mit Chren versehen. An jeder Seite des Körpers ist eine Reihe kleiner rundlcher, roth-brauner Flecken , welche sich bis an das Ende des Schwanz;s er- strecken. An den Seiten des Rückens sind diese Flecke zuweiler dop- pelt vorhanden und stehen sich sehr nahe. Unterleib ist hellgrai, an der Kehle ebenso, nur noch mit einem leichten violetten Anflug, 278 Länge des Kopfes — '' 4'" - Rumpfes 2" T' - Schwanzes "l" ^"' Totallänge 5" —'" Das Exemplar, von welchem Holbruok die Beschreibung gegeben, wurde von Dr. Ilarden bei Riceborough in Georgia gefangen. Salamandra Phoca*). Matthes. Kopf klein, oben und vorn rund ; Rachen sehr wenig tief gespalten ; Zunge oval, nach vorn zugespitzt, an der untern Fläche und der Spitze angeheftet, seitlich frei und leicht beweglich ; Zähne bestehen aus einer vordem Querreihe und einer Längsgruppe. Aeussere NasenöfFnungen stehen seitlich oben, nahe der Schnauze. Nacken wenig abgesetzt, nach vorn und aufwärts gebogen ; Kehle mit einer deutlichen Querfalte. Kör- per cjlinderförmig, langgestreckt, schlank, Schwanz beinahe so lang als der Körper, an der Wurzel rund, dann seitlich zusammengedrückt und in eine scharfe Spitze endigend. Vorderextremitäten mit vier, Hinter- extremitäten mit fünf Zehen. Grundfarbe der Dorsalfläche schiefergrau, mit unregelmässigen, dunkeln Flecken gezeichnet, welche Flecken zu beiden Seiten dicht neben der Dorsallinie stärker ausgeprägt sind und sich bis über die Hälfte des Schwanzes erstrecken. Eine zAveite Reihe befindet sich an der äussern Fläche des Rückens, verschwindet aber am Schwänze. Oberfläche der Extremitäten wie der Rücken gefärbt und mit einzelnen dunkelen, mehr verschwommenen Fleckeji versehen. Die ganze Unter- fläche ist einfach blass, grünlich gelb. Länge des Kopfes — " 4'" - Rumpfes V 10'" - Schwanzes 1" 1'" Totallänge 4" 4'" Besondere Bemerkung. Eben beschriebener Salamander steht Sala- mandra auriculata hinsichtlich der Körperform am nächsten, doch unter- scheidet er sich anatomisch durch den nach aufwärts und vorn geboge- nen Nacken von diesem und allen übrigen bis jetzt bekannten Salamandern. Ich fand das eben beschriebene Exemplar unter einem kleinen flachen Stein dicht neben dem Taylors - Creeck in Kentucky unweit New -Port. Alle Versuche, mehr als ein Exemplar zu bekommen, Avaren vergeblich und ich glaube, dass an eine bedeutendere Vermehrung an dem angeführ- ten Fundorte wohl nicht z^^ denken ist, da hier eine Masse Schlangen, namentlich Nei'odia sipedon und Regina leberis vorhanden und fast unter jedem Steine anzutreffen waren. Ehe ich in Besitz des Thieres *) Ich nenne diesen Salamander deshalb „Salamandra Phoca", weil der kleine runde, auf dem vor- und aufwärtsgebogenen Nacken sitzende Kopf ttäuschend die Form des Seehundes wiedergiebt. kam, versuchte es zu fliehen, wobei es eine ziemliche Behendigkeit an den Tag legte. Salamandra bilineata. Green. Sal. bilineata, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. p. 325. Holbrook, North -Amer. Herpetol. pag. 55 plate XII. Sal. flavissiraa, Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 97. Kopf klein ; Schnauze mehr rund als zugespitzt ; Zunge klein, läng- lich rund, dünn, auf einem Stiele sitzend, leicht beweglich. Eine Quer- reihe Zähne läuft von der einen Seite des Innern Randes der innern Nasenöffnungen zur andern, hinter diesen befinden sich zwei Längsrei- hen von gewöhnlicher Ausdehnung. Nasenlöcher stehen seitlich, nahe der Schnauze. Die Augen sind vorstehend, Pupille schwarz, Iris goldig. Nacken wenig abgesetzt; Kehle mit einer queren Hautfalte. Der Körper ist cylinderförmig, der Schwanz an der Basis rund, verengt sich allmählig und nach der Spitze zu seitlich zusammengedrückt. Vorderextremitäten sind aussergewöhnlich klein, Hintorextremitäten zwei Mal so stark. Die Dorsalfläche des ganzen Thieres ist braungelb gefärbt, an jeder Seite mit einer schAvarzen Linie, welche hinter dem Auge beginnt und ohne Unterbrechung sich über die Seiten oberhalb der Vorder- und Hinterextremitäten hinzieht und vor dem Ende des Schwanzes verliert. Die Unterflächc ist hellgelb und die Haut so fein, dass sie erlaubt, die Eingeweide durchzusehen, wodurch es erscheint, als sei die Haut in der Mittellinie dunkler. Länge des Kopfes — " 3'" - Rumpfes I" b'" - Schwanzes 2" 2'" Totallänge 3" 10'" Lebt auf dem Lande nur an dunkeln Plätzen, ist lebhafter als die Salamander gewöhnlich, wohnt unter Steinen, unter faulem Holz, verlässt diese Orte nach dem Regen und im Abenddunkel , um sich seine Nahr- ung zu suchen. In den Staaten Massachusetts, Jersey, North- Carolina und Süd- Carolina ist dieser Salamander bis jetzt aufgefunden worden. Salamandra cirrigera. Green. Sal. cirrigera, Green, Journ. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. IV. pag. 253. Sal. cirrigera, Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 99. Sal. cirrigera, Holbrook, North-Amer. Herpetol. pag. 53. plate XV. Kopf kurz; Schnauze stumpf abgerundet; auf jeder Seite zwischen Nasenlöchern und Oberlippe befindet sich ein über die Unterlippe her- vorragender, beinahe »A Zoll langer, nach unten zugespitzter Hautlappen ; Rachen sehr wenig gespalten ; Zunge länglich oval, dünn und leicht be- 275 weglich. Eine Querreihe Zähne beginnt an dem innern hintern Rande der innern Nasenöffnungen einerseits bis auf die andere Seite, hinter diesen befindet sich eine aus sehr kleinen Zähnen bestehende Längs- gruppe, welche bis zum Keilbeinkörper sich erstreckt. Nasenlöcher vorn etAvas zurückstehend; Augen gross, vorstehend, Pupille dunkel, Iris golden; der Nacken ist vom Kopfe abgesetzt; Kehle mit einer häutigen Querfalte versehen. Körper langgestreckt, aber ein wenig gedrängt, robust; Schwanz beinahe so lang als der ganze Körper, von der Seite zusammengedrückt, nach den Enden allmählig verlaufend und in eine Spitze endigend. Vorderextremitäten zart, mit vier Zehen, Hinterextremitäten weit stär- ker, mit fünf Zehen. Die Farbe des Kopfes ist oberhalb i'ahmfarben, mit einem röthlichen Anflug, ebenso die Oberlippe; Unterlippe und Kehle beinahe weiss. Rücken und Schwanz sind oben etwas dunkler gefärbt, als der Kopf, mehr rothbräunlich, mit vielen dunkeln Punkten gesprenkelt ; eine dunkle unterbrochene Längslinie beginnt hinter den Avigen einer jeden Seite, läuft an der Seite, noch oberhalb der p]xtremitäten und endigt nahe vor der Schwanzspitze. Die Flanken unterhalb dieser Linie sind braun ge- sprenkelt und mit einer unregelmässigen Reihe kleiner weisser Flecke versehen. Unterseite ist gelblich weiss mit einem leichten Purpuranflug in der Mittellinie; die Extremitäten besitzen an der äussern Seite die Farbe des Rückens und an der innern Fläche die Farbe des Bauches. Länge des Kopfes — " 21/2'" - Rumpfes \" W" Schwanzes \" 1'" Totallänge 3" 1^l-i"' Nur in Louisiana und Mississippi ist Salamandra cirrigera bis jetzt beobachtet worden. Salamandra Haldemani. Holbrook. Sal. Haldemani, Holbrook, North -Amer. Herpetol. vol V. pag. 59 plate XIH. Kopf von mittelmässiger Grösse, oben etwas abgeflacht; Schnauze rund; Rachen wenig gespalten; Zunge breit, rundlich und mit einem breiten kurzen Stiel befestigt. Auf jeder Seite hinter den innern Nasen- Öffiiungen beginnt eine Querreihe Zähne, welche nach innen und hinten läuft, sich aber in der Mittellinie nicht zu einer Linie verbindet, son- dern einen kleinen freien Raum lässt, hinter welchem eine nach dem Keilbeinkörper zulaufende Längsgruppe beginnt. Die Nasenlöcher stehen nahe der Schnauze, seitlich, doch etwas nach oben. Augen gross und vorstehend; Pupille dunkel, Iris hellgelb. Nacken abgesetzt; Kehle mit häutiger Querfalte. 21ß Körper ist cylinderförmig und dünn ; Vorderextremitäten sctwach, mit 4 Zehen ^ Hinterextremitäten stärker ^ mit 5 Zehen. Der Schwanz ist beinahe so hing als der ganze Körper und allmählig sich verdün- nend, vor der Spitze ein wenig zusammengepi-esst. Kopf und Nacken oberhalb blassgelb, Lippen heller und die Kehle gelb weiss. Der Körper ist oben strohfarben, an den Flanken mit einem olivenfarbenen Anflug und mit vielen kleinen dunkeln oder braunen Flecken von verschiedener Grösse und unregelmässiger Stellung gesprenkelt, die grössten befinden sich an den Seiten. Die Kehle ist blassgelb, ebenso der Unterleib, nur in der Mitte mit einem etwas starken purpurfarbenen Anflug. Die Extremitäten ähnlich der Färbung des Kückens, die dunk- len Flecken aber sind seltner und kleiner; die innere Fläche ist gelb. Länge des Kopfes — " 5'" - Rumpfes l" 8'" Schwanzes 1" 11'" Totallänge 4" — '" Lebt in Pensjlvanien, Maryland, Virginien unter Steinen und Baum- stämmen. Salamandra maculata. Green. Sal. maculata, Green, Jour. Acad. Nat. Seien vol. I. pag. 350. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 96. Dr. Storer giebt einen Auszug aus Green's, Beschreibung von Sal. maculata wie folgt: „Länge 4 oder 5 Zoll, Schwanz ohngefähr so lang als der Körper, allmählig schwächer werdend, wenig zusammengepresst, zugespitzt; Schnauze rund; Rücken weisslich, mit unregelmässigen, rothbraunen Flecken besprenkelt ; unten weiss, Vorderfüsse mit 4» Hin- terfüsse mit 5 Zehen. Dr. Storer giebt in Reports on the Reptiles of Massachusetts die Beschreibung einer Larve von Sal. maculata wie folgt: „This is a quite yong specimen, being only an inch and a half long, and having the branchiae still attached; and as its colors have somewhat changed in the Alcohol."*) Dr. Storer nimmt den Staat Massachusetts als das Vaterland von Sal. maculata an; Holbrook erwähnt in North-Amer. Herpetol. 1842 die- ses Thier jedenfalls wegen Mangel eines Exemplars oder einer guten' Beschreibung gar nicht. Vielleicht ist aber auch die Existenz dieses Thieres noch sehr fraglich. *) Diese Beschreibung passt unbestreitbar auf alle Salamander - Larven , und nicht gerade auf eine besondere Art, überhaupt ist das Bestimmen der Salamander-Larven mit Sicherheit gar nicht möglich. 277 Triton. Laur. Wasser - Salamaiider, Wasser - Molch. Körper mehr oder weniger schlank, cylinderf örmig ; Schwanz von der Seite stark zusammengedrückt, (Ruders chwanz) bei einigen mit einem Hautkamm versehen ; Vorderfüsse stets A, Hinterfüsse stets 5 Zehen, an der Basis mehr oder weniger verwachsen ; Rachen, ausser den MaxiHar- zähnen, noch mit Querreihen oder mit Quer- und Längsreihen zugleich besetzt; Zunge angeheftet, die Ränder frei. Der gewöhnliche Aufent- halt der Tritonen ist das stehende, selten das fliessende Wasser. Die Fort- pflanzung geschieht durch Eier, welche von der Sonne ausgebrütet wer- den. Die Larven tragen ebenfalls Kiemen, sind Anfangs ohne Beine, erhalten zuerst die Vorderfüsse und unterscheiden sich hierdurch von den Fro-schlarven, welche die Hinterfüsse zuerst erhalten. Nach Verlust der Kiemen und Schliessung der Kiemenspalte, tritt Lungenathmung ein und das Thier, obgleich vorzugsweise im Wasser lebend, muss von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche um Luft zu schöpfen. Triton dorsalis. Harlan. Triton dorsalis, Holbrook, North- Amer. Herpetol. pag. 77. plateXXV. Salamandra dorsalis, Harlan, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. VL pag. 101. Sah dorsalis, Storer, Reptiles of Massachusetts pag. 249. Kopf kurz, nach hinten breiter, die Schnauze beinahe zugespitzt; der Rachen ist weit gespalten; die Zunge breit, flach, meist angewachsen. Vorder- und Seitenränder aber frei; Quer- und Längsreihzähne vorhan- den; Nasenlöcher stehen vorn; Augen gross und vorstehend; Pupille schwarz, L'is geflammt; Nacken und Körper sind beinahe eben so breit als der Kopf und cylinderf örmiger Gestalt; Kehle mit Querfalte. Vorderextremitäten weniger ausgebildet, mit 4 kleinen Zehen, Hin- terextremitäten dreimal so stark als die vordem, endigen in 5 kurze leicht bewegliche Zehen, welche an ihrer Wurzel vereinigt sind ; Schwanz an der Wurzel dick, im übrigen bis an das Ende stark von der Seite zusammengedrückt, ruderf örmig. Die Grundfarbe der Oberfläche ist olivenbraun mit einem grünlichen Anflug und mit vielen kleinen schwar- zen Punkten übersäet, welche am Schwänze stärker ausgeprägt sind. Vom Nacken läuft eine hellere Linie über den Rücken nach dem Schwänze ; auf jeder Seite dieser Linie befindet sich eine Reihe hellgelber, zuweilen röthlicher symmetrisch geordneter Flecken, welche jedoch bedeutend variiren, selbst fehlen können, wodurch dann das Thier dem europäi- schen Triton etwas ähnlich sieht. Die ganze Unterfläche ist orangegelb und mit vielen schwarzen, unregelmässig stehenden Punkten bedeckt. Länge des Kopfes — " 5'" - Rumpfes \" 41/4'" - Schwanzes 1" — '" ' Totallänge 3" 9V*"' g7S Triton dorsalis bewohnt die vereinigten Staaten von Massaclmsetts bis Georgia. Triton porphyriticus. Green. Salamandra porphyritica, Green, Maclurian Lyceum pag. 3. Harlan, Med. and Pliys. Res. pag. 98. Holbrook, Nortli-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 83. plate XXVIII. . Kopf ziemlich gross ; Schnauze stumpf und abgerundet 5 Rachen ver- hältnissmäsig gross; Zunge breit, länglich, dünn und vorn ein wenig befestigt, Seitenränder ein wenig beweglich ; Zähne stehen in einer Quer reihe, erstrecken sich von der einen Seite des äussern Randes der innern Nasenöffnungen zur andern; Nasenlöcher stehen oben und seitlich nahe der Schnauze nach aufwärts und wenig auswärts geöffnet, mit einer kleinen Wulst, welche sich von hier erstreckt und bis an den vordem Winkel des Auges läuft; Augen ziemlich klein, Pupille schwarz, Iris dunkel. Körper ist cylinderförmig und langgestreckt; Schwanz stark ziisam- mengepresst, an dem untern und obern Rande der liintern Hälfte gekielt. Die Extremitäten und Zehen unbedeutend entwickelt. Die Oberfläche des ganzen Thieres ist mehr oder weniger braun gefärbt, untermischt mit unregelmässigen, weisslichen Flecken, welche an den Seiten unre- gelmässige Längslinien bilden. Kehle und Abdomen weisslich, dunkel- braun schattirt. Länge des Kopfes — " 6'" - Rumpfes 2" — '" - Schwanzes 1" IV" Totallänge 4" 5'" Nur im westlichen Pensytvanien bis jetzt aufgefunden. Triton niger. Green. Salamandra nigra, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. pag. 352. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 97. Salam. intermixta, Green, Maclurian Lyceum pag. 5. Sah picta, Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 97. Storer, Rept. of Massachusetts, pag. 251. Holbrook, North-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 81. plate XXVII. Kopf klein, Schnauze beinahe zugespitzt ; Rachen verhältnissmässig tief gespalten ; Zunge oval, nach hinten am breitesten, vorn schmal und angeheftet, frei und beweglich am hintern Rande. Die Vomer sind mit einer Quergruppe kleiner Zähne bewaffnet und andere stehen in Längs- richtung in der Mittellinie; Nasenlöcher klein nach oben und seitlich; Augen vorstehend, ]\ipille schwarz und dunkelgraue Iris; Nacken we- nig abgesetzt; mit grosser Querfalte an der Kehle. Körper gedrungen , subcylinderf örmig ; Schwanz an der Basis dick und rund, dann von der Seite zusammengedrückt, bis nahe zum Ende 279 welches eine Spitze bildet. Vorderextremitäten kurz mit 4 Zelien, Hin- terextremitäten viel länger mit 5, leicht an der Basis verbundenen Ze- hen. Oberfläche des ganzen Thieres ist schwarz mit einem hellblauen Anflug. Kehle und Unterleib violett. Junge Exemplare sind oft mehr braun als schwarz mit einigen dunkler gefärbten Flecken an den Seiten. Länge des Kopfes — " 4'" - Rumpfes 2" — '" - Schwanzes T' —'" Totallänge \" \"' Lebt nach Holbrook ausschliesslich im Wasser. Die geographische Verbreitung dieses Thieres scheint sich von Massachusetts bis Louisiana zu erstrecken. Triton tigrinus. Green. Salamandra tigrina^ Green ^ Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. V. pag. 116. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 93. Triton tigrinus, Hol- brook, Kurth-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 79 plate XXVL Kopf gross, breit, oben abgeflacht, vorn abgerundet; Rachen gross; Zunge breit, rundlich, ganz hinten augeheftet, vorn wenig angeheftet, nur an den Seitenrändern frei imd beweglich. Die Zähne stehen in drei Querreihen ; eine beginnt hinter dem äussern Rande der innern Nasen- öffnungen an jeder Seite und läuft zwei Linien nach innen und rück- wärts ; zwischen den innern Enden dieser beiden Gruppen , auf einer etwas in Front stehenden Linie fängt die grösste Gruppe an, welche ebenfalls querläuft, aber in der Mitte etwas nach vorwärts gebogen ist. Augen sind gross und vorstehend, die Pupille ist schwarz, Iris golden, untermischt mit roth; Nacken ist abgesetzt, Kinn glatt, Kehle mit starker Querfalte. Körper ist stark und cylinderf örmig , Schwanz länger als der Kör- per, von der Seite zusammengedrückt, oben und unten schmal gerandet; Vorderextremitäten kurz und dick mit 4 kurzen Zehen getrennt, die mittelste ist die längste, Hinterextremitäten sind grösser und mit 5, an der Wurzel verbundenen Zehen. Die Grundfarbe der Oberfläche ist bläulichschwarz, mit vielen un- regelmässigen citrongelben Flecken; das Kinn ist dunkelgelb; Kehle und Unterleib grau mit dunkeln gelben Flecken; die Unterfläche des Schwanzes und der Extremitäten ist gelb gewölkt. Länge des Kopfes — " 10'" - Rumpfes 2" 3'" - Schwanzes 3" ^"' Totallänge 6" V'' Lebt in den nördlichen Theilen der vereinigten Staaten, von Massa- chusetts bis New -Jersey, in den Wäldern unter Steinen, Holz und Blättern. 280 Die Stellung des letztgenannten Thieres unter die Tritonen, ist wegen seines Aufenthaltes im Walde ^ unter Steinen, Holz und Blättern ziemlich fraglich. Green und Harlan stellten das Thier tinter die Sala- mander und llolbrook unter die Tritonen: inwiefern die Stellung unter die Tritonen gerechtfertigt erscheint, ist mir nicht erklärlich; ebenso fraglich ist die Stellung von Salamandra porphyritica, Green, unter die Tritonen. Der Umstand, dass Professor Green das Thier in French- Creek gefunden, kann doch nicht allein hierzu veranlassen und übrigens beweisst die Beschreibung und die Abbildung das Fehlen eines Ruder- schwanzes. Da ich diese Thiere jedoch nicht gesehen, so erlaubte ich mir nicht die Stellung, die ihnen Holbrook angewiesen, zu ändern. Beitrag zur Kryplogamen -Flora Süd -Afrikas. Pilze und Algen. Bearbeitet von Dr. L. Rabenhorst. Um so seltener es immer noch ist, dass botanische Reisende in aussereuropäischen Ländern auf Kryptogamen im Allgemeinen achten, am wenigsten sich geneigt zeigen, Pilze, Algen und Flechten zu sam- meln, um so dankbarer müssen wir jede kleine Gabe, die uns aus fer- nem Lande geboten wird, annehmen*). So haben wir denn auch die kleine Sammlung, welche Herr Bischof /. Ch}\ Breutel bei seinem Auf- enthalte 18f| in Süd- Afrika zusammengebracht hat, auf das Freudigste begrüsst und es ist um so dankbarer anzuerkennen, da diese Reise keine eigentlich wissenschaftliche war, sein schwerer Beruf ihm nur gestattete einzelne Augenblicke dazu zu verwenden. Wie es schon im 4. Hefte dieser Zeitschrift erwähnt worden ist, sind die Lebermoose an Herrn Gottsche in Hamburg, die Laubmoose an Herrn Schimper in Strassburg zur Bearbeitung abgegeben, die Pilze und Algen waren mir anvertraut worden. Meine Untersuchung ist beendet und ich lege somit das Resultat derselben in diesen Blättern nieder. Die Sammlung zerfällt in Pilze, Süsswasser- und Meeralgen. Die Zahl der letztern beschränkt sich vorläufig auf zwei Arten, eine grossere Zahl, wie Herr Brevtel versichert, wird nachfolgen, ist jedoch bis jetzt noch nicht in Hamburg angekommen. Diese beiden Arten sind : Clado- phora (Aegagropila) trichotoma (Ag. syst. Alg. p. 121) Ktz. Tabul. phy- *) Eühmend muss ich es hier noch erwähnen, dass der bekannte Reisende Lechler in Chile sich nun auch den Kryijtogamen , zunächst den Süsswasseralgen , zugewandt hat. Es ist dieser Tage die erste Sendung von ihm bei mir glücklich eingetroffen. L. K. 281 col. IV. T. 64 und Phycoseris Ulva Sonder Alg. Preiss. pag. 6 (Herb. Preiss. No. 2489). Beide sind ihrer Seltenheit und der geographischen Verbreitung wegen interessant; erstere ist nämlich von Herrn Breutel bei St. Helena gesammelt und war bis jetzt nur an der französischen Küste und bei Helgoland beobachtet worden; letztere ist aus dem See „Saldanhabay" und war bisher nur von den Küsten Neu -Hollands be- kannt. Die Zahl der Pilze ist ebenfalls geringe auch findet sich nichts Neues darunter; sie sind aber ihrer Verbreitung wegen interessant und zeigen wie ausserordentlich treu sie ihre Typen auch unter den ver- ßchiedensten klimatischen Einflüssen zu bewahren wissen: 1) Schizophyllum flahellare Fr. epicr. p. 403. Ein äusserst zierlicher und seltner Pilz. Er wurde vor etwa 30 Jahren von Äfzelius in Guinea entdeckt und in seinen Icon. Guin. auf T. 25. abgebildet. Eine ausführ- liche Beschreibung giebt Fries in seinen ;, Novae Symbolae mycolog. 1851« pag. 25. 2) Polyporus sangidneus {Lm?ie' sp. plant. H. p. 1646) Fr. epicr. p. 444. ist unter den Tropen allgemein verbreitet, wurde von Herrn Breutel nur einmal gesehen. 3J Stereum hirsutum (Willd.) Fr. eine Kosmopolit! 4) Phyllosücta cruenta (Desmaz) Fr. Summa Veg. p. 426. 5) Sphaeria herbarum Pers. 6) Cladosporium Fumago (Fumago vagans Pers.) 7) Torula herbarum Lk. Corda Icon. I. T. II. F. 124. SüssTvasser - Algen. Sie wurden am zahlreichsten gesammelt und bereichern unsere Kenntniss durch mehrere neue Arten. 1) Batrachospermum afrikamim Rabenh. n. sp. in zwei Formen: a) mit genäherten, b) mit sehr entfernten Quirlen. Es ist ein wirkliches deter- sum, denn die Aeste treten hier gar nicht hervor, der Quirl ist factisch wie abgeschoren; diese letztern sind kugelrund, von unten und oben gleichsam zusammengedrückt, auch stehen sie immer entfernter als an unserm deutschen detersum, sie nähern sich nur an den kleinen Seiten- und Endzweigen und fliessen nur an deren Spitze zusammen. Die Farbe ist braunschwarz, während das deutsche grün oder grünlich ist. Bei Gnadenthal. 2) Batrachospermum BreuteUi Rahenh. n. sp. zeichnet sich schon ha- bituell durch die ausserordentliche Zartheit der Fäden aus, etwa wie filamentosum A. Br. Die Farbe ist schön spangrün, wie vagum; die Glieder oder einzelnen Zellen sind gestreckt, sehr schlank, fast so dick wie bei gujanense (cajennense Mtgn.), nach vorn und hinten aber lan- zettlich verdünnt und zugespitzt. Bei Gnadenthal. 3) Oedogonium capillare (Ag.) stärker als unser deutsches. In den Watten finden sich eingemengt: Allg. deutsche naturh. Zeitung. I. 20 a) Navicula Velox Kiz (oblonga ELbg.) Rabeiih. Diät. T. V. F. 12. h) Amphirhynchus Ehbg. Rabenh. Diät. T. IV. F. 50. c) Pinmdaria Dactylus Ehbg. Microgeol. T. 2. III. F. 2. a. die- selbe kräftige Form ! Die deutsche ist gewöhnlich schlanker. Conf. Rabenh. Diät. T. VI. F. 8. dj Epithemia Westermanni (Ehbg.) Rabenh. Diät. T. I. F. 19. e) Closterium moniliferum Ehbg. Inf. T. V. F. XVI. 4) Spirogyra quinina? Die Chlorophyllbänder sind aufgelöst, daher nicht mehr sicher bestimmbar. Eingemengt finden sich einzelne Fäden von Ulothrix compacta Ktz. Tabul. phjcol. II. T. 85. F. 1, ferner: a) Navicula Amphirhynchus Ehbg. b) Fragilaria rhabdosoma Ehbg. Rabenh. Diät. T. I. F. 6. c) Palmogloea macrococca Ktz. AI. Rraun Verj. T. I. 5) Spirogyra capensis Rabenh. n. sp. e saturate vividi fusco — nigrescens, -^^ — ^y ' crassa, articulis diametro 2i — 5 plo longioribus ; spiris pluribus laxis, cellularum finibus nee replicatis. Steht der Sp. fusco-atra Rabenh. Alg. Dec. N. 98 sehr nahe, unter- scheidet sich aber durch grössere Stärke und meist längere Glieder. Bei der Capstadt. Eingemengt finden sich: a) Pinnularia major Rabenh. Diät. T. VI. F. 5 und T. X. F. 4. b) Closterium capense Rabenh. n. sp. -^^ — -^^'' lang, leicht sichel- förmig gekrümmt, nicht bauchig, nach den Enden zu schwach, an den Enden plötzlich verdünnt und sehr scharf gespitzt, die Spitzen öfters nach Innen gekrümmt. Es ist dem Cl. acutum Ralfs Brith. Desm. T. XXX. F. 5. und dem Cl. parvulum Naeg. Einzell. T. VI. C.F. 2. ver- gleichbar, die Enden sind jedoch viel Aveniger, fast gar nicht ausgezogen, scharf gespitzt und gekrümmt. c) Himantidium capense Rabenh. n. sp. Dem gujanense kaum ver- wandt, schlanker, Rücken flach gewölbt, nicht niedergedrückt ; die Enden ziemlich stark verdünnt, gestreckt, stumpf abgerundet^ wenig zurückge- krümmt; Querstreifen äusserst zart; Länge ^^^ m. m. 6) Nostoc laevigatum Ktz. spec. Alg. p. 299. Bei Enon. 7) Sphaerozyga inaequalis Ktz. Tabul. phycol. I. T. 96 F. III. War bisher nur in Deutschland und Frankreich beobachtet. Gnadenthal in einem Tümpel. Gemischt mit aj Pinnularia inaequalis Ehbg. Rabenh. Diät. T. VI. F. 12. b) Protococcus aureus Ktz. Tabul. phyc. I. T. 2. c) Synedra lunaris Ehbg. Rabenh. Diät. T. V. F. 6. d) Melosira disians Ktz. Rabenh. 1. 1. T. IL F. 19. e) Cijmbella fornicata Rabenh. 1. 1. T. X. suppl. F. 9. Dieselbe Form, aber yg^ m. m. lang! f) Fragilaria acuta Ehbg. Rabenh. Diät. T. I. F. 3. 283 g) Navicula graciUs Ehbg. Rahenh. 1. 1. T. VI. F. 64. h) amphisbaena ßory. Rahenh. 1. 1. F. 66. i) Cocconeis capitata Rahenh. nov. sp. ^%q m. m. long., late ellip- tica, longitudinaliter granulato-lineata, utrinque capitato-constricta. k) Navicula mesogongijla (nee Pinnularia); an melius nov. sp.? l) Cyclotella (Discoplea) africana Rahenh. n. sp. disco piano, subor- biculari, margine dentato, diametr. -^-^ — -tb"'* m) Cosmarium integerrimum Ehbg. Inf. T. Xu. F. IX. n) Cosmarium quadratum Ralfs Brith. Dism. T. XVI. F. 9. 8) Rhynchonema nigrescens Rahenh. n. sp. Trichomatibus ^-^ — -g^y'" crassis, articulis 5 — 6 plo, ad apicem 10 — 12 plo longioribus ; cellulis utroque fine plieatis, non replicatis. Aus dem Klipplas bei Sila. 9) Cladophora oligoclados Rahenh. n. sp. Trichomatibus pauce ramosis, ^ — .^^"' crassis ; articulis diametro brevioribus , aequalibus v. sublon- gioribus. Klipplas bei Sila. Eingemengt: a) Synedra radians Ktz. Rahenh. Diät. T. V. F. 40. b) S. splendens Ktz. Rahenh. 1. 1. T. 4 F. 4. e. f. c) Navicula gracilis Ehbg. Rahenh. 1. 1. T. VI. F. 64. d) Gomphonema mihi dubium weil ich die Hauptseiten nicht erlangen konnte. 10) Cladophora Rreuteliana Rahenh. nov. sp. ramosissima, subdicho- toma, viridi-albescens, intricata, -^V — xV" crassis; articulis diametro 6 — 10 plo longioribus. Bei Sila. Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Hei. hortensis Müll, Von Theodor Reibisch, Privatlehrer in Dresden. Durch Rossmässlers Darstellung der Varietäten von Helix nemora- lis L. und Hei. hortensis Müll, in dessen bekanntem iconographischen Werke angeregt, kam ich auf den Gedanken zu untersuchen, wie viele Bändervarietäten sich aufstellen Hessen. Ich bezeichnete in einem da- zu angelegten Hefte jede Bändervarietät in der Weise ^ wie es /. D. W. Hartmann in seinen Gasteropoden der Schweiz gethan hat, also jedes vorhandene Band mit der seiner Stellung entsprechenden Ziffer und jedes fehlende mit 0. Nun sah ich alle mir zugänglichen Sammlungen durch und merkte jede Varietät unter ihrer entsprechenden Formel mit Fundort und Besitzer oder Beschreiber an. Die an Varietäten reichste Sammlvmg von Hei. nem. und hört., clie mir bekannt geworden, ist die vom MecLanikus Liehisch in Sach- sen zusammengestellte und dem K. naturhistorischen Museum einver- leibte Sammlung, die mir Hofrath Dr. Reichenbach, als Director des- selben, mit der freundlichsten Bereitwilligkeit zur Durchsicht und zum Abbilden einiger Varietäten zugänglich machte. Sehr gefällig ging auch 21* __284 Dr. Thienemann seine durch Varietäten bedeutende Sammlung der ge- nannten Arten mit mir durch. Unter meinen übrigen conchyliologischen Freunden waren es besonders die Herren E. Fischer, Hennig, Manch, Nitze, Klocke und Schaiifuss, die durch fleissiges Sammeln und freund- liche Mittheilungen mir öftere Gelegenheit gaben ^ viele als selten an- geführte oder ganz unbekannte Varietäten kennen zu lernen. Sowohl dadurch, als auch durch die Arbeiten Georg v. Martens: Abhandlungen der Kaiserl. Leopold. Carolinisch. Academie, Bd. 8. 1832, S. 177. ff., Bossmässlers: Iconographie der Land- und Süsswasserraollus- ken etc., Dr. J^F. Asfnanns : Zeitschrift für Malakozoologie \ on Men/ce und Pfeiffer 1852, S. 1 1 ff. und Hartmanns : ^rdi- und Süsswassergasteropoden der Schweiz, wurde ich in den Stand gesetzt, die Bändervarietäten der genannten Arten genauer untersuchen und bestimmen zu können. Dabei war es natürlich, dass ich auch auf die Varietäten der Fai'be, Grösse und Form aufmerksamer wurde und Erfahrungen sam- melte, die hier nicht unerwähnt bleiben dürfen. Was die Farbe betrifft, so unterscheidet man bekanntlich zwei Va- rietäten, eine rothe und eine gelbe. Sie sind nicht immer deutlich zu bestimmen, da verschiedene Individuen bald heller, bald dunkler ge- färbt sind und Uebergänge zwischen Gelb und Roth und Weiss ver- mitteln. Sammlungen dieser Arten nach den Farben ordnen zu wollen, finde ich deshalb nicht nur höchst schwierig, sondern auch unpractisch, weil die Uebersicht anderer wichtigerer Varietäten, wie die der Form und Zeichnung dadurch erschwert wird. — In der rothen bänderlosen Varietät will man nur Hei. hört, erkennen, trotzdem, dass sie oft eine röthliche, ja mitunter bis ins Tiefbraune gehende Lippe hat, was ge- wöhnlich als specifisches Merkmal nur für Hei. nem. angenommen wird. Offenbar finden hier beide Species ihre Uebergänge, denn solche bänderlose, braungelippte Exemplare haben sich mir beim Präpariren der Liebespfeile und der Glandulae mucosae bald als Hei. nem., bald als Hei. hört, erwiesen, während sie den Gehäusen nach sowohl zu der einen als auch zu der andern Art gestellt werden konnten. Dies scheint auch Poiret bestimmt zu haben, sie Hei. hybrida zu nennen, aber nach meiner Meinung ist sie nur eine hybrida, denn Bossmässler und v. Voith, beobachteten ja auch die Begattung zwischen Hei. nem. und hört. ; kei- neswegs kann aber eine hybrida als Species aufgeführt werden. Eben so wenig man Varietäten der Farbe nach streng unterschei- den kann, eben so wenig lassen sich streng geschiedene Varietäten der Grösse annehmen, da von den kleinsten bis zu den grössten Individuen keine schroffen und gewaltsamen Absonderungen stattfinden und statt- finden können, und die verschiedenen Climata eine bald grössere, bald geringere Entwickelung bedingen. — Hei. hört, erreicht wohl nirgends das grösste Mass von hei. nem., während diese nie in so kleinen Va- rietS^ten, wie Hei. hört, gefunden wird. Die kleinste Hei. nem. ist nur 885 wenig kleiner, als die grösste Hei. hört. Das Königl. naturhistorische Museum in Dresden enthält die verschiedensten Grössen von Hei. hört., die theils in den Niederungen um Dresden, theils bei Olbernhau im Gebirge gesammelt sind. Die kleinsten in Olbernhau gesammelten Exemplare sind kleiner, als sie Dr. L. Pfeiffer und Prof. Rossmässler angeben ; sie verhalten sich vingef ähr so zu der gewöhnlichen bei Dres- den vorkommenden Grösse, wie Hei. alpestris Z. zu der gewöhnlichen Hei. arbustorum Z. Zwischenformen habe ich bei Stollberg (4 Stunden südlich von Chemnitz) und in Wolkenstein gesammelt. — Wer nach Fundorten unterscheidet, was wohl jeder wissenschaftliche Sammler thut, gewinnt schon dadurch eine bequemere Uebersicht der Grössen- verhältnisse. Weit leichter als Varietäten der Farbe und Grösse, lassen sich Varietäten der Zeichnung oder Bändervarietäten unterscheiden. Wenn man nur das einfache Vorkommen, das gewöhnliche Ver- schmelzen und Verschwinden der Bänder berücksichtigt, kann man 89 Varietäten berechnen, und davon haben sich, soweit mir bekannt^ 43 gefunden und zwar für Hei. nera. 00000, 02000, 00300, 10300, 10005, 02300, 00340, 00305, 00045, 00045, 10340, 10045, 02340, 02305, 02045, 00345, 00345, 00345", 12305, 12045, ß045, 12045, 1204?, 10345, 02345, 0234% 02345, 12345, 12345, 12?45, 12345, 1234?, 1234?, 12'34?, f2345, 12345, f2345, 12345, 12345, I2T45, 12345, für Hei. hört.: 00000, 00300, 10005, 10305, 02340,00345, 12045, 10345, 02345, 12345, r2345, 12345, 12345, r2345, 12345, T2345 12345, 12345, 1234?, 12345, 123l5. Beide Arten haben demnach 19 Varietäten gemeinschaftlich, 22 kommen ausschliesslich auf Hei. nem. und 2 auf Hei. hört. Ausser die- sen Varietäten sind mir noch 24 andere vorgekonimen , bei denen ein oder mehre Bänder verdoppelt auftreten, oder eins oder alle durchschei- nend sind, die ich mit — bezeichnet habe, nämlich für Hei. nem. 00300, 00300, 00.300, 00340, 003*0, 00305, 00305, 00|— 5, 00345, 003*5, 3 ^3 3 3 02345, 023r5, , 12345, 12345, 12341, 1234?, 1134?, für Hei. 2 j 2 33 b^ ^ hortens. 10305, — , , ^ — , '^—^ 12^45, 12345. Davon haben beide Arten nur eine Varietät gemein- 3 6 schaftlich, während 1 7 ausschliesslich auf Hei. nem. und 6 auf Hei. hört, kommen. Hei. nem. kommt demnach in 59 und Hei. hört, in 28 Bän- dervarietäten vor. Hei. hört, variirt also weniger, als Hei. nem. Letz- tere kommt nur da vor, wo der Boden mehr bearbeitet und darum den verschiedensten Einflüssen unterworfen ist, während Hei. hört, weit 286 häufiger auf ganz vernachlässigtem Boden angetroffen wird, was auch durch den Ausspruch des Prof. Rossmäsder in den Malakozoologischen Blättern von 1854, S. 160 bestätigt wird. Dies und die oben angeführ- ten Grössenverhältnisse können wohl zu folgendem Schlüsse berechtigen. Wenn, nach der Annahme der meisten Forscher, die Natur ursprüng- lich weniger Arten hervorbrachte, als wir jetzt unterscheiden, so muss unter mehren nah verwandten Arten jedenfalls eine die Stammform der andern sein. Obschon nun der Artcharakter beider Species anatomisch hinlänglich nachgewiesen ist, kann man doch mit Sicherheit annehmen, dass eine von der andern abstammt. Wie bei vielen Pflanzen, als Astern, Georginen, Rosen, Ranunkeln etc., bei vielen Thieren, als Pferden, Hun- den, Schafen etc., die durch Cultur allmälig entwickelten Varietäten in Grösse, Form und Farbe üppiger erscheinen, so könnte, bringen wir Obiges auf beide Arten in Anwendung, auch Hei. hört, als die Stamm- form von Hei. nem. angesehen werden. Was die Zahl der Bänder betrifft, mit denen beide Arten gezeich- net sind, so steigt sie nie über fünf, was auch von Martens angenom- men hat, während Prof. RossmcUsler , Dr. Asamann und Hurtmann von sechs- und letzterer auch von sieben- und achtbändrigen Exemplaren berichten. Wer aber die von ihnen gegebenen Abbildungen solcher Exemplare betrachtet und sie mit denen unsers K. naturhistorischen Museums vergleicht, gewinnt die Ueberzeugung, dass ein sechstes, sie- bentes oder achtes Band nur Verdoppelungen eines oder mehrer der fünf normalen Hauptbänder sind, da sie immer in nächster Nähe eines derselben liegen und sehr häutig mit ihm in der Nähe der Mündung sich wieder vereinigen, ohne dass eine Verbindung der normalen Bän- der unter sich zu sehen ist. Die Stellung der Bänder, die von oben nach unten gezählt werden, beschreiben von Martens und Dr. Assmcmn mit grosser Umständlichkeit. Auf oder etwas über der Peripherie jedes Umganges liegt das dritte Band. Unmittelbar daran oder auch ein wenig tiefer schliesst sich der Oberrand des folgenden Umganges, wodurch an dieser Stelle die Naht entsteht. Der Oberrand des letzten Umganges biegt sich bei der Vol- lendung des Gehäuses nach dem vierten Bande herunter, wodurch auch dieses bestimmt ist. Das erste ist natürlich das oberste, oder bei der Normalform das am weitesten nach rechts gelegene Band, und ungefähr V" von der Naht entfernt. Nach Bestimmung der Lage dieser Bänder ist natürlich die des zweiten und fünften leicht zu finden. In Bezug auf die Breite dieser Bänder stimmen alle Beobachter dar- in überein, dass jedes Band, je näher es dem Nabel oder dem diesem entsprechenden Puncte liegt, breiter als das vorhergehende ist. Ueber die Wichtigkeit der einzelnen Bänder herrschen verschiedene Ansichten , denen ich nach meinen Erfahrungen nur zum Theil bei- pflichten kann. Martens sagt: „Es entspricht an diesem aufgerollten 287 (Schnecken) Kegel die bei den Carocollen durch eine Kante (Kiel), bei den Helix durch das dritte Band bezeichneten Linie, dem Rücken der höheren Thierformen, und die entgegengesetzte; den Nabel bildende von dem Lichte abgewendete Seite, dem Bauche derselben. Wenn hier- nach das dritte Band, wie dieses wirklich der Fall ist, das am dunkel- sten gefärbte und beständigste von allen ist, so entspricht dieses voll- kommen der Vertheilung der Farben durch alle Stufen der Thierwelt bei denen, einige seltene Ausnahmen (Hamster, Silberfasan etc.) abge- rechnet, immer der Rücken die dunkelsten und beständigsten Farben zeigt. Gleiche Uebereinstimmung bietet auch die Erscheinung dar, dass die dem Bauche entsprechende innere Seite der Röhre, das Säulchen oder der Nabel, stets blass und ohne Bänder ist. Nach derselben Ana- logie werden zu beiden Seiten die dem Bauche näher liegenden Bänder (das erste und fünfte) leichter verschwinden als die dem Rücken nähern (das zweite und vierte) und dieses findet wirklich bei der Mehrzahl statt." Was Murtens hier von allen Schnecken im Allgemeinen behaup- tet, dem wiederspricht er aber an einer andern Stelle in Bezug auf unsere beiden Arten, indem er sagt, dass bei diesen eher die beiden obersten, als die ^ beiden untersten Bänder verschwinden. Die übrigen von Martens aufgestellten Behauptungen, bedingen eine Menge Ausnah- men und können daher nur wenig oder gar keinen Aufschluss über die Gesetze der Bändervertheilung geben. Dr. Assmann ist der Mein- ung, dass bei unsern beiden Arten nach dem Verschwinden des ersten Bandes das fünfte, dann das zweite, das vierte und endlich das dritte verschwindet. Dem widerspricht aber die Beobachtung auf das Ent- schiedenste, wie auch die oben angeführten Formeln zeigen. Die Resultate, die ich bei Untersuchung der verschiedenen Bänder- varietäten gewonnen habe, sind folgende. Das di'itte Band verschwin- det vor den andern am seltensten, ist häufig einer Verdoppelung fähig und tritt am häufigsten allein auf; es muss also das wichtigste sein. Das fünfte Band kommt nach meiner Beobachtung häufiger, als das dritte vor, aber seltener verdoppelt, und soviel ich weiss, nie allein, was ich aber nicht für ganz unmöglich halte. Das vierte Band ver- schwindet häufiger, als das fünfte, kommt seltener verdoppelt vor und findet sich nie allein. Nicht nur dies, sondern auch, dass es dem fünf- ten näher liegt, als dem dritten, und die Varietät 00045 häufiger ist, als 00340, lässt es zunächst dem fünften untergeordnet erscheinen. Diese drei Bänder sind also die wichtigsten und kommen auch ziem- lich häufig ohne das erste und zweite vor, während die Varietät 12300 mir nicht bekannt ist. Ein einziges Exemplar in der Sammlung des Herrn E. Fischer, das nur die Bänder 1, 2, 3 hat, kann hier nicht in Betracht kommen, da sich an dem Gehäuse leicht erkennen lässt, dass es an seiner Basis einmal zerbrochen ist und der Mantel eine Verletz- ung erhalten hat, wodurch die Farbendrüsen des vierten und fünften 288 Bandes zerstört worden sind. — Das zweite Band verhält sicli zu dem ersten, wie das fünfte zum vierten. Herr E. Fischer besitzt ein Exem- plar, an welchem das zweite Band allein sichtbar ist. Wenn zwei Bänder zusammenfliessen, so geschieht dies am häufig- sten zwischen vier und fünf, weniger häufig zwischen eins und zwei, noch seltener zwischen zwei und drei und am seltensten zwischen drei und vier, wofür Dr. Assmann nur einen einzigen Fall aus dem Johan- nisthale bei Leipzig anführt. Daher findet sich die Varietät 12345 öfter, als 12345. Für den ersten Fall hat fast jede Sammlung mehre Exemplare aufzuweisen, für den letzteren z. B. hier in Dresden nur das K. naturhistorische Museum und die Sammlung des Dr. Thienemann. Wenn aber das erste und zweite Band fehlen, so verbinden sich auch 3, 4 und 5 öfter, wofür die meisten Sammlungen ebenfalls Belege geben können. Es fragt sich nun, welche Bedingungen wohl der bald grösseren, bald geringeren Breite der Bänder, sowie dem Verschwinden und Zu- sammenfliessen derselben zu Grunde liegen. Die meisten Schnecken- arten bilden Umgänge, entweder um einen Punkt, oder um eine senk- rechte Linie, die gerade oder geschwungen ist, oder um einen Hohlkegel, dessen Basis einen längeren oder kürzeren Durchmesser hat. Schnecken der beiden zuletzt erwähnten Formen legen den obern Rand jedes Um- ganges meist an die Peripherie des vorigen und den untern Rand ent- weder unmittelbar an die Achse oder den zu beschreibenden Hohlkegel. Daraus folgt, dass der obere Rand sich immermehr von der Achse ent- fernen muss, während der untere ein stets gleiches Verhalten zur Achse behauptet. Wenn nun auch rechte und linke Seite des Thieres ursprünglich quantitativ gleich sind, so müssen doch die Massen der oberen Seite, da sie eine grössere Spirale beschreiben , in der Länge zu - und in der Breite abnehmen und daher auch die untern Bänder an Breite wachsen. Des- halb verschwinden die obern leichter als die untern und deshalb ver- doppeln oder verbinden sich die untern öfter, als die obern. Daraus erklärt sich, wie es möglich ist, dass bei der Varietät 00345 öfter alle drei Bänder, also auch das dritte mit dem vierten, sich vereinigen. Dazu kommt, dass bei sehr weit genabelten Schnecken die Breitenun- terschiede der Bänder weit weniger bemerkbar sind, am allerwenigsten bei den Planorben, deren breitestes Band auf der Peripherie liegt. Bei solchen Schnecken verschwinden auch deshalb die beiden äussern Bän- der leichter, als die auf der Peripherie gelegenen. Hier muss ich noch der Kakerlaken oder Blendlinge unsrer beiden Arten gedenken. Wenn unter einem Kakerlaken ein Geschöpf verstan- den wird, dem von Geburt an die FarbestofFc der Haut fehlen, so darf man solche Schnecken, deren Bänder durchscheinend sind, nicht Blend. linge nennen, wie so häufig geschieht. Das K. naturhistorische Museum hat Exemplare von Hei. hört., deren durchscheinende Bänder nach der Mündung zu immer dunkler werden und endlich die gewöhnliche Färb- ung annehmen. Auch kommen zwischen diesen Bändern Verschmelz- ungen nach den gewöhnlichen Gesetzen vor. Endlich ist in der er- wähnten Sammlung auch ein Exemplar von Hei. nem., bei dem das vierte Band durchscheinend ist, während das erste und zweite fehlen, das dritte verdoppelt und das fünfte normal erscheint. Ich schliesse daraus, dass bei diesen Varietäten nur eine geringere Qualität der Farbsubstanz vorhanden ist, und dass man nur die vollständig weissen als Blendlinge bezeichnen darf. Bei Betrachtung der Form unterscheide ich zwei Hauptvarietäten, die Sealaride mit ihrer Verwandten, der Trochlearide und die links ge- wundene Varietät. Die ersteren bestimmt Menke in der Zeitschrift für Malakozoologie 1845, S. 174 folgendermassen : „In jener sind die Wind- ungen ringsum frei, nicht mit einander in Berührung stehend, abstehend, in dieser ist, bei tiefer Naht das Gewinde überhaupt nur ungewöhnlich in die Höhe (Tiefe?) gezogen, während jedoch die Windungen mit ein- ander in Berührung stehen." Herr Liebisch fand bei Dresden eine Trochlearide der Hei. nem, mit 00345, welche Herr Hofrath Reichenbach bei ihm noch mehrmals bis sie ausgewachsen war, lebendig gesehen, an der die Naht auf der vierten Binde hinläuft. Prof. Rossmässler bildet in seiner Iconographie, B. V., VI, No. 300 eine Trochlearide der gelben bänderlosen Hei. hört, aus Freiberg bei Schaffhausen ab. Nach meinem Dafürhalten verläuft bei ihr die Naht auf der Stelle, wo das fünfte Band sein müsste. Dr. H. Scholtz erwähnt am Ende des Supplementes seiner „Land- und Was- sermollusken Schlesiens" eine „nicht ganz vollkommene Sealaride von Hei. nem. aus einem Garten bei Schmiedeberg", die also nach der Menke' Siohexi Unterscheidung auch nur eine Trochlearide ist. Dasselbe Gesetz, welches der Bildung der Bändervarietäten zu Grunde liegt, muss nach meinem Dafürhalten auch die verschiedenen Form- varietäten bedingen. Jemehr ein Organ in einer und derselben Thätig- keit ausdauert, desto mehr wird es gekräftigt und vor den übrigen Or- ganen, deren Thätigkeit stets ein anderes Ziel zu verfolgen gezwungen ist, besonders ausgebildet. So wie die untern Bänder immer breiter werden und dunkler als die übrigen erscheinen, eben so nimmt auch die Dicke der Schale auf der untern Seite zu. Die Schnecke zieht, um ihr Gehäus zu vollenden, den obern Rand bis auf das vierte Band herab und bildet endlich die Lippe. Oft fliesst auch hier das Ende des dritten Bandes trotz des grossen Zwischenrau- mes tropfenförmig in das vierte über. Manche Arten beginnen ihren letzten Umgang schon herabzuziehen, wenn auch noch eine ganze Hälfte desselben fehlt, so dass dann jene Form entsteht, unter welcher Hart- mann die Hei. zonal a Stud. auf Tai 53 abbildet. In derselben Weise 2J)0 entartet findet man auch bisweilen Hei. lapieida L., die dann in der Nähe der Mündung zwei unter einander liegende Kiele zeigt. Fängt das Herabziehen des Oberrandes nach dem vierten Bande gleich im Embryo an, so entsteht zunächst die Trochlearide, die ich zuerst er- wähnte. Geschieht das Herabziehen bis auf das fünfte Band, so hat die Trochlearide schon weit tiefere Nähte, wie das von Prof. Bossjnäss- ler, Fig. 300 abgebildete Exemialar. Ueberschreitet der Oberrand auch noch das fünfte Band, so dass die Umgänge frei schwebend erscheinen, so entsteht die Sealaride. Von Hei. nem. ist mir eine solche Form noch nicht bekannt, wohl aber von Hei. pomatia L. , welche Hartmann auf seiner Taf. 84 abgebildet hat. Bedenken wir nun, dass fast alle gewundenen Schnecken, die spitzigen Clausilien und Limnaeen nicht ausgenommen, den Bau ihres Gehäuses flach und scheibenförmig beginnen und kegelförmig vollenden, so müs- sen wir auch annehmen, dass in dieser Entwicklung ein Fortschreiten vom Unvollkommenen zum Vollkommenen stattfindet. Je weniger sich also eine Art oder ein Individuum von seiner ursprünglichen Form ent- fernt, um desto mehr sind wir geneigt, etwas Unentwickeltes und Un- vollkommenes in demselben zu erblicken. Dieser Trieb, sich kegelförmig weiter zu entwickeln, scheint mehr in der untern Seite des Thieres thätig zu sein, da das Gehäus an die- ser Stelle eine um so grössere Stärke hat, je länger die Achse dessel-, ben ist; auch bemerkt man fast immer, dass die Formvarietäten ver- schiedener Gehäuse den Kegel mehr verlängert, als verkürzt und flach, darstellen. Dadurch glaube ich, lassen sich die von mir angeführten Formvarietäten erklären. Bei der ersten Form sprechen auch die Ver- hältnisse der Bänder für diese Behauptung, da ihr die beiden obern fehlen und die beiden untern zusammengeflossen sind. Wäre aber diesem Triebe, sich kegelförmig zu entwickeln, keine andre Kraft entgegengesetzt, so würden wir nur ungewöhnliche Formen und fast gar keine tellerförmigen Gehäuse finden, sie würden alle als Sealariden er- scheinen, wenn sie ihre Köhren nicht ganz streckten und mehr oder weni- ger den Dentalien ähnlich ausbauten. Diese Kraft, welche den vorhin er- wähnten Trieb mehr oder weniger in Schranken hält und ihm, so zu sagen, entgegenstrebt, bedingt die Tellerform der Gehäuse, bedingt bei vielen den weiten Nabel und den Kiel, dem bei unsern beiden Arten das dritte Band entspricht. Oft ist die centralisirende Kraft der pro- movirenden, um mich dieser Ausdrücke zu bedienen, oder diese jener überlegen. Bei vielen Schnecken ist die centralisirende Kraft in der Jugend thätiger, als im Alter, in welchem sie von der promovirenden überwältigt wird. Hei. pisana Müll., nemoralis L., hortensis Müll., lac- tea Müll, sind nur in ihrer Jugend mehr oder weniger gekielt oder ge- nabelt und später verdeckt. Und so finden wir es ganz natürlich, wenn S9J^ in Systemen Kiel und Nabel als Merkmale; wenigstens in untergeord- neter Weise in Betracht gezogen werden. — Zur zweiten Gruppe der Formvarietäten rechne ich die links ge- wundenen oder, in Berücksichtigung der ursprünglich links gewundenen normalen Formen, die abnormen Gehäuse. Die über diese unregelmäs- sige Bildung versuchten Beschreibungen scheinen mir so wenig genü- gend, dass ich auch die meinige anzuführen, nicht unterlassen kann. Das mittelste Band oder der Kiel des Gehäuses entspricht dem Rücken des Thieres, und darnach sind rechte und linke Seite desselben leicht zu bestimmen. Macht der Embryo eine solche ScliAvenkung um die Achse des Gehäuses, das seine rechte Seite derselben am nächsten kommt, so formt er ein rechts gewundenes, oder im entgegengesetzten Falle ein links gewundenes Gehäuse. Das Königl, naturhistorische Mu- seum besitzt ein solches Exemplar der Hei. hört, von Olbernhau und meine Sammlung hat eins der Hei. nem. aufzuweisen, das der durch sein grosses Pilzwerk rühmlichst bekannte Harzer bei Dresden gefun- den hati. Beide Exemplare sind bänderlos. Im ersten Bande der „Neuen Annalen der Wetterauischen Gesell' Schaft vom Jahre 1819 berichtet Dr. Aug. Carl Meyer, Prof. der AnatO' mie zu Bern, über die Anatomie einer links gewundenen Hei. pomatia L. und örwähnt dabei, dass Prof. Stucler die Entstehung der abnorm links gewundenen Gehäuse durch einen äussern Anstoss , der auf den Wirbel wirke^ erklärt habe. Darnach müssten nun, wie Dr. Meyer wei- ter bemerkt, sämmtliche innere Organe ihre Lage beibehalten haben, was aber an dem von ihm präparirten Exemplare nicht der Fall war und er erklärt das Vorkommen solcher Formen nur durch Präformation. Die Windungen entstehen bekanntlich dadurch, dass der Anfang der Schale im Ei rotirt, und zwar geschieht dies je nach Gattung oder Art in einer bestimmten Richtung. Wie aber lässt es sich erklären, dass unter so vielen Eiern, die eine Schnecke auf einmal legt, ein Em- bryo nur sehr selten der seiner Gattung oder Art gewöhnlichen Kreis- bewegung entgegen rotirt? — Bei Vögeln hat bekanntlich ein Ei bis- weilen zwei Keime. Sollte dies bei andern Thieren nicht auch vor- kommen? Könnte es nicht auch Schneckeneier geben, die ausnahms- weise zwei Keime enthielten? Ich setze voraus, dass diese einander sehr nahe liegen, und sich wohl gar mit der Rücken- oder Bauchseite berühren. Fängt nun ein Embryo an zu rotiren, so muss natürlicher Weise der Zwilling dasselbe thun. Wollte aber der eine in der Richt- ung des andern kreisen, so würde einer den andern aufhalten und stö- ren. Die Rotationsweise des einen wird also die des andern bedingen und zwei in einander greifenden Kammrädern gleich, der eine links, der andere rechts rotiren. — Ob und wie weit meine hier aufgestellten Ansichten mit der Wahr- heit übereinstimmen, müssen natürlich erst noch sorgfältigere Beobach- 292 tungen darthun, die sich am besten an Eiern der Limnaeen, unter denen ja auch abnorm gewundene Kxemplare vorkommen, anstellen lassen. — Zu ganz besonderem Danke würde ich mich verpflichtet fühlen, wenn man mich durch Mittheilungen auf meine Ansichten betreffende Bei- spiele und Beobachtungen oder auf mir noch unbekannte Varietäten der Form und Zeichnung aufmerksam machen wollte. Kleinere Mittheilungen. Ueber die gegenseitige Compensation barometrischer Maxima und Minima zu derselben Zeit hat Herr Dove in der Sitzung der Preuss. Akademie der Wissenschaften (Monatsbericht, Mai 1855) nach Vergleich- ung der Angaben vieler Beobachtungsjournale auf der Basis der Erfahr- ung gestützte Mittheilungen gemacht. Er sagt selbst in dem Berichte : „dass die Witterungserscheinungen unserer Breiten im grossen Ganzen darin ihre Erklärung finden, dass über demselben Beobachtungsorte polare und äquatoriale Luftströme einander gegenseitig verdrängen und nach einander abwechselnd vorherrschen, habe ich seit dem Jahre 1827 in einer Reihe von Arbeiten über das sogenannte Drehungsgesetz fest- zustellen gesucht. Es folgte unmittelbar daraus, dass die an demselben Orte nach einander herrschenden Ströme, zu derselben Zeit neben ein- ander liegen müssen." Das hier erwähnte Drehungsgesetz bezieht sich bekanntlich auf die Aufeinanderfolge der Windesrichtungen, und giebt für die gemässigte Zone an, dass der Wind im Mittel in einer bestimmten Folge innerhalb sehr verschiedener Zeiträume durch die ganze Windrose hindurch geht, und zwar auf der nördlichen Erdhälfte in der Richtung Süd, West, Nord, Ost, Süd, auf der südlichen in entgegengesetzter Reihenfolge. Ein Schwanken oder Zurückgehen der Windfahne wird durch darauf- folgendes Vorwärtsgehen aufgehoben und übertroffen. Es gründet sich diese Erscheinung auf dem Wechsel zwischen ursprünglich Süd- und Nord-Windströmungen in Verbindung mit der Umdrehung der Erde. In wechselseitiger Einwirkung stehen nun Windrichtung, Wärme, Druck und Feuchtigkeitszustand der Luft. Die Windrose zeigt im Mittel zwei einander gegenüber liegende Punkte : den Pol des Luftdruckes und den Pol der Wärme, an dem einen ist im Mittel die grösste Kälte und der höchste Barometerstand, an dem andern die grösste Wärme und der tiefste Barometerstand. Die Elasticität des Wasserdampfes schliesst sich' in Beziehung auf ihre Vertheilung in der Windrose genau an die thermometrischc, der Druck der trockenen Luft an die barometrische Windrose an. Es zeigen sich demnach die Veränderungen des Druckes der trockenen Luft und des Barometers umgekehrt wie die Veränder- ungen der Temperatur, der Luft und der Elasticität des in ihr enthal- tenen Wasserdampfcs. 203 „Da mit steigender Wärme die Luft sicli auflockert, während die Verdunstung zunimmt, so ist nur deswegen der Gang der barometrischen Veränderungen entgegengesetzter Art, wie der der thermischen, da in der Regel die erste Wirkung die zweite überwiegt. — Kann auch an eine directe Proportionalität des hohen Standes des einen Instrumentes mit dem niedrigen des andern nicht gedacht werden, so wird doch an- zunehmen sein, dass der kalte Polarstrom, wo er eintritt, das Barometer erhöht, ebenso wie der warme Aequatorialstrom es erniedrigt. Liegen nun warme und kalte Luftschichten bei grossen Abweichungen vom normalen Zustande neben einander, so muss dies auch für barometrische Extreme gelten." — ;;Am 22. Januar 1850 sank im Grossherzogthum Posen das Thermometer über 29 ^ R. unter den Frostpunkt. Eine solche Kälte war auf dem Gebiete des preussischen Beobachtungssystems bis- her ohne Beispiel. Dabei erreichte das Barometer eine ungewöhnliche Höhe. Ln Staate New -York stand das Barometer an diesem Tage am tiefsten. Der hohe Barometerstand veränderte sich schnell, während die Kälte einer hohen Temperatur wich. Das Barometer erreichte am 6 Febr. 1850 in Deutschland einen auffallend niedrigen Stand. An demselben Tage stand bei in Amerika herrschender strenger Kälte im Staate New-York das Barometer am höchsten. Auch in Nertchinsk*) war ein absolutes Maximum. Am l. Januar 1855 stand an der preus- sisch-russischen Grenze das Barometer über einen Zoll niedriger, als an der preussisch-französischen. In Folge dieser Differenz brach vom Westen eine Kälte ein, deren Intensität lange in der Erinnerung blei- ben wird." Es werden nun diese drei Fälle: 1) Das barometrische europäische Maximum am 22. Januar 1850; 2) das barometrische europäische Mini- mum am 6. Februar 1850, und 3) das b'arometrische Minimum am I.Januar 1855 einzeln mit Angabe von vielen Barometei'ständen bespro- chen. Die der Betrachtung des ersten Falles zu Grunde liegenden Be- obachtungen wurden in Nordasien und Osteuropa (20 Orte), in Preus- sen und Belgien (49 Orte), Paris, England (33 Orte), Oestreich, Schweiz, Italien (31 Orte) angestellt. „Betrachten wir die horizontale Ausbreit- ung dieser ungewöhnlichen Kälte, so finden wir von dem Maximum in Westpreussen, Posen, Schlesien und Böhmen nach allen Seiten hin eine Abnahme. Die Verminderung ist deutlich nach Russland hin, denn erst in der Nähe des Ural treffen wir eine grössere Kälte. Ebenso nimmt sie nach Norden zu ab und überall nach Westen.- Es ist dies ein schö- ner Beleg dafür, dass im grossen Ganzen bedeutende Abweichungen von der einem bestimmten Abschnitt des Jahres gesetzmässig zukom- menden Wärme als locale Erscheinungen anzusehen sind, die ihr Gegen- *) Kreisstadt in ßusslaud, an der chinesischen Grenze, 51« 56' nördl. Br., H4o 12' östl. L. 294 g-eM'icht zu derselben Zeit an anderen Stellen der Erdfläche finden. Dies geht noch deutlicher aus der Vertheilung des Druckes der Luft auf dem betrachteten Gebiete hervor. Das Barometer erreicht an der Stelle der grössten Kälte seine grösste Höhe und dass dies einem wii'k- lichen Zusammenströmen der Luft zuzuschreiben^ folgt daraus, dass wir die Grenzen des Gebietes hierbei sogar überschreiten können und das Fehlende an anderen Stellen direct nachzuweisen vermögen." Nach dem 22. Januar, dem Tage des höchsten Luftdruckes in Eu- ropa, folgten Stürme, das Barometer fiel in 4 bis 5 Tagen über 20 Li- nien und erreichte am 6. Februar den niedrigsten Stand, der überhaupt beobachtet worden war. Zur Angabe des Gebietes des grössten Luft- druckes wurden an 82 Orten die Barometerstände am 22. Januar mit dem jeden dieser Orte zugehörigen mittleren Barometerstand verglichen; zur Abgrenzung des Bereiches des niedrigsten Barometerstandes dien- ten die Beobachtungen und Vergieichungen an 76 Orten. Neben dieser Erklärung der barometrischen Extreme aus dem Wärmeunterschied neben einander liegender Luftströme, giebt es auch noch eine andere eben- falls möglicher Weise zulässige Auffassung der Entstehung von unge- wöhnlicher Höhe der Barometerstände. Diese werden dadurch hervor- gerufen, dass zwei Winde einander gerade entgegenwehen, wobei an der Berührungsgrenze gewöhnlich dichter Nebel stattfindet. Es vergleicht Herr Dove das barometrische Miniraum einem Längenthaie, das barome- trische Maximum einem Bergrücken und sagt, man könne auf einem nicht weit sich erstreckenden Beobachtungsort sich auf einem Abhänge des Berges in das Thal befinden: ,,Ein steilerer Absturz als der am Neujahrstage 1855 über dem mitteleuropäischen Beobachtungsgebiete mag selten gesehen werden (107 Orte). ;,Auf dem ganzen preussischen Beobachtungsgebiete beganii das Jahr 1855 mit stürmischen West- und Nordwestwinden, begleitet von heftigen Regengüssen. Der Orkan er- reichte am 1. Januar Morgens 9 Uhr in Wien, Mittags in Berlin seine grösste Stärke. In Jaslo*) wurde am 2. Januar Morgens das Dach des Kreisamtgebäudes abgerissen. In Zava'*'^) herrschte Windstille. „Das sind begleitende Erscheinungen eines Südstromes, der den ganzen Sep- tember hindurch mit solcher Beständigkeit geherrscht hatte, dass das barometrische Mittel in Arys 3,i7, in Königsberg 4,:56, in Stettin 3,33, in Berlin 3,4S, in Gütersloh 2,3 6, in Cöln 2,0 o Linien unter dem sieben- jährigen Mittel steht. Dies ist darum auffallend, weil bereits in den nördlichen Provinzen das barometrische Mittel des November 2 Linien zu tief war." Die in diesen tiefen Barometerständen sich zeigende Luft- verminderung verursachte das Herbeiströmen der Luftmassen aus den Gegenden des unverminderten Druckes, zuerst aus dem Westen, später *) Stadt in Westen des fjetr. Galizien, 49« 44' n. Br., 19 o 5' östl. L. **) Stadt in östr. Dalmatien, 44 » 7' n. Br., 12" 64' östl. L. 295 aus Russland und Schweden. Es wurde in Berlin die Temperatur da- durch so sehr erniedrigt, dass, so lange an Thermometern beobachtet wird bis jetzt der Februar 1855 das Maximum der Februarkälte er- reicht hat. Die bevorstehende Acquisition eines vollständigen Skelettes des Irischen Riesenhirsches hatte Herr Sectionsrath Haidinger der K. K. geologischen Reichsanstalt zu Wien schon vor längerer Zeit angekün- digt. Es war das zu acquirirende Skelett bei Killowen in der Graf- schaft Wexfort gefunden worden. In dem Sitzungsbericht vom 20. März wird hierauf bezüglich mitgetheilt : „Herr Graf Aug. von Brenner, von jeher ein warmer Freund der Paläontologie, hat dieses höchst inter- essante Exemplar angekauft, und den vielen werthvollen Beiträgen, welche die öffentlichen Sammlungen Wiens ihm verdanken, einen neuen hinzugefügt, indem er gestattete, das dasselbe durch längere Zeit in der K. K. geologischen Reichsanstalt aufgestellt verbleibe. Wien ist dadurch um eine Seltenheit reicher geworden, welche keine andere Stadt des Continents aufzuweisen hat. Vollständige Skelette des Riesenhirsches besitzen bisher unsres Wissens nur die Museen in Dublin, Edinboursrh. York, das British Museum und das Royal College of Surgeons in Lon- don, das Woodwardian Museum in Cambridge. Bei dem allgemeinen Interesse, welches dieser Gegenstand erregen musste, fand sich Herr Dr. K.Peters veranlasst, in einem ausführlichen Vortrage das Wissens- werthe aus der Naturgeschichte des Irischen Riesenhirsches zusammen- zustellen. Der Riesenhirsch, cervus megaceros , Hcai., Megaceros hiber- nicus, Ofven, hat in der Gesellschaft des Mammuth, des Rhinocerus tichorhinus, des Höhlenbären , der Höhlenhyäne u. a. in grosser Menge und allem Anscheine nach rudelweise die Niederungen Irlands, eines Theiles von England und dem nordwestlichen Deutschland bewohnt. Auch an der untern Donau, an der Theiss, in Sitjbenbürgen und in der Bukowina scheint er nicht selten gewesen zu sein, während die oberen Donauländer nur wenige Spuren von ihm aufweisen. In älterer Zeit hielt man ihn für eine der Jetztzeit angehörige, doch früh ausgestorbene Species, deren Vertilgung man dem Menschen zuzuschreiben Veranlass- ung fand, für den „grimmen Scheich'' des Nibelungenliedes. Durch neuere kritische Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass dieses Thier — wie schon seine vorgenannten Begleiter erweisen — der Diluvialzeit eigentlich angehöre, welche es möglicherweise überlebt hat, gleich dem Edelhirsche und dem Reh, wenn die im Alluvium vorkommenden Reste desselben eich darin auf ursprünglicher Lagerstätte befinden und nicht bloss aus den älteren Ablagerungen hineingelangt sind. Das Exemplar von Killowen kann sich an Voilkonnnenheit und gutem Erhaltungszustande mit den in Gro8sbritanien aufbewahrten Skeletten messen. Es übertrifft 296 um ein Beträchtliclies die mittlere Grösse^ welche das männliche Thier in seiner Kraftfülle erreichte. Die Höhe desselben bei ziemlich weit ausschreitenden Läufen, bis zum höchsten Punkte des mächtigen Ristes ge- messen, beträgt 5 Fuss 6 Zoll 5 Linien. Die Mittellinie des ganzen Thieres von der Spitze des Zwischenkiefers bis zum muthmaaslichen Ende der (leider fehlenden) Schwanzwirbelsäule misst 7 Fuss 8 Zoll 5 Linien, der ganze Geweihbogen über 1 1 Fuss 7 Zoll. Die entferntesten Schau- felenden haben eine Spannweite von 8 Fuss 2 Zoll , eine der Schaufeln erreicht die Breite von 17 Zoll." Zur Reduction dieser Massangabe nach Wiener Fuss auf Rheinländische Fuss oder Meter dienen folgende Verhältnisse: 1 Wiener Fuss beträgt jVüVtj Meter oder j^g^^ Rhein- ländische Fuss. Die grössten photographischen Bilder, welche bis jetzt (25. Juni, C. Rend. XL. No. 26) die Akademie der Wissenschaften zu Paris zur An- sicht erhalten, sind auf Glas, durch Anwendung von Collodium, von den Herren Bisso)i gefertigt. Das eine derselben, den Pavillon de l'Hor- loge du Louvre darstellend, ist (nach Rheinl. M.) 3' 9" hoch, 2' 5'/«" breit, das andere besteht aus zwei Stücken und enthält ein Panorama von Paris, Die zweiunddreissigste Versammluiig deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien im Jahre 1855 beginnt am 17. September und endigt am 22. September. Die Versammlung besteht aus Mitgliedern und Theilnehmern. Zur Abhaltung der allgemeinen Sitzungen sind von Sei- ner K. K. Apostolischen Majestät die Redoutensäle in der K. K. Hof- burg allergnädigst zur Verfügung gestellt worden. Das Aufnahme- und Ankunftsbureau, sowie sämmtliche Localitäten für die Sectionssitzungen befinden sich im K. K. polytechnischen Institute (Vorstadt Wieden, zu- nächst dem Kärnthner Thor). Dieses Bureau ist am 14. und 15. Sep- tember von 11 bis 2 und von 4 bis 6 Uhr, vom 16. September an aber täglich von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Die Versammlung theilt sich in folgende Sektionen: 1) Mineralogie, Geognosie, Paläontologie; 2) Botanik und Pflanzenphysiologie; 3) Zoologie und vergleichende Anatomie; 4) Physik; 5) Chemie; 6) Erdkunde und Meteorologie; 7) Mathematik und Astronomie; 8) Anatomie und Physiologie ; 9) Medicin; 10) Chirur- gie, Ophthalmiatrik und Geburtshilfe. — Das vorläufige Programm ist von den Geschäftsführern Herrn Prof. /. Hirtl und Herrn Prof. A. Schrö- ter veröffentlicht. Dr, A. Drechsler, Verlag von Rudolf Kuntze in Hamburg. Arzeneien - Taxe für die Königl. Sachs. Lande. 4. Aufl. 4. (Vl u. 51 S.) 1847. 15 Sgr. Byam, G., Wildes Leben im Innern von Central- Amerika. Aus dem Engl, von M. B. Lindau. Mit einer lithogr. Ansicht. . (VI u. 208 S.) 1852. geh. IThlr. Byam, G., Wanderungen durch Chile und Peru. Aus dem Engl, von M.B. Lindau. Mit 3 lithogr. Abbildungen. (VIu. 275S.) 1851. geh. 22 1/2 Sgr. Grässe, Dr. Joh. G. Th., Beiträge zur Literatur und Sage des Mittel- alters. L Die Mirabilia Romae nach einer Handschrift des Vatican. n. Zur Sage vom Zauberer Virgilius. III. Zur Naturgeschichte des Mittelalters. 4. (X u. 106 S.) 1S50. geh. 24 Sgr. Kingston, W., Peter der Wallfischfänger, sein Jugendleben und seine Abenteuer in den Nordpol -Regionen. Ein Buch für Jung und Alt. Deutsch bearbeitet von M. B. Lindau. Mit 4 lithogr. Abbildungen. 8. (Xu. 444 S.) 1852. In lithogr. Umschl. cart. 1 Thlr. 221/2 Sgr. Kohl, J. G., Skizzen aus Natur und Völkerleben. 2 Bde. gr. 8. (L X u. 408 S. II. X u. 816 S.) 1851. geh. .3 Thlr. Mittheilungen aus dem magnetischen Schlafleben der Somnambule Auguste K. in Dresden. Zweite Ausgabe der 1843 erschienenen ersten Auflage. Mit Titelkpfr. und Holzschnitten, gr. 8. (XXII u. 414 S.) 1850. geh. 1 Thlr. 15 Sgr. Pharmacopoea Saxonica jussu Regio et auctoritate publica denuo edita recogn. et emend. Mit einer Tabelle. 4. (XVI u. 296 S.) 1836. 2 Thlr. 15 Sgr. Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen : IActmiiniTlicrllA Vnrfräo-P ^^ allgemein verständlicher Form . n^tlUUUUUbtUt; V Urirdge gehalten zu Dresden im Winter 1854/55 von Dr. Adolph Drechsler. Nebst lithogr. sterntafeln. Dresden 1855. 25 Ngr. In diesen Vorträg-en ist das Wescnlliche der populären Astronomie in g-edräng-ter Kürze anschaulich und leichtfasslich daro^cstellt. Es können die Vorträgre I) der nördliche Fixsternenhimmel in astrog-nostischer und mythologischer Beziehung-, mit Sterntafel (5 Ngr.); 2) der Thierkreis und der südliche Fixsternenhimmel in astroenostischer und mythologischer Beziehung, mit Sterntafel (5 Ngr.); 3) die Bewegungen derKrde; Dreh- ung, Wendung und Fortschreitung der Erdaxe (4 Ngr.); 4) die Planetensysteme, die Bewegung und physische Beschaffenheit der Planeten (4 Ngr); 5) die Monde, mit hesonderer Berücksichtigung des Mondes der Erde (4 Ngr.): 6) die Kometen. — Die Sonne (4 Ngr.) auch einzeln bezogen werden. 11. aStrOlOglSCbe Vorträge, ständniss des Systems und der Geschichte der Astrologie^ gehalten zu Dresden im Winter IS^^/aa von Dr. Adolph Drechsler, Mit in den Text gedruckten Holzschnitten. Dresden 1855. 20 Ngr. Diese Vorträge zeigen ausführlich und deutlich das Verfahren, nach welchem von den wissenschaftlichen Astrologen die Nativität gestellt und ausgelegt wurde, und geben einen Abriss der in culturhislorischer Be- ziehung bedeutsamen Geschichte der Astrologie. In dem Vorworte sagt der Verfasser: „Ueber die Pietät, welche wir gegen unsere in den Wissenschaften unermüdlich thätigen Vorfahren zu hegen und kund zu ffeben schuldig sind, habe ich meine Ansichten bereits in dem Vorworte zu „Scholien za Christoph Rudolphs COSS" fUresden, Roh. Schäfer, 1851] ausgesprochen; und die Veröffentlichung dieser Vorträge soll ebenfalls einen Einblick gewähren in die mühevolle Arbeit und den unermüdlichen Eifer einerseits, andrerseits in die Schärfe der Gedanken und Tiefe der Forschungen, welche unsere Vorfahren auch auf den Versuch einer wissenschaft- lichen Begründung und auf den Aufhau des Systems der Astrologie verwendet haben." , . . Die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiisehe Anei'kennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, so dass hiermit der erste Band der neuen Folge erscheint. Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- sondere Paginirung abgesondertes Literaturblatt der ISIS wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- ben von den Leistungen , welche , diese Kenntniss erläuternd , zu uns ge- langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa's woh- nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel des Jahrgangs , in dem sich ihre Beiträge befinden , genannt und mit Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gregenständen für Tausch und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post unter der Addresse: „Für die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung" Dresden : oder Hamburg : Hofbuchhaiidlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von (Hermann Burdach). Rudolf Kuntze. Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der Band der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus 12 Heften bestehen wird, — der Preis des Bandes, zu dessen ganzer Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass ich bereit bin , wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann Burdach) in Dresden , Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu empfangen. Rudolf Kuntze, Verlagsbuchhandlung in Hamburg. Dresden , Druck der Königl. Uorbuchdrucksrei vpn C. C- M«inb«ld (t Sühn«. Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. I. Band. No. 8. Allgemeine deutsche NaMiMsche Zeitung. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verhiiiftiin^ mit answärti^en und einlieimisclien Gelelirten lieransgegeben Dr. Adolph Drechsler. Neue Folge: erster Band. 8. gfft. INHALT. Oestrus Equi LINNE. Die Magenhienise. — Oestrus Ovis LINNE. Cephalemyia Ovis LATK. Die Schaafbrenise. — Oestrus Cervi Capreoli. Von C. F. Hennig in Dresden. Fossile Würmer im Quadersaiidstein. Von E. v. Otto. Nalurhistoiisches aus Mexico, von Bernhard Dehne, Hütterulirector aul' dem Mineral dcl Cristo im Districte von Sultepec. Excursion nach der kleinen Insel Jorsand an der dänischen Westküste. Von (Iskar Klorkf. Kleinere Mittheilunsen. — Literaturblatt der Isis. HAMBURG, Verlag von Rudolf K u n t z e. Haupl-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herrn. Bvnhuh.) (P --n^ ^^^ Siehe die Rückseite des Umschlags. 297 Oestrus Equi Linne. Die Magenbremse, Oestrus gastricus major Schwab. Die grosse Magenbremse. Gastrus Equi Meyer. Von C. F. Hennig in Dresden. Diese Bremse ist so gross wie eine Honigbiene; 8 — 10 Linien lang, der Kopf derselben ist gross und hat an der Stirn zwei rotlibraime Füh- ler und ein hellgelbes Gesicht. Die Brust ist bräunlichgelb, behaart und hinten schwarzhaarig. Der Hinterleib braungelb und auf dem Rücken an jedem Einschnitt befindet sich ein schwärzlicher, dreieckiger Fleck. Die Flügel haben in der Mitte eine schwärzliche, wellenförmige Querbinde, an einigen Stellen finden sich auch schwärzliche Flecken vor, welche den anderen Oestrus -Species fehlen. Die Beine sind gelb; die Eier sind verlängert eiförmig, an den Enden abgerundet und weiss- gelb, auf der Schale sind zarte Ringe vorhanden. Die Larven davon leben im Magen des Pferdes, mehr an der linken als rechten Hälfte desselben. Die Bremse legt im Frühjahr ihre Eier an die Vorderbeine und Schultern der Pferde, die Larven schliefen nach 4 Tagen aus und werden vom Pferde abgeleckt und auf diese Weise in den Magen gebracht, wo sie sich sofort festhaken und wann sie völ- lig ausgewachsen, welches binnen 10 Monaten geschehen ist, so gehen sie mit dem Miste durch den Darmkanal ab, bohren sich durch den Mist etwas in die Erde, verpuppen sich und das vollkommnere Insekt fliegt nach 4 — 6 Wochen (gewöhnlich im Juni, Juli) aus. An den Magenwänden inwendig findet mau oft bis zu 60 Stück solcher Larven. Die Larve dieser Bremse ist gelblichbraun, kegelförmig, etwas platt gedrückt und mit einer feinen Haut überzogen , welche sich leicht ab- ziehen lässt; sie hat 9 Ringe, Schwanz und Kopf abgerechnet; auf jedem Ringe befindet sich eine doppelte Reihe von gelbbraunen Dornspitzen, Fig. 6. Diese streifen sich mit der Haut ab und bleiben auf derselben befestigt; im jüngsten Zustande der Larve sind diese Dornspitzen ganz, klein und werden zwischen den Falten der Ringe verborgen ; doch sind dieselben schon deutlich zu erkennen. Nur aber erst, wenn die Larve ihre mittlere Grösse, Fig. 3, erlangt hat, treten diese Dornspitzen mehr hervor und man fühlt sie nun zwischen den Fingern. Im jungen Zustande ist diese Larve von Gestalt und Grösse, wie bei Fig. 1 zu ersehen ist, dieselbe vergrössert sich nach und nach, wie Fig, 2. 3. 4. zeigt. Bei Fig. 4. ist eine fast völlig ausgebildete Larve abgebildet, und Allg. deutsche naturh. ZeitUDg. I. 22 298 bei Fig. 4a. sieht man die vom Schwanz abgezogene Haut, etwas ver- grössert dargestellt. Am Kopfende — Fig. 5. und Fig. 14. — hat die Larve 2 nach auswärts gebogene und zurückgekrümmte schwarzbraune Hornsäckchen, zwischen denen sich zwei Kiefern und der Saugapparat; siehe Fig. 14. 15. befinden. Mit diesen Häkchen ; Fig. 14.; klammert sich die Larve so fest in die Magenhaut des Pferdes ein, dass man Gewalt brauchen muss, dieselbe herauszuziehen; es sitzen gewöhnlich 3 bis 4 beisammen; mit den Kiefern nagen sie in die Magenhaut Erbsengrosse Gruben und hängen darinnen neben einander. Diese Kiefern sind bei Fig. 7. vergrössert dargestellt. Die Haut; worein die Larve gehüllt ist, spaltet sich am Schwanz- ende in der Mitte durch eine Quetschfalte; Fig. 8; diese Spalte kann nach Belieben geschlossen und geöffnet werden. Von der Larve die Haut entfernt; erblickt man auf dem beutel- artigen Schwanzende eine Art Deckel, welcher aus einer weissen starken Haut besteht und auf einer braunen Einfassung, Fig. 12.; angeheftet ist; auf dieser Haut befinden sich 6 doppelte; gebogene Röhren ; Fig. 9c., und in der Mitte zwischen diesen zwei braune Blättchen, Fig. 9A. Die Haut in der Mitte lässt 10 faltige Löcher erkennen. Bei Fig. 9E. ist der Ausgang des Darmkanals zu finden; bei Fig. 9a. ist eine halbe solche doppelte Röhre und bei Fig. 9D. ein Stück davon vergrössert dargestellt. In die acht am Rande des häutigen Deckels befindlichen Löcher, Fig. 9D. und Fig. 12a., münden vom innern Körper der Larve acht eiför- mige röthlichweisse Körper Fig. 22a., und Fig. 22b. abgesondert, welche inwendig aus Zellgewebe und Luftröhrenästchen bestehen, wovon am untern Ende derselben sich ein Ast (Fig. 22b.) von jedem derselben im Körper weiter vertheilt. Diese Körper scheinen die Lungen der Larven zu sein. Zwischen diesen 8 Löchern befinden sich in der Mitte noch 2 Löcher, Fig. 10a. und Fig. 9Ae.; in welche die zwei Hauptluftröhrenstämme ein- münden, welche sich im Innern der Larve ausbreiten; siehe Fig. 20 aa., zwischen diesen befinden sich der Schlund, Magen und Darmkanal, siehe Fig. 20d., welcher letztere, wie schon oben bemerkt, bei Fig. 12c. aus- mündet. Jedes dieser 10 Löcher hat 16 zarte Bänder, welche in der Mitte eine Haut, in welcher sich eine erhöhte Oeffnung befindet, bedeckt, siehe Fig. IIa., und diese kleine Oeffnung mündet in die Löcher der Dcckelhaut; Fig. 9Aed. Die in der Mitte der Larve befindlichen 2 Hauptluftröhrenstämme, sind spiralförmig aus feinen, runden, gelblichen Fäden (ähnlich den einer Violinseite) zu einer Röhre gewunden. Diese Fäden sind durch eine Haut miteinander verbunden, Fig. Ha. b., an den Seiten dieser 299 Röhrenstämme befinden sich Oeffnimgen, woraus feine HaarrÖhrclien ins Zellgewebe der Larve sieb verbreiten; bei Fig. 11c. sieht man eine solche Oeffiaimg stark vergrössert. Die Speiseröhre; welche zwischen den beiden Luftröhrenstämmen sich befindet, wird ebenfalls aus feinen Fäden gebildet, zwischen denen aber keine Haut befestigt ist und wobei die Löcher an der Seite fehlen. Siehe Fig. 17. Die Fäden lassen sich abwickeln. Fig. 10. Ein Abschnitt vom ersten Ringe, unter dem Deckel, des Schwanzes der Larve vergrössert. Fig. 12. zeigt die Gestalt im zweiten Ringe vom Schwänze der Larve an im Durchschnitte; hier sieht man noch die 10 Röhren deut- lich, nebst der Darmmündung, Fig. 12c.; im dritten Ringe verschwinden aber die 8 am Innern Rande der Larve befindlichen Luftröhrenstämm- chen in das Zellgewebe derselben, welche mit lauter feinen Röhrchen durchzogen zu sein scheinen und vermuthlich Fortsätze davon, als auch von den zwei in der Mitte der Larve befindlichen Hauptluftröhrenstämmen, Fig. 12 b., sind. Die zwei mittleren Hauptluftröhrenstämme durchlaufen den ganzen Körper der Larve und endigen sich an den Seiten des soge- nannten Kopfes der Larve, siehe Fig. 5. und Fig. 14d. und Fig. 21. vergrössert, im 9. Ringe endigend. Fig. 13. zeigt den letzten Abschnitt hinter dem 9. Ringe der Larve, hier sieht man bei Fig. 13b. zwei dunkelgelbe Ringe, welche ebenfalls Luftröhrenstämme sind und bei Fig. 14a. sich endigen; Fig. 14 af. ein solches Ende vergrössert; woher diese Stämmchen entspringen, habe ich nicht auffinden können, da mir keine ganz ausgewachsenen Larven zur weitern Untersuchung zu Gebote standen. Bei Fig. 13a. sieht man die Anheftung der zwei Kiefern und der Hornspitzen. Fig. 14. Der Kopf der Larve von der untern Seite, woran sich die zwei schwarzbraunen Hornhäkchen Fig. 14., und dazwischen die bei- den Kiefern befinden. Die Kiefern sind wie man bei Fig. 7a. etwas vergrössert, und bei Fig. 7b. noch mehr vergrössert sieht, gestaltet und braungelb. Die beiden Häkchen, Fig. 14. sind mit einander verbunden und endigen im 2. Ringe, vom Kopfe der Larve an gerechnet, wie Fig. 13 a. zeigt. Das Kopfglied ist mit einem ganz kleinen vierfachen Hakenkranz (Stacheln) umgeben, am ersten Ringe ist der Hakenkranz doppelt und etwas grösser als am Kopfe, am 2. Ringe sind die Stacheln gross und ebenfalls doppelt. Der Darm der Larve ist gelbbraun, mit graulicher körniger Masse angefüllt, wo sich der Darm theilt sind die Lebergänge angeheftet, welche gelblich aussehen. Die Mündungen der Zweige der Luftröhren, welche sich über den Fresswerkzeugen und Hornhäkchen befinden, sehen gelbbraun aus und haben oben zwei dunkle Punkte auf der Mitte. Fig. 14a. und 14 a f. 22* 300 Die Luftröhren Stämme sehen perlmutterweiss aus, sind sehr fest im frischen Zustande; im trockenen aber spröde. Die Aestchen derselben durchziehen den ganzen Körper der Larve und sind mit dem Darme verbunden. Tabula I. Fig. 1.2. 3. 4. Larven von Oestrus equi im jungen und älteren Zustande; natürliche Grösse. Fig. 4a. Die Haut vom Ende des Schwanzes abgezogen, mit dem lippenartigen Verschluss, womit der Deckel verschlossen werden kann; etwas vergrössert. Fig. 5. Eine Larve, stark vergrössert. Fig. 6. Zwei Stacheln der Larvenhaut stärker , und geringer ver- grössert Fig. 6a. Fig. 7a. Drei Stück Kiefern etwas vergrössert. Fig. 7b. eine davon ßtark vergrössert. Fig. 8. Ansicht des Schwanzes von oben, mit dem lippenartigen Verschluss ; diese Lippen können nach Belieben ganz weit geöffnet wer- den, so dass man fast den ganzen Deckel, wie bei Fig. 5., siehet. Fig. 9A. Die Haut oder der Deckel mit den 6 gebogenen Röhren, b. Die Oeffnung des Darmes, c. Die gebogenen Röhren, d. Die acht Löcher der Luftröhrenstämme, e. Die zwei Löcher, worein die Haupt- ßtämme der Luftröhre münden; etwas vergrössert. Fig. 9B. Ein Stückchen der Innern Haut vom Schwänze, wo man die Anheftung des Deckels durch Bänder sieht, vergrössert dargestellt. Fig. 9E. Zwei halbe doppelte Röhren, wie sie auf dem Deckel befindlich, stark vergrössert. Fig. 9D. Ein Stückchen von einer solchen doppelten Röhre, woran man in der Mitte die Verbindung mit einander sieht ; noch stärker ver- grössert. Die beiden Seitenkanäle sind gelb und durch eine feine weisse Haut getrennt, die Halbringe auf ihnen sind braun, erweitern sich in der Mitte der weissen Haut, sind hier lichter gefärbt und mit einander ver- bunden ; springen sie davon ab, so sieht man die Oeffnung, wo sie ein- gefügt waren, deutlich. Stark vergrössert. Fig. 10. Der Durchschnitt des ersten Ringes der Larve gerade unter dem Deckel des Schwanzes ; bei a. die zwei Hauptluftröhrenstämme, bei b. die acht Luftröhrenstämme, welche in die eiförmigen Körper führen; vergrössert dargestellt. Fig. IIa. Ein Stückchen von der Luftröhre, nebst der Bedeckung mit den Bändern und Oeffnung in der Mitte *) und den Seitenöffuungen, ♦) Diese Bänder heften die Luftröbren an den Deckel fest. 301 woraus feine Luftrölirchcn ins Zellgewebe ausmünden und sich darin verlaufen. Fig. IIb. Ebenfalls ein Stück Luftrölirenstamm , aber oben offen, mit einer Seitenöffinung; vergrössert. Fig. 11c. Eine solche Seitenöffnung ; dieselbe wird von feinen Fä- den, woraus die Röhre besteht, gebildet. Stark vergrössert abgebildet. Fig. 13. zeigt den Durchschnitt des 9. Ringes der Larve vom Schwanz an gerechnet. Bei a. sieht man wo die Fresswerkzeuge und die Haken eingesetzt sind, bei b. die Durchgänge der beiden Luftröhrenstämme; vergrössert abgebildet. Fig. 14. Ein Stück der Larve nebst dem Kopfe, bei d. die Aus- gänge der Luftröhrenstämme, bei a. zwei erhabene Knötchen vorn am Kopfe, vermuthlich Luftröhrenzweige, bei a. j ein solches Knötchen etwas mehr vergrössert, bei c. die zwei Kiefern, bei b. die zwei Häkchen, womit sich die Larve festhält. Alles vergrössert. Fig. 15. Ein Stück Larve nebst Kopf, wovon die Kiefern und Haken abgesondert sind, so dass man den vierfachen Hakenkranz und die bei- den Endigungen der Luftröhre sieht. Etwas vergrössert dargestellt. Fig. 16. Der Schlund mit den zwei Kiefern und den zwei Haken; stark vergrössert abgebildet. Fig. 17. Ein Stückchen der Speiseröhre, die aus einem feinen Faden, spiralförmig gewunden, besteht, und welcher sich abwickeln lässt ; vergrössert. Fig. 18. Schlund, Speiseröhre, Magen, Lebergänge und Darm, bei a. die Anhängsel besonders. — Lebergänge. — In Vergrösserung. Fig. 19. Schlund, Speiseröhre, Magen nebst Anhängseln und dem Darmkanal ausgestreckt, etAvas mehr vergrössert als bei Fig. 18. Fig. 20aa. Ansicht der zwei Hauptluftröhrenstämmc, zwischen ihnen liegen Darm, Magen, Speiseröhre und Schlund; cc. Endigung der zwei Hauptluftröhrenstämme am äussern Körper der Larve im 9. Ringe; d. der Schlund. Alles in Vergrösserung. Fig. 21. Die zwei Endigungen der Hauptluftröhrenstämme; sehr stark vergrössert. Diese Luftröhrenstämme sind durch den ganzen Kör- per der Larve weiss und bestehen aus Röhren von Fäden gewunden, Fig. 21a. Im 9. Ringe der Larve bilden sie eine kurze, -derbe, braune Röhre, von einem dunkleren Ringe umgeben, Fig. 21b., und endigen in zwei eiförmigen Körpern, Fig. 21c., welche auf der äussern Seite des Körpers der Larve im 9. Ringe hervorkommen, Fig. cc. ; sehr stark ver- grössert. 308 Fig. 22 a. Die acht am Rande im Körper der Larve befindlichen eiförmigen Körper vcrgrössert dargestellt. Fig. 22b. Drei von den eiförmigen Körpern, welche sich unter dem Deckel bei der Larve, siehe Fig. 22 a., befinden ; stark vergrössert. Fig. 23. Das Männchen der Magenbremse in natürlicher Grösse. Fig. 24. Das Weibchen in natürlicher Grösse. Fig. 25. Das Weibchen in gewöhnlicher Stellung. Oestrus Ovis Linne. Cephalemyia ovis Lair. Die Schaafbremse. Die Schaafbremse wird bis einen Zoll lang, der Kopf derselben ist schwarzbraun, gross, platt, halbkugelicht, die grossen Netzaugen sind schwarzglänzend. Brust und Rückenschild sind durch eine Quer- furche getheilt, hellbraun und mit vielen glänzendschwarzen Wärz- chen besäet, worauf sich ganz kleine Härchen befinden. Der Hinterleib besteht aus 5 Ringeln und ist gestreckt eiförmig, der Rücken licht- schwärzlichbraun mit unregelmässigen, weissen und lichtschwarz punk- tirten Flecken und mit ganz kleinen Härchen besetzt, wodurch die Bremse ein pelziges Ansehen erlangt; der Bauch ist ungefleckt, asch- grau. Die Flügel sind länger als der Hinterleib, off'en haben sie ein gefälteltes Ansehen, sind glashell, sechsadrig und mit einem Querräder- chen am Ende versehen; an der Wurzel befinden sich vier dunkelbraune im Dreieck stehende Punkte. Die Beipe sind bräunlichgelb und die Klauen schwarzbraun. Die Eier werden von der Bremse an die Nase der Schaafe gelegt, von wo aus die jungen ausgekrochenen Larven dann in die Nasenhöhle, an die Muscheln der Scheidewand und in die Stirn und Kieferhöhlen der Schaafe kriechen, sich an diesen Orten ausbilden und dann aus dem Schaafe abgehen, sich unter Gras in einem Erdgrübchen ver- puppen und nach kurzer Zeit als Bremse ausfliegen. Man findet diese Puppen von Mitte Mai bis Ende Juli. Ln jungen Zustande sind die Larven der Schaafbremse weiss, wer- den aber späterhin ganz braun; ihre Grösse bei der Vollkommenheit beträgt ungefähr einen Zoll. Die Larve hat 9 Ringel, Kopf und Sclnvanz abgerechnet; auf dem Rücken eines jeden Ringels findet man in der Mitte einen gelblichen Streifen, welcher bei erwachsenen Larven dunlder ist, worauf 10 feine punktförmige Löcher sichtbar sind. Diese sondern Flüssigkeit ab, sind bei fast reifen Larven geschlossen und nicht mehr zu erkennen; unter 308 diesen Streifen befindet sich an jeder Abtheilung eines Ringels eine wulstartige Erhöhung. Auf der Bauchseite der Larve befindet sich in der Mitte eines jeden Ringes eine dreifache Reihe von kleinen dunkelbraunrothen Stacheln und darunter ein Wulst, worauf zwei länglichevale Erhöhungen, an deren Endseiten eine kleine OefFnung ist, bemerkbar sind. Auf dem abgeplatteten Schwänze befinden sich nierenförmige dun- kelrothbraune Deckelchen , welche mit feinen Adern durchzogen und fein punktirt sind ; in der Mitte eines jeden Deckelchens sieht man eine durch eine feine Haut geschlossene Oeff"nung, worin die 2 Luftröhren- stämme münden. Unter diesen beiden Deckelchen in einer Quetschfalte welche eine Art Lippe bildet, und an deren Seite eine zapfenähnliche Fleisch- warze befindlich, ist der Ausgang des Darmes gelegen, siehe Fig. 7. 8. An beiden Seiten der Larve ist auf jedem Ringel eine kleine Er- höhung mit einem braunen Punkte (Loch) bemerkbar, siehe Fig. 14. Am Kopfe auf der Unterseite der Larve bemerkt man zwei doppelt schwarzbraune Hornhäkchen, zwischen welchen sich der Schlund befin- det und der in den Speisekanal einmündet; neben diesen beiden Horn- häkchen erhebt sich an jeder Seite derselben eine längliche Erhöhung mit einem braunen Punkte, worin eine Oeffnung bemerkbar, an den Seiten des Kopfes, avo er mit dem ersten Ringel des Körpers der Larve in Verbindung steht, befindet sich ebenfalls eine Erhöhung mit einer kleinen runden Oeffnung, wie auf den andern Ringeln der Larve. Der Speisekanal, Magen und Darm liegen zwischen den beiden Luft- rÖhrenstämmen und werden von den Zweigen derselben bedeckt. Die beiden Luftröhrenstämme theilen sich jeder in starke Aeste mit vielen Verzweigungen, Fig. 21., und sind mit einer zusammenhän- genden Zellenschicht, wo jede Zelle einen dunklen Punkt mit körnigem Inhalt besitzt, umgeben; diese Zellen theilen sich später in perlschnur- ähnliche Bänder. Tabula II. (oben). Fig. la. Eine ganz junge Larve von Oestrus Ovis in natürlicher Grösse von der Bauchseite. Fig. 2. Eine etvvas erwachsenere, von der Rückenseite, der Schwanz etwas zurückgebogen, damit man die beiden Deckelchen sieht. Fig. 3. Eine Larve in noch nicht ganz erwachsenem Zustande von der Bauchseite, in natürlicher Grösse, mit ihren auf jedem Ringel be- findlichen braunen Stacheln, den braunen Erhöhungen und den Seiten- löchern. Fig. 4. Die Larve im erwachsenen Zustande, vom Rücken aus gesehen, auf jedem Ringel des Körpers befindet sich ein brauner Streifen in der Mitte, worauf 10 feine punktähnliche Löcher sichtbar sind, welche man bei der völlig ausgewachsenen Larve nicht mehr sieht. Das Schwanz- 304 ßtück ist etwas nach dem Rücken gebogen, damit man die Abplattung sieht, -worauf sich die beiden braunen Deckclehen befinden, bei a. sieht man am Kopf der Larve die beiden Häkchen durchleuchten. Fig. 5. Eine Larve, welche zum Auskriechen aus den Nasenhöhlen etc. des Schaafes reif und ausgewachsen ist; dieselbe ist nun ganz braun, die bräunlichen Streifen auf dem Rücken sind wie bei Jüngern Larven, und auf dem Bauche, wo die Stacheln befindlich, ist die Larve schwärz- lichbraun. Die Larve ist in natürlicher Grösse von der Rückenseite dargestellt, die beiden Hornhäkchen am Kopfe scheinen durch die Haut- bedeckung hindurch. Fig. 6. Der Schwanz einer Larve, vergrössert gezeichnet, mit einem Ringel des Körpers; man sieht hier die zwei Deckelchen, die zwei lappenartigen Warzen an den Seiten des lippenähnlichen Wulstes, worauf sich Stacheln befinden, und in dessen Mitte der Darmkanal ausmündet. Fig. 7. Der Schwanz für sich allein, mit seinen zwei Deckelchen und den lappenartigen Warzen aa. ; vergrössert gezeichnet. Fig. 8. Der Schwanz über dem letzten Ringe der Larve abge- schnitten und von innerlich etwas aufgerichtet gesehen, a. Der aus- mündende Darmkanal, bb. Die beiden Löcher, worin die Luftröhren- stämme befestigt und wovon die braunen Deckelchen entfernt worden sind. cc. Die beiden lappenähnlichen Warzen an den Seiten des lippen- ähnlichen Wulstes, zwischen welchen der Darm ausmündet. Fig. 9. Der Schwanz und zAvei Ringel von der Larve vom Rücken aus gesehen ; der Schwanz ist etwas nach dem Rücken gebogen , damit man die zwei lappenartigen Warzen aa. und die beiden braunen Deckel- chen ee. sehen kann, bei b. sieht man die in der Mitte auf jedem Ringel der Larve befindlichen braunen Streifen mit ihren 10 Löchern, bei d. die an jeder Seite der Larve befindlichen Löcher. In Vergrösserung gezeichnet. Fig. 10. Der Kopf der Larve, woran die zwei doppelten Häkchen aa. befindlich, die zum Festhalten dienen; bei bb. sieht man die beiden warzenförmigen Erhöhungen, wo sich auf jeder zwei braune Punkte (Oeffnungen) befinden, bei dd. die an den Seiten befindlichen Löcher; etwas vergrössert dargestellt. Fig. 11. Die zwei braunen Deckelchen, welche die Luftröhren- stämme verschliessen ; etwas vergrössert abgebildet. Fig. 12. Einer dieser Deckel mit dem in der Mitte befindlichen Loche, welches mit einer feinen Haut geschlossen ist, die Fläche des Dcckelchens ist mit feinen Adern durchzogen und fein punktirt; ver- grössert gezeichnet. Fig. 13. Ein solcher Deckel von der inneren Seite gesehen, mit einen bandförmigen Verzweigungen; etwas vergrössert abgebildet. 305 Fig. 14. Zwei Ringel der Larve vergrössert abgebildet; man bemerkt darauf die in 3 Reihen gestellten Stacheln, Fig. 14a.; bei b. der Wulst mit seinen zwei ovalen Erhöhungen und den daneben befindlichen zwei Löchern; bei c. ist diese wulstartige Erhöhung etwas mehr vergrössert dargestellt. Fig. 15. Drei Ringel von der Larve von der Seite gesehen, wo man die darauf befindlichen Löcher sieht ; ebenfalls vergrössert gezeichnet. Fiff. 16. Einer von den Stacheln, wie sie sich auf dem Bauche in der Mitte jedes Ringels der Larve vorfindeft ; stark vergrössert abgebildet. Fig. 17. Eines von den Doppelhäkchen, in Vcrgrösserung zu sehen. Fig. 18. Der Kopf nebst zwei Ringeln der Larve, von der Seite gesehen; ein wenig vergrössert dargestellt. Fig. 19. Eine Parthie Zellen im Zusammenhange mit ihrem dunk- len Kerne in der Mitte, wie sie sich um die Luftröhrenstämme anlegen ; vergrössert gezeichnet. Fig. 20. Zellen, wie sie sich später perlschnurartig ablösen. Fig. 21. Der Schlund, der Speisekanal nebst Magen, Blinddärmen und Darm, zwischen den beiden Luftröhrenstämmen gelagert, aa. Zwei Gefässe, vermuthlich Eierleiter, cc. der Schlund, d. der Eingang zwischen den zwei Hornhäkchen in den Schlund, e. Speisekanal, bb. die zwei Luftröhrenstämme ; stark vergrössert dargestellt. Fig. 22. Schlund, Speisekanal, Magen mit seinen Blinddärmen, den zwei Eierleitern (?) und dem Darm ; vergrössert gezeichnet, aa. Die beiden Blinddärme ; stark vergrössert abgebildet. Fig. 23. Die Hornhäkchen nebst den Eingang in den Schlund; etwas unter dem Glasplättchen gepresst und stark vergrössert gezeichnet. Fig. 24. Dieselbe Ansicht in geringerer Vcrgrösserung als Fig. 23. Fig. 25, und 26. Ansicht zweier Köpfe mit ihren Hornhäkchen ; in Vcrgrösserung abgebildet. Oestms Cervi Capreoli*). Die Bremse ist noch nicht bekannt genug, um eine genaue Be- schreibung davon geben zu können. Die Larve davon ist weissgelblich und 10 Linien lang. Dieselbe *) Die im Rothwild vorkommende Oestrus-Art halte icli für Ccphalemyia ccrvi Marquart, deren Larve schon Kedi, opere I. 164, abgebildet hat und deren vollkommenes Insekt Ocslrus piclus Meigen ist, den ich mehrere Jahre hintereinander im Juli oder August im Hirschgarten gefangen und an mehrere Entomologen mitgetheilt habe. Unter diesen Oestrus pictus gelang es mir auch dreimal Ocdemagena tarandi zu fangen, von welchen Oestrus slinnilator Clark, nasalis Linne und trompe Linne nicht specifisch verschieden sein sollen , deren Larven indessen dort jedenfalls in Rothhirschen gelebt haben mögen. Reichenbach. 306 hat ebenfalls, wie die andern Oestrus-Larven, 9 Ringel, Kopf und Schwanz nicht mit dazu gerechnet; auf dem Rücken ist die Larve vom ersten Ringel des Kopfes an bis zum 7. Ringel von mit blossem Auge kaum sichtbaren, dunkelbraunrothen, feinen Stacheln besetzt, welche auf licht- aschgrauem Grunde parthienweise (bis zu 10 Reihen) stehen, auf dem Bauche dasreffen kommen diese Stacheln nur auf dem 1 . bis mit 4. Rin- gel vom Kopf herab vor. Auf der abgeplatteten Stelle des Schwanzes befinden sich zwei ganz kleine, breitovale, schiefstehende, dunkelrothbraune Deckelchen, viel kleiner als bei der Larve von Oestrus Ovis, welche den Verschluss der beiden Luftröhrenstämme machen, in der Mitte dieser Deckelchen befin- det sich in jedem eine Oefi'uung mit einem feinen Häutchen verschlossen. Die Deckelchen haben auf der Oberfläche Adern und sind fein punktirt. Unter den zwei Deckeln auf dem Schwänze befindet sich eine Aushöhl- ung, Fig. 2a., worin der Darmkanal ausmündet, auf dem Bauche der Larve sieht man 4 Muskelbündel durchscheinen, Fig. 2 b. Auf der gewölbten Seite des Schwanzes sieht man auf der Rück- seite einen braunen Fleck aus lauter Punkten bestehend. Hornhäkchen an dem Munde zwei, aber sehr klein und nicht gut zu erkennen, braunschwarz. Zur Untersuchung hatte ich nur 2 Stück Larven, daher diese nicht so vollständig als bei den Larven von Oestrus Equi und Oestrus Ovis geschehen konnte. Der Speisekanal, Magen und Darm befinden sich ebenfalls wie bei Oestrus Ovis in der Mitte zwischen den beiden Luftröhrenstämmen. Tabula IL (unten). Fig. 1. Larven in natürlicher Grösse, in noch nicht völlig ausge- wachsenem Zustande, bei a. Larve von der Rückenseite, bei b. von der Bauchseite, und bei c. von der Seite. Fig. 2. Larve von der Bauchseite gesehen und vergrössert darge- stellt, bei a. eine Art Grube, worin die Darmöffnung mündet, bei b. die 4 Muskelbündel; welche durch den Körper der Larve durchscheinen und bei cc. die zwei braunen Deckelchen. Fig. 3. Larve von der Rückenseite gesehen, vergrössert gezeich- net, bei a. sieht man den dunklen Punkt auf dem abgerundeten Rücken- theil des SchAvanzes und die auf den Ringeln befindlichen feinen Sta- cheln; am Kopfe a;i der Mundöff'nung sind zwei kleine, kaum erkenn- bare, schwarzbraune Häkchen. Fig. 4. Eine Larve von der Seite gesehen, im vergrösserten Zustand. Fig. 5. Zwei Deckelchen, wie sie sich auf der Schwanzplatte vor- finden , ein wenig vergrössert gezeichnet, bei a. ein solches Deckelchen in natürlicher Grösse. 307 Fig. 6. Ein Stück vom Luftröhrenstamm mit dem noch darauf befestigten Deckelchen, die Röhre vom Deckel an bis durch den ganzen Schwanz ist braun gefärbt, vom ersten Ringel hinter dem Schwänze aber dann ganz weiss, siehe a. ; stark vergrössert abgebildet. Fig. 7. Der Schwanz der Larve unter dem Deckel scharf abge- schnitten und von innen unterwärts gesehen; bei aa. die beiden Oeff- nungen, worein die Luftrohrenstämme münden, vergrössert dargestellt. Fig. 8. Kopf-Ansicht der Larve von vorn mit dem ersten Ringel (etwas unter den Gläsern bei der Untersuchung zusammengedrückt) ge- sehen ; vergrössert gezeichnet. Bei aa. bemerkt man auf dem zusammen- gepressten Ringel die auf der obern und untern Seite befindlichen feinen Stacheln ; bei b. den mundähnlichen Verschluss, bei c. die kleinen Horn- häkchen. Fig. 9. Der Schwanz einer Larve mit einem Ringel von der Seite gesehen; in Vergrösserung. Fig. 10. Eine Parthie Stacheln, bei starker Vergrösserung gesehen. Fossile Würmer im Quadersandstein. Von E. V. Otto. Im unteren Quader von Wendischcarsdorf bei Dippoldiswalde er- füllen wurmähnliche Bildungen die letzte brauchbare Bank so, dass man auf einer Platte von einer Quadratelle 20 — 30, ja oft 50 derselben zäh- len kann. Man findet theils Abdrücke, theils Petrefacten selbst. Letztere haben stets eine cylindrische Form, divergiren in der Stärke eines dünnen 'Bindfadens, bis zu der eines mittlen menschlichen Fingers und sind über 10 Zoll lang noch nicht gefunden worden. Erstere sind Höhlungen, wie sie gekrümmte Cylinderchen hervorbringen kön- nen; beide zeigen, wo sie rein ausgebrochen sind, eine glatte Aussen- seite, wie man sie sonst für gewöhnlich bei Petrefacten des Quaders nicht antrifft. Bei den wenigen ganz gut erhaltenen Exemplaren der Versteiner- ung selbst sieht man eine feine, gedrängte Querstreifung auf den Cylin- dern, welche mit den Ringen der Rothwürmer Aehnlichkeit hat, und nur an einem Exemplare zeigten sich bis jetzt auf der einen Seite (wahrscheinlich auch auf der anderen, jetzt nicht sichtbaren) regelmässig gestellte Vertiefungen, welche eben so den seitlichen Luftlöchern mancher Würmer, als den Stellen, an welchen Kiemenbüschel oder Warzen sassen, entsprechend sein können. Alles dies erkennt man aber nur richtig gegen das Licht gehalten durch den Schatten, da, mit der Loupe betrachtet, Alles nur zu einer Masse von Quarzkörnern zusammenschwimmt. 308 « Diese fossilen Körper bilden, ebenso wie ihre Gegendrücke, fast ansnalimlos geschlängclte Figuren in allen Biegungen, die man nur je an kriechenden und .schwimmenden Würmern beobachtete. Sie durch- weben den Stein in allen Richtungen vertical und horizontal. Nie noch fanden wir sie in- und durcheinander geschlungen, wie die Cololithen des Juraschiefers u. s. w., selten ziemlich gerade ausgestreckt. Wo sich zwei oder mehrere einander begegnen, gehen sie entweder neben ein- ander hin, oder über und unter den anderen weg. Selten erscheint auf dem Bruche des Steines ein Exemplar in seiner ganzen Länge und Form, deshalb muss dasselbe mit feinen Stahlmeiseln verfolgt und blos gelegt werden, ohne auf Nebenexemplare Rücksicht zu nehmen; da aber die Grundmasse aus festem, nicht zu feinem, aber sehr kiesel- reichem Sandstein besteht, die petrificirten Körperchen aber durch eine lockere mehr thonige, deshalb leicht zerbrechliche Masse gebildet sind, kann diese Manipulation, soll sie gelingen, nur mit äusserster Vorsicht und mit einiger Routine unternommen werden. Uns gelang dies mehrmals, und wir lassen unsere an gut blos ge- legten Exemplaren gemachten Beobachtungen hier folgen. 1) Kurze Exemplare fanden wir meist stark, wenig, bis halbmond- förmig gekrümmt, ihre Cylinderform war fast gleichmässig dick, ver- schwächerte sich nur ein wenig gegen beide Enden , wodurch sie dort fast zugespitzt erschien, Fig. 1. und 2. Diese Exemplare ähnelten ruhig liegenden Blutegeln. 2) Lange Exemplare zeigten sich stets verschiedenartig, oft zwel- bis dreimal geschlängelt; ihre cylindrische Stärke nahm bald ab, bald zu, schnürte sich in der Nähe beider Enden ein und bildete dadurch eine knopfartige Figur, welche an dem einen Ende mit erhöhtem, kranz- artigem Mittelpunkte beckenartig vertieft war, an dem andern aber ent- weder eine OefFnung sehen liess, oder statt deren, jedoch sehr selten, ein darmähnliches 1 bis 2 Millim. hervortretendes Cylinderchen zeigte. Diese Endbildungcn haben sehr viel Aehnlichkeit mit den Saugnäpfen und Mäulern verschiedener Wurmarten; hierher gehören die Figuren 7., 8., 11. und 12.; Fig. 5. und 6. geben die Form der concaven Gegen- drücke an; Fig. 3. und 4. stellen schwache Exemplare, Fig. 9. ein mit den Enden noch im Stein steckendes dar; Fig. 10. zeigt das Unicum mit den löcherartigen Vertiefungen, ist aber vorn und hinten abgebrochen. Wir hoffen, dass die von uns gegebenen einfachen Contouren unsre Be- schreibung sattsam unterstützen werden. Fast alle Individuen dieses Petrefactes, oft auch die concaven Ab- drücke sind mehr oder weniger durch Eisenoxyd gelblich und bräun- lich gefärbt. Lange Zeit haben wir diese fossilen Körper mit unpartei- ischen Augen geprüft, konnten aber zu keinem ganz bestimmten Re- sultate gelangen, weshalb wir hierdurch unsere Beobachtungen und Ansichten dem naturhistorisch-gebildeten Publicum zur weitern Prüfung 309 310 übergeben. Da der ganze Habitus dieser Erscheinungen gegen ihre Entstehung durch anorganische Concretion spricht, hielten wir sie zu- erst für vegetabilische Reste und schrieben sie etwa Fucoiden zu, von welchen früher einige durch uns in ihrer Nähe gefunden wurden. Es müssten dann, da sich unter ihnen kein Zusammenhang finden, in ihrer Lagerung auch nicht die geringste Kegelmässigkeit wahrnehmen lässt, abgerissene, zusammengeschwemmte Zweige oder Blätter gewesen sein. Unter den sehr vielen Exemplaren aber, welche wir sahen, fand sich auch nicht ein einziges, das nur einigermassen gedrückt oder ver- flacht erschienen wäre, selbst bei dem Ausarbeiten herausgefallene Stücke zeigten ringsum regelmässige Cylinderform. Wir Hessen deshalb diese Ansicht fallen und sahen uns nach etwas Analogem aus dem Thierreich der Vor- und Jetztwelt um. Wir glaubten nun, erfüllte ehemalige Gänge von Würmern vor uns zu haben. Es müssten da aber diese Gänge stets in gleicher Weite erscheinen, sie könnten nicht hier und da eingeschnürt und wieder weiter auftreten, sie könnten sich am allerwenigsten, wie es hier oft der Fall ist, nach ihren Endpunkten zu auslaufend zeigen. Ist dies nun schon bei Bohrmuscheln, Bohrschnecken, selbst bei Käfern und dergleichen härtern Thieren gar nicht anders denkbar, finden wir es auch bei den Gängen weicher wurmartiger Thiere (z. B. dem Regenwurm), da jedes Thier sich seinen Gang nach der grössten Stärke seines Körpers bildet, um leicht durch denselben sich winden zu können, es wäre denn, dass es nicht zu beseitigende Widerstände nicht umgehen könnte, was aber bei der gleichmässigen Körnerung unseres Sandsteines nicht vorkommen konnte. Es würden dann auch diese erfüllten Gänge viel länger ange- troffen werden, und nicht so plötzlich auf beiden Seiten absetzen. Später verglichen wir sie mit als fossil bereits bekannten Würmern. Graf Münster hat aus den Juraschiefern Bayerns eine Species „Hirudella" aufgestellt, von welcher er zwei Arten: angusta und tenuis, unter- scheidet. Da er aber selbst von ihnen (Beitr. z. Petrefc. H. V. S. 98 und 99) sagt, „sie seien nicht wie die Lumbricarien dieser Fundorte mit späthiger Masse erfüllt, sondern hätten nur, den Sepien -Arten gleich, eine dem Tischlerleim ähnliche braune Masse hinterlassen, welche bei Hir, angusta ganz zusammengedrückt, bei Hir. tenuis ganz flach er- scheine" ; da bei unsern Petrcfacten nicht nur diese braune Masse gänz- lich fehlt, sie nicht nur nicht flach und zusammengedrückt, sondern rein cylindrisch erscheinen, da sie überhaupt in Form und Grösse den abgebildeten ßlüns/cr' sehen Hirudellen fast gar nicht ähneln, so sehen wir jedenfalls einen anderen Wurmfossil vor uns. Die Lumbricarien des Juraschiefers, welche ebenfalls Graf Münster aufstellte, haben sich später thcils als Coprolithen von Sepien und Am- moniten, thcils als Fischgedärme erwiesen. 311_ In Bronns Lethaea geog. (3. Aufl. B. IV. S. 412 und 413) lieisst es unter andern von ihnen : ,, Manche können ebensowohl Gedärme von Holothurien sein, welche mit feinem Meeressande erfüllt zu sein pflegen, von dem sterbenden Thiere oft ausgeworfen werden und so sehr erhalt- ungsfähig sind" ; weiter unten : „Auch hat Quatrefages einige darunter von cylindrischer Form mit streckenweise vorkommenden Abschnürungen und von wenigstens 3' Länge so ähnlich mit Nemertes Borlas. Cuv> unter den gegliederten Weissthieren gefunden, dass er sie für Nemertes- Arten (-Borlasia Oken') erklärt, etc." Hier fände sich vielleicht ein Anknüpfungspunkt. Die Thiere, welche die Ursache zur Entstehung unserer Petrefacten waren, lebten nach unsern Wahrnehmungen gesellig, wie z. B. Areni- cola piscatorum, hatten das Vermögen, sich beliebig auszudehnen und zusammenzuziehen, wie die Rotliwürmer, machten schlängliche Beweg- ungen, und waren wahrscheinlich wie die Napfwürmer mit napfartigem Kopfe, und mit einem durchgehenden Darme versehen. Wenn es nun im Oken (Naturg. B. V. S. 578) von den Walzen- würmern, wozu er Borlasia (Nemertes) stellt, heisst: „Diese Würmer mahnen noch sehr an die Blutegel, und vielleicht müssen auch noch einige dazu gestellt werden, wenn sie rothes Blut haben. Sie sind walzig, meist ziemlich lang, haben den weiten Mund vorn, bald mit einem Kranze von Zähnen, bald ganz Aveich, mit und ohne Fühlfäden mit und ohne Rüssel. Der Darm ist länger als der Leib, und öffnet sich meistens hinten, wo auch hohle zweigförmige Kiemen das Wasser aufzunehmen pflegen", so passt Vieles davon ganz gut auf unsere Petre- facten, besonders, wenn man bedenkt, dass so zarte Theile, wie Kiemen Fühlfäden, Borsten u. s. w. sich in der groben Masse des Quadersand- steines ohnmöglich erhalten haben können. Betrachten wir nun noch, dass die Holothurien meist spannenlange Thiere sind, die mitunter eine Länge von mehreren Fuss erreichen, dass sie von der Dicke eines Kinderfingers bis zu der von einigen Zollen von einander abweichen, dass sie eine geringelte, runzelige, lederartige Haut haben, dass ihr weiter Mund vorn bald mit einem Kranze von Fühlfäden umgeben, dass ihr Schlund statt der Zähne mit einem Kreise von Knochenstückchen versehen ist, dass sie hinten eine Oeftuung, durch welche das Wasser zum Athmen eingesogen und ausgestosseu -wird, haben, dass ihr Darm im Munde entsteht und sich nach einigen Windungen hinten öffnet, so dass der Unrath auch durch das Athem- loch hinausgeht, dass sie endlich ausserhalb des ^yassers sich so stark zusammenziehen, dass oft ihr Eingeweide vorn und' hinten herausdringt, so gewinnt die Vermuthung, dass wir in unseren Petrefacten den Wal- zenwürmern, besonders einige Holothurien -Arten, analoge Thiere der Vorwelt vor uns sehen, immer mehr an Gewissheit. 312 Da nun aber, so zu sagen, jedes Kind einen Namen haben will, und ein specicllcr bei Ermangelung noch genauerer Erkennungszeichen zur Zeit noch unpassend erscheint, nennen wir unser Petrefact höchst generell „Herpetonites holothurioides.^* Die frühere Ansicht, dass nur feste, hornartige, kalkige, holzige Theile organischer Körper fossil sein könnten, ist schon längst wider- legt, besonders in der Neuzeit durch das Auffinden von fossilen Qual- len (Acalepha) im Juraschiefer, durch die bewiesene Petrificirung von inneren Theilen der Mollusken u. s. w. Die reine Silification zarter Theile von Mollusken, Echinodermen und andern nicdern Thiercn erklären L. v. Buch, Ehrenberg u. A. etwa so; wenn die thicrische Gallertc verschwand, und es befand sich Kie- selgallerte in der Nähe, schied sich sehr viele Kieselsäure ab, und das Thier verschluckte davon, bis es erkrankte und starb. Die noch übrige Kieselgallerte wurde nun durch die Haarröhrchenanziehung von dem Cadaver aufgenommen. Aehnlich mag die Petrification und Vererzung durch andere Mineralien erfolgt sein. Das Versteinern durch Meeres- sand, wie in unserm Falle, kann nur rein mechanisch vor sich gegan- gen sein, und ist allerdings, sind die Petrefacten nicht reine Steinkerne, schwerer zu erklären, doch wollen wir, so gewagt es auch ist, für un- ßern Fall unsei*e Ansicht als Hypothese hinstellen. Das Meer war durch Erdrevolutionen gewaltig erregt, sein Wasser war durch hin und her wogende Sand- und Schlammmassen getrübt und stark mit diesen Substanzen geschwängert, die Stelle, wo sich un- sere Würmer aufhielten, überschlämmt. Dadurch wurde den Thieren das zum Atlimen nöthige Wassereinehmen sehr erschwert, sie boten in der Angst alle ihre Kraft auf, um dies zu ermöglichen, und so drang schon mit dem Wasser durch die zu diesen Functionen vorhandenen Organismen feiner Sand und Schlamm in den Leib der Thiere. Sie er- krankten, ihre Organe erlahmten und konnten sich nicht mehr schlies- sen, dadurch infiltrirten sich immer mehr und mehr Schlamm und Sand durch Mund, Darm, vielleicht auch durch das zum Athmen bestimmte Ge- fässnetz der Haut in die Räume des Thieres und erfüllten es endlich g>aaiz. Die lederartige Haut widerstand lange der Verwesung und drückte so ihre innere Beschaffenheit auf der ausfüllenden Masse ab. Möglich, dass auch hierbei fluide Kieselsäure durch Haarrröhrchenan- ziehung tliätig wurde. Die auf dem Holzschnitt befindlichen Contouren sind von den bes- ten Exemplaren ganz verschiedener Stücke entnommen und etwa in der Art zusammengestellt, wie sie auf einem gleich grossen Täfelchen ge- wöhnlich sichtbar sind, wenn auch etwas gedrängter zusammen. 313 Naturhislorisches aus Mexico, von Bernhard Dehne, Hütteii'lirector auf dem Mineral del Cristo im Districte von Sultepec. Aiiszü^^e aus Briefen. Hacienda Santa Eosa bei Tasco den 24. April 1S51, xind Hütte Santa Barbara bei Tcnango d. 12. Januar 1S52. Von Angangueo aus machte ich vor einiger Zeit in Gesellschaft eines Freundes eine Jagdparthie nach der Laguna verde , welche vier Leguas von da nach der Gegend von Morella zu liegt. Diese Laguna bietet einen herrlichen Anblick dar; das Wasser derselben ist schön klar und anscheinend blaugrünlich gefärbt. Als wir ankamen, wurden wir von einer Menge Kreolenknaben empfangen, welche sich uns als Schiffer anboten. Wir stiegen nun Jeder in eine besondere Canoa und die Knaben verrichteten ihre Function mittelst eines Stabes von Zucker- rohr sehr gut. Anfangs Avar mir das Ding doch etwas ängstlich, da ich in dem ausgehöhlten Baumstamme gar nicht aufstehen durfte, ohne Gefahr zu laufen, mit der Canoa umzuschlagen. Wir begannen nun unsere Jagd, ich schoss in ziemlich kurzer Zeit drei Wasserhühner mit weissen Blässen (Fulica americana), dann noch einen schönen, grossen Ibis (Ibis mexicanus Gmel. Linn.)] er war brauuroth und spielte in's Grüne; um die Augen herum hatte er schöne rothe Flecken, die aus Hautlappen bestanden, die Iris war dunkclroth, die Pupille schwarz, der Schnabel schwarz, lang, gebogen und dünn, die Beine sehr lang und schwarz. Das schöne Thier lebte noch, als der Knabe es in die Canoa brachte und machte so traurige und grazieuse Bewegungen, dass ich mich nicht entschliessen konnte, es zu tödten. Der Knabe bemerkte meine Verlegenheit und fragte mich, ob er den Vogel tödten sollte ; als ich es bejahete, drehte er dem armen Thiere sofort den Hals auf eine so barbarische Weise um, dass ich es kaum mit ansehen konnte; er hatte ihn dadurch zum Abbalgen vollständig verdorben. Mein Jagdgefährte hatte fünf Wasserhühner und eine kleine wilde Ente von aschgrauer Farbe geschossen. — Ich machte lange Jagd auf eine grosse weisse Ente, allein das schlechte Schiesspulver war Ursache, dass mein Gewehr oft versagte und so mussten wir uns mit unserer Beute begnügen. Hätte ich bis jetzt nicht fortwährend im Lande herumreiten müs- sen^ so würde ich weit mehr haben sammeln können ; allein wenn man auf zwei Reitpferde beschränkt ist, so kann man höchstens einige kleine Thiere in Weingeist mitnehmen; auch ist die Zeit zur Reise stets zu- AUg-. deutsche naturliist. Zeitung-. I. «q an- gemessen und so gellt es im Galopp und Trabe fort bis Abends, wo man in irgend einer Hütte absteigt und sich ermattet auf sein Lager hinwirft, um am andern Tage früh Morgens wieder fortzugaloppiren ; man jagt auf diese Weise im wahren Sinne des Wortes durch das Leben hindurch. Da ich nun wahrscheinlich auch bald von hier wieder abberufen werde, so wundere Dich nicht, Avenn mein nächster Brief nicht von Tasco kommt. Es scheint fast, als wenn mein Geschick es wollte, dass ich hier nicht zur Ruhe kommen soll; bald befinde ich mich in den östlichen Regionen der Fächerpalme, bald in der Hauptstadt Mexico, bald auf den höchsten bewohnten Punkten der Anden , kurz bald hier bald dort und so werde ich denn Avahrsclieinlich nächstens wieder mit einer Untersuchungsreise nach dem Süden beauftragt." An einer andern Stelle heisst es : „Was die Vögel anbetrifft, die in der Umgegend von Santa Rosa leben, so sind die Arten derselben susserordentlich zahlreich. Im hohen Gebirge sind der blaue Hoher (Glandarius cristatus), der grüne Kukuk mit scharlachrothem Leibe, viele Colibris, die man hier Chupomela (Honigsauger) nennt, Spechte, Drosseln, Seidenschwänze (Bombycivora Cedrorum), Falken, Adler, Geier und wilde Hühner zu Hause. Die Letzteren (Tetrao naevius Gmel.) sind dem europaeischen Birkhahn an Grösse gleich und wie das Haselhuhn gefärbt, nur haben sie um die Augen viel mehr rothe Fleischwarzen; es sind herrliche Thiere; jch hatte ein zahmes Exemplar in den Händen. Ausserdem giebt es hier noch kleine zinnoberrothe Sänger mit weissem Halsbande; ferner sehr viel Papageien und unter diesen namentlich prächtige grosse Aras; ein Flug davon stattet uns fast jeden Morgen einen Besuch ab und gestern als ich durch eine furchtbare Barranca in der Nähe des Dorfes Sochala ritt, sah ich zwei grosse langschwänzige Aras auf einem Fel- senvorsprunge sitzen, die ihre weittönenden Stimmen in das Thal hin- ein erschallen Hessen. Als ich im November 1S50 von Vera Cruz nach der Hauptstadt Mexico reiste, sah ich unterwegs auch mehrere Bucco- Arten und einen Vogel von der Grösse eines Staars, schön dunkelroth mit schwarzen Flügeln (Tanagra brasiliensis?). Von dem Gebirgskessel aus, welcher die Hütte Santa Barbara um- schliesst, übersieht man, da er in sehr bedeutender Höhe über dem Ni- veau des stillen Oceans liegt, eine grosse Landesstrecke mit Gebirgs- gruppen, Ebenen, Wäldern u. s. w., welche der Tierra templada ange- hört. Durchschreitet man diese Gegend in südöstlicher Richtung, so gelangt man endlich, nachdem man viele Barrancas durchschnitten hat, in eine weit ausgedehnte Ebene, die abermals von Gebirgsketten (Aus- läufer der Anden) eingeschlossen ist. Mit dieser Ebene fängt hier die Tierra caliente an; hat man dieselbe erreicht, so sieht man sich, wie mit einem Zauberschlagc in die heisseste Zone Mexicos versetzt und 315 Schaaren von grossen grünen Papageien (Psittacus guianensis Brisson) verkünden dem Ankömmling mit wildem Geschrei ihre Heimath.*) In dieser Ebene liegt ein schöner klarer, salziger See von bedeu- tendem Umfange und einige Leguas davon entfernt die grosse 30,000 bis 40,000 Einwohner (mehrentheils Indianer) zählende Stadt Yguala. Diese hat breite und regelmässige Strassen, welche sich rechtwinklig schneiden, kleine Indianerhäuser mit Palmdächern, einen schönen gros- sen Marktplatz u. s. w. Man sieht hier viele sehr hohe Cocospalmen und andere tropische Bäume und befindet sich überhaupt unter dem ewig blauen Himmel des Südens. Jetzt, wo in Deutschland Schnee liegt, sitzen hier bei Tenango die Caffeebäume voll rother Früchte; Georginen wachsen in Menge wild und blühen schön roth. etc. Haclenda de los Arcos, Mineral de Sultepec den 7. Mai 1853. . . . Nachdem ich mich kaum von einem langanhaltenden kalten Fie- ber (Frios) etvA^as erholt hatte, wurde ich auch hier noch von Unan- nehmlichkeiten verfolgt; mein schönstes Pferd erkrankte in einem von Rotz inficirten Stalle und starb. Dieser Verlust schmerzte mich um so mehr, als das junge kräftige Thier fast zwei Jahre ununterbrochen mir gedieht hatte; ich schied von ihm, wie von einem treuen Gefährten. Sobald ich nur etwas zur Ruhe komme, werde ich Dir eine Menge von mir gesammelter Naturalien senden; bis jetzt aber war es stets mein Loos, viel in der Hast zu sehen und nichts auf die Dauer zu ge- messen. Was die Orchideen anbetrifft, so habe ich wohl hundertmal bei dem Anblick der hohen Eichstämme, die oft vollständig damit bewachsen sind, an Euch gedacht und Euch zu mir gewünscht; allein was konnte ich weiter thun? Erstaunt über die Pracht ihrer Blüthen hielt ich mein Pferd an, um dann mit wehmüthigen Erinnerungen weiter zu ga- loppiren. Als ich zum ersten Male in die Tierra caliente kam und bei Be- ginn der Regenzeit durch die prachtvollsten Landschaften ritt, eine Menge Papageien, Colibris und andere Vögel der Tropen um mich herumfliegen sah, so war es mir, als sei es ein Traum, ich konnte mich *) Von diesem zu den Aras gehörigen Papagei hat Vaillant bei einem Schiffscap- tain in Amsterdam einen gesehen , welchem derselbe auf der Ueberfahrt von Surinam nach Holland das ganze Vaterunser in holländischer Sprache beigebracht hatte; er legte sich beim Hersagen desselben auf den Kücken und faltete die Zehen, wie man beim Beten die Hände faltet. In seiner Heimath erscheint er in grossen Schaaren, be- lästigt dann sehr durch sein fortwährendes Geschrei und wird den Plantagen , nament- lich denCaffeebäumen, deren fleischige Beeren er sehr liebt, ungemein schädlich. — A.D. 23* 316 noch nicht in das neue Leben finden und schätzte die Menschen glück- lich, denen es vergönnt ist, unter einem solchen Himmel zu leben; allein wenn man sieht, wie auch hier das menschliche Leben in seiner alten Form wieder auftritt, wenn man sieht, dass sich die Bewohner dieser Zone nur dvirch Farbe und Sprache von uns unterscheiden, übri- gens aber nur noch materieller sind, als wir, dann verliert das Leben auch in der schönsten Welt seinen Reiz und man gewinnt selbst eine immer materiellere Richtung, etc. Mineral del Cristo, Districto" de Sultepec den 13. September 1853. Was die örtliche Lage dieses meines jetzigen Aufenthalts anbetrifft, so liegt el Cristo an dem südlichen Abhänge der Cordilleren und hat dasselbe ziemlich hcisse Klima von Cacala Tenango. Als Beweis für dieses Letztere bemerke ich hier nur, dass dicht vor meinem Fenster, wo ich diesen Brief schreibe, die herrlichsten Platanos (Musa paradi- siaca), Ananas, Aguacates (Persea sapidissima), süsse Orangen u. s. w. stehen und wuchern. Ich wohne hier auf dem zu der Unternehmung gehörigen Amalga- mirwerke, der Hacicnda del patio de dolores, und befinde mich hier in der tiefen Barranca del Cristo recht wohl, ogleich dieser Ort wegen der hier herrschenden Frios sehr gefürclitet ist. Das Mineral del Cristo liegt im Süden des Staates von Mexico, südöstlich vom Rio del Salitre im Districte von Sultepec, sieben Leguas südsüdwestlich von Real de Sultepec, vier Leguas südsüdöstlich von Teju- pilco und ohngcf ähr acht und zwanzig Leguas nordnordwestlich von Cuza- mala. Von Tasco, meinem früheren Aufenthaltsorte liegt dies Mineral in west- nordwestlicher Lage in einer Entfernung von ohngef ähr zwanzig Leguas. Das Gebirge, in welchem die erzführenden Gänge hier aufsetzen, besteht aus Glimmerschiefer. Die erzführenden Gänge des Mineral dürften in der Hauptsache in zwei Gruppen zerfallen, die durch ihr sehr abweichendes Streichen sich vorzugsweise characterisiren. Sämmt- liche erzführende Gänge werden durchsetzt von einem bis zu vier Va- ras mächtigen von Süd nach Nord streichenden Gange (vita nigra), welcher letztere jedenfalls neuerer Formation ist, als die erzführenden Gänge. Die Gangmasse dieser letzteren bestehet in der Hauptsache aus weissem Quarz mit vielen Einschlüssen von zersetztem Glimmerschiefer, häufig von ziemlich regelmässiger gangförmigen Textur und keiner grossen Mächtigkeit. Dies dürfte im Allgemeinen als Charakteristik der letzteren dienen. Von den nicht erzführenden Gängen ist die Vita nigra der wich- tigste, indem derselbe an den Durchsctzungspuncten mit den erzfüh- renden Gängen diese letzteren veredelt, d. h. reiche Erzmittel macht. 317 Die Gangmasse desselben besteht hauptsächlich aus einem schwarzen Thone, (weshalb er den Namen Vita nigra führt) , welcher das Zersetz- ungsproduct des Glimmerschiefers ist, was auch durch die gcwissermas- sen in der Gangmasse schwimmenden Quarzmassen hinlänglich be- wiesen wird. Dies Glimmerschiefer- Gebirge ist nun durch neuere Eruptiv-Ge- steine (Porphyre) an vielen Orten durchbrochen und dieselben bilden dann die herrlichen; schroffen Kegel, womit die Gruppe der Cordilleren namentlich hier so sehr geschmückt ist. Diese hier natürlich nur in groben Umrissen gegebenen geognosti- schen Verhältnisse, bedingen das Vorherrschen von Laubhölzern, nament- lich Eichen, und auffallend ist es, dass bei den mit Tenango gleichen Temperatur- Verhältnissen hier in den Waldungen die Pinus-Arten, Yuc- cas und Fächerpalmen ganz fehlen, die dort die Waldungen so ver- schönern. Was die Thierwelt anbelangt, so ist wohl wenig Verschiedenheit zwischen hier und Tenango vorhanden ; Löwen oder Kuguars in Menge Tigerkatzen ebenfalls ; Wölfe, Cayottes wenig, ferner Beutelthiere, Coati 5 Tiger oder Jaguars giebt es hier nicht, da sich diese immer nach den grossen Flussgebieten hinziehen. Von anderem vierfüssigen Wild sind der schöne, flüchtige mexicanische Hirsch und das Jaboli, eine Art wilden Schweins die grösseren Repräsentanten. Mineral del Cristo, eleu 2S. Januar 1855, . . . Die prächtige Buprestis gigantea habe ich mehrere Wochen lebend gehabt und mit den Blättern der Musa gefüttert. An Arten aus dieser Gattung ist überhaupt die Käferfauna von hier, ebenso wie die von Tasco sehr reich; so erinnere ich mich einer schönen schwarzen, mit grossen weissen Flecken, welche ich an letzterem Orte mehrere Male fing, (Buprestis ornata Fahr.). Ferner sind unter andern reich vertreten die Genera Cetonia, Trichius, Scarabaeus, Elater u. s. w. Ich verzichte darauf, einige Arten derselben speciell zu beschreiben und be- merke nur, dass die Schönheit der Farben, sowie die interessanten For- men der hiesigen Käferwelt ganz dazu geschaffen sind, die Aufmerk- samkeit des Fremden zu fesseln. Oft wenn ich auch noch so viel an- dere Dinge mit mir im Kopfe herumtrage, veranlasst mich ein über den Weg laufender Käfer Halt zu machen und vom Pferde zu steigen, um seiner habhaft zu werden; dann wünsche ich mich lebhaft mit einer auserlesenen Sammlung zu Dir und dem Julius, um Euch, wenn auch nur im Kleinen, die hiesige Käferfauna zu verbildlichen und mich zu gleicher Zeit über Vieles zu belehren. Ausser den Käfern ziehen mich vorzüglich die Schmetterlinge unter den Insecten an; aber es ist sehr schwierig, diese Thiere im getrock- 318 neten Zustande vor den Alles zerstörenden Ameisen; welclie in Schaa- ren in die Häuser einbrechen; zu bewahren. Einer der schönsten und häufigsten Tagfalter der Tierra caliente ist der Papilio (Morpho) Laer- tes ; er fliegt nahe an den Flüssen im Schatten der am Ufer stehenden Bäume und Sträucher und hat einen langsamen Flügelschlag. Das schöne bläulich-weisse Thier mit Atlasglanze bietet im dunklen Grün der hiesigen Vegetation einen reizenden Anblick dar. Von den schwar- zen mit schön scharlachrothen Fleckenreihen auf den Unterflügeln ver- sehenen Papilionen aus der Familie der Ritter giebt es hier mehrere Arten. Unter den Vögeln nenne ich die Colibris; von welchen die hiesige Fauna prachtvolle Arten aufzuweisen hat. Von Papageien habe ich hier im Innern des Landes bis jetzt nur den grossen grünen Ära (Ära guianensis L.) bemerkt; er hat die Grösse eines Raben und man hält ihn hier häufig gezähmt. Truthühner sind in den Cordilleren sehr häu- fig ; sie leben in grossen Schaaren und sind ungemein schön. Von Car- dinalen mehrere Arten (Fringilla cardinalis etc.) Unter den interessanten Säugcthieren erwähne ich hier nur das ßeutelthier (Didelphis Opossum; D. marsupialis) und das Gürtelthier. Ersteres ist von der Grösse einer Katze ; grau von Farbe ; hat einen langen; schuppigen Schwanz ; einen spitzen Kopf mit Raubthiergebiss und ähnelt in seinem Aeussern einer riesenhaften Spitzmaus ; in seinem Beutel trägt es fünf bis |aclit Junge mit sich herum. Es ist ziemlich häufig und stellt namentlich den Hühnern nach. Das Gürtelthier ist eins der merkwürdigsten ThicrC; die ich kenne ; es hat die Grösse eines Dachses und ist mit einem dreigürteligen Pan- zer versehen, welcher aus festen Hornschildchen zusammengesetzt ist; ausser den Beinen und der Schnauze nebst Gesicht ist das ganze Thier von diesem Panzer bedeckt; sein Schwanz ist lang, spitz und mit Pan- zergürteln umgeben; es gräbt sich Höhlen in die Erde und lebt von Insecten; seine Stärke ist verhältnissmässig ungemein gross, so dass maU; wenn man es rücklings aus seiner Höhle herausziehen will; eher den Schwanz abreisst; als das Thier herausbringt; übrigens ist es sehr harmlos*). Ueber die Racen der Hausthiere hier nur so viel; dass man ziem- lich alle die Thiere besitzt; wie in'Europa. Die dem Lande eigcnthüm- lichen Hunderacen gleichen oft ungemein den Cayottes und hiesigen Wölfen ; oft den europäischen Jagd- und Schäferhunden. Ich besitze hier eine höchst eigenthümliche Race und habe in diesem Augenblicke "■) An merk. Es ist dies viellelclit eine noch nicht beschriebene Art, indem das gewöhnliche bekannte dreigürtelige Gürtelthier viel kleiner ist und einen kurzen Schwanx hat. A. JD. 319 einen jungen Zögling derselben, welcher fünf Monate alt ist; er hat lange, ziemlicli grobe Haare von schwarzer und grauer Farbe, ist von mittlerer Grösse, sehr stark und hat halbhängende Ohren. Die hiesigen Pferde sind kleiner, als die deutschen, aber viel stär- ker, dauerhafter und gewandter ; sie haben harte Hufe, feines Haar und sind bei guter Pflege sehr feurig; sie sind wie zum Reiten geschaffen, gehen sicher, rasch und sanft und man reitet auf ihnen, an den jähe- sten 'Abhängen der Gebirge ohne die mindeste Furcht. Man zieht sie hier von allen Farben. Exciirsion nach der kleinen Insel Jordsand an der dänischen Westküste. Von Oskar Klocke. Es war Mitte Juni. Wir hatten eines Tages früh am Morgen die Anker gelichtet und waren mit unscrm Boot schon weit in See, als ich meinen Kopf durch die Luke hinauf zum Deck steckte. Der Himmel war rein und die Sonne schien hell auf unser grosses Segel, das von einer leichten Süd -Ost -Brise gebläht, das kleine Fahrzeug durch die Wellen trieb. Schon Aveit hinter uns lagen die Dünen von Lyst und vor uns tauchte in der Ferne ein glatter Strich Landes aus dem Meere; es war die kleine Insel Jordsand, unser heutiges Ziel. Leicht schaukelnd glitt das Boot durch die blaue Fluth, deren Wellen plätschernd am Bug zerstoben. — Der Wind war uns eben nicht günstig und wir hatten tüchtig zu kreuzen, ehe wir dem Eiland näher kamen. Doch endlich hob es sich dunkler hervor auf dem Blau des Meeres, und schon kamen viele Seeschwalben zu uns herüber. — Als wir den Anker fallen liesseU; befanden wir uns noch ziemlich weit vom Lande; doch Hessen die äusserst flachen Ufer der Insel keine weitere Annäherung zu und somit mussten wir uns gedulden, hier die bald eintretende Ebbe zu erwarten. Immer mehr und mehr Seeschwalben umflogen uns jetzt; ihr heiseres „piräh, piräli!" laut ausstossend, flatterten sie einige Ellen über dem Wasser, um dann mit Blitzesschnelle hinabzuschiessen und sich in die Fluth zu tauchen. Waren sie glücklich gewesen und hatten eine junge Scholle erhascht, so flogen sie gleich nach der Insel zurück, um ihren Brutgeschäften wieder obzuliegen oder sich zu ruhen. War jedoch ihre Mühe vergebens gewesen und die flinke Scholle ihrem Späherblick und ihrem Schnabel entflohen, so fingen sie ihr altes Manöver von Neuem an und wiederholten ihr „piräh!" und ihr Hinabschielen, wobei sie den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite wenden, unver- drossen so lange, bis sie eine neue Beute erlugt hatten. Konnten sie 320 aber trotz aller Anstrengung nichts Schnabelrechtes entdecken, so ver- liessen sie schweigend den Platz und zogen ein wenig weiter, wo dann die alten Operationen von Neuem begannen, iind wenn sie auch dies- mal kein genügendes Resultat erzielten, so wurde noch an zehn andern Orten angefangen, bis sie endlich zufriedengestellt, sich unter die fröhlich schwärmenden Schaaren ihrer Genossen mischten. — Mit majestätischem Flügelschlag zogen still und schweigsam einzelne Silber- möven: Larus argentatus, Laf., vorüber an dem laut; kreischenden Haufen der Secschwalben. — Ich hatte lange dem Treiben der Vögel zugesehen ; die Ebbe war mittlerweile eingetreten , das Boot lag schon fest und fing an, sich auf die Seite zu legen. — Wiewohl das Wasser immer noch nicht verlaufen war, so wollte ich doch nicht länger aus der Ferne den Zuschauer dieses regen Lebens abgeben. Ich griff nach meiner Flinte und schwang mich, mit grossen Wasserstiefeln versehen, über den Rand des Bootes hinab ins Wasser. Zwar reichte es mir kaum bis an das Knie, doch spritzte es beim Gehen ziemlich hoch herauf, und in schweren bis an die Hüften reichenden Wasserstiefeln geht es sich eben nicht leicht, noch dazu auf einem schlammigen Grunde. — Ein ermüdendes Waten von fast einer Viertelstunde brachte mich, wie meinen Bootsmann endlich auf festen Grund und Boden und zwar auf eine schöne grüne Wiesenfläche, mit welcher Jordsand ohne Unterbrechung und ohne nur die geringste Erhebung gleichförmig bedeckt ist. — Nur eine halbe Stunde beträgt der Umkreis der Insel, die, eigentlich unbe- wohnt, nur im Sommer der Weide wegen mit Rindern und Pferden und einem dieselben hütenden Hirten besetzt ist. Das Vieh wird im Frühjahr von der jütländischen Küste herüber gebracht und im Herbst Avieder abge- holt. Zögert man mit der Abholung zu lange, so haben der Hirte und das nirgends geschützte Vieh einen harten Stand. — Neben der elen- den Hütte des Hirten sind einige Pfosten in die Erde geschlagen, und an diese wird dann, wenn sichere Anzeichen den nahenden Sturm verkünden, das Vieh befestigt. Bald mischt sich der Donner der heran- rollenden Wogen mit dem Brüllen der geängstigten Thiere und die Seeschwalben kämpfen schreiend gegen den Orkan. Immer wüthender rollt die See, das Vieh zerrt an den Tauen, an denen es befestigt; ein- zelne Thiere, die in der Eile nicht fest genug verwahrt, lösen ihre Bande und galoppiren blindlings zum Strande; eine schäumende Welle erfasst sie und spült sie hinweg vom grünen Raseneiland, um sie in den Fluthcn zu begraben. — Mehrere Tage hat der Sturm getobt, der Himmel hängt noch voll von Wolken, aber sie ziehen langsam dahin; die See grollt noch immer, ihre Wellen bedeckt weisser Schaum, doch sie rollen nicht mehr über die Insel. Im Osten wird es heller, immer mehr zcrtheilen sich die Wolken — und endlich bricht die Sonne her- vor. Aber es war auch Zeit, denn während des Sturmes sind des Hir- ten Trinkwasser und geringe Quantitäten von Schwarzbrod, Käse und 321 Butter schon über einen Tag ausgegangen und Hunger und Durst fangen an ihn zu quälen. Nocli lässt sich das Boot, was ihm allwöchentlich seine Bedürfnisse vom Festlande bringt, nicht sehen. Vom brennenden Durst getrieben, versucht er in einem schmutzigen Pfuhl vom Regen- wasser ihn zu löschen. Doch hier drängt sich das Vieh vim das Avenige Wasser und hat es durch sein Ungestüm ganz schlammig gemacht, den- noch ist es Labung für den Dürstenden. Am Nachmittag erscheint das Boot und macht seiner Koth ein Ende. — Wir wollen nicht zusehen, wie er sich in das Schwarzbrod und den Käse hineinarbeitet, sondern nun zu meinen Freunden, den sich lustig tummelnden Vögeln zurück- kehren. Die Zahl der hier nistenden Seeschwalben mag sich; gering angegeben, auf ungefähr 300 Pärchen belaufen, zu denen noch ein Dutzend Austernfischer : Plaematopus ostralegus, Limie, kommen. Erstere halten mit ihren Nestern die Wiesenfläche besetzt, letztere den schmalen Streifen Sand und Kies, der die Insel umgiebt. — Ich trat zuerst aufs Wiesenland und befand mich nach einigen Schritten unter Nestern, wenn man mit diesem Namen eine kleine Vertiefung oder nur eine Ausein- anderbiegung von Grashalmen belegen will. Ist der Boden etwas san- dig, so ist das Nest noch am regelmässigsten, kreisrund und ziemlich tief; doch ist der Vogel durchaus nicht wählerisch und legt seine Eier überall hin, wo nur ein Plätzchen für sie zum Liegen sich befindet. Ich fand sogar eines mitten auf einem Haufen Pferdedünger. — Die Zahl der Eier beträgt nie mehr als drei; meistens fand ich nur zwei. Ihre Form und Farbe variirt ungemein und unter Hunderten finden sich kaum zwei vollkommen gleiche. Am häufigsten ist ihre Grund- farbe hellgrau oder olivengrün, bald über das ganze Ei mit braunen und grauen, oft scharfen, oft verflossenen Flecken besetzt, bald nur in einem Kreis um das stumpfe Ende desselben. — Beim Sammeln um- schwärmte mich immer eine Haufe von einigen Dutzend Vögeln, die ihre Nester im Umkreis hatten, und die laut schreiend mich zu ver- scheuchen suchten. War nun freilich ihre Mühe vergebens, so bewiesen sie doch immer viel Muth, es mit einem so mächtigen Gegner aufzu- nehmen. Bei solchen Vertreibungsversuchen zeigen sie oft viel Beharr- lichkeit. Ich war wohl eine Viertelstunde Augenzeuge eines solchen Falles. Eine Kuh weidete gerade über dem Neste einer Seeschwalbe und diese flatterte ungefähr sechs Fuss über derselben und stürzte sich in kleinen Zwischenräumen heiser schreiend auf das weidende Thier, wel- ches sich jedoch nicht stören Hess. Die Angriffe wurden muthig fort- gesetzt, ja es kam sogar zu Schnabelhieben, die der Vogel nach besten Kräften ertheilte. Ich hatte Mittleid mit dem heldenmüthigen Vogel und vertrieb die Kuh. — Als ich die Wiese durchstreifend fleissig Eier sammelte, stiess ich plötzlich auf eine Ohreule (wahrscheinlich Strix brachyotus, Forst.), die emporfliegend sogleich von den mich umkrei- senden Vögeln bemerkt wurde. Bald stand ich meiner Verfolger bar, 822 als Zuschauer einer höchst interessanten Scene. Die Eule hatte sich wieder niedergelassen und ward von einem von Minute zu Minute wach- senden Haufen umschwärmt. Bald wirbelte über ihr, einem Milcken- schwarm in seinen Bewegungen gleichend, ein Knäuel von Vögeln. Immer zogen von der See her noch ganze Truppen zur Verstärkung her- bei und halfen die Luft mit ihrem Geschrei erfüllen. Die Eule verhielt sich ganz ruhig und kümmerte sich wenig um den wütheuden Schwärm. Als es mir nach einer kleinen Weile vorkam, als lichtete sich der Hau- fen, scheuchte ich nochmals die Eule auf. Diesmal erhob sie sich höher als das erste Mal, wo sie nnr über den Boden hingestrichen war. Nun hatten aber auch ihre Verfolger leichteres Spiel ; von allen Seiten stürz- ten dieselben auf ihren Feind, und diesem konnte es durch alle List nicht gelingen, den Boden wieder zu erreichen. Sobald er einen der- artigen Versuch machte, warf sich ihm eine Abtheilung in den Weg, und trieb ihn wieder in die Höhe. Es half nichts, er musste das Feld räumen und wurde über den Strand hinaus in der Richtung nach Sylt zu getrieben. Als ich ihr Geschrei schon nicht mehr hörte, konnte ich sie doch noch einer Wolke gleich über der See schweben sehen. Die Insel war gleichsam verödet, bis nach ungefähr einer Viertelstunde die Verfolger einzeln und ermattet zurückkehrten. — Ich hatte genug Eier gesammelt und nahm nun die Flinte vom Kücken, um zu erproben, ob ich nicht etAva die beiden sich sehr gleichenden an der Westküste von Dänemark vorkommenden Seeschwalbenarten mit einander verwechselte. Mein erster Scliuss fehlte, mein zweiter wieder und erst der dritte brachte einen Vogel in meine Gewalt, der sich als die gemeine Seeschwalbe: Sterna Hirundo , Linnc , auswies. Sic unterscheidet sich von der arkti- schen Seeschwalbe : Sterna arctica, Tcmm., fast nur durch die etwas län- geren Unterschenkel und durch die wenig kürzeren Schwanzfedern. — Die gemeine Seeschwalbe kommt von allen den Inseln, die ich besuchte, nur auf Jordsand vor, während die arktische alle übrigen (Sylt, Amrum, Föhr und Nordmarsch) besetzt hält. Der Kopf und Nacken sind schwarz; ßücken, Flügel, Brust und Bauch silbergrau; an den Spitzen werden die Schwungfedern schiefergrau; die Unterseite der Flügel, die Kehle und der Bürzel sind rein weiss; Schnabel und Füsse roth. — Da der Vogel überall verbreitet imd fast immer sehr gemein ist; so war ich mit dem einen erlegten Exemplare vollkommen zufrieden und störte nicht weiter den Frieden der Natur. — Dem Strand mich zuwendend fand ich im Sand desselben noch einige Austern vom Austcrnlischer. Derselbe hält den Strand der kleinen Insel besetzt, während, wie ich schon erwähnte, die Seeschwalben nur die Wiesenfläche in Besitz ge- nommen haben. Sein Nest besteht nur aus einer in den Sand gescharr- ten Vertiefung, in die er seine Eier, die fast die Farbe des Sandes haben, ohne weitere Unterlage hineinlegt. Durch die eben erwähnte Farbe der Eier geschieht es oft, dass man dieselben beinahe zertritt, ehe man 323 sie bemerkt. Der Vogel selbst hat ein sclir gesetztes Benelimeu; oft stebt er neben dem brütenden Weibchen und scheint ganz versunken in Träumereien (vielleicht in stiller Beschaulichkeit seines hoffnungs- vollen Kestes) oder er schreitet sehr bedachtsam am Strande oder auf den Watten umher und lässt dann oft seine helltönende Stimme verneh- men. Es ist ein schöner Vogel, dessen prächtig ziegelrother Schnabel und ebenso gefärbten Flisse, sowie die feurigen dunkelrothen Augen ihm ein stattliches Ansehen verleihen. Dass dieser Vogel daher seinen Namen habe, weil er Austern mit dem Schnabel öffne, ist wohl eine nicht mehr geglaubte Fabel. — Die Zeit der Fluth kam immer näher und wir mussten uns jetzt zum Boot begeben, um bei guter Zeit wieder unter Segel zu sein. Ich erlegte auf dem Wege dahin noch eine vorbeistreifende Silbermöve. — Da jedoch die Fluth noch zögerte, legte ich meine Beute, sowie meine Wasserstiefeln, die mich etwas hinderten, im Boote nieder und spazirtc, während mein Bootsmann einen Kaffee bereitete, noch ein wenig mit der Flinte auf den Watten herum. — Es wird wohl nicht ungeeignet sein, wenn ich hier einige Worte über die „Watten" einschalte. „Watten" nennt man hier die bei der Ebbe trock- nen Sandbänke, die thcils aus feinem, mit Schlamm vermischten Sand, theils aus grobem Kies bestehen. Ihre Oberfläche ist oft mit Bänken der Miesmuschel: Mytilus edulis, Linnc, und spärlichem Seegras bedeckt; oft ist sie ganz frei und dann besser zum unbestiefelten Herumlaufen geeignet, da man über besagte Muschelbänke fast nicht hinweg kann, indem die Thiere ihre scharfen Schalenränder nach oben kehren und so ein wahres Reibeisen bilden. Oft meilenweit erstrecken sich die Watten und wo man noch vor einer Stunde nichts als Meer sah, findet man plötzlich nur diese Sandflächen. Da die Watten nicht ganz eben sind, so bleiben immer eine Menge kleiner Wassertümpel zurück, deren Rand der Tummelplatz der strandläuferartigen Vögel ist, während die Möven und Seeschwalben über ihnen schweben und sich die mit dem Wasser zurückgebliebenen Fische herausholen. Beim Durchwaten solcher Pfützen (die nie die Tiefe eines Fusses überschreiten) gewahrte ich oft einen dunklen Punkt mit Blitzesschnelle vor mir enteilen und ihn bald in einem Wirbel des feinen Sandes verschwinden. Wohl mehr als zwanzig Mal hatte ich diese Erscheinung bemerkt, ohne jedoch die eigentliche Ursache derselben entdecken zu können. Hier endlich erhielt ich Auf- klärung. Als nämlich wieder dieser graue, einige Zoll grosse Punkt über dem Grunde dahinschoss, blieb ich ganz ruhig stehen und merkte mir genau den Ort, wo derselbe unter dem aufwirbelnden Sande ver- schwand. Dies war eben nicht schwer, da die Entfernung geAVöhnlich nur ungefähr fünfzehn Schritte waren, und bald hatte ich mich vor- sichtig genähert. Ich strengte mich an, um irgend etwas Verdächtiges zu entdecken; der feine Sand war jedoch so glatt und ruhig, dass ich glaubte, mich getäuscht zu haben und etwas unwillig mit der Hand im 324 Sande umh erfahren wollte. Doch kaum hatte ich die Hand der Ober- fläche des Wassers genähert, so schoss derselbe graue Punkt wieder vor meinen Augen davon und verschwand auch wieder unter einem eben solchen SandAvirbel wie immer. Etwas ärgerlich über meinen abermals verunglückten Versuch hätte ich bald die ganze Sache aufge- geben, doch besann ich mich bald eines Besseren. Vorsichtig schlich ich mich wieder heran, brachte diesmal mein Auge näher dem Wasser- spiegel und sah endlich (allerdings nur mit vieler Anstrengung meines Sehwerkzeuges) äusserst fein, aber scharf und bestimmt die Umrisse einer jungen Scholle : Pleuronectcs, Linne. Bald bemerkte ich auch die beiden dicht beisammenstehenden Augen, die allein deutlich zu erkennen waren. Gewiss hatte ich früher bei flüchtiger Beobachtung die Augen für ein Paar etwas grössere schwarze Sandkörner angesehen. — Die junge Scholle (ich habe nicht beobachtet, ob es die alten eben so machen) sucht sich dadurch ihren Feinden zu entziehen, dass sie jedesmal da, wo sie ruhen oder auf Beute lauern will, durch eine äusserst schnelle Wendung einen Wirbel verursacht; der durch den Wirbel aufgeregte Sand fällt nieder und deckt die auf dem Grunde ganz an den Boden gedrückte Scholle vollkommen, bis auf die Augen. — Welche feine Politik, Alles zu sehen und doch selbst nicht gesehen zu werden! — Doch auch gegen diese List weiss die Seeschwalbe eine ebensolche in die Schanze zu schlagen. Wenn nämlich letztere auf den Fang geht, so fliegt sie nur wenige Fuss über dem Wasserspiegel und sucht von hier aus durch an verschiedenen Orten wiederholte Scheinangriffe — die sie auf Gerathewohl unternimmt — eine Scholle aufzujagen. Gelingt ihr dies, folgt sie rasch den Bewegungen derselben und erspäht den Punkt, wo erstere sich niederliess. Die Kette von Angriffen und Verfolgungen schliesst fast immer die Verspeisung der jungen Scholle. — Eine Schaar von Austernfischern, die wohl gegen ein halbes Tausend stark sein konnte, zog jetzt mit lautem Geschrei von den seewärts gelegenen Watten der Insel näher — ein sicheres Anzeichen der nahenden Fluth. Sich nie- derlassend bedeckten sie eine ziemliche Strecke. Ich versuchte, mich ihnen anzuschleichen; doch die Fluth verhinderte meinen Versuch und ich musste eilend zum Boot zurückkehren. — Ein guter Kaffe^ Schwarz- brod und Butter bildete eine herrliche Mahlzeit für den etwas knurren- den Magen. — Bald gehoben von der Fluth setzten wir Segel und Hessen die Insel im Rücken. Im tiefsten Blau spiegelten die Wellen ; das Schreien der Vögel klang schwächer und endlich schwand auch die Insel meinen Blicken. 325 Kleinere Miltheilungen. Die Eier vom Riesenvogel von Madagaskar: Struthionanax madagas- cariensis Rclih. System der Vögel p. XXX. 4. a. Es giebt kaum andere so ausgedehnte Districte^ welche ungeachtet ihrer Bewohnbarkeit und ihres milden Klima in ihrem Innern noch immer so wenig naturhistorisch durchforscht sind und dennoch, soweit man sie kennt, schon so vieles Merkwürdige und Eigenthümliche bie- ten, als jene ungeheure Insel Madagaskar, das Vaterland der in der historischen Zeit nachweislich untergegangenen Dronfe, und dann die benachbarten Maskaren-Inseln. Wir dürfen von dort aus um so mehr auf interessante neue Entdeckungen hoffen, als die bis jetzt von da be- kannten Geschöpfe ganz originelle Typen oder Mittelglieder zwischen den Formen, welche in den übrigen Welttheilen leben, genannt wer- den können. Die neueste Entdeckung von Madagaskar giebt uns den Beweis, dass auch noch Geschöpfe von ganz ungewöhnlicher Grösse dort vor- kommen mögen. Mr. Abadie, ein Captain der Handelsmarine sah im Jahre 1850 bei einem eingebornen Madegassen ein ungeheures Ei, wel- ches an beiden Enden durchbohrt, bei mehreren häusslichen Verricht- ungen im Gebrauche war. Die Nachweisung des Besitzers über die Acquisition dieses merkwürdigen Hausgeräthes führte endlich dazu, an dem Orte, wo es entdeckt worden, noch zwei andere gleichgrosse Eier, und drei Knochenstücke, welche dem kolossalen Muttervogel derselben gehört hatten, zu entdecken. Beide Eier wurden nebst den Knochen an das naturhistorische Museum in Paris gesendet. Mr. Malavois , ein Colonist der Insel Keunion und Sohn eines Correspondenten des Insti- tut de France sendete sie ab und am 25. Januar 1851 kamen sie in Paris an, wo Mr. Isidore Geoffroy St. Hilairc in der Sitzung der Acade- mie des sciences am 26. Januar darüber Bericht gab. Die Schale ist 3 Millimeter, also über V« Zoll stark, die Form bei- der Eier ist, wie dies oft bei Eiern einer Brut ist, nicht ganz gleich, gewöhnlich und vielleicht auch hier, nach dem Geschlechte verschie- den; eins hält 37 Zoll im Längenumfang und 311/» Zoll im Querum- fang, das andere, ein wenig mehr länglich gebaut, hat 38 Zoll Längen- umfang und 30 1/4 Zoll Querumfang. Der innere Piaum fasst SV-i fran- zösische Litres, so viel als 148 Hühnereier, 16 1/2 Casuareier oder 51/3 der grössten Eier des afrikanischen Strausses. Schon vom Jahre 1658 findet sich in der Reisebeschreibung von Flacourt eine Andeutung der Existenz dieses Vogels. Die aufgefundenen Knochenstücke sind die Enden des linken Lavifknochen und das obere oder Kopfstück des Wadenbeines. Auch die Grösse dieser Knochen deutet auf einen Vo- gel, welcher an Grösse alles Bekannte übertrifft, indem seine Grösse die fünfmalige ist vom grossen afrikanischen Strauss, im Bau seiner drei- 326 zelligen Füsse aber übereinstimmt mit der Rhea oder der kleineren Straiissengattimg, welche in Südamerika lebt. Die beiden kolossalen Eier sowohl, als die drei merkwürdigen Kno- chenstücke des Ricsenvogels, sind in getreuen und nach den Originalen sorgfältig bereiteteten Abgüssen im botanischen Garten in Dresden im Colibri-Cabinet mit ausgestellt, wo die Vergleichung der Eier mit Straus- seneiern und mit verschiedenen Colibrieiern ihre Grösse um so auffal- lender macht. lieber die Heilung der Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit Ist von Herrn Jobard der Acad. des sciences zu Paris eine Mittheilung gemacht worden, wovon die Compt. Rend. (Tom. XL., 1294) im Auszuge Fol- gendes enthalten: „Nach eigenem Willen bin ich in meinem Leben mehrere Male kurzsichtig und weitsichtig gewesen, und ich glaube, dass alle Menschen dasselbe natürliche Vermögen besitzen. Die Studien im Collegium hatten mich kurzsichtig gemacht; durch die Beschäftigung als Ligenicur, wobei ich genöthigt war, die fernen Punkte der Trian- gulirung und die Jalons zu sehen, wurde ich weitsichtig, und die dar- auf folgende Ausübung der Miniaturzeichnung und der Lithographie führte mich wieder zur vollständigen Kurzsichtigkeit. Dann genügte oft eine Gebirgsreise von einem Monat, um mir die Weitsichtigkeit wieder zu gewinnen, und einige Tage im Bureau führten hierauf meine Augen auf die gewöhnliche Sehweite zurück; jedesmal aber verlor ich bei dem Wechsel die vorhergehende Sehweite. Ich erkläre mir diese Erschein- ung, indem ich das Auge als ein Fernglas auffasse, welches sich für verschiedene Fernen allmählig zwar, aber beliebig einstellen lässt. Die Muskeln dienen nicht allein dazu, das Auge im Kreise zu bewegen, son- dern auch zur Verkürzung und Verlängerung der Brennweite. Dies geschieht nun aber für den Wunsch unserer Ungeduld nicht schnell genug, wir bedienen uns lieber der Brille, welche augenblicklich den Unterschied ausgleicht, aber den Mangel dauernd macht, indem nun die Muskeln des Auges träge werden und endlich ihre Beweglichkeit verlieren, Li den verschiedenen Zuständen meines Gesichts habe ich passende Gläser versucht, aber dieselben stets sogleich wieder bei Seite gelegt, um meine Versuche zu vervollständigen; ich kann nun auch aussagen, dass mir die Versuche vollkommen gelungen sind. Auch habe ich schon einige Personen von dem allgemeinen Vorurtheil, nach Avel- chem das Lesen namentlich von kleiner Schrift bei Kerzenlicht dem Auge nachtheilig sein soll, befreit. Das beste Mittel, sich die Augen lange zu conserviren, ist für Männer anhaltendes und tägliches Lesen, für Frauen das Anfertigen feiner Stickereien, selbst bei Lampenschein. Eine Unterbrechung und vierzehntägige Uebung ist hinreichend um die gewohnte Sehweite zu verändern; aber mit einiger Ausdauer und tag- 337 lieh wiederholten Versuchen kann man sie genau wieder erlangen. Die Muskeln, welche den Augapfel umgeben, sind zu fein und zu schwach, um plötzlich die Form der Glasfeuchtigkeit, der CiystalUinse und der übrigen Substanzen des Auges zu ändern ; aber die durch den Willen erzeugte Wirkung dauert, wie ich mich selbst habe überzeugen können, in unbewusster aber sicherer Weise fort. Ich glaube bestimmt, dass Personen, welche nicht von kurzsichtigen Eltern abstammen, ihre Ge- sichtsweite verlängern können, indem sie sich allmählig schwächerer Brillen bedienen, und dass erst entstandene Kurzsichtigkeit durch Ver- schmähung der Brillen, wie ich es gethan habe, gänzlich geheilt wer- den könne; aber man muss oft lesen, und des Nachts bei jschwachem Lichte, mit Vermeidung directer und intensiver Lichtstrahlen, welche auf die Netzhaut eine Wirkung äussern wie der Alkohol auf die Zun- genwärzchen und den Magen. Man kann sich Avohl an diese heftige Einwirkung gewöhnen, aber die Folgen davon können nachtheilig sein. Plato ist erblindet, da er in die Sonne sah." Ein neues Mittel die vibrirenden Bewegungen der Körper sichtbar zu machen ist von Herrn Lissajous der Akademie der Wissenschaften zn Paris mitgetheilt worden. (Compt. Rend. T. XLL p. 93.) Bekannt- lich folgen die Schwingungen, durch welche die Töne erzeugt werden, so schnell nacheinander, dass sie als von einander verschieden nicht vom Auge wahrgenommen werden können, indem eine und dieselbe Stelle der Netzhaut die Eindrücke der oscillirenden Bewegungen erhält. Das Experiment, welches Herr Lissajous zur Veranschaulichung der Vibrationen vorschlägt, bezweckt, die Eindrücke der Schwingungen auf die Netzhaut nicht mehr an einer und derselben Stelle derselben sich bilden, sondern auf ihr sich fortbewegen zu lassen. Um dies zu erreichen hat er, wie er selbst berichtet, folgenden Versuch angestellt: „ich be- festige auf der convexen Seite einer Stimmgabel am Ende eines Armes ejne kleine polirte Platte, welche die Stelle eines Spiegels vertritt 5 ich betrachte in diesem Spiegel das reflectirte Bild der Flamme einer meh- rere Meter entfernt aufgestellten Kerze, hierauf lasse ich die Stimm- gabel vibriren; ich sehe sogleich das Bild sich vergrössern in der Richtung der Länge des Armes. Wenn ich nun dann die Stimmgabel um ihre Axe sich drehen lasse, so verändert sich die Erscheinung und ich bemerke im Spiegel eine glänzende sich schlängelnde Linie, bei welcher die wellenförmigen Bewegungen durch ihre Gestalt selbst die verschieden grosse Amplitude der vibratorischen Bewegung angeben." Man kann den Versuch auch im dunklen Zimmer anstellen, indem man' einige Sonnenstrahlen durch die Ladenöffnung auf den Spiegel fallen lässt, welche dann auf die Wand oder einen Schirm reflectirt, sich ab- bilden und deren Bild bei dem Schwingen der Stimmgabel sich in der 328 Kiclitung der Schwingungen vergrüsscrt, Lei der Drehung der Stimm- gabel um ihre Axo aber in eine sich schlängelnde Linie verwandelt. Die Veränderungen in den Krümmungen der Linie kennen leicht und genau beobachtet werden und der Versuch eignet sich auch für zahl- reiche gleichzeitige Beobachter. Man kann dieses Vibratiönsexperiment auch mit grösseren Körpern vornehmen. In diesem Falle wendet man aber einen zweiten Spiegel an, welcher die von dem ersteren an dem schwingenden Körper befestigten Spiegel reflectirten Strahlen abermals entweder direct in das Auge des Beobachters oder auf einen Schirm zur Projections-Abbildung reflectirt. Dieser zweite Spiegel nun erhält die drehende Bewegung, wobei die Rotationsaxe desselben senkrecht auf der mittleren Richtung des reflectirten Strahles stehen und in der Ebene liegen muss, in welcher der Strahl seine Schwingungen macht. Durch Anwendung von mehreren mit Spiegeln versehenen Stimmgabeln lassen' sich die Versuche erweitern. Wenn zwei Stimmgabeln mit Spie- geln auf einem Gestell in geeigneter Anordnung angebracht sind, so dass der Strahl durch zweimalige Reflexion in das Auge gelangt, so entstehen, da hierbei die Totalablenkung des Strahles der Summe der einzelnen Ablenkungen gleicht, durch die Schwingungen beider Gabeln periodisch wechselnde Vergrösserungen des Bildes, und bei hinzukom- mender Axendrehung sich schlängelnde Lichtlinicn mit periodisch ver- änderten Krümmungen. Bei Combinationstönen würde, indem das Ohr die in regelmässiger Wiederkehr zusammentreff"enden Schwingungen empfindet, gleichzeitig das Auge die entsprechenden periodischen Ver- änderungen in der Gestalt der sich schlängelnden Linie wahrnehmen. Am Schlüsse der Mittheilung wird die Hoff"nung ausgesprochen, dass dieses Experiment zur Lösung verschiedener Probleme sich werde ar- rangiren lassen, wie zur Angabe der Schwingungszahlen, zur Messung von sehr schnellen Bewegungen, zur Bestimmung der Dauer des Licht- eindruckes im Auge u. s. w. Meteor-Eisen. Weit verbreitet ist die Annahme, dass die Aerolithen und Meteor-Massen sich erst erhitzten und entzündeten, wenn sie mit dem Sauerstoff unserer Atmosphäre in Verbindung kämen ; ebenso führt /, C. Neumann in der Einleitung zu seiner Schrift : Ueher die krystaUini- sche Structur des Meteoreisens von Braunem, (1847), als sicheres Erkenn- ungszeichen des Meteoreisens überhaupt an, dass es durch Schleifen und durch Aetzung lineare Zeichnungen zeige, welche auf eine krystalli- nische Structur schliessen Hessen. In der dritten Sitzung der Section für Mineralogie, Geognosie und Geographie während der 31. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte im September 1854 zu Göttingen hielt Herr Preslel aus Emden einen Vortrag: Ueber krystaUinische iSlructur des Meteor cisens als Krite- Z29 rium der Meteoreisenmassen, legte ein Stück Schmiedeeisen vor, welches längere Zeit als Roststab in dem Feiierungsraume eines Dampfschiffes gedient hatte, und wies au demselben nicht nur im allgemeinen kry- sialUnische Textur, sondern auch an geschliffenen, geätzten Stellen des- selben lineare Zeichnungen wie an dem Meteoreisen von Braunau nach. Er war dabei der Ansicht, dass die continuirlich anhaltende Erhitzung dieses Schmiedeeisen-Stabes die krystallinische Structur im Innern des- selben hervorgebracht habe, und führte als Beweis dafür an, dass die Mitte dieses Stabes, welche der Hitze am meisten ausgesetzt gewesen sei, die deutlichste krystallinische Structur sehen lasse, während seine beiden Endtheile, welche weniger Hitze auszustehen hatten, auch klei- nere, undeutlichere Krystallflächen zeigten. Darauf fussend stellte er folgende Thesen auf: 1) Das Hervortreten linearer Figuren bei Aetzung angeschliffener Stellen ist kein Kriterium für das Meteoreisen. 2) Die krystallinische Structur im Innern des Meteoreiseus ist Folge einer längere Zeit andauernden Erhitzung. 3) Demzufolge dürften die Meteoreisenmassen nicht erst dann glühend werden, wenn sie die Erd-Atmospäre erreichen, wie von Manchen be- hauptet wird, sondern sie haben schon längere Zeit in diesem Zustande verharrt und haben krystallinische Structur im Innern durch die con- tinuirlich anhaltende Glühhitze der Masse angenommen. A. V. Humboldt (Kosmos I. S. 125) sagt: „Die Meteormassen fangen an zu leuchten und sich zu entzünden in Höhen, die wir fast als luft- leer betrachten müssen, oder die nicht ^Ixmmo Sauerstoff' enthalten. Biot's neue Untersuchungen über das wichtige Crepuscular-Phaenomen erniedrigen sogar beträchtlich die Linie, welche man, vielleicht etwas gewagt, die Grenze der Atmosphäre zu nennen pflegt; aber Lichtpro- zesse können ohne Gegenwart des umgebenden Sauerstoffs vorgehen und Poisson dachte sich die Entzündung der Aerolithen weit jenseits unseres luftförmigen Dunstkreises." Poisson (Eech. sur la Probabilite des jugements. 1837) äussert den Gedanken, es dürfe wohl schwerlich angenommen werden, dass in einer so grossen Entfernung von der Erde, wo die Dichtheit der Atmosphäre gänzlich unmerklich sei, die Aeroli- then durch Reibung an den Moleculen der Luft sich entzünden, und stellt fragend die Muthmassung auf, ob man nicht eine Art von Atmos- phäre voraussetzen könne, welche vom electrischen Fluidum im neutra- len Zustande gebildet werde, und sich weit über die Luftatmosphäre hinaus erstrecke. Dieses electrische Fluidium zwar ohne Schwere, würde dennoch dem Zuge der Erde unterworfen sein, und derselben bei ihren Bewegungen folgen. Mit Annahme dieser Hypothese würde die Entzündung der Aerolithen, durch Aufhebung des neutralen Zu- standes der Electricität sich erklären lassen. Sobald nemlich jene Kör- per in die electrische Atmosphäre eintreten, trennen sie die bisher ver- Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 24 330 bundenen Electricitäten , indem sie entweder auf die positive oder auf die negative Electricität überwiegend einwirken. Durch diese Electri- sirung erhitzen sie und entzünden sich. Die vierhundertgradige Thermometerscala, seit dem 1. December 1854 im Observatorium zu Versailles in AuAvendung gebracht;, ist in der Sitzung der Akademie der Wisseil Schäften zu Paris von Herrn Walf er- din unter Vorzeigung von Thermometern mit mehreren vergleichenden Scalen besprochen worden. (Compt. rend. XLI. 122). Die Angabe der Temperaturhöhen durch positive und negative Zeichen bei den bisher gebr^-uchlichen Thermometern ist unbequem und vei'anlasst leicht Ver- sehen sowohl im Ablesen als auch im Niederschreiben , namentlich bei meteorologischen Beobachtungen. Diese Unbequemlichkeit würde ver- mieden werden, wenn man auch mit Beibehaltung der Grenzen des Gefrierpunktes und Siedepunktes des Wassers zur Eintheilung der Scala, die Null nicht an dem Gefrierpunkt, sondern noch tiefer unter denselben als es bei Fahrenheit geschieht, stellte. - — Von ■ — -36*^ C bis + 100*^ C. stimmen nach Dulong und Petit Quecksilberthermometer und Luftthermometer in ihren Gradangaben mit einander überein. — Nach RegnuuU verdampft das Quecksilber bei 360'^,5 C. und es gefriert nach Pouillet bei — A(Y\'i\ C. ^a,Q\\ Dulong bestimmt man nun die Länge der natürlichen Scala des Quecksilberthermometers zu 400", setzt als End- punkte den Gefrierpunkt und den Siedepunkt des Quecksilbers, und bezeichnet ersteren mit 0*^ letzteren mit 400". Es sind aber hierbei die Endpunkte der Scala, der Gefrierpunkt und der Siedepunkt des Quecksilbers nicht wie die festen Punkte, welche durch das Gefrieren und Verdampfen des Wassers bestimmt werden, zur gleichmässigen Eintheilung der zwischen ihnen liegenden 400 Grade anzuwenden, weil die Ausdehnung des Quecksilbers bei über 100" C. erhöhter Wärme sich verändert. Nach Dulong und Petit ist diese Ausdehnung des Queck- silbers zwischen 0" und 100" C. des Luftthermometers gleich V*55"> zwi- schen 100" und 200" C. des Luftthermometers gleich ^jhvib, zwischen 200" und 300" des Luftthermometers gleich i/ss""- l^ie vierhundertgradige Thermometerscala unterscheidet sich von der Centesimaleintheilung nur dadurch, dass sie mit 0" beginnt, wo diese — 40" anzeigt, und über + 100" in entsprechenden Gradabtheilungen bis 400" fortgesetzt ist. Das vierhundertgradige Thermometer bezeichnet also die Temperaturhöhe stets mit 40" mehr als das Thermometer nach Celsius angiebt. Da nun bekanntlich vom Gefrierpunkt des Wassers bis zum Siedepunkt des- selben Celsius 100", Reaumur 80" und Fahrenheit 180" annehmen, so ergiebt sich bei der Zusammenstellung dieser Thermometerscalen mit der vierhundei'tgradigen Scala nachstehende vergleichende Tabelle. 331 Vergleichung der Scalen: Tetracentigrade, Centigrade, Reaumur und Fahrenheit, Tetracentig Centigr. Reaumur. Fahrenheit . iTetracentig . Centigr. Reaumur. Fahrenheit. Oo -40° -320,0 -400,0 550 150 12",o 59", 1 -39 -31,2 —38,2 56 16 12,8 60,8 2 -38 -30,4 —36,4 57 17 13,6 62,6 3 —37 —29,6 —3.4,6 58 18 14,4 64,4 4 -36 -28,8 -32,8 59 19 15,2 66,2 5 —35 -2S,o -31,0 60 20 16,0 68,0 10 —30 -24,0 —22,0 61 21 16,8 69,8 15 —25 -20,0 -13,0 62 22 17,6 71,6 20 —20 —16,0 -4,0 63 23 18,4 73,4 22,22 -17,78 -14,17 0,0 64 24 19,2 75,2 23 —17 -13,6 + 1,* 65 25 20,0 77,0 24 -16 -12,8 3,2 66 26 20,8 78,8 25 — 15 —12,0 5,0 67 27 21,6 80,6 26 —14 -11,2 6,8 68 28 22,4 82,4 27 -13 -10,1 8,6 1 69 29 23,2 84,2 28 —12 — 9,6 10,1 70 30 24,0 86,0 29 - 11 -8,8 12,2 80 40 • 32,0 104,0 30 -10 —8,0 14,0 90 50 40,0 122,0 31 —9 — ~,2 15,8 100 60 48,0 140,0 32 —8 — 6,4 17,6 HO 70 56,0 158,0 33 — 7 — 5,6 19,4 120 80 64,0 176,0 34 -6 -4,8 21,2 130 90 72,0 194,0 35 —5 —4,0 23,0 140 100 80,0 212,0 36 —4 -3,2 24,8 37 —3 , —2,1 26,6 160 120 96 248 38 —2 — 1,6 28,4 180 140 112 284 39 -1 -0,8 30,2 200 160 128 320 40 0,0 32,0 220 180 144 356 41 + 1 + 0,8 33,8 240 200 160 392 42 ; 2 1,6 35,6 260 220 176 428 43 3 2,4 37,4 280 240 192 464 44 4 3,2 39,2 300 260 208 500 45 5 4,0 41,0 310 270 216 518 46 6 4,8 42,8 320 280 224 536 47 7 5,6 44,6 330 290 232 554 48 8 6,4 46,4 340 300 240 572 49 9 7,2 48,2 350 310 248 590 50 10 8,0 50,0 360 320 256 608 51 11 8,8 51,8 370 330 264 626 52 12 9,6 53,6 380 340 272 644 53 13 10,4 55,4 390 350 280 662 54 14 11,2 57,2 ; 400 360 288 680 24' 332 Blitze ohne Donner werden in der Regel als Entladungen der elec- trischen Wolken aufgefasst, welche in einer so grossen Entfernung vom Beobachter vor sich gehen^ dass der Schall des Donners sich nicht bis zu diesem fortpflanzt, Herr Andre Poeij hat hierüber Untersuchungen durch Beobachtungen vom 15. Juli 1850 bis 11. Juli 1851 in Havana angestellt und in den jetzt der Akademie der Wissenschaften zu Paris gemachten Mittheilungen (Comp. Rend. XLI. , 76) sagt er: „. . . ich mache allein darauf aufmerksam, dass ich die Blitze ohne Donner, welche ich zu Havana beobachtet habe, nicht als reflectirte Blitze, noch als solche, welche in bedeutender Höhe der Atmosphäre sich bildeten, erklären kann. Daher glaube ich , dass es für den Beobachter in der That Blitze ohne Donner sind, welche in den vom Horizont getrennten Wolken entstehen, wobei der Horizont und andere Theile des Himmels rein erscheinen. Die Wolken, in denen die Blitze gesehen wurden, be- fanden sich in einer Höhe von 20 bis 25 Grad." -Diese Wolken, welche die Blitze ohne wirklichen Donner zeigten, waren Haufen-Schicht- Wol- ken (cumulo-stratus). Es werden .diese Blitze ohne Donner am häufig- sten in den Aequatorial-Gegenden des neuen Continentes wahrgenom- men, doch liegen hierüber, wie überhaupt über das Phänomen im All- gemeinen, nur spärliche Berichte und vmzureichende Untersuchungen vor. Chavalon hat vom Juli bis November 1751 zu Martinique, und Borta in den Jahren 1783 bis 1787 (ausgenommen 1786) zu Rio Janeiro in Betreff dieser Erscheinung Beobachtungen gemacht, aber in den zahlreichen Werken über die Aequatorgegenden des alten und des neuen Continentes findet man keine oder nur unbedeutende Erwähnungen die- ses Phänomenes. — Die von Andre Poey notirten Beobachtungen der Blitze ohne Donner in den Haufen-Schicht-Wolken vom 15. Juli 1850 bis 11. Juli 1851 haben folgendes Resultat gegeben: Monat. Blitz tage. Im Juli (v. 15. 1851.) 9 - August . . . 22 - September . . 26 - October . . . 9 - November . . - December . . 1 - Januar (1851) . 2 - Februar . . . 1 - März . . . - April .... 1 - Mai .... 6 - Juni .... 13 - Juli (bis zum 1 1 .) 4 Summa 94 ' Gegend N. . . N.-O. , O. . . O.-S.-O. S.-O. . S.-S.-O. s. . . S.-S.-W. s.w. . w. . . N.-W. . Fälle 3 32 17 3 43 2 8 2 36 13 30 Summa 1 89 338 Ohne auf die Wolkenbildung, aus denen die Blitze ohne Donner strömten, Rücksicht zu nehmen, werden von Herrn Poe\j noch folgende Beobachtungen mitgetheilt. „Den 18. Juni 1850, Abends 7 Uhr zählte ich in S.-S.-W. 89 Blitze ohne Donner in einer Viertelstunde. Davon leuchteten 12 im Zickzack, 6 steigend, 6 fallend. — Den 4. Juli 1850 Abends 10 Uhr zählte ich HO Blitze ohne Donner in 15 Minuten in der Richtung nach S.-W., von denen 3 im Zickzack sich bewegten. Bei dem ersten derselben sonderten sich vom Hauptstamm zwei Seitenzweige ab. Der zweite lief in drei Zacken aus, von denen ein Strahl wieder aufwärts fuhr. An dem dritten bildeten sich zu jeder Seite zwei Neben- strahlen, so dass er im Ganzen fünfstrahlig wurde. — Den 4. August 1850, Abends 7 Uhr zählte ich in der Richtung nach S.-W. HO Blitze ohne Donner in 10 Minuten; von ihnen kamen 44 auf die erste Minute. In derselben Stunde zählte ich nach S.-O. 66 Blitze ohne Donner in in 5 Minuten. In einem Zeitraum von 20 Minuten beobachtete ich 11 Blitze im Zickzack zugleich mit den gerade weitausfahren den Blitzen. — Den 25. Januar 1851 Abends 9 Uhr zählte ich in 10 Minuten 66 Blitze ohne Donner. Ueher das Verhalten der verschiedenen Basen gegen Lösungen ammoniaca- lischer Salze und namentlich gegen die Lösung von Chlorammonium hat Herr Rose der K. Pr. Akademie der Wissenschaften zu Berlin die Re- sultate seiner Untersuchungen mitgetheilt, und der Monatsbericht (Mai 1 855) enthält hierauf bezüglich Folgendes : „Durch eine Reihe von Unter- suchungen hat sich der Verfasser überzeugt, dass durch kein Mittel so sicher die schwach- oder stark-basische Eigenschaft der verschiedenen Metall- oxyde erkannt werden kann, als durch die Behandlung derselben mit Lösungen geruchloser ammoniacalischer Salze und namentlich mit einer Salmiaklösung. Alle metallischen Basen von der atomistischen Zusam- mensetzung 2 R. + O., und von R. + O. zersetzen die Lösung des Salmiaks, entwickeln daraus Ammoniak und lösen sich auf, wenn ihre Chlorverbindungen löslich im Wasser sind. Selbst auch die Basen, welche zwar unstreitig von der Zusammensetzung R. + O. sind, aber doch schon zu den schwächeren gehören, und durch kohlensaure Ba- ryterde, bisweilen auch selbst durch Wasser aus den Lösungen ihrer Salze bei gewöhnlicher Temperatur ausgeschieden werden können, sind fähig durchs Erhitzen mit einer Chlorammoniumlösung dieselbe zu zersetzen und sich aufzulösen. — Dagegen sind die Basen von der Zu- sammensetzung 2 R. + 3 O., so wie die, welche noch mehr Sauerstoff- atome enthalten, nicht im Stande selbst durch langes Kochen mit einer Salmiaklösung dieselbe zu zersetzen, so dass durch das Verhalten der verschiedenen Oxyde gegen diese Lösung die atomistische Zusammen- setzung der Basen am besten festgestellt werden kann. — - Nur eine einzige Ausnahme hat dieses, wie es scheint, allgemein geltende Ge- setz. Die Beiyllerde kann nemlich die Salmiaklüsung zersetzen und sich auflösen. Aber von allen Basen von der Zusammensetzung 2 R. + 3 0. ist diese Base unstreitig die stärkste, so dass auch viele Che- miker ihr die Zusammensetzung R, + (3. geben. Nur die Uebereinstim- mung in der Krystallfurm der dem Feuer des Porzellanofens ausgesetzt gewesenen Beryllerde mit der der Thonerde und das mit letzterer über- einstimmende Atomvolum, konnten den Verfasser früher bestimmen, der Beryllerde die Zusammensetzung 2 ße. + 3 0. zukommen zu lassen. — Uebrigens verliert die Beryllerde die Eigenschaft, die Chlorammoni- umlösung zu zez-setzen, wenn sie vorher sehr stark erhitzt worden ist." Ueber Chytridium, eine Gattung einzelner Schmarotzergewächse auf Algen und Infusorien, ist in der K. Pr. Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Monatsberichte, Juni 1855) von Herrn Braun eine Abhandlung vorgelesen worden. Einer vorläufigen Aufzählung und kurzen Beschreib- ung von einundzwanzig Arten dieser, wie der Verfasser sagt, ohne Zweifel sehr artenreichen Gattung, schickt derselbe im Berichte einige Bemerkungen über die Gattung selbst voraus. „Die Gattung Chytridium, deren ich in der Schrift über Verjüngung, p. 279, vorläufig Erwähnung gethan habe, umfasst sehr kleine einzellige Gewächse, welche im süssen Wasser schmarotzerisch auf lebenden Organismen, besonders Algen und Infusorien, vorkommen. Das ganze Pflänzchen besteht aus einer einfachen blasenartigen Zelle, welche oft mit einer wurzelartigen Verlängerung in die Zellen des Nährorganismus eindringt, seltener sich im Innern dieser selbst entwickelt; sie besitzt eine ziemlich derbe und feste Haut, welche durch Jod und Schwefelsäure nicht gebläut wird und einen farblosen Inhalt, in welchem im jugendlichen Zustand ein oder mehrere Oel- tropfen zu unterscheiden sind. Zur Zeit der Reife bilden sich aus dem ganzen Inhalt zahlreiche und sehr kleine, kugelförmige oder längliche, farblose, bewegliche Keimzellen (Zoogonidien), Avelche einen excentrischen dunkler erscheinenden Kern und einen sehr langen, einfachen Flimmer- faden besitzen. Die Zelle öffnet sich mit einer oder mehreren OefFnun- gen, welche bei einigen Arten gedeckelt sind, bei andern nicht, bei einigen endlich in eine längere Reihe auslaufen. Die durch diese Oeff- nungen ausschwärmenden Keimzellen haben eine sehr lebhafte, inner- halb der Mutterzelle wimmelnde, ausser) lalb derselben gleichsam hüpfende oder tanzende Bewegung. — Nach der schmarotzerischen Lebensweise und dem Mangel der Chlorophyllbildung muss man diese Gebilde, wenn man die gewöhnliche Unterscheidung der Pilze und Algen beibehalten will, zu den Wasserpilzen rechnen , allein in Beziehung auf Bau und Fort- pflanzung schlicssen sie sich den im strengsten Sinne einzelligen Algen 335 {Hijdrocyüum, Characium, Sciadium, Hydrodictyon u. s. w.) an, in analoger Weise, wie Achlya , Saprolegnia und Leptomitus sich den Vaucherien, Hygrogrocis den Oscillarien anschliessen. Man muss sich hüten diese Schmarotzergebilde nicht für spermatozoenbildende Organe der Nähr- pflanzen zu halten, eine Verwechselung, die um so eher stattfinden kann, als bei manchen Algeugattungen in der That die Spermatozoen in be- sonderen kümmerlichen Individuen gebildet zu werden scheinen, welche gleich Schmarotzern der entwickelten Alge ansitzen. (^Oedogoniitm, Bul- bochaeie). — Die meisten Chytridien üben eine deutlich erkennbare desorganisii*ende Wirkung auf die Zellen des Nährorgai^ismus aus ; ist dieser ein einzelliger, so wird er durch den Schmarotzer getödtet, ist es ein mehrzelliger, so scheint sich die Wirkung bloss auf die befallenen Zellen zu beschränken. Treten die Chytridien epidemisch auf, so kann die ganze Generation der befallenen Nährpflanze vertilgt werden." Der Verfasser wird eine vollständige Publication der gelesenen Abhandlung mit genauer Beschreibung und Abbildung der Chytridien - Arten dem auszugsweise gegebenen Berichte nachfolgen lassen. Des eigenthümlichen theilweisen unterirdischen Verlaufes der Bäche und Flüsse in dem kroatischen Küstenlande erwähnt Herr Foelterle in seinem Berichte, welchen er über einige Resultate seiner daselbst im Auftrage der Regierung angestellten geologischen Untersuchungen in der K. K. geologischen Reichsanstalt zu Wien [Sitzung am 17. April 1855] giebt. jjSie entspringen alle im Gebiete des Kalkes und Dolomites und erreichen bald den tiefer gelegenen Schiefer und Sandstein der Steinkohlen- formation, in dem sie so lange über Tags fliessen, bis sie an tieferen Stellen wieder die Grenze der letzteren und des Kalkes treffen ; hier verschwin- den sie, um wieder auf einem anderen Punkte abermals an der Grenze dieser beiden Formationen zu Tage zu treten. Diese Erscheinung lässt sich an der Lepenicza bei Fuscine, an der Yelika Woda bei Loque, an der Kulpizza nördlich von Delnize, am Sucht Potok bei Csernilug, an der Kulpa bei Rasloge und an der Recsina nördlich von Jelenje beob- achten und ihre Ursache ist leicht in der leichteren Auflösbai'keit und Zerstörbarkeit der Schiefer und Sandsteine gegen den festen Kalkstein zu finden. Gewiss wird dieselbe Erscheinung auch bei den anderen vielen Flüssen des Karstes an den Endpunkten ihres unterirdischen Laufes stattfinden, wie an der Recca, der Obrech, der Poik u. s. w., in deren Nähe überall Schiefer und Sandsteine angegeben sind, die unter dem Kalksteine des Kaxstes einzufallen scheinen." Eine Fucoidee des süssen Wassers. Herr Professor AI. Braun hat Herrn Dr. L. Rabenhorst so eben brieflich eine höchst interessante Entdeckuna' is> die einer Fucoidee im Tegelsee bei Berlin mitgetheilt; er nennt dieselbe 336 Pleurocladia lacustris und bemerkt dazu Folgendes: „Sie gehört der Gruppe der Mesogloeaceen an und ist zunächst verwandt mit Myriac- tis Ktz. Aus einem horizontalen kriechenden, kurzzelligen Basilarstra- tum erheben sich die einseitig verzweigten Fäden, deren Zweige zum Theil in hyaline sehr lange Haare auslaufen. Auf den Zweigen der- selben Individuen entspringen beiderlei Fructificationsorgane : lang- gezogene Oosporangien mit zahlreichen durch simultane Theilung des Zellinhaltes gebildeten Zoosporen, und schmale etwas spindelförmige Trichosporangien, in deren einreihigen Zellen sich die Zoosporen ein- zeln bilden, aber zuletzt alle durch die geöffnete Spitze des Trichospo- rangiums entlarven. Die Farbe des Zellinhaltes ist wie bei den ver- wandten Meeralgen bräunlich. Sie findet sich an abgestossenen Stengeln von Scirpus lacustris, gesellig mit einer kleinen Chaetophora, mehreren Formen vom Encyo- nema und andern Diatomeen. Sie kommt auch auf den Schalen von Tichogonia polymorpha, Paludina achatina, Limnaeus auricularius und Neritina fluviatilis vor. Sie wird in der 45 Dekade meiner Süsswasseralgen in sehr reich- lichen Exemplaren vertheilt werden. ^^ Anatomische photographische Bilder gefertigt von Herrn L. Rousseau sind in der Akad. der Wissenschaften zu Paris durch Herrn Valenciennes vorgelegt worden. (Compt. Rend. T. XL., 1316). Es ist den Anatomi- kern bekannt, dass die mikroskopischen Präparate von Organen der Thiere ohne Wirbelbein, wie der Insecten und Mollusken unter Was- ser vorgerichtet werden. Man konnte bisher diese zarten Präparate nicht in eine zur Axe des daguerreotypischen Gläsersystems senkrechte Ebene bringen. Herr Rousseau richtete nun die Axe des Objectiv- glases des Daguerreotypes vertikal auf die Wasserkapsel, in welcher die anatomischen Präparate sich befanden. Auf diese Weise daguerreo- typirte er die der Akademie zugestellten Abbildungen : den Eierstock eines Ascariden und zwei Präparate aus dem obern und untern Kinn- backen eines sechsjährigen Kindes, letztere um die Thätigkeit der Na- tur im Moment der zweiten Zahnbildung zur Anschauung zu bringen. Diese neue Anwendung des Daguerreotypes wird den Anatomikern wesentliche Dienste leisten. Es ist uns zur Bekanntmachung Folgendes zugesendet worden: „Die Untorzeichneten beehren sieh hiermit zur Kenntniss zu bringen, dass die Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, welche im Monat Septem- ber d. J. in Wien hätte abgehalten werden sollen, der ungünstigen Gesund- heitsverhältnisse wegen vcrUujl wurde. — Die Nachricht über Abhaltung der Versammlung im nächsten Jahre wird rechtzeitig kund gegeben werden. — Die Gcschältsi'ührer der .'52. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte. Wien, den 18. August 1855.— Hyrll. Sclirüller. Dr. A. Drechsler. Im Verlage von Rudolf Kuntze in Hamburg ist erschienen : JENSEITS DES OCEANS. Beiträge zur Kunde amerikanischen Lebe n s. IX. X. Bd. ROMANTIK der NATURGESCHICHTE oder wildes Land und wilde Jäger. Von E. O. l¥el>ber. Aus dem Englischen von M. B. Lindau. Zwei Bände. 1 Thlr. 15 Ngr. ERINNERUNG an die STÜNDEN DER M U S E ^r. Pajfstiil dts h'öchstsflijfit f Sittgs FRIEDRICH AUGUST bei Ansle^un^ von Reliquien im Namen der Gesellschaft Isis g-esprochen von Dr. Ludwig Reichenbach. Preis 6 Ngr. Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerci von 0. C. Moinhold k Söhne. Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Tlilr. I Band. No. 9. Allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbindung mit auswärtigen und einlieimischen Gelelirten lierausweireben Dr. Adolph Drechsler. Neue Folge: erster Band. 9. i}fft. INHALT. tel'er Erheljun!;skratere und die Bedeutung- des Wortes „Erhebung-" im Allgremeinon. Von Emil Kluge, Lehrer an der Handelsschule zu Dresden. Das Erdbeben vom 25. bis 2G. Juli 1855 in der Schweiz und den anv'reuzenden Ländern. Von Emil Kluge. Ausflusr in den Norden Scandinaviens. Von Otto Freiherr von Welch. Kleinere Mittheilungen. — Literaturblatt der Isis. <\p/T\Oci.p HAMBURG, Verlag von Rudolf Kuntze. '1855. j Haupl-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Eud. Kimtze (Herrn. Burdach.) '$^ ,k i3^^ Siehe die Rückseite des Umsclilags. w 387 lieber Erhebungskratere und die Bedeutung des Wortes „Erhebung" im Allgemeinen. Von Emil Kluge, Lehrer an der Handelsschule zu Dresden. In der Sitzung der Pariser Akademie vom 2. April wurde wegen des Ausdrucks ,,Erliebung" (soulevement); der in einem officiellen Be- richte an die Akademie gebraucht worden war, von neuem wieder der Streit über die Explosions- und Erliehungskratere angeregt, der nun seit beinahe 30 Jahren zwischen den gefeiertsten Geologen Deutschlands, Frankreichs, Englands und Italiens mit äusserster Erbitterung geführt wird, ohne dass bis jetzt noch ein endgültiges Resultat daraus hervor- gegangen wäre. Leopold von Buch, bekanntlich der Urheber der Theorie der Erhebungs- und Eruptionskratere , stellte dieselbe kurz nach seiner ersten Reise nach den canarischen Inseln (1815) auf. (Abhandlungen der Berliner Akademie von 1818 und 1819: Ueber die Zusammensetz- ung der basaltischen Inseln und über Erhebungskratere.) Vorzüglich wurde er durch die genaue Untersuchung der Inseln Teneriffa, Gran Canaria und Palma darauf geführt. Er fand nämlich, dass diese Inseln und wohl die meisten übrigen zahllosen im grossen Ocean zerstreut liegenden Eilande, obwohl auf vulkanischem Wege entstanden, doch wesentlich verschieden in ihrem Baue von wirklich thätigen Vulkanen sind. Sie besitzen sämmtlich in ihrem Mittelpunkte einen häufig ausserordentlich tiefen, trichterförmig eingesenkten Krater von bedeu- tenden Dimensionen, dessen Wände nicht von geschmolzenen Materien, Laven, Schlacken, Asche etc. gebildet sind, sondern aus den Schichten- köpfen der ringsumher gleichförmig aufsteigenden Gesteinsbänke bestehen. Der ganze Umfang des Kraters ist von zahlreichen, strahlenförmig nach dem Mittelpunkte zulaufenden Spalten, Barancos, tief zerrissen, von denen jedoch nur eine gewöhnlich in den Krater selbst hineinläuft. Diese so regelmässig ringsum aufsteigenden Schichten, die engen, strahlenförmig zerrissenen Spaltenthäler und der grosse Krater in der Mitte sind nun nach L. von Buch nicht das Product der Auswürfe eines Vulkans, welche rund um die Mündung des Eruptionskanals zu einem Kegelberge auf- geschüttet wurden, sondern eine Wirkung der Erhebung der ganzen Insel und darum nannte er die so gebildeten Kratere Erhebungskratere, die man nicht mit den Ausbruchs- oder Eniptionskrateren verwechseln darf, durch welche mehrere Vulkane dauernd mit dem Erdinnern in Ver- bindung stehen. „Man sieht", schreibt L. v. Buch, „gleichsam von selbst die ganze Insel aus dem Meere heraufsteigen; die Schichten werden von der hebenden AUg. deutsche naturh. Zeitung. I. 25 Ursache: von den elastischen Mächten selbst mit erhoben, in der Mitte brechen diese Dämpfe hervor und eröffnen das Innere. Haben aber diese Schichten sich gegen die Mitte erhoben, so müssen sie am Umfange zerreissen und Spalten zurücklassen, denn dieselbe undehnbare Masse soll sich nun auf der Oberfläche des Kegels über grössere Räume ver- breiten. Auch ist es ganz auffallend, wie diese Barancos fast nur den Krater umgeben, aber dort, wo die Insel niedriger wird, sich in die Länge ausdehnt, seltener Averden , selbst in einer ganzen Ausdehnung gar nicht vorkommen." — Nicht allein aber die vulkanischen Inseln, welche aus dem Meere emporgestiegen, zeigen nun diesen Bau, sondern auch die meisten der grösseren Vulkane auf dem Festlande sind von einem äusseren, wie jene Inseln gebildeten Ringe umgeben. Auch bei ihnen trat ausser der explosiven Thätigkeit noch ein eigenthümlicher Mechanismus centraler Hebung in Wirksamkeit, durch welchen das ganze System der um den Eruptionscanal abgelagerten Massen allmählig auf- wärts gedrängt und zu einem gewaltigen, kegelförmigen Berge erhoben wurde, in dessen Mitte sich ein Krater von weit grösseren Dimensionen, als bei den Erhebungskegeln ausbildete. In diesem so gebildeten Erhebungskrater bauten nun die vulkani- schen Kräfte häufig durch zahlreiche Auswürfe noch einen oft ziemlich bedeutenden Eruptionskegel auf, der nun von dem Erhebungskrater manchmal von allen, manchmal nur auf einer Seite wie von einem ring- förmigen Walle umschlossen wurde. So gestaltete sich das Verhältniss der Erhebungs- zu den Eruptionskrateren zu einem in vulkanisch gebil- deten Gegenden vielfach wiederholten Naturgesetze. Diese Theorie Leopold von Budis, so ausserordentlich scharfsinnig auch dieselbe ist, hat jedoch unter den besten geologischen Namen Deutsch- lands, Englands und Frankreichs heftige Gegner gefunden. In England waren es vorzugsweise: Dauhemj (Ueber die Vulkane im Allgemeinen), Poulett-Scrope (Considerations of Volcanos) und Z?/^// (Principles of Geo- logy), welche dagegen kämpften. Die Angriffe LijelX^, welche im Allge- meinen auch die der übrigen sind, hängen eng zusannnen mit der eigen- thümlichen Richtung, die er in seinem Werke: Principles of Geology, verfolgt. Er behauptet darin nämlich, dass alle geologischen Erschein- ungen früherer Perioden nur durch Ursachen, welche noch in der gegen- wärtigen Periode wirken (existing causes) hervorgebracht worden sind, und zwar sollen diese Ursachen stets in gleichem Maasse, in gleichem Umfange, in gleicher Stärke wie jetzt gewirkt haben. Nach diesem Satze könne nun die Theorie L. v. Buch's nicht richtig sein, weil 1) trotz der vielen genau beobachteten vulkanischen Ausbrüche doch in histo- rischen Zeiten sich noch nie ein Erhebungskrater gebildet habe; weil 2) immer nur vulkanische, nie Sedimentgesteine von solchen Erheb- ungen betroffen würden, wobei noch zu erklären sei, wie diese Gesteine, Basalt, Trachyt, Tuffe etc., in die horizontale Lage gekommen seien; 3) weil man in den gehobenen Schichten secundärer Gesteine nie Ver- steinerungen von marinen organischen Gebilden gefunden habe, und 4) weil, wenn eine Explosion unter horizontal abgelagerten Felsmassen erfolge, dieselben nicht so regelmässig kegelförmig gehoben, sondern zerrissen und zertrümmert werden müssten. Entkräftet wurden theil- weise diese Einwürfe durch die Erhebung des Monte nuovo bei Pozzuoli am 19. Septbr. 1538, den Z. v. Buch als einen wahren Erhebungskrater hinstellt und in dessen tiefsten Schichten er zu seiner nicht geringen Freude mehrere Arten von Turritellen, Pecten opercularis, Cardium edule, Buccinum mutabile etc. vorfand ; ferner durch das Auffinden von Turritella tei'ebra, Cardium ciliare und Corbula gibba aus der Subape- uinnen- Formation in den gehobenen Schichten der Somma am Vesuv und endlich durch die unter unsern Augen stufenweise vorgehende Er- hebung der Inseln: Mikro-Kaimeni, Neo-Kaimeni und Falaeo-Kaimeni in dem Erhebungskrater, den die Inseln Santorin, Therasia und Aspronisi zusammen bilden. In Deutschland, wo i>. Buch's Theoi'ie die meisten Anhänger fand, warf ein bedeutendes Gewicht in die Wagschale des Kampfes Friedrich Hoffmann. Dieser, ein unmittelbarer Schüler L. v. Buch'& , vertheidigte anfangs mit Eifer und Glück dessen Theorie, kehrte jedoch von einer Reise nach Italien und Sicilien, wo er die dortigen vulkanischen Ver- hältnisse einer genauen Untersuchung unterworfen hatte, als entschie- dener Gegner derselben zurück. Leider hinderte ihn sein früher Tod, die Gründe für seine Bekehrung weitläufiger darzulegen. Er sprach nur aus (Hinterlassene Werke, pag. 134), dass alle zum Theil unter unsern Augen entstandenen, oder mit einem, wenn auch erloschenen, so doch deutlich erhaltenen Eruptionskrater versehenen Vulkane, welche sich durch allmählige Aufschüttung der ihre Abhänge zusammensetzenden Stoffe vom Mittelpunkte her gebildet haben, auf eine ganz gleichartige Weise wie die Erhebungs-Inseln gebildet seien. Einen siegreichen Gegner dieses Angriffs fand jedoch Friedrich Hoff- mann in dem ausgezeichnetsten jetzt lebenden Geologen, in Elie de Beaumont , der mit der grössten Genialität die Ansichten L. v. Bvch'?> vertheidigte und noch weiter ausführte. Durch seine classische Unter- suchung des Aetna bewies derselbe nämlich, dass die Aufbauung eines Erhebungskraters durch Lavaströme, Schlacken, Rapilli etc. im Hoffmann' - sehen oder Zye//'schen Sinne ganz unmöglich sei. Durch genaues Messen einiger 30 rund um den Aetna geflossenen Lavasti'öme fand er, dass ein glühend flüssiger Strom im oberen Theil seines Laufes, wo er ge- wöhnlich eine Neigung von 18 — 30 <^ hat, ja wenn die Neigung nur über 6 " beträgt, so rasch abwärts fliesst, dass er nur unregelmässig lang- gezogene Schlackenschollen hinterlässt, die eine fast unzusammenhäi^gende und nur wenig mächtige Ablagerung bilden, so dass man seinen Lauf häufig nur an der schwarzen Farbe erkennen kann. Wenn die Neigung 25* ^340 2 — 5" beträgt, strömt die Lava zwar etwas langsamer, thürmt sich aber immer noch nicht zu zusammenhängenden Schichten auf, sondern bildet nur, weil sie sich wie in einem Sacke fortbewegt, jene seltsam zerrissene, furchtbar rauhe Oberfläche, die wir an den Strömen der Auvergne und des Cantal so häufig wahrnehmen. Erst wenn die Neig- ung des Terrains unter 2^ herabsinkt, lagert sich dieselbe in grosser Mächtigkeit und Breite ab. Da nun aber das letzte Drittel des Erheb- ungskraters des Aetna sich mit einer Neigung von 28 — 32" erhebt, so ist es ganz unmöglich, dass aus dem Krater sich ergiessende Lavaströme denselben gebildet haben können, sondern er musste seine Gestalt einer neuen Ursache, nämlich einer allgemeinen Erhebung um seine Axe ver- danken, welche nach der Erhebung sich erst als Krater öffnete. Trotz dieses schlagenden Beweises für die Richtigkeit der v. Buch' - sehen Theorie, spinnt sich der Streit über dieselbe im Schoosse der fran- zösischen Academie noch immer fort, und wird mit einer Heftigkeit ge- führt, die ihresgleichen wohl selten in der Geschichte der Wissenschaft hat. Als die hervorragendsten Gegner derselben sind unter den fran- zösischen Geologen Bouhee , Boblaye und vor Allen Vhiei cV Atmet und Consiant Prevost anzuführen. Virlet d'Arnet macht vorzüglich geltend, dass die strahlenförmige Anordnung der Barancos durchaus nicht mit dem Experimente und mit den Erscheinungen, die wir noch jetzt bei Erdbeben etc. beobachten, übereinstimmen. Bei den Erhebungsinseln laufen die Strahlen zwar sämmtlich nach dem Krater hin, aber nur einer derselben, wie bei der Lisel Palma der Baranco de las Angustias, führt gewöhnlich in das Innere desselben. Denken wir uns aber diese Spaltenthäler durch Er- hebung der Gebirgsschichten entstanden, so mussten dieselben, wie wir es noch jetzt bei den Erdbeben bemerken, oder wie uns auch das Experiment mit der Thonmasse lehrt, welches L. v. Buch zur Stütze seiner Hypothese in seiner Abhandlung anführt, vom Mittelpunkte aus breit aufreissen und nach dem Umkreise hin, allmählig schmäler wer- dend, verlaufen. Consiant Prevost giebt durch seine Angriffe dem Streite eine viel weitere Ausdehnung; er erklärt sich nicht nur gegen die Erhebungs- kratere im Besondern, sondern gegen das Wort Erhebung (soulevement) allgemein. Seine eigenthümlichen Ansichten legt er klar und fasslich in einer Disputation mit Elle de Beaumont in der französischen Akademie dar, welche wir hier, so viel als möglich, wörtlich folgen lassen, da sie überhaupt auf die Stellung der französischen Geologen zu dieser wich- tigen Streitfrage ein helles Licht wirft. „Das Wort Erhebung", sagt Consiant Prevost, „über dessen grammati- sche Bedeutung sich streiten lässt, ist unglücklicherweise in die geolo- gische Sprache mit dem Nebensinne einer Theorie eingeführt worden, welche jetzt beinahe allgemein verwoi'fen wird. n 341 Der berühmte Geolog Leopold von Buchy welcher diesem Worte die Weihe ertheilte^ um bei den Vulkanen seine Erhebungskegel und Kratere von den Eruptionskegeln und Kratere zu unterscheiden, nahm an, dass bei den erstem die Neigung der Schichten das Resultat einer zunehmen- den Kraft sei, welche sich unter der festen Erdrinde entwickele, die- selbe von innen nach aussen treibe, spalte, zerbreche, auseinander sprenge und endlich die Trümmer über ihr ursprüngliches Niveau erhebe. Diese Theorie nun, welche schon lange vor L. v. Buch Lazzaro Moro aber mit geringerer Autorität aussprach und die in der Folge auf die Theorie der Bildung der Gebirgsketten angewendet wurde, wurde, wie man weiss, vor ungefähr 30 Jahren mit einer Art von Begeisterung aufgenommen, welche sie beinahe populär machte 5 sie konnte sich jedoch bei näherer Prüfung der Thatsachen nicht behaupten und beinahe kein wirklicher Forscher glaubte mehr an die Bildung vulkanischer Kegel durch Erhebung, sondern alle (?) setzten an die Stelle derselben die schon seit langer Zeit angenommene Ansicht Deines,, nach welcher die Unebenheiten des Bodens seinen Einschrumpfungen und Faltungen zu ver- danken wären, von einer Reihe von Undulationen, Senkungen und angehäuf- ten Erhöhungen, die man nicht etwa einer unter dem Boden schlummern- den Macht, folglich in Bezug auf die Erdmasse einer Centrifugalkraft, sondern im Gegentheile dem Einschrumpfen und Zurückweichen der festen Erdrinde gegen den innern Erdkern zuschreiben müsse, welcher durch seine Erkaltung an Umfang abnehme." „Ich glaube", fügt Hr. Constant Prevost hinzu, „mich hier auf das Zeugniss unseres ehrenwerthen Secrctaire perpetuel selbst berufen zu können, dass wohl viele fremde Personen ihn auf dem Wege der Wis- senschaft und ihren Fortschritten noch als den absoluten Anhänger und Urheber der Theorie der Erhebungen des Bodens betrachten, ungeachtet der gelehrten Arbeiten, welche er seit mehreren .Jahren veröffentlicht hat und welche alle darauf hinauslaufen, zu zeigen, dass die Erhaben- heiten des Bodens nur eine Wirkung seiner Contraction und seines Strebens sind, der centripetalen Bewegung der planetarischen Masse zu folgen, deren Volumen beständig geringer wird. Ich Aveise übrigens auf einen Artikel Elie de Bemmionf^ in den Comptes rendus (Sitzung vom 9. Septbr. 1850, Bd. 31) zurück; ferner auf meine Bemerkungen über diese Note (Sitzung vom 23. Septbr. 1850), sowie auf die Antwort Elie de Beaumonfs, (Sitzung vom 30. Septbr.). Man wird allerdings bemerken, dass in dieser letzten Antwort mein ehrenwerther College sich wenigstens vorbehält, der Vertheidiger des Wortes „Erhebung" zu bleiben, aus Rücksicht, wie er zu verstehen giebt, für den gelehrten Senior der Geologen unserer Zeit, welcher dieses Wort in die Wissenschaft einführte; auch ich wollte es aus den nämlichen Gründen nicht proscribiren. S42 Diese ehrenwertlien Motive sind nun aber nach dem Tode des Er- finders in Wegfall gekommen. Ich schlage daher vor, dieses Wort durch die Ausdrücke : „Runzelung, Faltung, Verschiebung (ridement, plissement, dislocation) etc." zu ersetzen und stütze mich dabei auf das Beispiel und die Autorität Herrn Elie de Beaumonf^ selbst, welcher in seiner Abhandlung über die verschiedenen Gebirgssysteme auf 13 Seiten den Ausdruck Erhebung vermieden und dafür überall Falten, Runzeln (rides, plis) etc. gebraucht hat." Gegen diese Bemerkungen erhob sich nun Elie de Beaumont und las eine Stelle aus seinen Notices sur les systemes de montagnes, die er im Jahre 1852 am 30. August der Akademie vorgelegt hatte; nach- dem er zuvor bemerkt, dass diese Stelle nur eine Erläuterung und nicht die Basis seiner Theorie enthalte. j;Der wesentliche Character der Theorie, welche sich auf den Wärmeyerlust stützt, besteht darin, dass sie die Erhebung der Berge durch eine langsame, aber stetige Verringerung des Volumens der Erde erklärt. Diese langsame aber beständige Erkaltung der Erde ruft eine fort- dauerde Verkleinerung ihres mittleren Umfangs hervor und diese Ver- kleinerung theilt den verschiedenen Punkten der Erdoberfläche eine cen- tripetale Bewegung mit, welche sämmtlich nach dem Erdmittelpunkte hin angezogen werden, so däss das Erdvolumen unter sein anfängliches Niveau in unmerklicher Weise herabsinkt. Diese Bewegung nach dem Erdinnern wird allerdings theilweise und vorübergehend für bestimmte Partieen der Erdoberfläche durch sanfte Buckeluhgen (bossellements) gehemmt, welche man der übergrossen Ausdehnung des Erdmantels zuschreiben muss, auf die Dauer aber muss sie sich allgemein geltend machen. Herr Delesse schätzt die Verminderung, die der Erdumfang allein durch Krystallisation der Gesteine, welche die feste Erdrinde bilden, erlitten haben muss, auf 1430 Meter und die Verminderung, welche ein- fach aus dem Verluste der Innern Wärme hervorgegangen ist, ist gewiss noch weit beträchtlicher. Die Erdoberfläche hat sich also mit allen Ge- birgen, die sie trägt, und allen Meeren, die sie theilweise bedecken, ihrem innern Mittelpunkte in einem Längenwerthe genähert, der viel- leicht nicht geringer ist, als der Chimborasso und selbst die höchsten Gipfel des Himalaya. Aber dieses totale Zusammenschwinden hat auf eine dauernde Art während der ganzen Länge der geologischen Perioden stattgefunden, während innerhalb einer abgegrenzten Zeit die Vermin- derung ausserordentlich klein geblieben ist. Die Bildung eines Gebirgssystems dagegen geschah durch die Quer- berstung eines Kugelsegmentes der Erdrinde und konnte ihrem Wesen nach nur eine Erscheinung von sehr kurzer Dauer, so zu sagen, eine 343 augenblickliche sein. Während einer so kurzen Zeit konnte sich das Volumen der Erde, weder in Folge der Krystallisation der Gesteine, noch durch Wärmeverlust merklich vermindern, so dass am Ende der trans- versalen Zersprengung des Kugelabschnittes jenes Volumen wahrnehm- barer Weise das nämliche war, als äiii Anfange der Zersprengutig. Während der Dauer der Ruheperioden, welche nun auf der Erdober- fläche dem Erscheinen der verschiedenen Gebirgssysteme folgten, hat sich das Volumen der Erde um einen LängenWerth vermindert, dessen Bestimmung nicht die Frage direct berührt, welche uns beschältigt. Daraus kann man schon schliessen, dass die Auswüchse (excroissänces), welche auf der Oberfläche durch jene Zersprengung erzeugt wurden, von dem Mittelpunkte der Erde sich um einen Längenwerth entfernt haben der sich wenig unterscheidet von ihrer vollständigen Erhöhung über die ursprüngliche Lage der Oberfläche, welche die transversale Sprengung aufgebläht hat. DieMas^ien nun, welche der transversale Druck zwang, einen Ausweg zu suchen, haben sich durch die vorher zusammenhängende Oberfläche hindurch bewegt, wie ein Finger, so zu sagen, durch em Knopfloch, indem sie nämlich von unten nach oben an den Oberflächenschichten hinaufdrangen, um verlängerte Geschwülste zu bilden. In diesem Sinne, wenn ich mich nicht täusche, bedient man sich gewöhnlich des Wortes Erhebung Hinsichtlich der granitischen Gesteine und anderer, welche von mehr oder weniger tiefen Punkten unter der Erdoberfläche herauf- kamen, um die Gipfel der Gebirge zu bilden, beträgt die Entfernung, um die sie sich erhoben, oft weit mehr, als die oben angedeutete. Um nun endlich die Streitfrage auf ihren einfachsten Inhalt zurückzuführen, kann man sich auf die Anschauung beschränken, dass jene Schichten, welche ehemals die platte, zusammenhängende Oberfläche bildeten, nach der Erhebung sich auf den Seiten der Gebirgsketten vorfanden. Wenn wir nun die Quantität der Erhebung dieser Schichten schätzen wollen, so können wir einen Unterschied machen zwischen relativer Er- hehung, wobei wir auf die flachen Erdschichten, aus welchen sich das Gebirge erhob, oder auch auf das Niveau des Meeres zurückgehen, und absoluter Erhebung, welche wir auf die Entfernung vom Mittel- punkte der Erde beziehen. Als die Gebirge ein Relief über der allge- meinen Oberfläche der Kugel gebildet, haben sich ihre Gipfel vom Erd- mittelpunkte entfernt, weil jene nach oben treibende Bewegung, die sie gehoben, die allgemein zurückweichende Bewegung der gesammten Ober- fläche gegen das Innere übertraf Daraus folgt, dass der Ausdruck Er- hebung, angewendet auf die Art ihrer Bildung, sowohl im absoluten, als auch im relativen Sinne richtig ist. Der relative Werth der beiden entgegengesetzten Bewegungen, der einen centrifugalen und der andern centripetalen, welche hier vorkommen, 344 kann durch einen sehr einfachen Vergleich klar gemacht werden. Wenn es sich um einen Berg handelt, dessen Gipfel eine centrifugale Bewegung von 3000 Meter erlitten hat, wie der Mont Perdu zum Beispiel, und man nimmt an, dass die relative centripetale Bewegung am Ende der Erheb- ung des Systems, an welcher dieser Berg Antheil nahm, 10 Meter betrug, so würde sich die nach dem Mittelpunkt gehende Bewegung der Erdrinde zu der Bewegung des Berges nach aussen, wie 1 : 300 verhalten. Der Unterschied zwischen absoluter Erhebung der Gebirge, zurückgeführt auf den Mittelpunkt der Erde und relativer Erhebung derselben, zurückge- führt auf das Niveau des Meeres, ist mithin beinahe der nämliche, als der- jenige, welchen man zwischen der absoluten Bewegung einer Kugel machen könnte, bezogen auf den festen Standpunkt des Geschützes am Boden und ihrer relativen Bewegung, welche durch die Ladung des Geschützes hervorgebracht wird, das durch die Wirkung der Explosion zurückläuft. Die Bewegung der Kugel und das Zurücklaufen des Ge- schützes sind untrennbar von einander , aber doch schenkt man allge- mein der ersten mehr Aufmerksamkeit, als dem andern. So müssen auch Geologen mit desto grösserem Rechte sich mehr mit der Erhebung der Gebirgsketten beschäftigen, als mit der unbedeutenden Bewegung, welche bei jeder Epoche die ganze Oberfläche der Continente und der Meere dem Centrum der Erdkugel näherte." "/ 'Constant Prevost antwortet auf diese klare Darlegung der Sache nur, dass er nicht die Absicht gehabt habe, zu behaupten : „Elie de Beaumout habe gänzlich aufgehört, sich des Wortes Erhebung zu bedienen; er fragt nur, ob sein College es heut noch in dem Sinne gebrauche, welchen demselben v. Buch vor dem Jahre 1830 gab und wünscht, dass die Geologen den technischen Ausdrücken wie Erhebung, Erhöh- ung, Einsenkung, Verwerfung, Undulation, Faltung etc. einen ganz unveränderlichen Sinn beilegen möchten, da man jetzt unter diesen Worten die verschiedenartigsten Erscheinungen verstände. ;;Ich werde mich übrigens," schliesst Constant Prevost, „nach dem jetzigen Vorfall sehr geehrt finden, wenn mein gelehrter und gefeierter College nicht verschmäht, den Kampf weiter zu verfolgen, welchen der Zufall wieder zwischen uns erneuert hat, und ich werde keine Furcht hegen, speciell wieder seine Aufmerksamkeit auf die Frage der Erhebungskratere zu lenken, weil, um es mit einem Gemeinplatze auszusprechen, es gegen die Wahrheit keine Verjährung giebt." 345 Das Erdbeben vom 25. bis 26. Juli 1855 in der Schweiz und den angrenzenden Ländern, von Emil Kluge, Lehrer an tler Handelssctiule zu Dresden. „Die thätigen Vulkane sind als Schutz- und Sicherheits-Ventile für die nächste Umgebung zu betrachten", sagt Alexander von Humboldt im Kosmos; die vulkanischen und plutonischen Ereignisse dieses Jahres haben die Richtigkeit dieser x\nsicht des berühmten Forschers schlagend erwiesen, und zwar ist durch dieselben nicht blos für die nächste Um- gebung, sondern auch für weit entfernte Gegenden der Causal-Zusam- menhang zwischen vulkanischen Eruptionen und plutonischen Erdbeben von neuem bestätigt worden. Bei dem Erdbeben von Lissabon, welches sich beinahe über den achten Theil der Erdoberfläche ausbreitete, wurde der Vesuv, der sich vorher in einiger Aufregung befunden hatte, plötz- lich ruhig, und die von ihm aufsteigende Rauchsäule schlug sogar in den Krater zurück. Aehnliche Wechselwirkung finden wir auch bei den vulkanischen Erscheinungen, welche dieses Jahr einen grossen Theil Asiens und Europas heimsuchten. Eingeleitet wurden dieselben durch ein furchtbares Erdbeben in Japan am 23. December 1854, wel- ches die russische Fregatte Diana im Hafen von Simoda zerstörte. Hierauf folgte am 28. Februar 1855 das berüchtigte Erdbeben von Brussa, welches sich über ganz Kleinasien, die europäische Türkei und Griechenland verbreitete und dessen Erzitterungen beinahe 2 Monate anhielten. Die Erschütterungen desselben waren am 2., 16., 25., 27. und 28. "März auch in Oberitalien ziemlich fühlbar und verursachten jedenfalls am 2. März das Verschwinden des Nauheimer Sprudels. Während dieser Zeit eriipfand man am 22. März ein heftiges 4 Minuten langes Erdbeben auf den Philippinen, das besonders den Hauptort des Bezirkes Cagajon verheerte und dem ein starker Ausbruch des Vul- kans von Albay folgte. Vergebens suchten die eingesperrten elastischen Massen sich auch in dem Kreise , welchen von Hoff sehr passend mit dem Namen des Erschütterungskreises des Mittelmeeres belegt hat, Luft zu machen, indem sie am 11. April 8 Uhr Abends eine kraterähnliche Spalte auf der halben Höhe des Olymp aufrissen , sie fanden erst am 30. April einen Ausweg durch den Schlund des Vesuv, an dem sich unter furchtbarem Getöse 2 Krater öffneten, aus denen sich zwei ■ Lava- ströme von bedeutender Mächtigkeit ergossen. An demselben Abende traten auch zu Cairo an der Ohiomündung in der äussersten Südecke von Illinois unter 37» n. Br. 2 heftige Erdstösse mit donnerndem un- terirdischen Getöse ein. Nach diesem Ausbruche blieb der Erdboden beinahe 4 Monate lang ruhig; kaum waren jedoch die Ströme des Ve- suv gegen Ende Juli versiegt, so wurden gerade ein Jahrhundert nach dem Erdbeben, welches Lissabon den Untergang bereitete und das auch zu Brieg und Natters in Wallis nicht unbedeutenden Schaden anrich- tete, letztere Gegenden wieder von jener schrecklichen Naturerschein- ung heimgesucht. Die Erschütterungen, welche beinahe die ganze Schweiz, einen grossen Theil Deutschlands, Frankreichs und Italiens heimsuchten, ge- hörten zu denjenigen, welche am häufigsten vorkommen^ zu den soge- nannten vndulatorlschen oder wellenförmigen, welche sich horizontal fort- pflanzen, indem sie in einer einfachen Richtung fortgehen und den Bo- den abwechselnd autheben und niedersenken. Gerade wie bei dem Erdbeben von Lissabon und dem berüchtigten von Calabrien verbreite- ten sie sich an der Oberfläche strahlenförmig mehr oder minder con- centrisch um ein gemeinsames Centrum, etwa in der Weise, wie sich die Wellen eines Wasserspiegels bewegen, welcher durch einen Stein- wurf erschüttert worden ist. Der Hauptsitz und wohl auch der Zeit nach der Anfangspunct der Erschütterungen war das Visper- und St. Nicolai oder Zermatter - Thal im oberen Wallis. In diesem engen, von der Visp durchströmten Thale lag das Centrum des heftigsten Erdstosses ' vom 25. Juli, welcher die Ortschaften Grächen, Stalden, St. Nicolai und Visp beinahe zu Schutt- haufen machte. Einen weitern Kreis, wo ebenfalls die Erschütterungen noch bedeutende Verheerungen anrichteten, könnte man ziehen von der Jungfrau über Bad Leuk, die Gletscher der Diablerets, den Genfer See, Mont-blanc, Monte Rosa, St. Bernhard und Simplen nach dem Finster- aarhorn. Diese Ellipse ist an und für sich schon in geologischer Be- ziehung höchst wichtig. Es befindet sich in derselben nämlich der Kreuzungspunkt der beiden neuesten Erhebungssysteme der Alpen, der Ost- und Westalpen, welche sich hier unter einem Winkel von 40 — 50 Grad schneiden. Diese Kreuzung, welche das Relief der höchsten Alpen, den Montblanc, Monte Rosa, das Finsteraarhorn etc. hervorbrachte, hat auch noch zur Bildung einer eigenthümlichen Erscheinung Veranlass- ung gegeben, zu der von kreisförmigen Erhebungsthälern , wie z. B. der Circus von Bad Leuk, den die Abstürze der Gemmi umgeben, der Circus von Derbarens, über welchem sich die Gipfel des Diablerets er- heben, das grosse Kreisthal, in dessen Mitte sich der Montblanc auf- thürrat u. a. m. Aehnliche Erhebungsthäler finden wir auch im nord- westlichen Deutschland, wo sich die Kreuzungspunkte verschiedener Hebungsrichtungen vorfinden und hier sind sie gewöhnlich das Bett der Mineralquellen ; auch im Bad Leuk haben wir mehr als zwanzig salzige Quellen mit einer Temperatur von 28—40« R. Sehr zu beachten ist, dass wie im Wallis, so auch im westlichen und nordwestlichen Deutsch- 347 land gerade diese Knotenpunkte der Gebirgssystemc mit ihren Erheb- ungsthälern der Heerd der unterirdischen Kräfte, der Centralpunkt der Erdbeben sind. Die anerkannte Thatsache, dass die Erschütterungen vorzüglich dem Streichen der Gebirgszüge folgen, und nur selten quer durch dieselben hindurchsetzen, finden wir auch hier bestätigt; nur ist dieselbe hier schwieriger nachzuweisen, weil nicht nur der Centralpunkt der Er- schütterungen gerade unter dem Kreuzungspunkte zweier Gebirgssysteme liegt, sondern weil auch noch mehrere andere Systeme, wie das des Monte Viso, das von Corsika und Sardinien, das des Rheins etc. inner- halb des Erschütterungskreises liegen und sich darin schneiden. Die Berichte, auf welche man sich allerdings nicht allemal verlas- sen kann, sagen uns, dass in Savoycn, Mailand, in den Thälern, welche die grossen Seeen des nördlichen Italiens ausfüllen, ferner in Lindau, Br'eg'eh^, Hheineck, Leimnau, Irsee, Strassburg, in Baden in Karlsruhe, Rastatt, Erbach, Freiburg, Alt Breisäch , Lörrach, in Würtemberg in Stuttgart, Oberndorf, Tuttlingen, Kirchheim, Göppingen, Cannstadt, Böblingen , Balingen die* Stösse von S. - W. nach N. - O. erfolgten. Diese folgten also dem Systeme der Westalpen, welches als Haupt- streichungsrichtung die Direction Süd 2Q^ W. nach N. 26« O. hat und dem Systeme des Rheins, das auch den Schwärzwald und Oden- wald umfasst und S. 21» W nach N. 21" O. streicht. In Bern, Schwyz, Luzcrn, Chur, Neuenburg, Genf, Lyon, Besancon, Grenoble, Auxonne erfolgten die Stösse von O. nach W., mithin in der Streichungslinie des Systemes der Ostalpen, das von W. 26'^ S. nach O. 26f>N. streicht, die Hauptkämme der Alpen von Oestreich, bis Wallis und Schwyz um- fasst, das System des Monte Viso und Montblanc durchkreuzt und sich in den Kämmen von Sainte-Beaüme, Sainte-Victoire, Leberon und Ventoux im südlichen Frankreich bis beinahe nach Marseille verfolgen lässt. Gleiche Unregelmässigkeiten bemerkte man auch in der Schweiz bei dem sonst ganz regelmässig central verläufenden Erdbeben von Lis- sabon, wo die Stösse zu Brieg in Wallis von N. nach S. und die zu Neuenburg von W. nach 0. gingen. — In Turin, Genua, Ivrea, Mor- tara, Pignerol gingen die Erschütterungen von N. nach S. in der Streich- ungslinie des Systems von Corsika und Sardinien und in Chambery, wo 'sie ziemlich stark auftraten, Nizza, BrianQon, Theniers von N.-N.-W. nach S.-S.-O. in der Linie des Systems vom Monte -Viso. Aus diesem Allen folgt nun, dass die Stösse zwar im Allgemeinen von einem Punkte dem Zermatter Thale radial ausgingen, aber doch vorzugsweise den verschiedenen Streichungslinien 'der Gebirgssysteme folgten. Dieses Gesetz finden wir auch in ändern Gegenden vielfach be- stätigt. So folgen die in den Pyrenäen so häufigen Erdbeben stets der Kettenrichtung deä Gebirges von W.-N.-^. nach O.-S.-O., die in Süd- amerika stiBts der fl[auj)trichtüng der ihächtigen Öördiliereli-ICette von 348 S. nach N. oder der grossen Küstenkettc von Venezuela, die in Cala- brien der Apeninnenkette von S.-W. nach N.-O. etc. Was die räumliche Ausdehnung der Erschütterungen betrifft, so waren dieselben beinahe in der ganzen Schweiz, im nördlichen Italien, dem südlichen Frankreich, Baden, Würtemberg in dem Herzogthume Nassau, dem Grossherzogthume Hessen und dem südwestlichen Baiern mehr oder weniger bemerklich. Die äussersten bekannt gewordenen Grenzen sind im Süden: Venedig, Verona, Mailand, Genua und Nizza; im Westen : Lyon, Grenoble, Auxonne und Besan9on ; im Norden : Couey in der Picardie (Aisne), Schloss Schaumburg im Nassauischen, Schloss Kallenberg bei Koburg und Bischofswerda in Sachsen ; in Osten : Ingol- stadt, Landshut und Passau. Der ganze Erschütterungskreis würde also sich von 221/^^' — 31 '/^^ östliche Länge und von 43"40' — 51*> nördl. Br. erstrecken und einen Flächeninhalt von ungefähr 9000 QMln. haben. Dass man so weit nördlich Avie in Paris, Kallenberg Bischofswerda etc. noch Erschütterungen wahrgenommen hat, während Gegenden, welche zwischen diesen Grenzpunkten und dem Centralpunkte des Erdbebens liegen, gänzlich verschont geblieben sind, mag wohl in der verschiede- nen Erschütterungsfähigkeit des Bodens seinen Grund haben. „Alle festen Körper" sagt Hoffmann (Hinterlassene Werke : Bd. III., Pag. 336) „sind im Allgemeinen fähig durch mechanische Einwirkungen erschüt- tert und in Schwingungen versetzt zu werden ; die Art der Fortpflanz- ung dieser Schwingungen hängt aber von der eigenthümlichen Natur und Anordnung ihrer Theilchen ab; so auch die Schwingungen der Erdbeben von der Beschaffenheit und Structur der Gebirgsarten, welche in so mannigfaltigen Verbindungen die Erdrinde zusammensetzen. In ununterbrochenen gleichförmigen Gesteinen, deren Theilchen unter sich festzusammenhängen, werden diese Schwingungen sich gleichförmig ausbreiten, wie die Wellen auf einem in Erschütterung versetzten Was- serspiegel. Wo aber Trennung in Platten und Tafeln, wo Schichtung und Zerklüftung sich einstellen, wo endlich ganze Gebirgsmassen nur aus locker und imregelmässig durcheinander gemengten Bruchstücken gebildet werden, da müssen auch diese regelmässigen Fortpflanzungen empfangener Erschütterungen sich auf das Mannigfaltigste abändern und ein und dasselbe über einen grösseren Theil der Erdoberfläche verbrei- tete Erdbeben wird daher an verschiedenen Punkten die verschiedensten Wirkungen ausüben. Wo sich in zwei an einander grenzenden Gebirgs- arten die Schwingungen der Erdstösse begegnen, da wird leicht der Fall eintreten können, dass sie einander mehr oder weniger entgegenwirken und sich gegenseitig aufheben. Es wird also an einzelnen Punkten der Erdoberfläche Ruhe stattfinden können, während ringsum Alles erschüt- tert wird." — Bewiesen wird diese Ansicht durch eine merkwürdige Erscheinung in dem von Erdbeben so sehr heimgesuchten Peru, wo es Gegenden giebt, welche regelmässig von den ringsum stattfindenden Be- 349 wegungen verschont bleiben, und von denen die Peruaner sage^; dass sie eine Brücke bilden, unter welcher sich die Erschütterungen in der Tiefe fortpflanzen, ohne die oberen Schichten selbst zu betreffen. Nach Berichten aus Verona traf der Stoss vom 27. Juli Mittags einige Theile der Stadt viel stärker, als andere; leider wird nicht hinzugefügt, ob dies in der Bodenbeschaffenheit seinen Grund hatte, oder nicht. Wir hätten hier sonst vielleicht einen ähnlichen Fall, wie ihn Palassou aus den Pyrenäen berichtet (Leonh. Taschenbuch 1822, Pag. 910). Dort Avurden bei einem Erdbeben 1773 im Thale von Ossan die Häuser eines Ortes, welche auf Kalkstein standen nur schwach erschüttert, wäh- rend die nahe dabei auf Granit stehenden starke Bebungen erlitten. Eigenthümlich ist, dassBischofswerda, der nördlichste Punkt der Erschüt- terungen, ebenfalls auf Granit liegt. Die Dauer der Erschütterungen wird uns von verschiedenen Orten verschieden berichtet; ebenso auch die Anzahl der einzelnen Stösse. Die Differenz der letzteren mag wohl auch darin ihren Grund haben, dass von manchen Beobachtern die einzelnen Schwingungen als beson- dere 3tösse gerechnet wurden. In Bern machten sich in den Tagen vom 25. — 28. Juli sieben von einander abgesetzte Haupterschütterungen fühlbar, und zwar erfolgte der erste sehr unbedeutende Stoss in der Nacht vom 24. zum 25. Juli kurz vor 1 Uhr, der zweite und stärkste am 25. Juli 12 Uhr 55 Minuten, der dritte am 26. fi'üh 2 Uhr 10 Minu- ten, der vierte an demselben Tage früh 10 Uhr 10 Minuten, der fünfte Mittags 1 Uhr 45 Minuten, der sechste um 2 Uhr 20 Minuten und der siebente am 28. Juli, Vormittags 11 Uhr. Die Dauer jedes einzelnen Stosses variirte zwischen einigen Secunden und mehreren Minuten. In Bern dauerte der zweite Stoss 3 Secunden, in Schloss Heiligenberg in Baden in drei sich jedesmal steigernden Schwingungen 60 Secunden, in Verona 4 — 5 Secunden, in Bischofswerda in Sachsen mehrere Minuten, in Ivrea 12 Secunden, an einigen Orten dauerten die Schwingungen manchmal stundenlang; so hielten sie in Visp am 26. Juli von 10 Uhr 10 Minuten Vormittags bis 2'^ Uhr Nachmittags ununterbrochen an. Im Zermatter Thale überhaupt ist jetzt noch nicht vollständige Ruhe eingetreten. Die Bewohner hatten sich vom 9. August an, von welchem an keine Stösse mehr erfolgten, der Hoffnung hingegeben, dass die un- terirdischen Kräfte sich endlich wieder zur Ruhe begeben hätten, als am 1 1 . August Abends und in den darauf folgenden Tagen sich die Stösse und der unterirdische Donner mit doppelter Kraft und Intensität wiederholten, obschon nicht so stark wie am ersten Tage. Manchmal erzeugt dort längere Stille wieder Hoffnung in den niedergeschlagenen Gemüthern, aber sie ist immer von schlimmer Vorbedeutung, denn die nächste Entladung ist dann desto stärker. So verging der 11. August ganz ruhig bis um 5 Uhr Abends, als plötzlich ein furchtbarer Knall Alles in Bewegung setzte und um 6 Uhr ein rascher lebhafter Stoss sich wahrijehmeji Uess; die ganze Nacht darauf \yechselte dann wieder unterirdisches Getöse, mit mehrfachen Stössen ab; in der Nacht vom 12. zum 13. bemerkte man drei Stösse, am 14. zwei, den 15. drei, den 16. zwei, und den 17. einen ziemlich heftigen Stoss und auch am 18. August, bis wohin die letzten Nachrichten reichen, hatte sich die Erde noch nicht beruhigt. Von Solothurn aus wird berichtet, dass in der Nacht vom 17. zum 18. früh ^/iS Uhr auch da starke Erschütterungen stattfanden, merkwürdig genug gleichzeitig mit erneuerten Erdstössen in Konstantinopel und dem ganz zerstörten Brussa. Eigenthümlicher Weise fanden beinahe alle diese Stösse in dem Zeitraum von Mitter- nacht bis 4 Uhr Morgens statt. Bemerkenswerth ist ferner, dass bei dem Erdbeben von Lissabon, welches, wie oben erwähnt wurde, auch das obere Wallis bedeutend afficirte, in Brieg und seiner Umgebung, also dem Cßntralpunkte des jetzigen Erdbebens, die Stösse vom 9. bis 21. December 1755 ebenfalls fast täglich verspürt wurden. Was die Geschwindigkeit der Propagation der Erdbebenwellen an- betrifft, so sind die verschiedenen Zeitangaben allerdings zu ungenau, um mehr als eine annähernde Berechnung darüber anzustellen. In Visp erfolgte der erste Stoss am 25. Juli 12 Uhr 55 Minuten Mittags; in Schloss Heiligenberg in Baden, in Turin kurz vor 1 Uhr, in St.- Bla- sire im badischen ScHwarzwald, in Constanz, Bregenz, Lindau, Rohr- schach, Rheineck, Chur, Stuttgart, Ivrea um 1 Uhr, in Constanz, Irsee, Verona kurz nach 1 Uhr, in Bischoffswerda V^2 Uhr; in Genf wegen des Zeitunterschiedes schon 12 Uhr 51 Minuten und in Lyon 12 Uhr 45 Minuten. Einigermassen richtige Berechnungen würden mithin nur aus- zuführen sein, wenn man etwa Visp, Bischofswerda, Genf und Lyon als Vergleichungspunkte annähme. Es ergeben sich die Geschwindig- keiten von 7 Meil., 91/2 Meil. und 11 Meil. in einer Minute.*) *) Lage. Zeit der Wahrnehmung der Erdstösse. Visp 250 32' öst. Länge, 46" 16' nördl. Br. Mittags 12 U. 55 M. Bischofswerda 3lo5i' _ - Sl" 8' - - - lU. 30M. Genf 23« 49' - - 46o 12' - - - 12U. 51 M. Lyon 22» 29' - - 45o 46' - - - 12U. 45M. Unterschied des Mittags. Wenn es in Visp Mittags 12U. 55 M. ist, Bischofswerda — Visp 25 Minuten so ist es in Bischofswerda 1 U. 20 M. Visp— Genf 7 - , . . . Genf 12U. 48M. Vi^p— Lyon 13 - - . . - Lyon 12U. 42 M. Wirkliche Zeitunterschiede der Wahrnehmungen. Visp. Bischofswerda. Genf. Lyon. D^r Erdstoss in Visp (Ursprung) 12U. 55M. lU. 20M. 12U. 48M. 12U. 42M. - Bischofswerda 1 - 30 - - Genf 12 - 51 - - Lyon 12 - 45 - Nach dem Erdstoss in Visp OU. lOM. OU. 3M. OU. 3 M. 3>1 Da,s Resultat bleibt also, wie man sieht, immer noch ein sehr pro- blematisches, da die Wellen von Visp nach Bischofswerda eine bedeu- tend andere Geschwindigkeit zeigen, als diejenigen von Visp nach Genf und Lyon, und zweitens die Erschütterungen in Genf und Lyon gleichzeitig wahrgenommen wurden. Das Letztere mochte wohl seinen, Grund in ungenauer Beobachtung oder falschgehenden Uhren haben, während die Differenz der Geschwindigkeit zwischen Visp und Bischofs- werda vmd Visp und Lyon daher rühren mag, dass die geotektonischen Verhältnisse, wie der Verlauf der Gebirgsketten, die Structur der Ge- steinsarten zwischen diesen verschiedenen Punkten viel zu verschieden sind, um die Erdbebenwellen gleichförmig verlaufen zu lassen. Frühere Berechnungen der Geschwindigkeit der Erdbebenwellen ergaben für die von Lissabon 4^-2. geographische Meilen in der Minute, für das rheini- sche Erdbeben 1846 3,7 3 9 Meilen, ein Erdbeben auf den Antillen 5,8 2 6 Meilen etc. Besondere Anzeichen gingen den Erschütterungen nirgends voraus, wenn wir nicht einige kleine Erzitterungen des Bodens und das an mehreren Punkten kurz vorher bemerkte unterirdische^ dumpfe Getöse gleich dem Rollen eines von ferne herannahenden Wagens dahin rech- nen wollen. Nur von Grenoble aus berichtet man, dass am 25. Juli Jedermann mehr oder weniger von einer unerklärbaren Unruhe ein- genommen war und in Genf will man bei einzelnen Individuen eine ausserordentliche Schlafsucht wahrgenommen haben. Analoge Er- scheinungen bieten sich allerdings bei den Erdbeben zu Cadix und Gibraltar dar, welche dort in Folge der Erschütterungen von Lissabon eintraten, wo ebenfalls das Uebelbefinden der Menschen eine Stunde vor den Stössen seinen Anfang nahm und sich als Unruhe, Angst, Schwindel etc. äusserte. Einige wurden betäubt und stürzten nieder, Andere sowohl zu Fuss als zu Pferde wurden unwohl, obgleich sie keine Erschütterungen verspürten. Ihren Grund mag diese merkwürdige Er- scheinung wohl in dem Einathmen irrespirabler Gasarten und Dämpfe haben, welche bei herannahenden Erdbeben sich aus dem Boden ent- wickeln. Die wahrnehmbaren Wirkungen waren an den meisten Orten die gewöhnlichen. Ein Correspondent der Augsburger Zeitung schreibt Entfernung. Visp — Bischofswerda. Visp — Genf. Visp — Lyon. 95 Meilen. 21 Meilen. 33 Meilen, Geschwindigkeit. Visp — Bischofswerda 95 Meilen in 10 Minuten giebt in 1 Min. 91/2 Meile. Visp— Genf 21 - - 3 - - - 1 - 7 Visp— Lyon 33 - - 3 - - - 1 - U 352^ über das Auftreten des heftigsten Stosses in der Schweiz und speciell im Visper-Thale Folgendes : „Gebirg und Thal schwankte^ bebte, senkte und hob sich wie ein Federball auf bewegter Welle. Ungeheure Fels- massen lösten sich von den Hochgebirgen und stürzten mit Donnerge- töse in das Thal hinab, Alles zerstörend und vernichtend, was der Zer- störung unterAvorfen war. Dunkle Staubwolken wirbelten in die Lüfte empor und verhüllten das Sonnenlicht. Pferd und Reiter sanken wie vom Blitze getroffen zu Boden. Von der Jungfrau lösten sich eine An- zahl Lawinen los und von den Gletschern der Diablerets stürzten die Eisblöcke mit Donnergetöse in das Bett des Flüsschens Dard. Die Ort- schaften Grächen, St. Nicolai, Visp, Stalden gleichen mehr Schutthau- fen, als blühenden lebendigen Oertern. Ueberall spaltete sich die Erde und in Kellern, Magazinen, auf offener Strasse öffneten sich Quellen und sprudelten oft armsdick empor. Auf der Simplonstrasse bemerkte man aller 30 Schritte grosse Risse und der Gletschersee von Valsorey ist durch unterirdische Canäle in die Dranse vollständig " abgelaufen. Ununterbrochen hörte man dumpfes Getöse, wie das eines fernen Ge- witters, in den Eingeweiden der Ei-de, von Zeit zu Zeit nur durch einen dumpfen Knall unterbrochen. Während einer Stunde hörte man drei solcher grosser Explosionen. Die Vögel flatterten ängstlich in der Luft, Säugethiere flohen scheu umher und eine Menge Leute sind an Erbrechen, Uebelkeit, Durchfall etc. erkrankt. Menschenleben beklagt man nur wenige, dagegen finden sich eine Menge Verwundete und Ver- stümmelte. Die Bewohner mehrerer Ortschaften lagern schon mehrere Nächte im Freien, die Pfarrer functioniren unter freien Himmel und Viele flüchten auf die Hochalpen und suchen Schutz und Sicherheit in Holzhäusern und Wäldern. Die zahlreichen Touristen und Gäste vom Leuker Bad flielien über alle Pässe aus dem unglücklichen Lande, dessen Naturschönheit sich diesmal in ihrer furchtbarsten Grösse offen- barte." Von dem Centralpunkte der Erschütterungen entfernter gelegene Punkte wurden natürlich auch weniger von den Wirkungen derselben heimgesucht. In Grenoble fühlten eine Menge Leute Herzübel, Schwin- del und Blendung vor den Augen. Eine grosse Anzahl glaubte sich von Apoplexie befallen ; Andere, welche sich zu Tische setzen wollten, wurden von Erbrechen übei-rascht, schwangere Frauen gingen zu Bett, in der Ueberzeugung, sie würden von den Wehen befallen. Auch einige Thiere wurden von dem allgemeinen Schrecken erfasst; so sah man Hunde zitternd zu den Füssen ihrer Herren sich flüchten, Pferde wur- den unruhig im Stalle, und die Kanarienvögel hörten auf zu singen und flatterten ängstlich im Käfig umher. Ein Arzt will sogar in den Armen und im Kopfe eine mehrere Minuten anhaltende Empfindung ge- habt haben, wie bei der Berührung eines electrischen Apparates. 358 In noch weiter entfernten Orten beschränkten sich die ^Wirkungen der Erschütterungen auf das Anschlagen der Thurm- und Hausglocken, Klirren der Fenster, Schwanken unbefestigter Gegenstände, Spalten von Mauern, Schwanken von Thünnen etc. So schwankte der Thurm von Ingolstadt so stark, dass man seinen Einsturz befürchtete; ebenso ist der Thurm von Couey (Aisne), eines der ältesten Baudenkmale der Pi- cardie, in Folge des Erdbebens seinem Einstürze nahe. In Stuttgart lief aus vollgefüllten Gläsern das Wasser bis zu V^ heraus und in Schloss Heiligenberg in Baden geriethen die Mauern in sichtbares Schwan- ken. Das unterirdische Getöse wurde beinahe an allen Orten wahrge- nommen. Bald klang es wie das Rollen eines fernen Donners, bald wie das Rasseln vieler Wagen, bald wie der Knall vieler aufeinander folgen- der Kanonenschüsse, oder wie der dumpfe Klang einer platzenden Mine. Es besteht dieses Geräusch allemal aus dem rollenden Tone einer an- einanderhängenden Reihe von kleinen Explosionen, welche man je nach der grösseren oder geringeren Dicke der Erdkruste, unter welcher sie vor sich gehen, mehr oder minder stark vernimmt. Von besonderen Erscheinungen wurde in dem Telegraphenbureau zu Basel eine starke Bewegung der Magnetnadel wahrgenommen, w^s aber wohl, da diese Thatsache an keinem andern Orte sich gezeigt hat, nur eine Folge der mechanischen Wirkung der Erschütterungen gewesen zu sein scheint. Ferner hatte die heisse Quelle im Bade Leuk um 7" Wärme zugenommen und floss dreimal reichlicher, aber sichtbar getrübt. Dieselbe Erscheinung bemerkte man auch bei dem Erdbeben zu Brussa am 28. Februar d, J., wo die berühmte heisse Quelle Kükürtli d. i. Schwefelquelle erst mehrere Tage ganz wegblieb und dann 3 Me- ter entfernt von ihrem Orte mit höherer Temperatur wieder zum Vor- schein kam. Fast in allen Berichten findet man endlich die vor und nach dem Erdbeben beobachteten atmosphärischen Erscheinungen, woraus hervor- geht, dass man im Allgemeinen an einen Zusammenhang der unterirdi- schen Vorgänge mit den atmosphärischen Zuständen glaubt. Prüfen wir die Berichte von früheren bedeutenden Erschütterungen so finden wir, dass Erdstösse bei beinahe jedem Thermometer- und Barometer- stande, bei jeder Witterung eintreten, nach langem trocknen Wetter, wie nach anhaltendem Regen, nach furchtbaren Windstössen ebenso gut wie bei drückender Windstille, unter Begleitung von Gewittern, wie ohne dieselben. Dem Erdbeben von Lissabon, dem von Calabrien, mehreren von Nordafrika und Jamaika ging anhaltendes regnerisches Wetter voraus, während nach erfolgten Stössen das Wetter aufi'allend trockner ward. Vor den furchtbaren Erschütterungen von Caraccas, denjenigen, welche Cumana zerstörten, überhaupt den meisten bis jetzt beobachteten südamerikanischen Erdbeben, herrschte gewöhnlich anhal- tende Dürre,